Der makabre Fall der Oetz-Zwillinge, die ihre eigene Dynastie erschufen (Schwarzwald, 1903)

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Im entlegenen Schwarzwald, wo Fichten und Tannen so dicht stehen, dass selbst am Mittag nur ein fahles Licht den Waldboden erreicht, gibt es einen Ort, über den die Leute ungern sprechen. Das Jahr war 1903. Das Kirchdorf am nächsten Bach zählte kaum dreiundert Seelen und rings umroch es nach Harz, nassem Moos und dem kalten Eisen der Sägen.

Dort, am Ende eines karrenbreiten Forstwegs, lag das Anwesen der Familie Ötz. Ein Hof, der mehr verschluckte, als er Preis gab. Ein Ort, an dem Geheimnisse so tief wurzeln konnten wie die alten Buchen. Die Legende, die ich erzählen will, wuchs in diesen Wäldern, wo Abgeschiedenheit gewöhnliche Menschen in etwas anderes verwandelt.

Es ist eine der verstörendsten Geschichten darüber, wie weit eine Familie gehen kann, um ihre dunkelsten Geheimnisse zu bewahren. Waldemar Ötz hatte das Land im Jahr 1885 gekauft, junggeizig, mit der Idee, aus Holz seinen Wohlstand zu schlagen. Das Wohnhaus, ein zweistöckiger Bau aus den Stämmen, die er selbst hatte fällen lassen, stand im Herzen eines Areals von gut 200 Morgen. Waldemar galt in der Gegend als fleißig und wortkrag.

Seine Frau war bei der Geburt der Zwillinge gestorben, im Jahr 184 und seitdem trug er allein die Last Philomena und Wilbert großzuziehen. Die nächsten Nachbarn wohnten drei Wegstunden entfernt und selbst die sah man selten in der Kirche. Der Hof nährte sich vom Sägewerk, das Waldemar hinter dem Schuppen gebaut hatte und vom Wild, das der Wald hergab.

Die Zwillinge wuchsen beinahe ohne Berührung mit der Außenwelt auf. Sie waren blass, mit fast weißblondem Haar und Augen so hell, daß man sich darin fröstelnd wiederfand. Frühe Besucher sprachen von einer Verbundenheit zwischen den beiden, die das Zimmer abkühlen ließ. Sie vollendeten einanders Sätze, wechselten Bedeutungen mit kaum sichtbaren Gesten und wenn einer nickte, begann der andere zu gehen, als hätte ein einziger Wille beide Körper.

Der Sport einiger Dorfkinder über Philomenas Bläße und ihr scheues Wesen an einem seltenen Marktag schnitt tief. Waldemar, ein frommer Mann, brachte die Kinder heim, schloss das Hoftor ab und erklärte: “Die Außenwelt sei nicht nötig.” Von da an wurden die Fahrten ins Dorf seltener als das Licht im Tannenstand.

Als die Zwillinge in jenem Winter volljährig wurden, bemerkte der Vater Dinge, die er nicht benennen konnte. Sie schlossen sich stundenlang im Dachboden ein. Manchmal fand er sie schweigend am Tisch, Stirn an Stirn, die Hände still wie gefaltete Flügel. Es schien, als hätten sie eine lautlose Sprache entwickelt, die ihn ausschloß. Die Unruhe in Waldemars Brust wuchs, als er entdeckte, dass sie wieder in einem Zimmer schliefen.

“Es war immer so,”, sagten sie, und ihre Stimmen fielen wie Schnee, weich, aber kalt. Er blätterte in der Bibel, suchte Worte, die trösten oder warnen konnten, fand jedoch nur die Lehre zwischen den Zeilen. Im Haus stand noch die kleine Bibliothek des Großvaters, ein Mann, den die Gegend für verschroben gehalten hatte.

Zwischen Stammbüchern und alten Traktaten über Familienlinien fanden sich auch Schriften zur Tierzucht. Einfache Abhandlung über Vererbung, über Merkmal und Mischung, Reinheit und Auslese. Als der Winter die Wege zuschneite und der Hof für drei Monate von der Außenwelt abgeschnitten war, vertieften sich Philomena und Wilbert in diese Bücher, als wären es Gebetsbücher.

Sie machten sich Zeichen in den Rändern, tauschten Blicke statt Worte und manchmal hörte man den Dachboden knacken, als atmete das Holz schwerer. Mit dem Tauwetter kam der Weg frei und Waldemar fuhr mit dem Wagen ins Dorf, um Mehl und Salz zu holen. Der Crämer fragte beiläufig nach den Hochzeitsvorbereitungen. Waldemar lachte zuerst, dann stockte ihm das Blut.

Weißer Stoff sei gekauft worden, erzählte der Mann, und eine Rede über eine häusliche Zeremonie sei gefallen. Auf der Rückfahrt knirschte der Frost unter den Hufen wie Zähne. Zu Hause stellte er die Kinder zur Rede. Philomena und Wilbert saßen nebeneinander, die Hände gefaltet und erklärten ruhig, sie hätten beschlossen zu heiraten einander. Sie sprachen von reinen Linien, von Bewahrung, von Familienbäumen, die sich nicht verzweigen dürften.

Waldemar berief sich auf Schrift und Natur, aber seine Einwände prallten ab wie Funken auf nassem Holz. Die Trauung, so nannten sie es, fand an einem kühlen Maitag des Jahres 1903 im Obstgarten hinter dem Haus statt. Kein Pfarrer, keine Gäste, nur die Zwillinge und der Vater, den sie zum Zeugen machten, wie man jemandem die Tür hält, damit er keinen Einwand mehr hat. In den Wochen danach zogen Philomena und Wilbert in die große Stube im Obergeschoss.

Waldemar miet das Haus, blieb am Sägewerk bis in die Dämmerung, trank abends Brandwein und versuchte die Geräusche aus dem oberen Stockwerk zu überhören, die wie ein zweites Herz im Holz schlugen. Die Monate legten sich schwer über den Hof. Die Zwillinge veränderten das Haus.

Sie montierten zusätzliche Riegel, vernagelten Fenster und im Keller hörte man Schaben und gedämpftes Klopfen. Auf Fragen antworteten sie. Sie bereiteten die Zukunft vor für die Familie, die kommen werde. Im Dorf kauften sie haltbare Lebensmittel, Bretter, Kalk, Seile. Der Krämer sagte, sie zahlten in Bar und sparten an Worten.

Die Leute spürten, wie eine unsichtbare Glocke über dem Anwesen heruntergelassen wurde. Als Herbst Philomenas Schwangerschaft nicht mehr zu verbergen war, senkte sich eine Stille, die man fast riechen konnte. Die Wege froren früh, die Schornsteine rauchten nachts. An einer stürmischen Märznacht folgte das Kind, ein Mädchen, dem Ruf ins Leben.

Waldemar stellte den Fuß auf die Treppe, doch Wilbert versperrte ihm den Weg. Stunden kreischten durchs Holz, bis die Stille wiederkam, schwerer als zuvor. Als der Vater das Kind endlich sah, verstand er das Schweigen. Eine Hand mit zu vielen Fingern, eine Schädeldecke, die sich nicht fügte, wie sie sollte.

Was ihn am meisten erschreckte, war der Blick der Eltern, nicht Trauer, nicht Sorge, sondern eine zufriedene Verwunderung, als hätte sich etwas gezeigt, auf das man lange gewartet hatte. Von da an bekam Waldemar das Mädchen kaum zu sehen. Fragen glitten an den Zwillingen ab, wie Regen aner. Wenige Monate später wölbte sich Philomenas Bauch erneut und in Nächten, in denen der Wind vom Tal heraufkam, glaubte der Vater aus dem Keller Laute zu hören, die sich nicht erklären ließen. Ein dünnes Wein, dann wieder nur das Knacken der Balken.

Der Wind, sagten die Zwillinge und schlossen die Tür mit einem Riegelmeer. Das zweite Kind kam in einem Schneesturm im Dezember des folgenden Jahres. Ein Junge, gesund, dem Anschein nach, ohne die merkwürdigen Zeichen der Schwester. Aber die Erleichterung hielt nicht. In den Blicken der Eltern lag etwas wie Enttäuschung, als wäre Normalität ein Makel.

Sie pflegten das Mädchen mit gründlicher Hingabe, während der Junge oft stundenlang allein blieb, stumm wie ein Holzscheid am Herd. Da war es als beganne ein unsichtbares Register über den Kindern mitzuschreiben. Die besondere und der Fehlgang. Worte, die keiner aussprach, die aber zwischen den Wänden hing wie kalter Rauch.

Und irgendwo zwischen den Geräuschen des Sägewerks und dem Atem der Bäume begann der Hof der Ötz, etwas anderes zu werden als ein Zuhause. Ein Gefäß, das man von außen nicht mehr lesen konnte. Und innen füllte sich die Dunkelheit mit Ordnung. Im Frühjahr des Jahres 1905 kam ein Mann in den Wald, den alle kannten.

Hubert Meiksner, ein erfahrener Jäger aus dem Dorf Drieberg. Er war einer jener Menschen, die den Wald wie ein Buch lesen konnten. Jedes gebrochene Ästchen, jede Spur im Moos erzählte ihm eine Geschichte. Eines Morgens sah er Rauch aus dem Schornstein des Ötzhofs aufsteigen, dicht und grau, zu einer Stunde, in der kein vernünftiger Mensch ein Feuer anzünden würde, 3 Uhr vor Sonnenaufgang.

Hubert, neugierig von Natur, beschloss nachzusehen. Als er am Nachmittag eintraf, empfingen ihn Philomena und Wilbert freundlich, zu freundlich. Sie boten ihm Kaffee an, fragten nach der Jagd, erkundigten sich nach Neuigkeiten aus dem Tal. Doch etwas an ihnen stimmte nicht. Hubert, der in Kriegszeiten schon Männer hatte Lügen sehen, bemerkte die Feinheiten, die vollkommen gleichen Bewegungen, das unnatürliche Lächeln, die Art, wie sie gleichzeitig den Kopf neigten, als würden sie dieselben Gedanken denken. Der Hof war verändert.

