Riesenhaften bayerischen Zwillingsbrüder–ihre s3xuellen Praktiken– wurden die Liebhaber ihrer Mutter

In den abgelegenen Tälern des bayerischen Voralpenlandes, wo der Nebel wie ein atmender Schleier zwischen dunklen Tannen hängt und die Erde selbst das Schweigen zu bewahren scheint, stand eine einsame Hütte, deren Wände mehr verbargen, als jedes Dorf ahnte. Es war das Jahr77, kaum ein Jahrzehnt nach dem Krieg zwischen Bayern und Preußen und in den entlegenen Winkeln südlich von Rosenheim war die Zeit stehen geblieben.

Dort lebte eine Frau namens Adelheit Krämer mit ihren beiden Söhnen, den riesenhaften Zwilling Jakob und Heinrich. Niemand konnte genau sagen, wann sie in diese Wildnis gezogen waren. Einige behaupteten, sie seien aus dem Algu gekommen, andere sie hätten schon immer dort gelebt in jener steinernen Schlucht, in der das Echo der Alphörner nie erklang. Die Brüder waren Männer, die man nicht übersehen konnte.

Beide überragten jeden Dorfbewohner um Haupteslänge, ihre Schultern so breit wie das Tor einer Scheune. Ihre Gesichter trugen denselben harten Ausdruck, die gleiche blasse Haut, die gleichen hellen, beinahe durchsichtigen Augen. Sie sprachen kaum und wenn, dann klangen ihre Worte wie Bibelverse, auswendig gelernt und unverständlich verbunden. Adelheit.

Die Mutter war eine hagere Frau, deren Gesicht von Falten durchzogen war wie altes Pergament. Man sagte, sie lese jeden Abend laut aus der heiligen Schrift, während ihre Söhne unbewegt an den Wänden standen und ihr zuhörten. Im Dorf kannte man sie nur vom Sehen, wenn sie einmal im Jahr hinunterkam, um Salz und Mehl zu kaufen und mit alten Silbermünzen bezahlte, deren Herkunft niemand zu ergründen wagte.

Ihr Hof lag fünf Stunden Fußmarsch über dem letzten Weiler, dort, wo die Wege nur noch aus Felsen bestanden und das Glockengeläut aus den Tälern nie zu hören war. Kein Fahrer kam dorthin, kein Händler blieb über Nacht. Der Winter schnitt sie monatelang von der Welt ab und doch trotz dieser Abgeschiedenheit begannen eines Herbstes Gerüchte, die Berge hinabzurieseln wie feiner Schnee.

Man sagte, die alte Krämerin sei schwanger. Zuerst lachte man darüber, dann senkten die Frauen ihre Stimmen und die Männer wechselten rasch das Thema. Denn jeder wußte, kein Fremder hatte die Hütte seit Jahren betreten. Niemand hatte den Zwillingen je eine Frau an der Seite gesehen. Und doch sah ein Holzfäller, der aus der Ferne vorbeiging, deutlich die Rundung unter Adelheits Kleid, schwer und unübersehbar.

Im Dezember erreichten die Gerüchte den Dorfschreiber Sebastian Vogt, der zugleich Friedensrichter war. Er war ein Mann, der sich an Gesetze hielt, aber auch an das Schweigen, das in den Bergen galt. Doch diesmal ließ ihn das Gefühl nicht los, daß etwas Unnatürliches dort oben geschah. Einem alten Eid folgend machte er sich auf den Weg, um die Sache selbst zu sehen. Der Aufstieg dauerte den ganzen Tag.

Schneeflocken wirbelten zwischen den dunklen Fichten und der Wind trug einen süßlichen Geruch mit sich. etwas, das an Verwesung erinnerte, aber schwächer, vermischt mit dem Duft von Holzrauch und kalter Erde. Als Fogt schließlich den Hang erreichte, auf dem die Hütte stand, sah er zwei Gestalten aus dem Schatten treten. Jakob und Heinrich standen nebeneinander wie aus einem Guss.

Ihre Hände leer, ihre Gesichter reglos. Nur ihre Augen bewegten sich langsam, gleichmäßig und folgten jedem seiner Schritte. Ich komme im Namen des Landrates”, sagte Vogt. Keiner antwortete. Dann öffnete sich die Tür und Adelheitkrämer trat heraus. Unter ihrem groben Wollkleid wölbte sich der Leib einer Frau, die bald gebären würde.

Sie legte eine Hand auf den Bauch, als wolle sie das Leben darin schützen oder bewachen. Ihr Blick war klar, fest und als sie sprach, klang ihre Stimme ruhig, fast gütig. Das Kind, sagte sie, war ein Geschenk Gottes. Es ist geboren und gestorben, wie er es wollte. Vogt nickte, aber innerlich zog sich ihm alles zusammen.

Irgendetwas an dieser Stille, an den unbeweglichen Gestalten der Söhne, war falsch. Als er wieder hinabstieg, war ihm, als würden die Berge selbst ihn beobachten. Er wusste noch nicht, dass unter der Erde jener Hütte ein Geheimnis lag. das älter war als die Schuld selbst.

Als Sebastian Vogt in jener Nacht das Tal erreichte, hatte der Schnee bereits begonnen, die Spuren seines Aufstiegs zu verschlucken. Nur das stetige Knarren seines Pferdesattels begleitete ihn, während er die Laterne schützend unter seinen Mantel hielt. Das Licht flackerte auf den nassen Stein und der Wind trug ein fernes, fast menschliches Heulen aus der Richtung der Berge.

Im Gasthof zum Hirschen sahen die Dorfbewohner sofort, dass Vogt bleich war. Niemand wagte ihn zu befragen, bis er selbst den Krug mit heißem Most abstellte und sagte, sie war schwanger und sie hat gesagt, das Kind sei tot. Ein Murmeln ging durch die Schankstube. Die Männer starrten in ihre Becher, die Frauen bekreuzigten sich. Denn was Vogt nicht sagte, wusste jeder, der die Berge kannte. Kein Mann konnte die Hütte der Krämer erreichen, ohne dass man es sah.

Kein Fremder war seit Jahren dort oben gewesen. Am nächsten Morgen stand Vogt erneut vor der Entscheidung, ob er schweigen oder handeln sollte. In Bayern galten noch die alten Gesetze der Gemeinde und das Schweigen über Familienangelegenheiten war heilig. Doch er hatte im Blick der alten Frau etwas gesehen, das ihn nicht losließ.

Nicht Reue, nicht Angst, sondern Überzeugung. Er schrieb einen Bericht an den Bezirkskomskommissar in Rosenheim. Doch bevor dieser ihn erreichte, lag eine Woche Schnee auf den Pässen. Der Brief blieb im Posthaus stecken und so verstrich wertvolle Zeit. Währenddessen erzählten die Hirten von neuen seltsamen Dingen in der Höhe.

Kein Rauch mehr aus dem Schornstein der Krämerhütte, keine Spur im frischen Schnee. Und eines Abends sah ein Knecht, der Holz sammelte, etwas wie einen schwachen Lichtschein, tief unter der Erde in der Nähe der Hütte. Vogt beschloß, selbst zurückzukehren. Diesmal nahm er den Förster Georg Reiter mit, einen kräftigen Mann mit ruhiger Hand und dem Mut, sich dorthin zu wagen, wo andere sich bekreuzigten. Der Aufstieg war härter als beim ersten Mal.

Der Schnee lag Knie hoch und zwischen den Bäumen hing Nebel, so dicht, dass er den Atem nahm. Als sie nach Stunden den Hof erreichten, war es still. Keine Axt, kein Schritt, kein Laut. Die Tür der Hütte stand offen. Drinnen roch es nach Lauge, stark, beißend, als hätte jemand tagelang den Boden geschrubpt. Auf dem Tisch lagen zerschnittene Tücher und im Kamin glomm nur noch kalte Asche.

Vogt hob eine Hand und deutete nach unten. Am Boden, halb verborgen unter einem losen Brett, war eine Falltür. Reiter zog das Brett heraus. Ein Hauch stieg auf, feucht, modrig, aber mit einer anderen metallischen Note, die Vogt sofort erkannte, obwohl er sie nie benennen wollte. Sie hoben die Falltür an. Darunter lag ein niedriger Keller aus Stein gebaut, zu groß für Vorräte, zu sorgfältig angelegt. Eine schmale Treppe führte hinab und das Licht der Laterne fing an, den feuchten Wänden.

