Der Regen schlug wie Glassplitter gegen die gepanzerte Scheibe der Limousine. Es war drei Uhr morgens, eine Stunde, die den Toten oder den Verdammten gehörte. Alessandro „Der Wolf“ Volpe gehörte zu beiden. Als unangefochtener Kopf der städtischen Mafia war sein Reich die Schatten, und in dieser Nacht schmeckten die Schatten bitter.
„Fahr langsamer, Rico“, befahl er. Seine Stimme war ein leises Grollen, das kaum über das Stakkato des Regens auf dem Dach zu hören war.
Der Wagen glitt durch eine Gasse, die nach nassem Müll und Verzweiflung roch. Alessandro hasste diese Gegend. Sie wurde von einer neuen Art von Kriminellen kontrolliert – Männer ohne Ehre, ohne Kodex, die sich an Giften und Menschen vergriffen, anstatt sich an die alten Regeln zu halten.
Rico, sein Leibwächter, trat auf die Bremse. „Was ist, Boss?“
„Da.“ Alessandro deutete mit dem Kinn in die Dunkelheit, wo der Scheinwerfer des Wagens etwas erfasst hatte. Ein Bündel, das am Rande einer Mülltonne lag.
„Nur ein Säufer, Boss. Wir sollten…“
„Nein“, unterbrach ihn Alessandro. „Das ist kein Säufer. Das ist eine Uniform.“
Er stieg aus, bevor Rico protestieren konnte. Der kalte Novemberregen durchnässte sofort seinen maßgeschneiderten Mantel, aber Alessandro spürte es nicht. Er bewegte sich mit der leisen Effizienz eines Raubtiers.
Sie lag mit dem Gesicht nach unten in einer sich ausbreitenden Lache, die dunkler war als das Wasser um sie herum. Er drehte sie um.
Schock. Es war eine Frau. Eine Polizistin.
Er kannte dieses Gesicht. Er kannte alle Gesichter, die zählten. Officer Lena Haas. Bekannt als „Die Eiserne Lena“. Unbestechlich. Hartnäckig. Eine der wenigen auf der Gehaltsliste der Stadt, die sich weigerte, auf seiner zu stehen. Sie hatte zwei seiner Operationen im letzten Jahr zerschlagen.
Sie lebte noch. Kaum. Ein schwaches Röcheln entwich ihren blauen Lippen, und ihre Augen, trüb vor Schmerz, versuchten ihn zu fokussieren. Sie war angeschossen worden. Mehrmals. Und dann hier zum Sterben zurückgelassen worden.
„Boss, wir müssen hier weg!“ Ricos Stimme war dringlich. „Eine tote Polizistin in unserem Revier? Das ist das Letzte, was wir brauchen.“
Alessandro starrte auf sie herab. Er hätte triumphieren sollen. Das war die Frau, die ihm im Weg gestanden hatte. Die Natur hatte ein Problem für ihn gelöst. Er sollte sie liegen lassen, damit ihre eigenen Leute sie finden und den unvermeidlichen Krieg gegen seine Organisation beginnen konnten.
Doch etwas hielt ihn zurück. Es war die Art, wie sie ihn ansah. Kein Flehen. Keine Angst. Nur reiner, unverdünnter Zorn, dass sie es gewagt hatte zu scheitern. Sie versuchte immer noch zu kämpfen, selbst als das Leben aus ihr herausströmte.
Er hasste die Polizei. Aber er verachtete Verrat und Feigheit noch mehr. Dies war keine Schießerei im Dienst gewesen. Dies war eine Hinrichtung.
„Sie lebt“, sagte Alessandro leise.
„Das macht es nur noch schlimmer! Wenn sie stirbt, während wir…“
„Sie wird nicht sterben.“
Alessandro beugte sich hinab, schob einen Arm unter ihre Knie und den anderen unter ihren Rücken. Mit einem mühelosen Kraftakt hob er die sterbende Polizistin hoch. Ihr Blut sickerte sofort durch sein Hemd, warm und klebrig.