Viele Fenster waren mit Brettern vernagelt, selbst im Erdgeschoss, wo sonst Geranien gestanden hatten. Der Geruch im Haus war seltsam, nicht faul, eher beißend wie Medizin oder frischer Kalk. Wir bauen um,” erklärte Wilbert gelassen. “Für die Kinder. Es soll sicher sein.” “Kinder.

” Hubert hatte noch keines gesehen, aber er sagte nichts. Als er nach einem kurzen Gespräch die Toilette benutzen wollte, ging er durch den Gang und hielt plötzlich inne. Von unten aus dem Keller kam ein Laut, leise, aber eindeutig, ein Wimmern, kurz, unterbrochen von etwas, das wie das Kratzen kleiner Nägel klang. Er blieb stehen, das Herz pochte, dann war es still.

Zurück in der Stube sprach er beiläufig davon, daß er ein Kind gehört habe. Die Zwillinge sahen sich an, ein kurzer Blick und das Lächeln verschwand aus beider Gesichtern wie eine Kerze, die jemand ausbläst. “Das war der Wind”, sagte Philomena mit dieser flachen Stimme, die weder Lüge noch Wahrheit kannte. Gubert verließ den Hof mit einem Knoten im Magen.

Auf dem Rückweg überlegte er, ob er zum Fahrer gehen sollte. Doch wem hätte er erzählen sollen, was er eigentlich nur gefühlt, nicht gesehen hatte? Im Dorf begann er vorsichtig Fragen zu stellen. Niemand hatte die Kinder der Zwillinge je gesehen. Der Arzt, Dr. Karl Benzing wurde bleich, als Hubert ihn darauf ansprach und sagte nur: “Man soll nicht alles wissen wollen, was hinter manchen Türen geschieht.

” In den Wochen danach beobachtete Hubert den Hof aus der Ferne. Er kannte einen alten Hochsitz. von dem aus man den Schornstein sehen konnte. Dort verbrachte er Nächte, den Mantel umgeschlagen, das Gewehr neben sich. Er sah Lichter im Haus, die sich bewegten, als trüge jemand Laternen von Raum zu Raum, lange nach Mitternacht.

Er sah Schatten im Hof, schmale Gestalten mit Bündeln, die sie zum Keller trugen. Philomena war wieder schwanger. Das war nun das dritte Kind. Waldemar, der Vater, schien kleiner geworden zu sein, wie ausgehöhlt. Er mi den Blick der Zwillinge und wenn er sprach, klang seine Stimme brüchig.

Manchmal, wenn er das Sägewerk verließ, schwankte er leicht, betäubt vom Brandwein, den er in der Speisekammer versteckte. Der Sommer kam und mit ihm das dritte Kind, ein Mädchen. Waldemar durfte es sehen und was er sah, raubte ihm den Schlaf. Das Kind atmete schwer, der Körper war schief, die Finger wie zusammengewachsen. Doch Philomena lächelte, als sie es hielt.

Und Wilbert machte Notizen in einem kleinen Buch, das er nie aus der Hand legte. Auf dem Einband stand in blasser Tinte Linie O. Von da an redeten die Zwillinge über die Kinder nicht mehr mit Namen. Waldemar hörte sie flüstern. das erste, das Fehlhafte, die Verbesserte. Er begann sich zu fürchten, nicht nur vor dem, was sie taten, sondern vor der Ruhe, mit der sie es taten.

Im Winter desselben Jahres besuchte Hubert Mener den Hof ein zweites Mal. Er kam nicht durch die Tür. Er wartete, bis die Nacht den Wald verschluckte und schlich sich näher wie ein Wolf. Durch ein vergittertes Kellerfenster sah er Licht. schwach, flackernd. Er kniete im Schnee, die Hände zitterten. Was er sah, ließ ihn an seinem Verstand zweifeln.

Im Keller waren kleine Abteile gezimmert, wie Stelle. In jedem bewegte sich etwas. Er hörte weinen, flüstern, atmen. Philomen trug eine Schale mit Essen, Wilbert einen Eimerwasser. Sie redeten leise, fast zärtlich. Hubert begriff, daß das keine Tiere waren, es waren Kinder.

Er wich zurück, stolperte fast, rannte in den Wald, doch bis zum Dorf kam er nie. Drei Tage später suchte man ihn. Man fand nur sein Gewehr, verrostet, im Laub, eine Wegstunde vom Hof entfernt. Im Dorf sprachen die Leute leise, wenn der Name Ötz fiel. Man erzählte, daß Hubert zu neugierig gewesen sei. Manche sagten, er habe das Böse gesehen und sei daran zugrunde gegangen.

Andere meinten, die Zwillinge hätten ihn zur Familie gemacht. Waldemar schwieg und wenn er nachts die Kellergeräusche hörte, hielt er sich die Ohren zu, bis das Blut rauschte. Er wusste, dass Schweigen nicht mehr Schutz, sondern Schuld war. Nach Hubert Meesners Verschwinden legte sich eine bleierne Stille über das Tal.

Der Winter des Jahres 1905 war schneereich und lang, die Wege zwischen den Dörfern kaum passierbar und der Hof der Ötz lag wie verschluckt in Weiß und Nebel. Nur der Rauch aus dem Schornstein verriet, dass dort oben noch jemand lebte. Waldemar arbeitete kaum noch. Seine Hände zitterten und seine Augen hatten jenen glasigen Blick, den man bei Männern sieht, die etwas gesehen haben, dass sie nicht begreifen.

Wenn er im Dorf erschien, selten genug, stand er schweigend beim Krämer, bezahlte in Münzen, die er zählte, als müsse er damit Zeit gewinnen. Die Leute tuschelten, er wird alt, der Ötz. Seit die Zwillinge das Sagen haben, ist Berg abgegangen. Philomena war wieder schwanger. Es war ihr viertes Kind. Die Dorfbewohner sahen sie nie, doch man spürte ihre Anwesenheit.

Boten, die Holz oder Mehl brachten, erzählten, sie hätten Schritte hinter den Fenstern gehört. Das Scharen kleiner Füße und eine Stimme, die sang. Leise, eintönig, ohne Melodie. Im Frühjahr des Jahres 1906 kam die Geburt. Waldemar erfuhr erst Tage später davon.

Er fand Wilbert im Hof schaufelnd mitten in der Nacht und fragte, was er da tue. “Ich richte den Boden”, antwortete Wilbert. “Für die Zukunft.” Mehr sagte er nicht. Das Kind, ein Junge, zeigte keine sichtbaren Fehler, aber es war still, unnatürlich still. Es weinte nicht, es lachte nicht, es sah niemanden an. Wenn Waldemer ihm in die Augen blickte, schien dort nichts zu wohnen, nur Lehre, als wäre das Kind aus etwas anderem gemacht als aus Leben.

Die Zwillinge schotteten sich nun völlig ab. Niemand aus dem Dorf betrat mehr das Grundstück und selbst die Holzfäller mieden den Weg. Wenn Nebel aufzog, erzählten sich die Leute im Wir könne dann die Stimmen der Kinder hören, wie sie irgendwo im Keller sen. Dr. Karl Benzing, der Dorfarzt, begann Verdacht zu schöpfen. Er hatte seit Jahren keine der Geburten selbst betreut, was ihn beunruhigte.

Als er in seinen Aufzeichnungen nachzählte, stellte er fest, dass es mehr Schwangerschaften gegeben haben mußte, als Kinder im Register standen. Fünf Geburten, nur zwei Eintragungen. Er schrieb an den Bezirksbeamten, erhielt jedoch keine Antwort. Schließlich beschloss er, selbst nachzusehen. Im Sommer machte er sich auf den Weg. Er kam nie zurück.

Sein Pferdewagen wurde zwei Meilen vom Ötzhof entfernt gefunden. Die Pferde noch angespannt, die Peitsche auf dem Boden. Die Tasche des Arztes lag offen, die Instrumente verstreut, als hätte er sie im Laufen verloren. Vom Doktor selbst fehlte jede Spur. Das Dorf schwieg. Offiziell hieß es, er sei vom Weg abgekommen. Vielleicht gestürzt, vielleicht vom Wild überrascht. Doch niemand glaubte das wirklich.

Nachts im Wir flüsterten die Männer. Die Zwillinge haben ihn sowie den Miksner. Waldemar war nun kaum mehr als ein Schatten im eigenen Haus. Er lebte auf dem Dachboden, miet die Zwillinge, sprach mit sich selbst. Manchmal hörte man ihn durch die Dielen murmeln. Es sind keine Kinder. Keine Kinder? Philomena und Wilbert arbeiteten inzwischen fast nur noch nachts.

Aus dem Keller drangen Geräusche, hämmern, schieben, kratzen. Sie trugen Eimer hinaus, Schaufeln, Säcke mit Kalk. Auf Fragen antworteten sie mit einem Lächeln. “Alles unter Kontrolle”, sagte Philomena und ihr Ton war sanft, wie bei einer Mutter, die ein Kind beruhigt. Im Dorf begann man von einem Fluch zu sprechen.

Man miet den Wald, wenn der Mond über den Bergen stand. Selbst die Jäger, Männer ohne Aberglauben, machten weite Umwege. Im Frühjahr 1907 brachte Philomena ihr fünftes Kind zur Welt, ein Mädchen. Waldemar bekam es nie zu sehen, doch er hörte es. Das Wein war anders, schrill, unregelmäßig und manchmal brach es mitten im Ton ab. Danach folgte Stille.

Diese tiefe Zähstille, die schlimmer war als jedes Geräusch. Der Arzt war fort, der Jäger tot, die Nachbarn schwiegen. Der Hof stand wie ein abgeschnittener Ast inmitten des Waldes und niemand wagte, ihn zu berühren. Eines Nachts, als die Schneeflocken groß wie Federn fielen, sah ein Händler, der sich verirrt hatte, vom Hügel aus Licht im Keller.