Auf halber Höhe entdeckten sie eine kleine Holztruhe, sorgfältig verschlossen. Reiter brach sie mit der Axt auf. Darin lagen alte Münzen, Ringe, ein Taschenmesser und ein Stück Stoff, fein und fremdartig, nicht aus den Dörfern rings um. Vogt nahm es vorsichtig heraus. Es war zerrissen und mit Erde verkrustet.

“Das gehört keinem von hier”, murmelte Reiter. Unten im letzten Winkel des Kellers lag eine zweite Tür. Sie war aus schwerem Eisen gefertigt, ungewöhnlich für eine Berghütte. Vogt legte das Ohr an das kalte Metall. Kein Laut kam daraus hervor, nur die dumpfe, beklemmende Stille, die schwerer wog als jedes Geräusch. Wir holen Hilfe”, sagte er leise.

Doch noch bevor sie die Hütte verließen, hörten sie etwas. Ein dumpfes gleichmäßiges Klopfen, tief unter ihren Füßen. Drei Schläge, dann wieder Stille, dann erneut drei. Reiterwich zurück, das kommt aus dem Boden. Vogt löschte die Laterne und für einen Moment war dann nichts als das Atmen der beiden Männer und das Knarren des Holzes.

Dann in der Dunkelheit erhob sich eine Stimme. Eine Frauenstimme. aber klar, als stünde sie direkt neben ihn. “Ihr sollt nicht richten, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.” Vogt und Reiter standen reglos. Die Stimme war nicht von oben gekommen, sondern aus der Tiefe, dort, wo die zweite Tür lag. Reiter hob die Laterne wieder an und das Zittern seiner Hand ließ den Lichtschein über die Wände tanzen.

Die Feuchtigkeit schimmerte wie Schweiß auf Stein. “Das war sie”, flüsterte Vogt. “Adel Adelheit Krämer, doch Reiter schüttelte den Kopf. Nein, das war anders.” Sie verließen den Keller, verschlossen die Falltür und machten sich auf den Rückweg, ohne sich noch einmal umzusehen.

Der Schnee viel dichter, die Dämmerung brach herein und als sie das Tal erreichten, war Vogt sicher, dass jemand ihnen gefolgt war. Er drehte sich um, sah aber nur den grauen Schleier des Sturmes. Zwei Tage später kehrte er mit vier Männern zurück, darunter der junge Arzt Dr. Albrecht Stein aus Rosenheim. der in jenen Jahren den Ruf hatte, sich auch um die dunkleren Angelegenheiten der Dörfer zu kümmern.

Fälle, die die Kirche lieber verschwieg. Als sie den Hang hinaufstiegen, waren keine neuen Spuren im Schnee. Die Tür der Hütte stand offen wie zuvor, doch das Innere war verändert. Alles war leer, keine Möbel, keine Spuren von Leben, nur die nackten Wände. An der Stelle der Falltür fand sich nun ein sauberer Steinboden ohne jede Fuge.

“Sie haben ihn zugemauert”, sagte Reiter tonlos. Dr. Stein beugte sich hinab, klopfte mit dem Griff seines Messers auf den Stein, lauschte. “Hohl!” Furgt nickte, dann ist sie noch da unten. Die Männer arbeiteten den halben Tag, bis sie den Stein aufbrachen. Darunter kam dieselbe Treppe zum Vorschein, dieselbe feuchte Luft. Doch diesmal drang ihnen ein Geruch entgegen, so süßlich und faul, dass selbst der erfahrene Arzt zurückwich. Sie gingen hinunter.

Auf der Treppe lagen kleine Holzkreuze, sorgfältig in gleichen Abständen gelegt. Jedes trug eingeritzte Buchstaben. Ark, Adelheit Krämer. Unten war der Keller unverändert. Nur die Eisentür war nun halb geöffnet. Drinnen herrschte Dunkelheit, dichter als jede Nacht. Vog trat vor, hob die Laterne und ihr Licht fiel auf etwas, das die Männer zum Schweigen brachte.

Entlang der Wände hingen Kleidungsstücke, alte Westen, Schürzen, sogar ein Priesterrock, alle sauber gewaschen und aufgehängt. Daneben kleine Bündel mit Bändern verschnürt. Reiter öffnete eines, darin lag ein Kinderarmknochen, sauber abgelegt wie eine Reliquie. Stein beugte sich über die Bündel, seine Stimme kaum hörbar. Das hier ist nicht neu. Das ist jahrelang so gepflegt worden.

Von wem? Fragte Vogt. Er kannte die Antwort bereits, doch er mußte sie hören. Von ihr und von den Söhnen. Als sie die Rückwand des Kellers untersuchten, fanden sie etwas, das aussah wie eine schmale Tür aus Erde selbst von Hand gegraben. Dahinter begann ein Gang, niedrig und schmal. Er führte tiefer in den Berg.

Dort unten war keine Luft mehr, nur der dumpfe Geruch von Vollnis und Eisen. Zurück flüsterte Reiter, doch fogt ging weiter. Nach wenigen Schritten sah er im Lichtschein etwas metallisches blitzen. Es war eine Kette, an der menschliche Knochen hingen, wie an einer Gebetskette.

Darüber in die Wand eingeritzt, stand in sauberer deutscher Schrift: “Das Opfer nährt die Gerechten. Vogt hob den Blick.” Weiter oben auf einem Balken hing ein Kreuz, roh geschnitzt, aber mit zwei Querstreben. Dr. Stein flüsterte: “Das ist kein christliches Kreuz, das ist ein Bauernzeichen aus dem alten Glauben.” In diesem Moment hörten sie wieder das Klopfen. Drei Schläge, dann drei.

Und diesmal kam es von oben. Sie starrten zur Decke und Vogt erkannte, was es war. Schritte. schwere gleichmäßige Schritte, zwei Personen. Die Söhne waren zurück, die Männer erstarrten, die Schritte über ihnen waren langsam, bedächtig und das Holz der Hüttendecke ächtzte unter dem Gewicht der beiden Riesen.

Vogt löschte hastig die Laterne und Dunkelheit verschluckte sie alle. Nur das pochende Herz jedes einzelnen war zu hören, dumpf und laut in der Enge des Ganges. Die Schritte stoppten direkt über ihn, dann ein Scharn, als würde etwas Schweres über den Boden gezogen. Reiter presste die Hand an den Mund, um keinen Laut von sich zu geben.

Nach endlosen Sekunden begann ein anderes Geräusch, ein leises Summen. Zwei Stimmen, tief und rau, die im Einklang sang. Es war ein Kirchenlied, doch verstimmt, verzogen, als hätte jemand das Heilige in etwas Dunkles verwandelt. “Herr, prüfe uns im Feuer und erkenne die Gerechten”, sangen sie. Der Klang kam durch den Boden, schwoll an, bis er wie ein fernes Donnergrollen vibrierte.

Dann viel Stille, nur der Wind wehte über die Berge und von draußen hörte man das heulende Echo der Täler. Vogt wagte kaum zu atmen. “Sie wissen, dass wir hier sind”, flüsterte er. Dr. Stein nickte, seine Augen weit offen, das Gesicht bleich. “Dann dürfen wir nicht fliehen.” Noch nicht. Sie blieben im Dunkeln, lauschten. Schließlich entfernten sich die Schritte.

Langsam, als hätten die Zwillinge beschlossen, die Nacht über abzuwarten. Fogt gab das Zeichen leise, kaum hörbar. Wir gehen jetzt sofort. Sie zogen sich zurück, die Laterne aus, geführt nur vom Tasten der Hände. Der Gang schien länger zu werden, je weiter sie krochen. Als sie endlich den Keller erreichten, atmete Reiter auf, doch der Ausgang, die Treppe nach oben, war verschlossen. Die schwere Falltür war von außen verriegelt. Ein dumpfer Schlag ertönte.

Dann noch einer. Holz splitterte. Die Zwillinge hämmerten von oben dagegen, fogt riß den Dolch aus der Scheide, blickte umher. “Zurück in den Gang!” befahl er, aber Dr. Stein zeigte auf die Seitenwand. “Da frische Erde.” Gemeinsam rissen sie mit Händen und Werkzeugen an der feuchten Wand, bis sich ein schmaler Spalt öffnete.