Ricos Augen weiteten sich vor ungläubigem Entsetzen. „Boss! Was tun Sie da? Wir bringen sie nicht in unser Auto!“
„Ruf Dr. Petrov. Sag ihm, er soll in der alten Gerberei warten. Sag ihm, wenn sie stirbt, stirbt er auch.“

Ohne ein weiteres Wort trug er sie zum Auto und legte sie auf den teuren Ledersitz. Officer Haas starrte an die Decke, ihre Hand versuchte schwach, die Wunde in ihrer Seite abzudrücken.
„Warum?“, flüsterte sie, das Wort war kaum mehr als ein blutiger Atemzug.
Alessandro sah sie im schwachen Licht der Innenbeleuchtung an. „Weil ich nicht zulassen werde, dass diese Ratten gewinnen. Wer auch immer das getan hat, sie haben keine Ehre.“
Die Fahrt war eine angespannte Stille, die nur vom Wimmern der Verletzten und dem Fluchen Ricos unterbrochen wurde. Die Gerberei war Alessandros persönliches Lazarett, ein Ort, der nicht existierte, betrieben von einem Arzt, der offiziell seit einem Jahrzehnt tot war.
Petrov war blass vor Angst, als er sie sah. „Eine Polizistin, Alessandro? Bist du verrückt geworden?“
„Rette sie, Doktor“, war Alessandros einzige Antwort. „Oder niemand kann dich retten.“
Zwei Tage lang lag Lena Haas im Delirium, während Petrov Kugeln entfernte und den Schaden flickte. Alessandro verließ die Gerberei nicht. Er saß auf einem harten Stuhl vor dem Operationssaal, rauchte Zigarette um Zigarette und dachte nach.
Als sie aufwachte, war das Erste, was sie sah, das Gesicht des meistgesuchten Mannes der Stadt, der ruhig in einem Sessel an ihrem Bett saß.
Sie versuchte, nach einer Waffe zu greifen, die nicht da war. „Volpe.“ Ihre Stimme war ein raues Krächzen.
„Officer Haas.“ Er nickte ihr höflich zu. „Willkommen zurück bei den Lebenden.“
„Wo… wo bin ich?“
„An einem Ort, an dem Ihre Kollegen Sie niemals finden werden. Was, wie ich vermute, genau das ist, was Sie im Moment brauchen.“
Ihre Augen verengten sich. „Was wollen Sie?“
„Ich will wissen, wer es getan hat.“
Sie lachte, ein trockenes, schmerzhaftes Geräusch. „Warum? Damit Sie sich bei der Konkurrenz bedanken können?“
„Es waren nicht meine Leute“, sagte er kalt. „Meine Leute hinterlassen keine lebenden Zeugen. Und sie benutzen keine Waffen, die auf die Polizei zurückverfolgt werden können. Das waren Amateure. Oder…“
Er ließ den Satz in der Luft hängen. Sie starrte ihn an, ihr Verstand arbeitete schnell, trotz des Morphins.
„Sie waren es nicht“, stellte sie fest.
„Nein.“
„Wer dann?“
Sie schloss die Augen. „Die, von denen man es am wenigsten erwartet.“
„Ihre eigenen Leute“, flüsterte Alessandro. Es war keine Frage. Es war die einzige Antwort, die Sinn ergab. Der Ort. Die Art der Hinrichtung. Das Zurücklassen.
Lena öffnete die Augen. „Ich war einer Sache auf der Spur. Etwas Großem. Es ging um den neuen Menschenhändlerring im Hafen. Ich dachte, ich würde einer externen Bande nachjagen. Aber die Spur führte… nach oben. Zu Captain Miller.“
Alessandros Gesicht verriet keine Regung, aber innerlich kochte er. Miller. Ein gieriger Mann, der dachte, er könnte mit den neuen, ehrlosen Banden zusammenarbeiten, die Alessandro so verachtete.
„Sie wurden in eine Falle gelockt“, sagte Alessandro.
„Von meinem eigenen Partner. Er sagte, wir hätten einen Informanten. Es war ein Hinterhalt. Miller war selbst dort. Er… er hat die erste Kugel abgefeuert.“
Stille erfüllte den Raum. Zwei Feinde, getrennt durch das Gesetz, nun verbunden durch einen gemeinsamen Verrat.