Er erzählte später, er habe Wilbert gesehen, wie er etwas trug. Ein Bündel, das sich bewegte, als würde es atmen. Philomena folgte ihm mit einer Laterne. Dann sei das Kellerfenster geschlossen worden und das Licht erlosch. Der Händler schwor: “Er habe Stimmen gehört. Viele Stimmen. Einige kindlich, andere so tief, dass sie nicht menschlich klang. Als er das Dorf erreichte, schwieg er drei Tage lang.

Dann verließ er die Gegend und kam nie wieder. Und im Haus am Ende des Forstwegs schob sich die Dunkelheit tiefer in die Wände, während der Wind durch die Tannen flüsterte, als wolle er alles erzählen, aber niemand hören. Der Frühling des Jahres 1908 brachte keinen Aufbruch, sondern nur ein neues Maß an Furcht.

Die Bewohner der umliegenden Dörfer mieden die Wege, die am Hof der Ötz vorbeiführten und die Holzfäller schworen, dass selbst die Tiere dort nicht mehr zu sehen seien. Keine Rehe, keine Füchse, als hätte der Wald selbst beschlossen, den Ort aufzugeben. Waldemar war ein gebrochener Mann. Er sprach kaum noch, aß wenig, und in seinen Augen lag der Ausdruck eines Gefangenen.

Im Dorf hieß es, die Zwillinge hielten ihn nicht mehr für den Vater, sondern für ein Hindernis. Es gab Nächte, da hörte man vom Hof ein langes Klopfen, dann Stille, dann Schritte. Manchmal glaubte man, eine Männerstimme zu hören, dumpf wie aus dem Keller. Im Herbst war Philomena wieder schwanger. Niemand wunderte sich mehr.

Sie trug ihre Schwangerschaft mit einer Ruhe, die an etwas Unnatürliches grenzte. Die wenigen Male, als Waldemar sie sah, bemerkte er, dass sie in einem Notizbuch schrieb: Seitenweise, Tabellen, Linien, Zahlen, Beobachtungen, sagte sie, als er fragte. Im Januar des Jahres kam das Kind, das sechste. Waldemar bekam es nicht zu sehen. Die Zwillinge sagten, es müsse im Dunkeln bleiben, wegen der Augen.

Der Vater begann nun, die Nächte auf dem Dachboden zu verbringen, unter dem kleinen Fenster, durch das er die Sterne sehen konnte. Er zählte sie, um nicht den Verstand zu verlieren. Drunen im Haus hörte er Schritte, manchmal das Scharen von Metall, manchmal ein leises Summen, wie wenn jemand ein Wiegenlied summt, das längst keines mehr ist.

Ein junger Pfarrer Wika Matthias Krämer kam im Frühjahr 1910 ins Tal. Er war kaum 30, gläubig, aber neugierig. Als er von den Gerüchten um die Öts hörte, wollte er die Wahrheit wissen. Er sprach mit Waldemar, der beim Gräerladen zufällig auftauchte und sah sofort, dass etwas nicht stimmte.

“Herr Ötz”, sagte er leise, “Sie sollten nicht allein dort oben sein.” Waldemar antwortete nicht. Er sah auf seine Hände, als gehörten sie jemand anderem. “Sie wissen nicht, was sie da sagen hochwürden,” murmelte er. Manchmal ist Allein sein das letzte, was uns bleibt. Zwei Wochen später machte sich der Pfarrer auf den Weg zum Hof. Niemand sah ihn je wieder.

Nur sein Rad wurde am Wegrand gefunden, das Rad im Matsch versunken, der Mantel darüber gelegt. Der Polizeidiener aus Trieberg schrieb in seinem Bericht: “Fahrer vermutlich verunglückt, Gebiet unzugänglich, keine Hinweise auf Gewalt. Doch im Dorf wußte jeder, daß man ihn nicht suchen würde.

Waldemar begann nun, Linien in den Balken seines Dachbodens zu ritzen, eine für jeden Tag, den er noch überlebte. Zwischen den Strichen notierte er mit zitternder Hand: “Sie reden miteinander ohne Worte. Ich höre sie, auch wenn sie schweigen. Die Kinder sind viele. Die Zwillinge gingen nun fast gar nicht mehr nach draußen.

Nur manchmal, kurz vor Sonnenaufgang sah man Wilbert am Brunnen Wasserschöpfen. Sein Gesicht war bleich, die Bewegung ruhig, mechanisch. Philomena zeigte sich gar nicht. Im Sommer desselben Jahres verdichteten sich die Gerüchte. Wanderer erzählten von seltsamen Klängen im Wald, einem Summen, das wie aus der Erde kam. Ein Förster schwor: “Er habe Kinderstimmen gehört, aber so verzerrt, dass sie nicht menschlich klangen.

” “Es war als ob jemand übt, Mensch zu sprechen”, sagte er im Wir Herbst kam ein neuer Arzt. Dr. Ludwig Henrich, jung, ehrgeizig und skeptisch gegenüber Bauern aber glauben. Als er die alten Akten las, fiel ihm die Häufung verschwundener Personen auf. Er beschloss nachzuforschen. Am 13.

Oktober 1910 stieg er früh morgens auf sein Pferd. Am Abend war weder er noch das Pferd zurück. In der Woche darauf stieg dichter Nebel über den Tannen auf. Man sagte, er sei so schwer gewesen, daß er den Klang der Glocken schluckte. Nachbarn berichteten, daß sie in der Ferne Lichtblitze gesehen hätten.

Kurz, kalt, wie elektrisches Glühen, obwohl der Hof keinen Strom hatte. Von diesem Tag an galt das Anwesen offiziell als verflucht. Die Wege, die dorthinführten, wuchsen binnen Wochen zu. Brennisseln, Fahen, Brombeeren. Die Natur selbst schien den Ort verschließen zu wollen. Und doch manchmal, wenn der Wind vom Berg herunterkam, trug er den Klang von Kinderstimmen mit sich.

Man konnte nicht sagen, ob sie weinen oder sangen. Im Dorf begann man ein neues Wort zu verwenden. Die Versunkenen, für alle, die den Weg zum Hof genommen und nie zurückgekehrt waren. Waldemar wusste, dass bald auch sein Name dazu gehören würde. Der Winter des Jahres 1911 kam früh. Schnee fiel schon im Oktober und der Himmel blieb grau, als hätte er vergessen, dass es Sonne gibt.

Auf dem Ötzhof war jedes Fenster verriegelt, selbst das Kleine auf dem Dachboden, durch das Waldemar früher die Sterne gezählt hatte. Er war alt geworden in diesen Jahren, nicht an Jahren, sondern an Angst. Sein Haar war weiß, die Schultern gebückt und er sprach kaum noch. In den Nächten hörte er Dinge, die kein Mensch hören sollte.

Ein dumpfes Pochen, als schlügen Herzen an falschen Stellen, das Rascheln von Schritten in Räumen, die leer sein sollten und manchmal das leise kurze Wimmern eines Kindes, gefolgt von einem Geräusch, das sich anhörte, als ob jemand Wasser über Stein goss. Waldemar wusste, dass im Keller etwas geschah, das nicht mehr mit Verstand zu erklären war, doch er wagte es nicht, hinunterzugehen.

Einmal an einem Sonntag, als die Zwillinge im Dorf Lebensmittel holten, nahm er all seinen Mut zusammen. Er stieg die knarrende Treppe hinunter, die Öllampe in der Hand. Der Geruch schlug ihm entgegen, scharf, säuerlich, wie kalk und altes Fleisch.

An der Wand hingen Metallhaken und auf einem Tisch lagen Hefte, seitenweise Notizen in der klaren gleichmäßigen Schrift seiner Kinder. Er las nur ein paar Zeilen, dann fiel die Lampe beinahe aus seiner Hand. Subjekt 1: Weiblich, zeigt gewünschte Merkmale. Subjekt 2, unzureichend. Subjekt 3, verbessert, aber instabil. Weitere Kreuzung erforderlich.

Darunter Diagramme, Maße, Notizen über Temperatur, Herzschlag, Schlaf. Kein einziges Wort über Liebe, Spiel, Kindheit, nur Zahlen und Beobachtungen, als wären diese Wesen keine Menschen, sondern Versuchstiere. Er stieg zurück hinauf, zitternd und schloss die Tür. Danach sprach er kein Wort mehr mit Philomena oder Wilbert. Sie schienen seine Angst zu bemerken, doch sie kümmerten sich nicht darum.

Im Januar brachte Philomena erneut ein Kind zur Welt. Waldemar hörte die Schreie, das Wein, dann Stille. Am nächsten Morgen sah er, wie Wilbert etwas in einem Tuch trug, klein, bewegungslos. Er ging hinaus in den verschneiten Garten und als er zurückkam, war das Tuch leer. Zwei Wochen später stand Philomena im Hof, ihr Gesicht bleich wie die Schneedecke und sprach leise mit ihrem Bruder. “Nicht alle überleben”, sagte sie. “Nur die, die stark genug sind.

” Im Dorf begann der Schrecken eine eigene Gestalt anzunehmen. Man erzählte sich, daß die Zwillinge versuchten, das perfekte Kind zu erschaffen. Manche sagten, sie glaubten, Gottes Werk zu verbessern. Andere meinten, sie hätten den Verstand verloren. Eines Nachts hörten Holzfäller, die im Wald lagerten, Stimmen aus der Richtung des Hofes.

Ein Chor aus Kinderkehlen, disharmonisch, aber gleichmäßig, als würden sie eine Art Gebet murmeln. Dann plötzlich ein Schrei, so schneidend, dass er den Wind zerschnitt. Danach wieder Stille. Waldemar begann seine Nächte wach zu verbringen. Er saß im Dunkeln das Gesicht in den Händen und sprach mit jemandem, der nicht da war. Manchmal flüsterte er.

Ich hätte sie weggeben sollen. Ich hätte sie nie allein lassen dürfen. Im Sommer 1912 hörte das Dorf von einem neuen Verschwinden. Ein Landvermesser, Herogt, der im Auftrag des Bezirks Grenzen prüfen sollte, war seit drei Tagen nicht mehr zurück. Sein Assistent berichtete, sie seien am Vormittag am Özf vorbeigekommen. Fogt habe gesagt, er wolle kurz nachfragen, ob das Land korrekt eingetragen sei.