Kalte Luft strömte herein, faulig, aber frei. Einer nach dem anderen zwängten sie sich hindurch. Sie gelangten in eine schmale Spalte zwischen Felsen, kaum breit genug, um hindurchzupassen. Über ihnen der Himmel, grau, vom Schneesturm verwischt. Hinter ihnen krachte Holz und der Keller stöhnte, als breche er ein.

Sie rannten, stundenlang durch Schnee und Dunkel, ohne zu wissen, ob sie verfolgt wurden. Erst im Morgengrauen erreichten sie das Tal. Ihre Gesichter waren grau, ihre Hände blutig vom Fels. Niemand sprach ein Wort, bis sie den Hof des Försters erreichten. Dort brach Vogt endlich zusammen. “Sie sind keine Menschen”, flüsterte er, “Nicht mehr.” Dr.

Stein saß am Tisch, die Finger an den Schläfen und schrieb mit zittriger Hand seine Beobachtungen nieder. “Zwillinge von über 2 m”, notierte er. Haut blass, Pupillen, fast farblos, Mutter, fanatisch religiös, kulturell isoliert, geprägt von altem Volksglauben und Pseudochristentum. Hinweise auf ritualisierte Gewalt. Dann hielt er inne. “Ich glaube”, sagte er leise.

“Sie glauben, sie wären Werkzeuge Gottes.” Am nächsten Tag, einem Sonntag, versammelte Wogt Männer aus drei Dörfern. Acht kam bewaffnet mit Sensen, Flinten und Fackeln. Als die Sonne unterging, machten sie sich auf den Weg zur Krämerhütte. Kein Wort wurde gesprochen, nur das Knirschen der Stiefel im Schnee. Doch als sie den Hang erreichten, war die Hütte verschwunden.

Nur der schwarze verkohlte Boden blieb, als hätte jemand sie in einer Nacht niedergebrannt. Zwischen den Aschen fanden sie Spuren, große Fußabdrücke, tief und klar, die vom Haus fortführten. Zwei Paar. Sie führten nach Norden in Richtung der alten Miene, die seit 30 Jahren verlassen war. Vogt, blickte auf die Spuren, dann zum Himmel. Wir folgen ihn.

Niemand widersprach. Der Marsch zur alten Miene dauerte viele Stunden. Der Schnee lag Knie hoch und die Kälte bis in die Haut, als wollte sie die Männer selbst prüfen. Sie zogen schweigend durch das Tal vorbei an gefrorenen Bächen und verlassenen Almhütten. Nur fogt ging an der Spitze, das Gewehr über der Schulter, den Blick auf die Spur gerichtet.

Die Fußabdrücke waren deutlich, zu deutlich. Kein Schneefall hatte sie zugedeckt. Es war als führte jemand die Männer absichtlich. Reiter bemerkte es zuerst. “Seht ihr das?”, flüsterte er. Die Abdrücke, sie sind gleich tief, als würden sie sie immer wieder neu treten. Niemand antwortete.

Die Miene lag am Rand einer Schlucht zwischen Felsen, die wie gefaltete Hände in den Himmel ragten. Der Eingang war ein dunkles Loch im Berg, schwarz wie Pech. Darüber hing ein altes Schild, halb verrostet, auf dem in verblasten Lättern stand: “Grube St. Georg! Vogt, hob die Hand. Hier bleiben die Pferde, nur vier gehen hinein. Ich, Reiter, Stein und einer von euch, der mutig ist.

Der Schmied Matthias Brenner trat vor. Ich habe nichts zu verlieren. Er war ein Mann von fast 40 Jahren, kräftig und wortk. Sie zündeten Fackeln an und traten ein. Der Gang war niedrig und schmal. Tropfwasser fiel von der Decke und das Licht spiegelte sich auf dem feuchten Gestein.

Nach wenigen Schritten sahen sie Holzpfosten, Morsch und mit Ruß geschwärzt. Weiter hinten lag ein Wagenrad, zerbrochen, daneben ein Stück alten Stoffes. Dr. Stein beugte sich und hob es auf. Es war ein Kinderkleid, sorgfältig gefaltet. “Das ist alt”, murmelte er. “Sehr alt.” Weiter hinten spaltete sich der Gang. Links roch es nach Eisen und Schwefel, rechts nach feuchter Erde.

Vogt wählte den rechten Weg. Nach vielleicht 20 Schritten hörten sie etwas. Ein Rascheln, dann ein fernes Klopfen. Wieder drei Schläge, dann drei. Brenner fluchte leise. Das sind sie. Doch Dr. Stein schüttelte den Kopf. Nein, das ist unter uns. Der Boden vibrierte leicht, als ob tief im Felsen etwas lebte. Sie ging weiter.

Die Fackeln warfen lange Schatten, die wie Gestalten an den Wänden tanzten. Dann sahen sie sie. Zwei Körper knend am Boden, die Köpfe gesenkt, die Hände gefaltet. Jakob und Heinrich Krämer. Ihre Gesichter glänzten im Fackellicht, als hätte man sie mit Öl bestrichen. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Lippen bewegten sich lautlos.

Zwischen ihnen lag etwas eingewickelt in Tücher, klein wie ein Kind. “Sie beten,” flüsterte Reiter. Vogt trat einen Schritt vor. Im Namen des Gesetzes. Er kam nicht weiter. Die Zwillinge hoben gleichzeitig den Kopf. Ihre Augen waren nicht mehr blau, sondern milchig weiß. Und als sie sprachen, war es dieselbe Stimme aus zwei Mündern. Ihr habt das Urteil gebracht.

Nun soll es vollstreckt werden. Brenner hob die Flinte, doch ehe er abdrücken konnte, war Jakob auf den Beinen. In einem einzigen Schlag riss er ihm die Waffe aus der Hand und schleuderte sie gegen die Wand. Reiter zog das Beil, Dr. Stein das Messer, aber der enge Raum machte jeden Kampf sinnlos. furgt, rief Feuer.

Eine Fackel flog, traf ein Holzgestell und binnensekunden stand der Gang in Flammen. Der Rauch füllte die Miene, brannte in den Augen. “Zurück!” schrie Reiter und sie flohen stolpernd, hustend, während hinter ihnen die Zwillinge in den Rauch getaucht standen, unbeweglich, als seien sie aus Stein. Als die Männer das Freie erreichten, stürzte die Miene hinter ihnen ein.

Eine Wolke aus Staub und Asche wälzte sich hinaus. Niemand sprach. Erst als sie die Anhöhe erreichten, wagte Vog zu flüstern. Sind Sie tot? Dr. Stein sah auf die Rauchfahne, die sich aus dem Felsen erhob. Wenn sie Menschen waren, ja, wenn nicht, dann haben wir sie nur geweckt.

Die Nacht, die auf den Einsturz der Miene folgte, war die stillste, die das Tal erlebt hatte. Kein Wind, kein Tier laut, nicht einmal das ferne Leuten der Kirchenglocken aus dem Dorf war zu hören. Die Männer, erschöpft und verängstigt, schliefen in der Försterei in Etappen. Immer zwei wach, zwei ruhend, doch keiner von ihnen fand wirklichen Schlaf.

Draußen lag Schnee auf den Dächern und der Mond schien bleich wie ein Totenlicht über die gefrorene Landschaft. Gegen Mitternacht hörte Reiter, der am Fenster wachte, ein Geräusch, ein fernes, rhythmisches Stampfen. Erst dachte er, es sei sein Herz. Dann merkte er, dass es aus der Ferne kam, aus Richtung der Miene. Drei Schläge, dann eine Pause, wieder drei.

Er riß das Fenster auf. Der Klang war schwach, doch unverkennbar. Er weckte furgt. “Sie sind da”, flüsterte er. Vogt lauschte, sein Gesicht blieb star, nur die Lippen bewegten sich. Oder es ist das, was von ihnen übrig ist? Am Morgen fanden sie Spuren im Schnee vor dem Haus. Große, tiefe Abdrücke, zu groß für Menschen.

Vogt kniete sich hin. Seht, wie der Schnee an den Rändern geschmolzen ist, warm. Die kamen in der Nacht. Dr. Stein schritt die Spuren ab, sie mit seinem Stock. Fast 30 cm breit, murmelte er. Das sind keine Stiefel, das ist nackt. Am dritten Tag kam ein Boter aus Rosenheim. Der Bezirkskommissar hatte Vogsbericht erhalten und sandte Unterstützung.

vier Gendarmen mit Pferden und Befehl, die Familie Krämer festzunehmen. Doch als sie ankam, gab es keine Familie mehr, nur die verbrannte Stelle, den eingestürzten Stollen und das Schweigen der Berge. Vogt führte sie dennoch hinauf, zeigte den Ort, erzählte, was geschehen war. Einer der Gendarmen, ein junger Mann namens Franz Keller, lachte nervös.