„Und was jetzt, Officer?“, fragte Alessandro sanft. „Sie können nicht zurück. Sie werden Sie töten, bevor Sie einen Fuß ins Präsidium setzen können.“
„Ich… ich weiß es nicht.“ Zum ersten Mal klang die Eiserne Lena gebrochen.
„Genesen Sie“, sagte Alessandro und stand auf. „Wir haben Arbeit zu erledigen.“
Eine Woche später war die Stadt in Aufruhr. Officer Lena Haas war offiziell als vermisst im Einsatz gemeldet. Die Polizeigewerkschaft veranstaltete eine emotionale Pressekonferenz und beschuldigte die Mafia, einen Krieg gegen die Polizei zu führen. Captain Miller stand mit grimmigem Gesicht vor den Kameras und schwor, „die feigen Tiere, die das getan haben“, zur Rechenschaft zu ziehen.
Die gesamte Polizeiführung war auf den Stufen des Präsidiums versammelt, ein Bild der Solidarität und des Zorns.
In diesem Moment bog eine schwarze Limousine, identisch mit der, die Alessandro gehörte, um die Ecke und hielt direkt vor der Pressekonferenz.
Die Reporter drehten sich um, Kameras klickten. Captain Millers Gesicht wurde kreidebleich.
Rico stieg vom Fahrersitz aus, ging nach hinten und öffnete die Tür.
Und Officer Lena Haas stieg aus.
Sie war blass, trug Zivilkleidung und stützte sich auf einen Stock, aber sie stand aufrecht. Ein kollektives Keuchen ging durch die Menge. Polizisten starrten ungläubig.
Lena ging langsam, jeden schmerzhaften Schritt messend, auf die Stufen zu. Sie blickte nicht zu den Reportern. Ihre Augen waren fest auf Captain Miller gerichtet, dessen falsches Lächeln gefror.
„Officer Haas! Sie leben!“, rief der Polizeipräsident.
Lena blieb vor Miller stehen. „Captain.“ Ihre Stimme war klar und trug über den plötzlich stillen Platz.
„Lena! Gott sei Dank! Wir dachten…“
„Hören Sie auf zu lügen“, sagte sie.
Sie griff in ihre Tasche und zog ein kleines Aufnahmegerät heraus. Dann warf sie es dem Polizeipräsidenten zu.
„Was ist das?“
„Das ist meine Aussage. Und die Aussage von Alessan…“, sie zögerte, „…von einem Zeugen. Es enthält die Koordinaten von drei Lagerhäusern im Hafen, in denen Sie die vermissten Mädchen finden werden. Und es enthält ein Geständnis. Von dem Mann, der mich fast getötet hat.“
Millers Augen schossen zu Rico, der unbeweglich neben dem Auto stand.
„Verhaften Sie ihn“, sagte Lena zum Präsidenten, während sie auf Miller zeigte. „Oder ich übergebe das hier an die Presse.“
Was als Nächstes geschah, schockierte die gesamte Polizeieinheit bis ins Mark.
Es war nicht die Tatsache, dass eine tote Polizistin zurückgekehrt war. Es war nicht einmal die Tatsache, dass sie ihren eigenen Captain des versuchten Mordes beschuldigte.
Es war die Tatsache, dass, als zwei zögerliche Beamte Miller die Handschellen anlegten, dieser schrie: „Sie können mir nichts tun! Volpe hat sie! Das ist eine Falle der Mafia!“
Und Lena Haas, die Eiserne Lena, die unbestechlichste Polizistin der Stadt, antwortete laut und deutlich, sodass jede Kamera es aufzeichnen konnte:
„Alessandro Volpe hat mir das Leben gerettet, als meine eigenen Kollegen versuchten, es mir zu nehmen. Es stellt sich heraus, Boss, dass selbst ein Wolf mehr Ehre hat als ein Schwein in Uniform.“
Rico öffnete die Autotür. Lena stieg ein, ohne zurückzublicken. Die Limousine fuhr davon und hinterließ ein fassungsloses Polizeipräsidium, das gerade von seinem schlimmsten Feind gerettet und gedemütigt worden war, und den Beginn des größten internen Korruptionsskandals, den die Stadt je gesehen hatte.