Der Assistent wartete eine Stunde, dann zwei und schließlich floh er, als er glaubte, Schreie aus dem Keller gehört zu haben. Vogt wurde nie gefunden. Daraufhin wagte endlich jemand, den Bezirksrichter zu alarmieren. Doch als der Bericht den Schreibtisch in Freiburg erreichte, lag er wochenlang unbearbeitet. Einfache Ländersache.

Schrieb man in den Rand. Im Herbst zog wieder Nebel durch die Tähler und in den Nächten, wenn der Wind vom Wald kam, klangen darin Stimmen, flüsternd, als ob viele Kinder gleichzeitig dasselbe Wort sagten. Bleib. Waldemer wußte, daß sie nicht die Toten meinten. Er hatte angefangen, ein kleines Kreuz aus Holz zu schnitzen, dass er an die Kellertür nagelte.

Es war sein letzter Versuch, das Böse draußen oder drinnen zu halten. Doch als er am nächsten Morgen hinunterkam, war das Kreuz verschwunden. Stattdessen lag auf der Tür ein Zettel in der Schrift der Zwillinge. Gott beobachtet, wir auch. Von diesem Tag an wußte Waldemar, daß seine Kinder ihn nicht mehr als Vater sahen, sondern als Fremden, der ihre Arbeit störte.

Der Winter verzog sich nur widerwillig aus den Tälern und als der März des Jahres 1913 anbrach, war der Schwarzwald noch voller kalter Atemwolken. Im Bezirksamt häuftten sich inzwischen die Schreiben. Angehörige aus anderen Orten, fragten nach dem Jäger, nach dem Arzt, nach dem Landvermesser. Es waren nicht mehr nur Gerüchte, sondern Namen, Daten, Siegel. Der Amtsrichter strich sich die Bartspitzen glatt und schrieb endlich jeden Satz, der Türen öffnet, die lange verschlossen geblieben sind. Durchsuchungsbefehl wird erteilt.

So geschah es, daß Gendarmerie Wachtmeister Georg Tucher an einem grauen Morgen aus Trieberg aufbrach, begleitet von zwei Landjägern und einem Vertreter des Bezirksamtes. Sie ritten, die Mäntel hochgeschlagen, den Forstweg hinauf, auf dessen Rändern das Eis noch wie Scherben im Gras lag. Tucher kannte den Hof nur vom Hören sagen. Er hatte die Geschichten nie gemocht. Sie waren zu still.

zu beharlich, Geschichten, die wie Wasser an Stein arbeiten. Als der Trup das Tor erreichte, sah der Hof anders aus als andere Höfe. Zu ordentlich, zu still. Kein Huhn, kein Hund, kein Rinderschnauben aus dem Stall. Nur das Haus, das in den Himmel starrte, die Fenster mit Brettern wie zugenahten Liedern. Tucher stieg ab.

Der Atem der Pferde dampfte. Es roch nach kalter Asche, Metall und etwas bitterem, das er nicht kannte. Die Zwillinge standen bereits auf der hölzernen Veranda, als hätten sie gewusst, dass Besuch kam. Philomena im dunklen Kleid, Wilbert mit gebügeltem Hemd, beide blass, beide ruhig.

Als Tucher den Befehl vorlß, lächelten sie dasselbe schmale Lächeln, spiegelgleich. Wir haben mit ihrem Kommen gerechnet”, sagte Wilbert. Der Ton war höflich, als spreche er mit einem Gast, nicht mit dem Gesetz. Sie traten ein. Der erste Eindruck: Ein Haus, das sich gegen das Leben wehrt. Türen mit Riegeln, die von außen schlossen. Fenster, deren Fugen mit Harz abgedichtet waren. Ein Flur, in dem der eigene Schritt zu laut klang.

Auf einem Tisch im Esszimmer standen leere Einmachgläser, sauber ausgekocht und daneben ein Heft mit Tabellen. Tucher blätterte, Spalten mit Überschriften, Körpermaß, Schlafdauer, Reaktion auf Dunkelheit, Stimme. Er legte das Heft weg, als hätte es gebissen. Oben im großen Schlafzimmer zwei Kissen, ein Bett, auf dem Nachttisch eine kleine Biebel, erstaunlich abgenutzt mit Eselsohren an den Stellen, an denen vom Stammbaum und von Sünde die Rede ist.

Die Luft roch nach kalter Seife und nach etwas Metallischem, das nicht Blut sein durfte und es dennoch war. An der Wand hing ein sorgfältig gezeichneter Stammbaum. Linien, Kreise, Anmerkungen. Namen gab es kaum. Stattdessen römische Zahlen, kleine Pfeile, Strichlisten. Über dem Blatt stand in sauberer Schrift: “Ha wo sind die Kinder?”, fragte einer der Landjäger. Philomena sah ihn an, als verstehe sie das Wort nicht. “In Ordnung”, sagte sie.

“Alles in Ordnung.” Wilbert nickte dazu, als bekräftige er einen Maßwert. In einer Kammer fanden sie die erste, die noch laufen konnte. Ein Mädchen, vielleicht neun Jahre alt, aber der Körper schmal wie der eines Fünfjährigen. Die Beine knickten seltsam nach innen. Das Gesicht war wie von einer unsichtbaren Hand verschoben.

Die Tür war von außen mit einer Stange verriegelt. Als Tucher eintrat, begann das Kind zu schreien. nicht wie Kinderschreien, sondern hell, schneidend, mit kurzen abgehackten Stößen, die die Ohren brannen ließen. Es roch nach amoniak kaltiger Näse und nach alter Wolle. Auf dem Boden ein dünnes Strohlager, daneben eine Schüssel mit kalter Suppe, in der sich Haut gebildet hatte.

“Sie tut sich sonst weh”, sagte Philomena und faltete die Hände wie zum Gebet. Wir müssen sie schützen. Tucher sah die Stange, die blauen Druckstellen am kleinen Handgelenk, den Blick, der nicht aus dem Zimmer herausfand. Er fühlte, wie sich etwas in seinem Nacken straffte, als wolle es ihn am Weggehen hindern oder am Bleiben.

Sie gingen weiter. In einem Zimmer lag eine Sammlung von Zeichnungen, kindliche Strichmännchen, darüber gelegt erwachsene Skizzen, Anatomie mit Bleistift, Schädel, Wirbelsäulen, Fingerknochen. Daneben Notizen in der immer gleichen Handschrift: Lichtscheuen, Reiz stark, dunkelstabil. Tcha klappte die Mappe zu und hörte, wie sein Atem lauter wurde.

Im Küchenraum waren die Fenster vernagelt, der Herd kalt, daneben emilierte Schüsseln, sauber, geschichtet, wie für ein Manöver. Auf dem Tisch Reagenzgläser, gläserne Trichter und eine Flasche mit Etikett, Carboll. Daneben eine schmale Wiege, deren Boden nicht nachgab. Dazwischen ein Gurt aus Leder.

Ein Landjäger flüsterte ein, Heilige Mutter Gottes, so leise, daß es eher ein Ausatmen war als ein Gebet. Tuchar spürte, dass der schlimmste Teil noch nicht begonnen hatte. Die Kellertür klemmte, als er sie aufdrückte. Sie war schwerer, als eine Tür sein sollte. Dahinter kroch eine Kälte herauf, die nicht nur von der Erde kam. Ein Geruch lag darin, alt und neu zugleich, kalk. Feuchte Bretter, süßlicher Hauch.

Er hielt die Laterne höher. Die Zwillinge blieben oben an der Treppe stehen, artig wie Hausleute, die das Geleit geben. “Es ist alles sauber unten”, sagte Wilbert und lächelte wieder. Die Stufen waren ungleich, als wären sie oft, aber hastig betreten worden. Unten teilte sich der Keller in Gänge, die es in Bauernhäusern selten gibt.

Es waren Wände eingezogen, Türen mit Schiebern, kleine Öffnungen wie an Stallung, nur höher, auf Augenhöhe eines stehenden Menschen. An der ersten Tür klebte ein Zettel. Zweite, normal reduzierte Bindung. Hinter der Öffnung hörte man Atem, rhythmisch, aber stumpf, als käme er aus einer Höhle.

“Aufbrechen”, sagte Tucher und die Männer legten die Schultern an. Das Holz gab nach wie ein stör Ast unter der Säge. Drin saß ein Junge, acht oder neun, sauber, die Haare geschoren. Er sah Tucher an, aber der Blick ging durch ihn hindurch. Die Hände bewegten sich immer gleich. öffnen, schließen, öffnen, schließen, als wolle er das Unsichtbare greifen.

Als der Landjäger ihm die Hand reichte, drehte der Junge den Kopf weg und begann rhythmisch gegen die Wand zu tippen. Nicht aggressiv, nur geübt, als hätte man es ihm so beigebracht, die Welt zu ordnen. An der zweiten Tür roch es stärker nach Krankheit. Ein Mädchen, vielleicht sieben, die Haut grau vom Lichtmangel, die Arme wund, wo Stric gescheuert hatten.

Als die Männer eintraten, wich sie in den dunkelsten Winkel zurück, machte sich klein, verschwand beinahe. Als die Laterne ihren Schatten groß an die Wand warf, schrie sie und die Stimme brach in einem Ton, der Tucher später noch im Schlaf wecken sollte. Die dritte Zelle war leer, aber nicht verlassen. Auf dem Boden lag Stroh, feucht, und an der Wand zählte eine Hand tief eingeritzte Striche.

Hunderte, ein Wald, aus Tagen. In der Ecke stand ein Blecheimer halbvoll und darüber ein Tuch, das einmal weiß gewesen war. Der vierte Raum ließ Tucher innerhalten, bevor er die Klinke berührte. Etwas in der Luft veränderte sich. eine Schwere, die auch die Laternenflamme kurz zusammenzog. Als die Tür aufging, lag dort ein Bündel, kleiner als ein Bündel sein darf, wenn es noch lebt.