Mit Verlaub, Herr Furgt, das klingt wie eine Meer für lange Winterabende. Fogt antwortete nicht. Er hob nur einen der Steine vom Boden und zeigte, was darunter lag. Ein Stück Knochen, glatt, weiß und brüchig. “Das ist kein Tier”, sagte Dr. Stein leise. “Das ist menschlich.” Sie begannen zu graben. Bald kam mehr zum Vorschein.

Rippen, Schädel, eine Hand, die noch einen Ring trug. Einer der Gendammen übergab sich, ein anderer bekreuzigte sich. Keller wich zurück. Wie viele? Fragte er. Vog zählte nicht, doch seine Stimme klang, als spräche er mit jemandem, der gar nicht da war. Mindestens zölf, vielleicht 20. Dror Stein untersuchte die Schädel, beugte sich, sprach kaum hörbar lateinische Worte, um seine Angst zu verbergen.

Dann fand er etwas, das ihn innerhalten ließ. Ein Amulett aus Knochen geschnitzt, in Form eines Kreuzes mit zwei Querstreben. “Dasselbe Zeichen wie in der Miene”, flüsterte er. Am Abend saßen sie um das Feuer. Niemand wollte essen. Der Wind drang durch die Ritzen und in der Ferne glaubte einer, ein Lied zu hören.

Eine Frauenstimme, die langsam und ruhig sang. Herr, prüfe uns im Feuer. Fogt erhob sich, trat hinaus. Draußen war der Himmel voller Sterne, klar und kalt. Doch da war auch der Rauch dünn, schmal, als würde jemand ein Feuer entfachen, dort oben, wo die Miene war. “Sie sind nicht tot”, sagte er leise. Am nächsten Morgen ritt er allein hinauf.

Die Männer wollten ihn aufhalten, doch er sah sie an und keiner wagte, sich ihm in den Weg zu stellen. Stunden später fand man sein Pferd am Wegesrand, den Sattel leer, die Zügel durchtrennt. Kein Blut. Keine Spur, nichts, nur ein Blattpapier unter einem Stein beschwert. Darauf stand in sauberer Schrift: “Das Opfer nährt die Gerechten. Du hast geurteilt und nun wirst du gereinigt.” Dr. Stein faltete das Blatt und sprach: “Er ist verloren.

” Dann sah er zum Himmel und flüsterte, als rede er zu jemandem, den nur er hören konnte. Aber wir werden noch von ihnen hören bald. In jener Nacht schlug zum ersten Mal seit Jahren ein Blitz in den Berg. Der Schnee brannte blau und aus der Tiefe kam ein Laut, der wie ein Gebet klang oder wie das Lachen von zwei Stimmen zugleich.

Nach dem Verschwinden von Sebastian Vogt lag eine unsichtbare Last über dem Tal. Die Menschen sprachen nicht laut über ihn, aber in jeder Stube, in jeder Kirche flüsterte man seinen Namen. Der Winter zog sich hin, länger als gewöhnlich und das Vieh begann krank zu werden.

Alte Frauen sagten: “Es sei ein Zeichen. Der Berg habe etwas zurückgefordert, das ihm gehörte.” Dr. Albrecht Stein blieb als einziger, um Nachforschungen anzustellen. Er übernachtete in der Försterei, sammelte Berichte, schrieb jeden Abend in sein Tagebuch. Der Glaube dieser Menschen, notierte er, ist älter als die Kirche selbst.

Sie sprechen vom Berggeist, der den Gerechten prüft. Doch sie nennen auch den Namen Krämer nicht. Es ist, als hätte er nie existiert. Eines Nachmittags, Anfang Februar, erschien im Dorf eine Gestalt, eine Frau in schwarze Tücher gehüllt, barfuß trotz des Schnees.

Sie sprach kein Wort, ließ sich in der Schenke nieder und trank Wasser. Die Wirzfrau schwor später: “Ihre Augen seien so hell gewesen wie Eis.” Auf die Frage nach ihrem Namen antwortete sie nur: Adelheit. Dann verließ sie den Ort und ging denselben Weg hinauf, den Vogt einst gegangen war. Als die Nachricht Dr. Stein erreichte, machte er sich sofort auf den Weg.

Er nahm Franz Keller mit, den Jüngsten der Gendarmen, und sie ritten bis zur Dämmerung. Die Spuren der Frau waren deutlich, nackte Füße im Schnee, doch kein Blut. Als sie die Stelle erreichten, an der Vogspferd gefunden worden war, blieb Stein stehen. Von hier an gehen wir zu Fuß. Der Wind trug den Geruch von Schwefel.

Der Himmel färbte sich violett und über den Gipfeln schwebte ein Rauch, dünn und unbewegt. Die Miene lag still, der Eingang halb verschüttet, doch etwas hatte sich verändert. Um den Stollen herum standen Steine in einem Kreis angeordnet, jeder mit einem Zeichen darauf eingeritzt. Keller beugte sich und zählte laut. 14 Dr. Stein nickte. 14 Zeichen 14 Opfer.

Er trat näher, sah auf eines der Zeichen und fuhr erschrocken zurück. Das ist Vs Name. Im Inneren der Miene war es trocken. Kein Schnee, kein Wind, nur eine Wärme, die nicht von Feuer stammte. Je tiefer sie ging, desto stärker wurde ein Geruch, der süßlich und vertraut war, wie brennendes Wachs, vermischt mit Blut. Dann sahen sie sie. Adelheit Krämer stand in der Mitte des Ganges in weißes Leinen gehüllt.

Ihr Haar hing offen und ihre Hände ruhen auf dem Bauch, als trüge sie wieder ein Kind. Ihre Augen waren leer, doch ihre Stimme klang klar. Ihr dürft nicht bleiben. Der Berg ist erwacht. Keller machte einen Schritt vor, doch Dr. Stein hielt ihn zurück. “Frau Krämer”, sagte er ruhig, “Ihr Sohn, eure Söhne, sie sind tot. Die Miene ist eingestürzt. Adelheit lächelte. Tot.

Nein, sie schlafen und sie werden wiederkommen, wenn das Opfer vollständig ist. Sie hob eine Hand und hinter ihr öffnete sich die Erde. Der Gang, der zuvor verschüttet war, zeigte plötzlich Tiefe. Von unten stieg Wärme auf und ein Geräusch, das wie Atmen klang. Langsam, schwer und doch rhythmisch.

Keller hob das Gewehr, aber Stein drückte es nieder. Das hier ist kein Ort für Kugeln. Er trat einen Schritt vor. Adelheit. Was ist das Opfer? Sie sah ihn an, als spräche sie zu einem Kind. Das Opfer ist das, was der Gerechte gibt, wenn der Himmel schweigt. Das Opfer ist der Mensch, der glaubt, er richte, doch in Wahrheit gereinigt wird.

Dann streckte sie ihm die Hand entgegen, wie fogt, wie die anderen. Steinwich zurück, doch zu spät. Der Boden bebte. Eine Staubwolke stieg auf und aus der Tiefe drangen zwei Stimmen. Tief, Unisono, wie metallisches Singen. Keller schrie, Stein packte ihn, zog ihn zurück. Sie rannten, während hinter ihnen der Berg zu atmen begann.

Als sie das Tageslicht erreichten, brach die Erde hinter ihnen ein. Ein letzter Ruf halte aus der Tiefe. Nicht menschlich, aber vertraut. Es war Vogs Stimme. Bleibt fern vom Berg. Er hat Hunger. Dr. Stein sank in den Schnee, die Hände über dem Gesicht. Keller starrte auf den Rauch, der aus dem Stollen stieg, und sagte nur: “Sie kommen wieder.

” In seinem Tagebuch notierte Stein später: Heute am 8. Februar des Jahres 1878 hat der Berg gesprochen und ich fürchte, er wird nie wieder schweigen. Nach jener Nacht veränderte sich die Luft im Tal. Es war als Legger ein unsichtbarer Druck auf allem Lebenden. Das Vieh schrie nachts ohne Grund.

Hunde jaulten zum Himmel und Kinder erwachten mit Fieber, murmelnd von den Männern aus dem Stein. Dr. Albrecht Stein blieb, weil er glaubte, das Rätsel wissenschaftlich erklären zu können. Er schrieb Berichte, zeichnete Karten der Miene, befragte die Alten. Doch je mehr er aufzeichnete, desto weniger glaubte er an Vernunft. Am 14. Februar machte er sich mit Keller erneut auf den Weg zur Grube St. Georg.

Diesmal trug er Weihwasser und ein Kreuz aus Silber bei sich, ein Geschenk des Pfarrers von Prien. Keller hatte den Blick eines Mannes, der zu viel gesehen hatte, aber er folgte ihm ohne Widerspruch. Als sie den Hang erreichten, fanden sie den Eingang unverändert, doch der Boden rings um war aufgerissen, als hätte der Berg selbst sich bewegt. In der Mitte stand etwas, das dort vorher nicht gewesen war.

Ein Kreuz aus Holz, roh gezimmert, aber gewaltig hoch, fast 3 Meter. Daran hing ein Tierkadaver, vielleicht ein Hirsch. Aufrecht, die Vorderläufe weit ausgebreitet. In die Brust war mit einem Messer ein Zeichen geschnitten. Zwei Linien, die sich kreuzten und darüber ein Kreis. “Das ist kein christliches Symbol”, sagte Stein. “das ist ein Sonnensiegel, heidnisch, sehr alt. Keller schluckte.

Vielleicht war es ein Streich von Burschen aus dem Dorf, doch Stein schüttelte den Kopf. Kein Bursch trägt ein Tier drei Kilometer den Berg hinauf. Sie betraten den Stollen. Kaum waren sie einige Meter weit gegangen, begann die Luft zu flirren. Es war heiß, wie in einer Schmiede, obwohl keine Glut zu sehen war. Tropfen fielen von der Decke, doch sie waren schwarz wie Pech.

Keller zog das Tuch vor den Mund. Es riecht wie Blut. Stein hielt die Laterne höher und sah Schriftzeichen an den Wänden, frisch eingeritzt, noch feucht, latein, aber seltsam verformt. Er entzifferte sie laut: “Expurgation Nastituitur Justus, aus der Reinigung wird der Gerechte geboren.” Plötzlich hörten sie Schritte. Kein Echo, echte Schritte.

Gleichmäßig, langsam, von tief drin. Zwei Schatten lösten sich aus der Dunkelheit. Groß, massig, bewegt wie ein Spiegelbild. Keller hob die Flinte. Nicht, rief Stein, aber zu spät. Der Schuss halte ohrenbetäubend, die Kugel traf den vorderen Schatten und prallte ab, als hätte sie Stein getroffen. Ein dumpfes, kehliges Lachen füllte den Gang.

Dann eine Stimme, dieselbe aus beiden Mündern. Du kannst den Gerechten nicht verletzen, nur dich selbst. Keller fiel rückwärts, die Waffe entglitt ihm. Stein zog ihn hoch, zerrte ihn hinaus. Die Schatten folgten nicht. Als sie das Tageslicht erreichten, fiel Keller in den Schnee.

Blut sickerte aus seinem Ohr und seine Augen blickten star. “Er hat mich angesehen”, flüsterte er, und ich sah mich selbst. Dann starb er. Stein beugte sich über ihn, prüfte den Puls, fand keinen. Doch als er die Lieder schloß, zuckte Keller kurz, und aus seinem Mund drang ein Laut, tief, unverständlich, wie das Grollen eines Steins, der den Hang hinabrollt. Dann stille.

Stein begrub ihn dort am Hang unter einer Kiefer. In den Schnee ritzte er ein Kreuz und schrieb daneben: “Für Franz Keller, gefallen im Dienst der Vernunft.” Als er den Kopf hob, sah er in der Ferne Rauch, kein Rauch aus Feuer, sondern aus der Erde selbst. Und in diesem Rauch ganz kurz, zwei Gestalten, groß, unbeweglich, als warteten sie.

Er ritt ins Tal zurück, sprach mit niemandem, trank nichts, aß nichts. In seinem Tagebuch vermerkte er: “Der Glaube der Gerechten ist stärker als der Tod. Ich beginne zu verstehen, was sie meinten.” Am Abend suchte ihn der Pfarrer von Brien auf. Stein saß am Tisch, die Augen leer.

Herr Doktor, was haben Sie dort oben gesehen? Stein lächelte schwach. Die Wahrheit, sagte er, und sie trägt zwei Gesichter. Der Pfarrer bekreuzigte sich. Glauben Sie an Gott? Nicht mehr, antwortete Stein. Aber der Berg glaubt an mich. In jener Nacht schrieb er zum letzten Mal. Die letzten Worte in seinem Tagebuch lauteten: “Morgen gehe ich hinauf. Wenn ich nicht zurückkehre, dann lass den Berg ruhen.

Denn was dort schläft, ist kein Mensch.” Er kehrte nie zurück. Der Frühling kam früh jenes Jahres, doch im Tal brachte er keine Wärme. Der Schnee schmolz und mit ihm kamen Dinge zum Vorschein, die niemand hätte finden wollen. Knochen an den Bachufern, Kleidungsstücke zwischen Wurzeln, Reste von Metall und Leder, alt und neu zugleich.

Die Bauern sagten: “Der Berg spucke aus, was er nicht mehr brauche.” Niemand ging mehr zur Grube St Georg. Selbst die Tiere mieden den Hang, als wüßten sie, daß dort etwas anderes lebte als Menschen. Die Försterei stand leer. Dr. Albrecht Stein blieb verschwunden und nur sein Tagebuch blieb als Zeuge. Der Pfarrer von Prien nahm es an sich, las verbrannte es am selben Abend.

Doch manche Seiten waren bereits abgeschrieben worden, und so begann die Geschichte sich zu verbreiten, flüsternd über die Dörfer, bis sie sogar die Stadt Rosenheim erreichte. Im Mai schickte der Bezirkskommissar erneut Leute hinauf. Drei Männer diesmal, zwei Landaufseher und ein Geologe aus München, Herr Friedrich Maler, ein nüchter Mann, der an nichts glaubte, was er nicht messen konnte.

Er lachte, als er die Berichte hörte. Ein Aberglaube der Bauern”, sagte er. “Ich werde das erklären, keine Sorge.” Amen. Mai erreichten sie die alte Miniene. Der Eingang war halb verschüttet, doch aus der Öffnung kam kalter Dampf, als atme der Berg. Maler lachte noch immer, aber seine Hände zitterten. “Gas”, erklärte er.

Schwefel oder Methan? Sie stiegen hinab. Der Geologe führte Messgeräte mit sich. Kompass, Barometer, Notizbuch. Nach wenigen Schritten begann der Kompass zu spinnen. Die Nadel drehte sich im Kreis ohne Halt. Magnetit im Gestein murmelte Maler. Doch in seiner Stimme lag kein Glaube mehr. Die Wände waren warm und aus den Ritzen sickerte Wasser, das im Licht der Laternen rot schimmerte.

Eisenoxid, erklärte er, doch einer der Aufseher flüsterte, oder Blut. Sie fanden im Inneren des Stollens Reste von Werkzeugen, Fackelhalter, alte Bretter. Und in der Mitte, halb im Fels versunken, lag etwas, das aussah wie eine Tür aus Holz, schwarz und mit Nägeln beschlagen. Maler wollte sie öffnen. Die Männer warnten ihn, aber er lachte.

Geschichten haben keine Macht über den Verstand. Er legte die Hand auf die Tür. Sie war warm, fast heiß. Dann begann sie zu beben. Ein Laut kam daraus, dumpf und langsam wie Atem. Maler trat zurück, doch die Tür bewegte sich von selbst. Ein Spalt öffnete sich und eine Welle heißer Luft schlug ihnen entgegen, süßlich wie der Geruch von verbranntem Fleisch. Die Männer wichen zurück, hielten die Tücher vor Mund und Nase.

Aus der Dunkelheit drang ein Flüstern. nicht laut, nicht klar, sondern tausend Stimmen zugleich als Spräche der Berg selbst, Worte in Latein, in Deutsch, in etwas, das keine Sprache war. Einer der Aufseher fiel auf die Knie und begann zu beten. Der andere rannte. Maler stand wie versteinert, den Blick auf den Spalt gerichtet.