Die Haut hatte jene Farbe, die kein Wort braucht, um verstanden zu werden. Auf den Nägeln klebten Splitter vom Holz, die kleinen Finger gespreizt, als hätten sie versucht, die Wand zu öffnen. Der Körper lag in einer Haltung, die an Schutz erinnerte, aber zu spät gekommen war. Einer der Landjäger setzte die Laterne ab und trat zurück, die Hand vor dem Mund.

Tucher stand still, bis die Kälte ihm durch die Stiefel kroch. Dann wandte er sich um. Die Zwillinge standen immer noch oben im Licht des Flures, die Gesichter ruhig, als hätte jemand eine Pause in ein Gespräch gesetzt. Nicht alle überstehen den Prozess”, sagte Wilbert, als spräche er über das Trocknen von Bohnen.

Philomena fügte hinzu: “Der Tod ist eine Form der Beobachtung, wie das Leben.” Ihre Stimme war nicht hart, nur sachlich, und genau das machte sie unerträglich. In einem Nebenraum fandtucher Kisten mit persönlichen Dingen. Eine abgewetzte Jägerkappe mit den Initialen HM, ein Etui mit Instrumenten, sorgfältig aufgereiht, in das Dr. Cap B, eingeritzt war, daneben ein Notizbuch mit vermessenen Grenzpunkten, unterzeichnet Vogt.

Auf einem Blatt lose standen Sätze in der bekannten sauberen Schrift: Störung des Arbeitsganges musste neutralisiert werden, Maßnahmen protokolliert. Es war als blickte man in das Lockbuch eines Schiffs, das nur einen Kurs kannte, vorwärts, ohne Rücksicht darauf, was unter der Kielspur zerbrach. Tucher fühlte keinen Zorn, sondern etwas leeres, schweres, das zu groß zum Tragen war. Er nickte seinen Männern zu.

Sie nehmen die Kinder heraus vorsichtig und rufen den Amtsarzt. Dann stieg er zur Treppe, um den Zwillingen die Verhaftung zu eröffnen. Als er vor ihnen stand, bemerkte er, dass sie nicht erschraken. Philomena strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Wilbert zog die Manschetten glatt. “Wir kommen”, sagte er. “aber sie werden nicht verstehen.

Es genügt, dass das Gericht versteht. antwortete Tucher. Gerichte verstehen Zahlen sagte Philomena freundlich. Dann sind wir am richtigen Ort. Draußen hatte es zu nieseln begonnen. Wasser tropfte in gleichmäßigen Abständen von der Dachrinne und jeder Tropfen klang wie eine Sekunde, die zu spät gemerkt wurde.

Als die Zwillinge abgeführt wurden, hielten sie einander nicht an den Händen. Sie gingen nur imselben Schritt, spiegelgleich, als seien sie immer noch ein einziger Wille in zwei Körpern. Und als liefe der Hof ihnen hinterher wie ein Schatten, den man nicht abschütteln kann.

Die Nachricht von der Verhaftung der Zwillinge Ötz breitete sich durch den Schwarzwald wie kalter Rauch. Schon am nächsten Tag wusste jedes Dorf, jedes Gasthaus, jeder Kutscher, was der Wachtmeister im Keller gefunden hatte. Doch die Menschen sprachen nur hinter vorgehaltener Hand, als könnten die Zwillinge aus jedem Schatten treten, um zuzuhören.

Im Amtsgefängnis von Freiburg saßen Philomen und Wilbert Ötz in getrennten Zellen. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie voneinander getrennt waren. Die Werter berichteten, dass sie nachts gleichzeitig an die Wände klopften. Drei Schläge, dann Pause, dann wieder drei und dass sie manchmal gleichzeitig lachten, leise, als teilten sie immer noch Gedanken. Die Ermittlung begann sofort.

Amtsarzt Dr. Friedrich Hessel verfasste den ersten Bericht über die Kinder, die man im Keller gefunden hatte. Sein Protokoll wurde später zum zentralen Beweisstück. Vier lebende Kinder, geschlecht unterschiedlich, körperlich und geistig, schwer beeinträchtigt. Deformitäten Mangelernährung, multiple Knochenverformungen durch Lichtmangel und Bewegungseinschränkung, Sprachentwicklung rudimentär oder nicht vorhanden. Kinder zeigen stereotype Bewegungen und starke Abwehrreaktionen bei Berührung.

Bei allen ist erkennbar, dass die Isolation über Jahre bestand. Hessel schrieb am Randiz, die nie offiziell zitiert wurde, aber unter den Beamten zirkulierte. Es sind keine Kinder mehr im herkömmlichen Sinn. Es sind Überbleibsel von Versuchen, die nie hätten stattfinden dürfen. Die älteste, das neunjährige Mädchen, konnte kaum gehen. Sie kroch auf allen Vieren, die Beine durch langes Sitzen verformt.

Wenn man sie ansprach, begann sie mit dem Kopf zu wippen und Wörter zu murmeln, die niemand verstand. Der achtjährige Junge reagierte auf kein gesprochenes Wort, aber wenn jemand zweimal in die Hände klatschte, fiel er sofort in sich zusammen, die Knie an die Brust gezogen, eine erlernte Reaktion wie Schutz vor einem Schlag.

Die jüngeren Kinder schrien bei Licht und klammerten sich aneinander, als hätte man ihnen beigebracht, dass nur Dunkelheit, Sicherheit bedeutete. Man brachte sie in eine Pflegeanstalt außerhalb der Stadt. Zwei starben innerhalb der ersten Wochen. Die Ärzte sagten: “Ihr Körper habe schlicht vergessen, wie Leben funktioniert.

” Währenddessen las der Staatsanwalt Johann Merk Seite für Seite der Aufzeichnungen, die man im Haus gefunden hatte. Sie füllten ganze Kisten. Jede Geburt, jeder Tod, jede körperliche Veränderung war protokolliert. Auf einem Blatt sorgfältig datiert stand. Objekt 4: Bemerkenswerte Schädelbildung. Versuch zur Stabilisierung durch Paarung der Linie 1 mit Linie 3 in Vorbereitung.

Darunter ein Strichmuster, das aussah wie ein Stundenplan, nur dass jede Stunde ein Leben war. Waldemar Ötz. Der Vater wurde ebenfalls nach Freiburg gebracht, doch nicht als Angeklagter. Man fand ihn in der Dachkammer seines Hauses, halb verhungert, die Wände voller eingeritzter Striche. In der Ecke lag eine Bibel, aufgeschlagen beim Buch Hiob.

Als man ihn befragte, starrte er nur auf seine Hände und flüsterte: “Sie haben das Herz Gottes studiert und geglaubt, sie könnten es verbessern.” Nach wenigen Tagen brachte man ihn in die Heil und Pflegeanstalt Emmening. Dort blieb er körperlich am Leben, geistig fort.

Die Untersuchung ergab, dass die Zwillinge ihre Arbeiten fast 10 Jahre lang betrieben hatten. Sie hatten Bücher aus der Universitätsbibliothek bezogen, alte Traktate über Vererbung, Zuchtwahl und Eugenik, deren Theorien in wissenschaftlichen Kreisen jenerzeit bereits kursierten. In ihrer Einbildung sahen sie sich als Pioniere eines neuen Verständnisses des Menschen.

In den Verhören verhielten sie sich mit derselben Kälte, die man im Haus gespürt hatte. Der Gerichtsschreiber notierte: “Angeklagte Philomena Ötz, spricht ruhig, korrekt, benutzt medizinische Begriffe, erklärt, Ziel sei gewesen, die Reinheit der Linie zu prüfen. Sie erkennt keine Schuld.” Angeklagter Wilbert Örtz betont, die Versuche sein systematisch durchgeführt worden, um Erkenntnisse über Vererbung zu gewinnen.

Beide zeigen keinerlei Reu auf die Frage des Richters, warum sie ihre eigenen Kinder benutzt hätten, antwortete Wilbert. Wer sonst hätte es verstanden, unser Werk fortzuführen? Fremdes Blut hätte alles verdorben. Philomena lächelte dazu, beinahe zärtlich und flüsterte: “Die Natur lässt Fehler zu, damit wir sie korrigieren.” Die Öffentlichkeit reagierte mit Entsetzen. Zeitungen nannten den Fall die Kinder des Schweigens.

Andere schrieben von den Innerzestzwillingen von Trieberg. Menschen kamen von weit her, um das Gerichtsgebäude zu sehen, als wäre es ein Ort der Sühne. Vor der Tür zündeten Frauen Kerzen an und alte Männer bekreuzigten sich, wenn sie den Namen Ötz hörten. Der Prozess begann im September des Jahres 1913.

Der Saal war überfüllt, die Luft stickig. Die Angeklagten saßen nebeneinander, ruhig, fast würdevoll und sahen niemanden an, außerinander. Wenn Wilbert den Kopf drehte, tat es Philomena imselben Moment. Wenn sie die Hände faltete, legte er die Seinen darüber, spiegelgleich wie eine unzertrennliche Bewegung.

Der Staatsanwalt verlas den Bericht des Amtsarztes, die Liste der Vermissten, die Aufzeichnungen der Zwillinge und schließlich das Protokoll über das Kind, das man tot im Keller gefunden hatte. Als er geet hatte, herrschte eine Stille, so dicht, dass man das Ticken der Uhr über dem Richtertisch hören konnte. Philomena sagte, wenn Sie das für grauen halten, dann haben Sie nie in die Augen eines Neugeborenen gesehen, das noch nichts gelernt hat, das reine Material.

Wir haben nur beobachtet, was alle Mütter sehen, aber keiner aufschreibt. Im Saal weinten Menschen. Der Richter schlug mit dem Hammer auf das Holz und draußen, auf der Treppe des Gerichts, stand der alte Gendarm Tucher, der Mann, der sie gefunden hatte. Er hatte seit jenem Tag kein Wort mehr über den Fall gesprochen, aber als die Glocke der Kathedrale schlug, murmelte er: “Manchmal kommt das Böse nicht von außen. Es wächst da, wo Liebe sein sollte.