Etwas glänzte darin, zwei Augen, groß, milchig, ohne Pupillen, dann zwei weitere. Maler schrie, der Schrei halte wie Metall durch den Stollen. Die Laterne fiel und zerbrach. Feuer fras das Öl. Und in der flackernden Helligkeit sahen die Männer, was dort lag. Zwei Gestalten, knienend, die Hände gefaltet, aber ihre Gesichter waren nicht menschlich.

zu lang, zu glatt, die Haut wie Wachs, die Münder geöffnet zu einem stummen Gebet, die Männer flohen, nur einer erreichte das Tal. Er berichtete, dass der Geologe im Feuer gestanden habe, ohne zu schreien, während hinter ihm die Erde sich schloss. “Sie haben ihn genommen”, sagte er, “Und der Berg hat wieder geschlafen.

” In Rosenheim verfasste der Kommissar einen Bericht: “Grube St. Georg wird geschlossen, betreten verboten, Einsturzgefahr. Doch im Dorf sagte man leise: “Der Berg sei nicht eingestürzt. Er habe gegähnt und sich wieder hingelegt. In jener Nacht, so berichteten Hirten, sei über der Grube ein Licht erschienen, blau und rund wie ein Auge.

Und aus der Ferne habe man singen gehört, zwei Stimmen im Gleichklang, die dasselbe Lied summten. Herr, prüfe uns im Feuer und erkenne die Gerechten. Seit jenem Frühling kam kein Fremder mehr nach Obersee und wenn Nebel von den Bergen herabstieg, schworen manche im Wind die Schritte zweier Männer zu hören. Langsam, gleichmäßig, drei und drei.

Im Sommer des Jahres 1878 schien die Natur das Tal vergessen zu haben. Kein Regen fiel, das Gras verbrannte unter der Sonne und selbst die Vögel verstummten. Die Menschen in den Dörfern rund um Obersee sprachen leise, als hätte selbst das Wort Gewicht bekommen. Niemand wagte zur Miene hinaufzusehen. Doch manchmal, wenn die Nacht windstill war, glaubte man von dort oben ein Summen zu hören, tief und monoton, als würde jemand beten.

Der Pfarrer von Brien begann sonntags fürbitten für die Toten der Berge zu sprechen. Doch das Glockengeläut klang fremd, als antwortete ihm ein anderes Echo, dumpf und hohl aus Richtung des Waldes. Die Alten erzählten von einem alten Bund, der lange vor der Kirche bestanden habe, dass wenn der Mensch die Erde zu tief verletze, sie zurückschlage.

Ende Juli erschien eine junge Frau im Dorf. Sie nannte sich Anna Fogt, die Nichte des verschwundenen Friedensrichters Sebastian Fogt. Sie trug schwarze Kleidung und eine Mappe aus Leder bei sich. In ihr befanden sich Kopien der verbrannten Aufzeichnungen von Dr. Albrecht Stein. “Ich will wissen, was meinem Onkel geschehen ist”, sagte sie mit fester Stimme.

Der Pfarrer versuchte sie zurückzuhalten, doch sie lachte. Ich fürchte weder den Tod noch den Aberglauben. In der Nacht vor ihrem Aufbruch zog Nebel vom See herauf, dichter als je zuvor. Er legte sich wie Wolle über die Dächer. Die Hunde jaulten und in der Ferne erklang wieder das Klopfen. Drei und drei.

Anna schritt früh am Morgen los mit einer Laterne und einem kleinen Dolch. Niemand sah sie mehr lebend. Zwei Tage später fanden Holzfäller am Fuß des Berges Spuren. Der Schnee war geschmolzen, doch im Schlamm sah man ihre Abdrücke. Klein, leicht, aber daneben zwei andere. Tiefe, gleichmäßige, doppelt so groß.

In der Nähe lag ihre Laterne zerbrochen und ihre Mappe halb im Wasser. Die Seiten waren durch Näst, doch man konnte lesen, was sie zuletzt geschrieben hatte. Ich habe sie gesehen. Zwei Männer hoch wie Bäume, ihre Haut so bllaß, daß sie das Licht fraß. Sie sagten kein Wort, aber ihre Augen sahen mich an und ich wusste. Sie wussten, wer ich bin.

Einer trug das Gesicht meines Onkels. Nach dieser Entdeckung brach im Tal Panik aus. Familien packten ihre Sachen, verließen die Höfe und die Straßen nach Süden füllten sich mit Wagen. Nur wenige blieben. Alte Männer, die sagten, der Berg müsse gefüttert werden, sonst käme er selbst hinab. Im September begannen Erdstöße, erst leicht, dann stärker.

Der See hob und senkte sich wie ein Atemzug. Der Pfarrer schrieb in sein Journal: “Es ist als lebe der Berg und sein Herz schlägt unter uns.” Am 13. September um Mitternacht erschien über der Miene ein Licht. Blau, dann weiß, dann rot. Es war so hell, daß man es im ganzen Tal sah.

Manche sagten, sie hätten Gestalten darin erkannt. Drei, dann zwei, dann nur noch eine. Am nächsten Morgen war der Hang offen wie eine Wunde. Die Erde war gespalten und dort, wo die Grube gewesen war, lag ein Krater voller Dampf. Ein Bauer, der näher ging, sah etwas in der Tiefe.

Ein Kreuz aus schwarzem Metall, an dem zwei Körper hingen, nebeninander die Köpfe gesenkt, als beteten sie. Es waren sie, flüsterte er, Jakob und Heinrich. Er schwor, sie hätten gelächelt. Der Krater blieb heiß, den ganzen Winter über. Kein Schnee blieb darauf liegen. Aus seinem Innern stieg Dampf auf, der roch nach Eisen und Salz. Und nachts, wenn der Wind still stand, hörte man eine Frauenstimme singen, leise, sanft und unendlich traurig.

Der Pfarrer schrieb seinen letzten Eintrag: “Das Opfer ist vollbracht. Doch wer hat hier geopfert? Der Mensch oder die Erde?” Dann verließ er das Dorf, ging nach Norden und kam nie wieder zurück. Als der Winter kam, bedeckte der Schnee das Tal. Nur der Krater blieb offen, warm wie ein Atemloch der Welt.

Und manchmal, wenn der Mond über den Bergen stand, sah man in seinem Dampf zwei Schatten stehen, unbeweglich, groß wie Türme, das Gesicht erhoben, als beteten sie in den Himmel. Der Winter des Jahres wurde in Obersee später der stumme Winter genannt. Kein Vogelsang, keine Krähe krächzte. Selbst das Eis auf dem See war lautlos, als wolle es kein Geräusch wagen.

Die Menschen, die geblieben waren, sprachen kaum miteinander. Wenn man sie fragte, sagten sie, die Luft sei zu schwer zum Reden. Sie wussten, dass etwas im Berg lebte, nicht Geist, nicht Tier, sondern etwas dazwischen. Im Januar des folgenden Jahres kam eine Gruppe Fremde aus München, fünf Männer, gelehrte und geistliche.

unter der Leitung des Professors Johann Reuter, Anthropologe und Theologe. Er hatte von den Ereignissen gehört und erklärte, er wolle den Kult der Gerechten erforschen. Der Pfarrer war fort, der Bürgermeister tot und niemand hinderte sie. Als sie das Tal betraten, fiel Ruter auf, dass der Schnee an manchen Stellen geschmolzen war, obwohl die Luft frostig blieb.

Unter den kahlen Bäumen ragten schwarze Steine hervor, zu rund, zu glatt, als wären sie geformt. Einer der Männer, ein junger Assistent, hob einen auf. Er warm. “Das ist Lava”, sagte er ungläubig. “Doch es hatte in Obersee nie einen Vulkan gegeben. Sie schlugen ihr Lager am Rand des Kraters auf. Die Luft war dort so heiß, dass die Kerzen nicht brannten.

Aus der Tiefe stieg Dampf, der wie Flüstern klang. als hätte der Berg eine Stimme. Reuter schrieb in sein Notizbuch: “Hier weht kein Wind und doch bewegt sich alles. Ich spüre Herzschläge in der Erde und wenn ich die Hand auf den Boden lege, glaube ich, dass jemand unter mir betet.” In der dritten Nacht begannen die Träume.

Die Männer schrien im Schlaf, sprachen in Zungen. Einer wachte mit blutigen Händen auf. “Ich habe sie gehalten”, murmelte er. zwei Kinder, aber ihre Haut war aus Stein. Am Morgen fand man ihn nicht mehr. Nur Fußspuren führten zum Krater, endeten dort. Keine Zeichen eines Sturzes, keine Spur von Kampf. Am fünften Tag beschloss Reuter hinabzusteigen.

Sie befestigten Seile an den Felsen, ließen Laternen hinunter. Der Dampf roch nach Schwefel und Süße wie faulende Blüten. Nach 20 Metern öffnete sich eine Kammer, natürlich, aber zu symmetrisch, um Zufall zu sein. Auf dem Boden lag Asche, feine graue Asche, die im Licht glitzerte und darin Spuren, Fußabdrücke, Paarweise, immer zwei, tief und klar.

An der Rückwand entdeckten sie etwas, das aussah wie eine Tafel aus dunklem Stein gehauen. Darauf eingeritzt war ein einziger Satz in sauberem Latein. Purificao nonfinit. Sie endet nie. Reuter schrieb es in sein Buch, doch seine Hand zitterte. Einer der Männer sagte, das ist nicht von Menschenhand. Und tatsächlich, die Buchstaben glüht schwach, als wären sie frisch gebrannt.

Dann kam das Geräusch langsam, gleichmäßig wie ein Pulsschlag tief im Gestein. Drei Schläge, Pause, drei Schläge. Der Boden vibrierte, die Laternen flackerten und aus der Tiefe des Kraters drang ein Singen, zwei Stimmen, perfekt im Einklang. Einer der Männer verlor den Halt und stürzte.

Reuter beugte sich über den Rand und sah, wie der Körper fiel und plötzlich still stand, schwebend, gehalten, von unsichtbarer Hand. Zwei Gestalten traten aus dem Schatten. Sie sahen auf und Reuter erkannte sie sofort, hoch, bleich, reglos, Jakob und Heinrich Krämer. Doch sie waren verändert. Ihre Haut war durchsichtig geworden, ihre Augen leer, und auf ihrer Brust brannte das Zeichen, ein Kreuz mit zwei Querstreben.

Einer von ihnen sprach und die Stimme halte, als käme sie aus dem Berg selbst. Du forschst nach Gott in der Erde, Professor. Jetzt weißt du, wo er wohnt. Reuter schrie nicht. Er fiel in die Knie, das Gesicht im Dampf. Die Männer zogen an den Seilen, rißen ihn nach oben.

Doch als er das Tageslicht erreichte, war sein Haar weiß, seine Augen leer. “Sie sind gerecht”, flüsterte er immer wieder. “Sie sind die Reinheit selbst.” Die Expedition kehrte am selben Tag zurück nach München. Drei Männer fehlten. Reuter wurde in die Heilanstalt gebracht, wo er noch drei Jahre lebte. Er sprach nie wieder zusammenhängend, nur manchmal murmelte er im Schlaf. Drei und drei. Das Urteil kommt.

Im Tal wuchs das Gras wieder, doch nichts blühte. Der Krater blieb warm und jede Nacht, wenn der Wind stand, hörte man aus der Erde Gesang, sanft, endlos wie Gebet. Das Jahr 1880 brachte keine Ruhe. Der Berg blieb offen, dampfend, wie eine Wunde, die sich nicht schließen wollte. Die Dörfer ringsum waren fast leer.

Nur einige Familien lebten noch dort, weil sie zu alt oder zu arm waren, um fortzugehen. Sie erzählten, dass nachts Lichter über dem Grater tanzten, blaue Flammen, die wie Seelen wirkten. Manche sagten: “Es seien die Gerechten, die nun wachen.” Andere nannten sie schlicht die Feuer der Schuld. Im Herbst erschien ein neuer Pfarrer, Pater Wilhelm Hartmann, ein Mann von kaum dreig Jahren, streng, mit klaren Augen und unbeugsam Glauben.

Er kam mit einem Ziel: “Ich werde den Dämon vertreiben oder er wird mich holen.” Die Alten baten ihn zu bleiben, doch er lächelte. Was Gott geschaffen hat, kann kein Mensch besiegen, aber auch kein Mensch verschweigen. Er ließ eine kleine Kapelle bauen, keine 500 Schritte vom Krater entfernt. Sie bestand aus Stein, schlicht, ohne Glocke.

In der Nacht, als sie geweiht wurde, begann der Boden zu beben. Die Kerzen erloschen und durch die Fenster sah man den Krater aufleuchten. Blau, dann weiß, dann schwarz. Hartmann kniete nieder und betete laut. während die Wände zitterten. “Herr, erkenne deine Kinder und nimm, was dir gehört”, schrie er. Und plötzlich war alles still.

Drei Tage lang blieb der Himmel grau, kein Wind regte sich. Dann erschien über der Kapelle Rauch und man fand Hartmann auf den Stufen, leblos, das Gesicht zum Himmel gerichtet. Auf seiner Brust war ein Zeichen eingebrannt, zwei Linien und ein Kreis, das alte Symbol der Gerechten. In seiner Hand hielt er ein Blatt Papier. Darauf stand in seiner Handschrift: “Ich habe ihn gesehen. Er ist weder Engel noch Teufel.

Er ist das, was bleibt, wenn der Mensch glaubt, er habe Gott verstanden.” Nach Hartmanns Tod mi jeder die Gegend. Nur einmal kam noch jemand. Ein Maler aus München, Ludwig Faber, der Geschichten über die heilige Miene gehört hatte. Er wollte sie sehen, malen, den Schrecken auf Leinwand bannen.

Er war jung, kühn, voller Romantik und Spott über das, was er bäuerliche Gespenster nannte. Er verbrachte drei Tage am Krater, malte bei Dampf und Schwefelgeruch. Am vierten Tag kehrte er ins Dorf zurück. Bleich mit leerem Blick. Er sprach nicht, trank nur Wasser und zitterte. Die Dorfbewohner sagten er sei nicht mehr derselbe. Er lebte noch zwei Monate, dann fand man ihn tot in seiner Kammer, das Gesicht zur Wand gedreht.

Neben ihm lag das fertige Gemälde. Darauf war der Krater zu sehen. Genau, detailreich. Doch aus seiner Tiefe erhoben sich zwei Gestalten, riesig, durchsichtig, in Gebet versunken und über ihn kaum sichtbar eine Dritte, eine Frauengestalt mit erhobenem Haupt, die Augen leer, die Hände wie Flügel.

Auf dem Rahmen stand eingeritzt: “Das Opfer nährt die Gerechten.” Das Bild wurde nie öffentlich gezeigt. Man sagt, wer es ansah, hörte danach in Träumen den Klang von Schritten. Drei und drei. Langsam, endlos. Das Gemälde verschwand später bei einem Brand in München zusammen mit den Notizen des Malers. Nur eine Skizze blieb erhalten. Ein Kreuz mit zwei Querstreben, aus dessen Mitte Rauch aufstieg.

In den Jahren danach überwucherte Gras den Krater, doch der Boden blieb warm. Die wenigen, die noch dort wohnten, schworen: “Im Frühling sei der Schnee immer zuerst über dem alten Stollen geschmolzen. Und manchmal, wenn man ganz still war, konnte man hören, wie die Erde unter einem atmete.

Ruhig, gleichmäßig wie ein Herz, das nie aufgehört hatte zu schlagen. Im Sommer des Jahres 1895 kamen Arbeiter, um eine Straße zu bauen, die das Tal mit der Stadt verbinden sollte. Sie kannten die Geschichte nicht oder lachten darüber. Am dritten Tag stießen sie beim Graben auf Steinplatten. Eine trug Inschriften. Der Vorarbeiter wischte den Dreck ab, las die Worte und ließ den Stein fallen.

Purificao Nonfinit. Die Reinigung endet nie. Noch am selben Abend verließen die Männer die Baustelle. Niemand kehrte zurück, und als im Morgengrauen die Sonne über die Hügel kam, sah man über der alten Miene Rauch aufsteigen, langsam, ruhig wie Atem. Die Straße nach Obersee wurde nie fertig gestellt.

Das Tal blieb abgeriegelt und allmählich verschwand es von den Karten. Die alten Bewohner starben und die Jungen zogen fort. Nur in Archiven tauchten hin und wieder Notizen auf, Berichte über geologische Anomalien, über nicht Wärmequellen und elektromagnetische Störungen. Niemand erwähnte die Gerechten. Niemand sprach mehr von der Familie Krämer.