” Der Prozess gegen die Zwillinge Philomena und Wilbert Ötz zog sich über fast vier Monate hin. Der Gerichtssaal in Freiburg war jeden Tag überfüllt. Bauern kamen von weit her, Lehrer, Studenten, selbst Geistliche. Sie wollten mit eigenen Augen sehen, wie zwei Menschen aussehen, die etwas getan hatten, das sich jeder Vorstellung entzog.

Die Staatsanwaltschaft las seitenweise aus den Aufzeichnungen vor. Es war kein spontaner Wahnsinn, kein Wutausbruch, kein Unfall. Alles war geplant, präzise geführt, über Jahre mit Tabellen, Skizzen, Beobachtungen. Die Zwillinge hatten ihre Kinder nummeriert, nicht benannt. Auf jeder Seite standen Einträge wie Versuch 7, Reiz auf Dunkelheit, Ergebnis befriedigend oder Objekt 3, Ernährung reduziert, Verhalten stabilisiert.

Als der Richter fragte, ob sie verstanden, was sie getan hatten, antwortete Philomena ruhig: “Verstehen ist ein großes Wort. Wir haben nur fortgesetzt, was die Natur begonnen hat.” Wilbert fügte hinzu: “Die Natur ist grausamer als jedes Gericht. Wir haben nur beobachtet.” Der Staatsanwalt, ein älterer Mann mit grauem Bart, sagte in seiner Schlußrede: “Diese Menschen sind nicht krank im Sinne des Gesetzes. Sie sind kalt, methodisch überzeugt.

Ihre Schuld ist nicht die des Wahnsinns, sondern die der Überzeugung. Sie haben Gott spielen wollen und ihre Kinder wurden zu beweisen, dass der Mensch, wenn er das Heilige berührt, es in Schmutz verwandelt.” Im Gerichtssaal herrschte eine Stille, die schwerer wogg als jedes Wort. Nur einmal, als die Namen der verschwundenen Männer vorgelesen wurden, Hubert Meiksner, Dr.

Karl Benzing, Matthias Krämer, Herr Furgt, hörte man ein Murmeln im Publikum wie Wind durch Dürres Laub. Der alte Vater Waldemar Ötz war nicht anwesend. Er war in der Heil und Pflegeanstalt verblieben, unfähig zu sprechen oder zu verstehen, was aus seinen Kindern geworden war. Man sagte, er saß Tag und Nacht am Fenster, zählte Schatten auf dem Boden und murmelte: “Nicht meine Schuld, nicht meine Schuld!” Am 15.

Dezember des Jahres 1913 wurde das Urteil verkündet. Das Gericht befand Philomena und Wilbert Ötz für schuldig des vielfachen Mordes, der Misshandlung, der Entführung, der Schändung und des vorsätzlichen Todes durch Unterlassung. Das Strafmaß, lebenslange Zuchthausstrafe. Als der Richter das Urteil vorlß, regte sich keiner der beiden. Philomena lächelte.

Wilbert nickte, als sei etwas bestätigt worden, dass er längst wußte. Der Reporter der Freiburger Zeitung schrieb: “Noch nie hat ein Urteil so wenig Erleichterung gebracht. Das Böse saß nicht mehr draußen, sondern im Inneren des Menschen, ruhig, höflich und überzeugt von seiner Rechtmäßigkeit.” Die vier überlebenden Kinder wurden in verschiedene Einrichtungen gebracht.

Zwei starben innerhalb des ersten Jahres. Das älteste Mädchen überlebte, aber sie sprach nie wieder. Das jüngste Kind, ein Knabe mit blassen Augen, wurde adoptiert, verschwand später aus den Akten. In der Haftanstalt Bruchsaal lebten die Zwillinge voneinander getrennt, doch die Werter berichteten, dass sie gleichzeitig aufstanden, gleichzeitig aßen, gleichzeitig an die Zellenwand klopften. Wenn einer krank wurde, klagte auch der andere über dieselben Schmerzen.

Philomena schrieb weiter. Sie führte im Gefängnis neue Hefte. Beobachtungen über Mitgefangene, über das Verhalten von Wärtern, über das Altern des eigenen Körpers. In einem Brief, an den Direktor der Haftanstalt notierte sie: “Selbst hier bleibt das Studium des Lebens möglich.

Das Material verändert nur seine Form.” Wilbert sprach kaum, aber in seiner Zelle fand man nach einigen Jahren ein eingeritztes Wort in der Wand, Fortsetzung. Der Fall Ötz ging in die Geschichte der Region ein. Zeitungen nannten ihn die schwarze Chronik des Schwarzwalds. Prediger nutzten ihn als Warnung in ihren Kanzeln.

Und doch, je mehr Zeit verging, desto weniger wurde über ihn gesprochen. Der Wald nahm die Geschichte zurück, wie er alles zurücknimmt. Waldemar Ötz starb im Jahr 1918 in der Anstalt, die Hände gefaltet, die Augen offen. Die Pflegerin, die ihn fand, schwor, sie habe ihn lächeln sehen. Auf dem Nachttisch lag eine eingeritzte Holzfigur, ein kleines Kreuz und darunter ein Wort. Vergeben.

Von den Kindern überlebte nur eines bis ins Erwachsenen Alter. Es hieß später, das Mädchen sei in einer Näherei in Karlsruhe beschäftigt gewesen. Niemand sprach mit ihr über die Vergangenheit. Sie miel und schloss nachts alle Fenster, auch wenn Sommer war. Im Dorf Trieberg wuchs währenddessen eine Legende.

Die Leute sagen, daß in Nächten, in denen der Wind durch die Tannen zog, man Kinderstimmen hören konnte, die zählten 1 2 3 4 immer wieder, bis die Stimmen leiser wurden und nur noch der Wald antwortete. Nach dem Urteil vergingen viele Jahre, doch der Fall Ötz ließ die Menschen im Schwarzwald nicht los. In den Wirzhäusern wurde noch lange davon erzählt, wie die Zwillinge ruhig im Gerichtssaal gesessen hatten, als ginge sie das alles nichts an, wie sie sich kein einziges Mal entschuldigt, kein einziges Mal umgesehen hatten.

Die Alten sagten: “So still kann nur jemand sein, der glaubt, im Recht zu sein.” Im Zuchthaus Bruchsaal führte man akribischbuch über die Geschwister. Die Werter berichteten, daß Philomena und Wilbert selbst im Schlaf denselben Rhythmus atmeten. Wenn der eine krank wurde, bekam der andere Fieber. Sie durften sich nie sehen, doch Briefe durften sie schreiben.

Und jeder Brief bestand aus denselben Sätzen, nur in anderer Reihenfolge. Philomena blieb die Gelehrte. Sie schrieb Listen, Beobachtungen, Analysen. Einmal schrieb sie an den Gefängnispfarrer: “Sie nennen es Schuld. Ich nenne es Methode. Ich wollte sehen, wie weit das Blut reicht, bevor Gott eingreift. Wilbert dagegen sprach kaum noch.

Die Werter nannten ihn den Spiegelmann, weil er nie zuerst redete, nur antwortete, als müsse er hören, was in Philomena vorging, ehe er Worte fand. Im Jahr 1934 starb Philomena im Alter von 50 Jahren. Die offizielle Todesursache lautete Herzversagen. Der Gefängnisarzt schrieb in seinen Bericht: Todesfall während der Abendruhe. Keine Anzeichen von Unruhe.

Gesichtsausdruck friedlich. Fast zufrieden. Am selben Abend klopfte Wilbert in seiner Zelle dreimal gegen die Wand. Dann legte er sich hin und blieb reglos. bis zum Morgen. Als der Werter kam, fragte er: “Ist sie fort?” Niemand hatte ihm etwas gesagt. Er überlebte noch 17 Jahre. Seine letzten Worte, bevor er im Jahr 1951 starb, sollen gewesen sein.

Ich habe weitergeschaut. Sein Leichnam wurde eingeächert, wie es der Staat vorsah. Niemand forderte die Asche an. Der Hof im Schwarzwald verfiel nach dem Prozess. Niemand wollte das Land kaufen. Es hieß, die Erde dort bringe nur krankes Getreide hervor und das Vieh verweigere das Wasser aus dem Brunnen. Das Haus blieb leer, bis es im Sommer des Jahres 1920 bei einem Gewitter niederbrannte.

Manche sagten: “Ein Blitz habe es getroffen.” Andere schworen, sie hätten in jener Nacht zwei Gestalten im Fenster gesehen, bevor das Dach in Flammen aufging. Nachbarn, die am nächsten Morgen die Stelle aufsuchten, berichteten, dass der Brand seltsam still gewesen sei. Kein Krachen, kein Funkensprühen, nur ein gleichmäßiges Glühen, als würde das Haus von innen her abbrennen.

zurück blieb ein schwarzer kreisrunder Fleck, auf dem nichts mehr wuchs. Die Überreste der vier Kinder, die im Prozess überlebt hatten, waren in Pflegeanstalten aufgeteilt worden. Zwei starben innerhalb weniger Jahre. Eines erreichte das Jugendalter, das vierte, das älteste Mädchen, lebte noch Jahrzehnte.

Sie bekam den Namen Anna Richter, eine neue Identität, um der Vergangenheit zu entfliehen. Anna sprach kaum. Sie lernte einfache Handarbeiten, konnte nähen, sticken, den Hof sauber halten. Doch manchmal erzählten die Schwestern im Heim, sang sie leise, ohne Worte, nur Töne, die immer gleich blieben wie ein Summ. Wenn man sie fragte, was sie da singe, antwortete sie: “Das Lied, das uns ruhig machte.” Mit den Jahren kam sie in eine kleine Werkstatt in Karlsruhe.

Sie lebte allein in einem Zimmer mit einem Fenster zum Innenhof. In ihrem Schrank fand man nach ihrem Tod Schachtel mit alten Dingen, ein Stück Holz, das wie ein kleines Kreuz geformt war, ein Zettel mit der Aufschrift Vater hat gebetet und ein Foto eines Hauses halb verbrannt, das jemand aus der Ferne aufgenommen hatte. Auf der Rückseite stand in kindlicher Schrift: “Unser Zuhause.