Doch in alten Wirzhäusern flüsterte man im Dialekt: “Wenn der Nebel drei Tage bleibt, gehen sie wieder um.” Im Jahr 1908 trat ein junger Ingenieur, Ernst Weber, in den Dienst der königlichen Bergaufsicht. Er hatte von der Miene gehört und wollte sie untersuchen. “Wissenschaft kennt keine Geister”, sagte er.

Mit einem kleinen Team reiste er im Sommer in das Tal. Sie fanden überwucherte Wege, verfallene Hütten und einen Hügel, an dem die Erde schwarz war, als wäre dort nie Gras gewachsen. Weber beschrieb später: “Der Boden warm, wie das Herz eines Tieres. Wir maßen die Temperatur, fast 40°. Kein Rauch, kein Feuer, nur Wärme.

Und der Boden vibrierte ganz schwach, aber rhythmisch. Sie schlugen ein Lager auf. In der ersten Nacht hörten sie Schritte, gleichmäßig, schwer, drei und drei. Weber glaubte, es sei Wind, der Steine bewegte, doch am Morgen fand er die Fußabdrücke, tief, groß, wie von Männern, aber barfuß. Er maß sie, 35 cm lang. Einer der Arbeiter, ein Tiroler namens Josef, weigerte sich weiterzuarbeiten.

“Das ist kein Ort für Menschen”, sagte er. Am nächsten Tag war er verschwunden. Seine Schuhe standen ordentlich vor dem Zelt. Weber schrieb in sein Tagebuch: “Vielleicht halluzinieren wir. Der Schwefelgeruch, der Sauerstoffmangel, die Nerven. Und doch manchmal meine ich Stimmen zu hören, zwei, die im Einklang beten.

Am dritten Tag öffneten sie den Boden. Unter der Ascheschicht fanden sie alte Steine, Mauerreste, vielleicht von der Kapelle des Paters Hartmann, darunter eine Schicht aus Knochen. Hunderte kleine brüchige Stücke, zu leicht für Tiere. Einer der Männer flüsterte: “Kinder, Weberwich zurück!” Er war kein frommer Mann, aber in diesem Moment betete er. Plötzlich wurde die Erde heiß.

Ein Grollen kam aus der Tiefe, als würde etwas unter ihnen erwachen. “Deckung!” schrie Weber. Doch bevor sie fliehen konnten, brach der Boden auf. Ein Lichtstrahl schoss empor, weiß und lautlos wie flüssiger Mondschein und in ihm zwei Schatten, hoch, unbeweglich, die Köpfe gesenkt. Einer der Arbeiter schrie. Weber selbst fiel zu Boden.

Als das Licht erlosch, war Stille. Drei Männer fehlten. In der Mitte des Kraters blieb ein Abdruck, ein Kreuz mit zwei Querstreben eingebrannt in den Fels. Weber floh. Wochen später berichtete er in München, seine Stimme rau und gebrochen. Es gibt keinen Gott dort oben, nur das, was er zurückließ, als er ging. Man erklärte ihn für wahnsinnig.

Er starb im Jahr in einer Anstalt, zeichnete bis zuletzt Kreuze auf die Wände und wiederholte einen Satz. Und drei, sie beten noch. Nach seinem Tod versuchte man die Akten zu schließen. Doch ein Inspektor, der den Bericht las, notierte am Rand: “Ich war dort. Der Boden lebt. Er schlägt wie ein Herz.

Und wenn man die Hand darauf legt, fühlt man es beten. In den folgenden Jahrzehnten verschwand Obersee völlig. Auf Landkarten hieß das Gebiet nur noch verlassene Region. Doch Jäger erzählten, manchmal sehe man bei Vollmond Rauch über den alten Faden und dem Schnee spuren. Zu groß, zu regelmäßig, um von Menschen zu stammen.

Eine letzte Erwähnung fand sich im Jahr 1939 in den Aufzeichnungen eines Wehrgeologen. Er schrieb: “Die Gegend ist unbrauchbar, ständige Wärme, Bodenbewegung, magnetische Störung, keine Tiere, nachtsgeräusche wie Schritte. Drei und drei. Danach schwieg die Erde. Fast 50 Jahre lang sprach niemand mehr von Obersee. Bis zum Sommer 1989. Im Sommer des Jahres 1989, mehr als 100 Jahre nach den ersten Ereignissen, kehrte das Schweigen des Berges zu einem Laut zurück.

Ein Forschungsteam der Technischen Universität München wurde in das Talents entsandt, um geothermische Messungen vorzunehmen. Sie wollten Energiequellen kartieren, nicht Legenden. Acht Personen waren es, vier Männer, vier Frauen, jung, rational, ohne Glauben an das Übernatürliche. Die Anwohner rieten ihnen ab, doch sie lachten.

Geister verbrennen kein Bohrgerät. Sie schlugen ihr Lager nahe dem alten Krater auf, wo der Boden noch immer warm war. Messgeräteen, Sensoren blinkten. Alles schien ruhig. Nur in der Nacht vibrierte der Boden leise, regelmäßig wie ein Puls. Die Geologen notierten: Erdbebenfrequenz ungewöhnlich konstant. Drei Schläge. Pause. Drei Schläge. Einer von ihnen, Dr.

Leonhard, meinte schft: “Der Berg atmet noch.” Niemand lachte. Am dritten Tag drang sie tiefer vor. Der Bohrer stieß auf eine Schicht, härter als Basalt, aber warm. Dann trat Dampf aus, trocken, salzig, mit einem süßlichen Geruch. Ein Gerät zeichnete Frequenzen auf, die wie Stimmen klangen. Eine der Forscherin, Dr.

Anja Weiß, hörte in den Aufnahmen etwas, dass sie nie vergessen sollte. Zwei Stimmen im Gleichklang, die dieselben Worte wiederholten: “Herr, prüfe uns im Feuer und erkenne die Gerechten.” Die Aufzeichnung wurde später überprüft. Kein Gerät hätte solche Frequenzen erzeugen können. In der Nacht des 21. Juli schlugen Blitze in den Berg. Die Geräte zeigten keine Entladung an. Die Energie kam aus dem Boden, nicht vom Himmel.

Das Lager bebte. Einer der Männer rannte, schreiend, dass etwas unter ihm lebe. Dann öffnete sich der Boden. Ein Lichtstrahl, weiß und flüssig wie Metall, stieg auf. Die Luft roch nach Schwefel und Rosen. Als das Licht verging, war das Lager zerstört. Nur eine Kamera blieb intakt, halb im Boden vergraben. Man fand sie Tage später.

Auf dem letzten Bild waren zwei Gestalten zu sehen. Groß, durchsichtig, die Hände gefaltet, als beteten sie. Zwischen ihnen stand eine Frau mit offenem Haar, das Gesicht zum Himmel erhoben. Sie lächelte. Das Foto wurde archiviert und verschwand kurz darauf. Offiziell hieß es: “Ein Gasausbruch habe die Forscher getötet.

Doch die Berichte, die durchgesickert sind, sagen etwas anderes. Die Körper wurden nie gefunden. Nur der Boden war schwarz verbrannt und auf der Fläche eingraviert war ein Kreuz mit zwei Querstreben. Nach dem Unglück wurde das Tal endgültig gesperrt. Satellitenaufnahmen zeigten später, dass dort kein Schnee mehr fiel. Selbst im tiefsten Winter blieb der Fleck kahl, warm, atmend.

Und doch manchmal, wenn der Wind aus Süden kam, hörten Bewohner der umliegenden Orte ein fernes summen wie Gesang. Langsam, tief, feierlich, drei Töne, Pause, drei Töne. Im Jahr 2003 erschien in einer theologischen Fachzeitschrift ein kurzer Aufsatz ohne Verfasser. Er bestand aus einem Absatz. in Latein, Quot in Terracet, Nondormit, Judizium Nonches Purifikaio, Nonfinit. Was in der Erde ruht, schläft nicht.

Das Gericht endet nicht, die Reinigung hört niemals auf. Darunter stand eine Notiz in deutscher Sprache handschriftlich: “Sie sind gerecht und sie warten.” Und noch heute, wenn der Nebel über die bayerischen Voralpen singt und kein Laut mehr zu hören ist, sagen die Alten in den Dörfern leise: “Hörst du das? Drei und drei, dann bete.

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