” Als sie im Jahr 1959 starb, war sie 54 Jahre alt. Kein Angehöriger erschien zur Beerdigung. Eine Schwester des Heims sagte später: “Sie war still, aber manchmal, wenn sie schlief, weinte sie und flüsterte Zahlen. Eins, dre immer wieder, bis sie wieder einschlief. Nach ihrem Tod verschwand der Name Ötz endgültig aus den Akten.

Doch die Geschichte blieb in Gerüchten, in Flüstern, in der Luft des Waldes. In manchen Nächten, besonders im Herbst, wenn der Nebel zwischen den Bäumen hängt, behaupten Jäger, sie hätten Kinderstimmen gehört. Andere erzählen, sie hätten an der Stelle, wo einst das Haus stand, Schritte gehört, obwohl dort nur Gras wächst.

Und wenn der Wind stark genug ist, trägt er manchmal eine leise Melodie mit sich ohne Worte, monoton, beruhigend, das Lied, das sie ruhig machte. Mit den Jahrzehnten wurde die Geschichte der Zwillinge Ötz zu einer Art düsterem Volksmärchen im Schwarzwald. Großmütter erzählten sie flüsternd, während der Wind draußen durch die Tannen ging und das Feuer im Ofen knackte.

Doch jede Generation veränderte sie ein wenig, so wie der Wald die Dinge verändert, die lange genug in ihm liegen. Manche sagten: “Die Zwillinge seien gar keine Menschen gewesen, sondern Kinder des Teufels, geboren aus dem Schatten einer alten Sünde.” Andere meinten, der Vater Waldemar habe einen Fluch ausgesprochen, kurz bevor er starb, dass niemand Frieden finden solle, der das Leid seiner Kinder vergessen wolle.

Im Dorf Trieberg blieben noch einige alte Aufzeichnungen erhalten. Briefe, Berichte, Notizen der Gendarmerie. Doch viele Akten gingen während des Zweiten Weltkriegs verloren, als das Archiv brannte. Was blieb, war eine Handvoll Zeitungsartikel und die Legenden, die sich um den Ort rangten, wo der Hof gestanden hatte. In denziger Jahren führte ein Lehrer aus Freiburg, Herr Albrecht Kramer, eine Untersuchung über Volksglauben und moderne Mythen durch.

Er reiste in den Schwarzwald, um die Erzählungen aufzuschreiben. In seinem Tagebuch, das erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, steht: “Ich habe die Stelle gefunden, wo der Hof der Örtz gestanden haben soll. Der Boden ist schwarz, der Wind still, die Luft kälter als ringsum. Es wächst dort nichts als Fahn und Moos.

Als ich mich hinkniete, hörte ich etwas, ein dünnes, hohes Summen, als käme es aus der Erde. Es war kein Wind. Ich schwöre, es war kein Wind. Nach dieser Reise kehrte der Lehrer nie ganz zur Ruhe zurück. Kollegen berichteten, er habe in den letzten Jahren seines Lebens von den Stimmen im Boden gesprochen. Man fand ihn im Jahr 1963 tot in seinem Arbeitszimmer mit einer aufgeschlagenen Bibel vor sich.

Die Seite war die gleiche, die auch Waldemar einst aufgeschlagen hatte, das Buch Hiop. Danach mieden selbst neugierige Forscher das Thema. Der Name Ötz wurde nicht mehr in wissenschaftlichen Publikationen erwähnt, doch in der Region lebte die Legende weiter. Kinder, die unartig waren, wurden mit den Worten gewarnt: “Schlaf, sonst kommen die Ötz und holen dich in ihren Keller.

” Alte Jäger erzählten, daß man bei Nebel keine Schritte zählen dürfte, weil dort oben jemand noch mitzählt. Ein Förster namens Hans Learner berichtete im Jahr 1977. Er habe in einer besonders dichten Nebelnacht das Geräusch einer Schaukel gehört. Er sei dem Klang gefolgt, bis er an die Lichtung kam, wo das Haus einst gestanden hatte.

Dort habe er einen kleinen Holzbalken gesehen, halb im Boden und an ihm ein Stück verrostete Kette. Als er sich bückte, um sie zu berühren, habe er deutlich eine Kinderstimme gehört, die flüsterte. “Bleib hier.” Leer rannte davon und als er am nächsten Tag mit einem Kollegen zurückkam, war der Balken verschwunden. Nur der Boden war aufgewühlt, als hätte jemand in der Nacht darin gegraben.

In den 80er Jahren wurden in einer alten Schulchronik des Dorfes handgeschriebene Zettel gefunden, offenbar Kopien der Prozessakten. Einer trug das Datum 15. Dezember 1913 und enthielt die letzten Worte der Angeklagten: Philomena Ötz. Die Linie ist nicht zu Ende. Sie verläuft nur tiefer. Wilbert Ötz, Beobachtung endet nie.

Niemand weiß, wer diese Abschrift angefertigt hatte. Doch seit ihrer Entdeckung behaupteten einige Bewohner, dass in jener Gegend die Tiere unruhig würden, wenn man laut über die Zwillinge sprach. Hunde jaultten, Kühe schlugen mit den Schwänzen und Pferde weigerten sich, den alten Forstweg hinaufzugehen. In den 90er Jahren wollte ein junger Fotograf aus Stuttgart, Tobias Henke, die Legende dokumentieren.

Er machte sich mit seiner Kamera auf den Weg in die Wälder über Trieberg, begleitet von einer Studentin der Ethnologie. Drei Tage lang blieb er verschwunden. Als man ihn fand, lag er in einem alten Graben durchnäst, zitternd und ohne Erinnerung. Die Kamera war zerstört, das Filmmaterial unbrauchbar. Er sagte nur einen Satz, bevor man ihn ins Krankenhaus brachte. Sie haben mich angeschaut.

Später zog er nach Norddeutschland und sprach nie wieder über den Vorfall. Die Studentin, die ihn begleitet hatte, schrieb viele Jahre später in einem Artikel: “Ich erinnere mich an das Geräusch. Es war kein Schrei und kein Lied. Es war das Geräusch von Kindern, die atmen, obwohl sie längst aufgehört haben zu leben.

Seitdem gilt der Ort offiziell als gesperrt. Forstarbeiter meiden ihn. Karten verzeichnen dort nur eine namenlose Lichtung. Doch auf Satellitenaufnahmen erkennt man bei genauerem Hinsehen eine dunklere Färbung des Bodens. Kreisrund, genau an jener Stelle, wo einst das Haus der Ötz gestanden hat.

Und wenn Nebel über den Schwarzwald zieht, schwören die Alten, dass man dort oben manchmal Stimmen zählen hört. 1 2 3 4 immer wieder, bis der Wind sie wieder verschluckt. In den frühen 2000 Jahren tauchte die Geschichte der Zwillinge Ötz wieder auf. nicht durch alte Akten, sondern durch das Internet.

Ein Blogger aus Freiburg, der sich Waldkronist nannte, begann alte Legenden des Schwarzwalds zu sammeln. Unter ihnen fand sich ein Eintrag mit dem Titel Das Haus, das Kinder verschluckte. Der Text war kurz, aber präzise. Zwischen Trieberg und St. Men, tief im Wald stand einst ein Hof. Dort lebten zwei Geschwister, Philomena und Wilbert Ötz. Sie studierten das Blut, die Reinheit, die Geburt.

Ihre Kinder starben, ihre Stimmen blieben. Unter dem Beitrag sammelten sich binnen weniger Tage dutzende Kommentare. Einige behaupteten, sie hätten den Ort gefunden, andere sie hätten bei Nacht Gesang ohne Worte gehört. Einer der Kommentatoren, ein Fotograf namens Sebastian Keller, schrieb: “Ich war dort. Der Boden ist weich wie Torf.

Wenn man tritt, sinkt man ein, als würde man auf etwas lebendigem stehen. Und im Wind ist ein Summ, das nicht aufhört. Zwei Wochen nach diesem Kommentar verschwand Keller. Sein Wagen wurde an einem Forstweg gefunden. Die Scheinwerfer noch eingeschaltet, der Motor kalt. Keine Spur von ihm. Die Polizei fand nur seine Kamera. Die Speicherkarte war beschädigt, aber ein einziges Bild ließ sich rekonstruieren.

Eine verschwommene Aufnahme, offenbar bei Nebel gemacht, auf der zwei blasse Gestalten im Hintergrund standen, Mann und Frau, Seite an Seite. Ihre Gesichter waren undeutlich, aber wer das Bild sah, hatte den Eindruck, sie würden lächeln. Nach Kellers Verschwinden wurde der Block gelöscht.

Niemand wußte, wer Waldkronist wirklich war. Manche vermuteten, er habe mehr herausgefunden, als gut für ihn war. Doch die Legende begann sich erneut zu verbreiten, diesmal digital. In Foren, Podcasts und Videos tauchten Berichte auf. Ein Wanderer, der nachts Stimmen hörte, die in der Dunkelheit Zahlen flüsteren.

Ein Mädchen, das behauptete, ihre Kamera habe sich auf der Lichtung von selbst eingeschaltet. Ein Förster, der schwor, er habe im Nebel Kinderfüße gesehen, die keine Spuren im Boden hinterließen. Ein Team von Dokumentarfilmern aus Stuttgart wollte die Geschichte überprüfen. Sie reisten im Herbst des Jahres 2018 in die Region, begleitet von Drohnen, Tonaufnahmen und Nachtsichtkameras.

Sie blieben drei Nächte. Die erste Nacht war ruhig. In der zweiten, kurz nach Mitternacht, nahmen sie ein Geräusch auf. Ein rhythmisches Pochen. Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. Ein Morsezeichen. SOS. Doch keiner von ihnen hatte es gesendet. In der dritten Nacht verschwanden zwei der Kameras.

Sie wurden am nächsten Morgen in einem Baum gefunden, 5 m über dem Boden, die Objektive auf die Lichtung gerichtet. Die Aufnahmen zeigten nichts als Nebel, doch in einer der Tonspuren hörte man deutlich eine Kinderstimme, die flüsterte. Nicht alle überstehen den Prozess. Genau die Worte, die Wilbert Ötz ein zu Wachtmeister Tucher gesagt hatte. Nach diesem Vorfall brach das Team die Dreharbeiten ab. Die Aufnahmen wurden nie veröffentlicht.

Einer der Techniker kündigte und zog nach Nordfrankreich. In einem privaten Gespräch sagte er: “Manchmal, wenn ich die Augen schließe, höre ich sie zählen. Immer bis vier und dann wieder von vorn.” Ein Jahr später brachte eine Zeitschrift für regionale Geschichte einen Artikel über den Fall. Darin hieß es: “Die Geschichte der Zwillinge Ötz ist mehr als ein Verbrechen.

Sie ist ein Echo, das sich in die Landschaft eingebrannt hat. Vielleicht nicht durch Geister, sondern durch Erinnerung. Der Boden erinnert, der Wald erinnert und wir sind nur Zuhörer. Doch im Dorft Trieberg spricht man bis heute leiser, wenn das Thema zur Sprache kommt. Der alte Förster, der noch lebte, sagte einmal zu einem Reporter: “Wenn man dort oben ist, darf man nicht zählen, nicht sprechen, nur atmen.

Der Wald weiß, wer zuhört.” Und so blieb die Lichtung, wo einst das Haus der Zwillinge stand. Ein Ort, den niemand betreten wollte. Kein Weg. führt offiziell dorthin. Doch hin und wieder sieht man im Nebel Fußspuren, die von nirgendwo kommen. Klein, schmal, nebeneinander, wie die Schritte zweier Kinder, die denselben Weg gehen.

Im Herbst des Jahres 2019 beschloss die Gemeinde Trieberg, den alten Forstweg, der zur Lichtung führte, vollständig zu sperren. Offiziell hieß es, der Weg sei durch Sturmbruch gefährlich geworden. Offiziell wusste jeder, dass man ihn einfach vergessen wollte. Doch vergessen ist im Schwarzwald ein trügerisches Wort.

Ein Jahr später, im Spätsommer 2020, tauchte ein Bericht eines Studenten der Theologie auf. Sein Name war Leonhard Weiß, Jahre alt, aus Tübingen. Er schrieb seine Abschlussarbeit über Sünde und Wiedergutmachung in volkstümlichen Legenden Süddeutschlands. In einem der Kapitel beschrieb er eine Begegnung im Wald.

Ich hatte von der Legende der Ötz gehört und wollte sie im Kontext religiöser Schuld deuten. Als ich die Lichtung betrat, fiel mir auf, dass der Wind dort aufhörte. Die Bäume bewegten sich nicht. Ich hatte den Eindruck, beobachtet zu werden, aber nicht feindlich, eher prüfend. Dann hörte ich Kinder lachen. Es war nicht nah und nicht fern, als käme es aus allen Richtungen.

Ich rief, ob jemand da sei, doch die Luft blieb leer. Als ich mich umdrehte, sah ich auf dem Boden vier Steine in einem Rechteck angeordnet. Auf jedem stand mit schwarzer Kreide eine Zahl. Ein drei. Ich ging rückwärts, bis ich wieder den Wald hörte. Als ich mich noch einmal umsah, waren die Steine verschwunden. Weiß starb wenige Monate nach Abgabe seiner Arbeit bei einem Unfall.

Er fiel auf dem Weg zur Universität von einer Treppe. Die Polizei sprach von einem tragischen Zufall. Doch sein Freund, der das Manuskript fand, sagte: “Leonhard habe in den letzten Wochen wiederholt davon gesprochen, daß die Stimmen ihm im Traum die Fortsetzung diktierten. Die Arbeit selbst verschwand aus dem Archiv der Universität. In der Gegend von Trieberg häuften sich derweil unerklärliche Vorfälle.

Ein Förster berichtete, er habe an der gesperrten Lichtung Spuren im Boden gesehen, Kinderfüße, frisch, obwohl seit Tagen niemand dort gewesen war. Ein Wanderer erzählte, er habe eine Frau mit hellblondem Haar gesehen, die in den Nebel ging und sich nie wieder umdrehte. Ein alter Jäger schwor: “Er habe nachts im Wind das Klopfen von Holz gehört.

Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. Und wieder begann das alte Flüstern im Dorf. Sie zählen wieder. Im Jahr wurde der Wald nach einem Sturm untersucht. Ein Geologe Dr. Jörg Feldmann entdeckte auf Satellitenbildern einen merkwürdigen Umriss, eine ovale dunklere Fläche im Boden, exakt an der Stelle, an der das Haus Ötz einst gestanden hatte. Die Messung zeigten eine geringfügige Temperaturdifferenz.

Der Boden dort war im Durchschnitt um zwei Grad kälter als die Umgebung. Feldmann hielt das für ein physikalisches Phänomen, bis sein Messgerät in der Nacht plötzlich ausschlug. Auf dem Display erschienen Werte, als käme Wärme aus der Tiefe, rhythmisch wie ein Puls. Er brach den Versuch ab.

In seinem Bericht schrieb er später nur einen Satz: Der Boden lebt. Seitdem meidet auch er. In der Bevölkerung sprach man wieder über die Zwillinge. Manche glaubten, ihre Seelen seien nie fortgegangen. Andere sagten: “Ihre Kinder oder deren Kinder hätten irgendwo weitergelebt. Vermischt, verborgen, unerkannt.

” “Das Blut findet seinen Weg”, sagte eine alte Frau im Dorf. Niemand wagte zu fragen, woher sie das wußte. Es gibt Berichte von Familien, deren Kinder nachts plötzlich zu zählen beginnen. 1 2 3 4 und dann lächeln ohne Grund. Manche Eltern sagen, sie hätten im Traum eine Frau gesehen, die flüsterte. Nicht alle überstehen den Prozess. Psychologen nennen es kollektive Suggestion.

Theologen nennen es Erbe, doch die Alten nennen es einfach beim Namen. Die Linie Öz. Und so steht der Schwarzwald heute noch da, uralt, still. Und in seinen Tiefen lebt eine Geschichte, die sich weigert zu enden. Wenn der Wind die Fichten beugt, hört man ihn manchmal zählen. 1 2 3 4, dann stille und irgendwo darunter, wo die Erde dunkler ist, ruht das, was Menschen einst zu erschaffen glaubten und was vielleicht immer nur auf das nächste Kapitel wartet.

Im Winter des Jahres kam ein Dokument ans Licht, das den alten Fall Ötz wieder in Bewegung brachte. Ein pensionierter Archivar aus Freiburg, Herr Rolf Dizz, fand in einem versiegelten Karton des Justizarchivs eine Sammlung vergilbter Blätter, unbeschriftet, aber eindeutig mit der Handschrift von Philomena Ötz.

Es waren keine Prozessakten, keine Beobachtungen, keine Zahlen. Es war ein Tagebuch. Der erste Eintrag lautete: “Wir haben geglaubt, wir könnten verstehen, aber das Verstehen hat uns verschluckt. Ich höre die Stimmen derer, die nie geboren wurden, und sie fragen nicht nach Schuld, nur nach Wiederholung.

” Die letzten Seiten waren unvollständig, viele Zeilen durchgestrichen, als hätte sie gezögert, ehe sie schrieb. Der letzte Satz lautete: “Wenn Blutgedächtnis hat, dann ist tot, nur Schlaf.” Und Träume sind das Labor, in dem alles weitergeht. Dies zeigte das Manuskript einer Historikerin der Universität Heidelberg, Doktorin Maria Kasten, die es veröffentlichen wollte.

Doch noch bevor sie ihre Analyse beenden konnte, brannte ihr Arbeitszimmer aus. Das Manuskript blieb unauffindbar. Nur eine einzige Seite war digitalisiert worden. Sie trug den Titel Übertragung. Darauf stand, was in den Kindern begann, wird in anderen fortgesetzt, wenn sie zuhören. Es reicht, daß sie zählen.

Nach diesem Vorfall sprachen viele davon, dass die Linie nicht genealogisch, sondern geistig sei. Ein Gedanke, ein Flüstern, das sich weiterträgt von Ohr zu Ohr, von Traum zu Traum. In jenen Jahren ereigneten sich im Schwarzwald wieder seltsame Dinge. Ein Journalist, der über die Entdeckung des Tagebuchs schreiben wollte, verschwand. In seiner Wohnung fand man nur seine Tonbandaufnahmen.

Auf der letzten war ein Geräusch zu hören, wie Kinder, die im Hintergrund zählen, und eine leise Stimme, die flüsterte. Fünf. Doch niemand hatte je von einem fünften Kind gesprochen. Die Geschichte begann, sich wie ein Schatten über das Land zu legen. Schulen in der Region erhielten anonyme Briefe, in denen stand: “Erzählt sie weiter oder sie erzählt sich selbst.

” Ein Pfarrer aus Willingen erklärte in einer Predigt, daß Böse sei nicht das, was Menschen täten, sondern das, was sie zu erklären versuchen. Die Zwillinge haben nur laut ausgesprochen, was in jedem steckt. Der Wunsch, das Unvollkommene zu verbessern. Doch Gott erschuf uns nicht für Perfektion, sondern für Reue. Er wurde kurz darauf abberufen, weil seine Worte als zu beunruhigend galten.

Im Dorf Trieberg wurden inzwischen kaum noch Kinder geboren. Einige sagten: “Es sei Zufall, andere nannten es den Preis des Schweigens.” Und dann geschah etwas, das alles wieder öffnete. Im Januar des Jahres 2024 fiel in der Region ungewöhnlich starker Schnee. Ein Forstarbeiter, der die Zufahrtsstraße prüfte, entdeckte am Rande der alten Lichtung einen halbfreigelegten Kellerabgang aus alten Steinen, die keiner kannte.

Er meldete den Fund der Gemeinde. Zwei Tage später kam ein Geologenteam, um den Ort zu sichern. Man fand dort eine Treppe aßzehn Stufen hinab, end schmalen Kammer. Keine Werkzeuge, keine Möbel, nur Wände aus schwarzem glänzendem Gestein und an der Wand deutlich lesbar trotz der Jahrzehnte. Vier eingeritzte Zahlen. 1 2 3 4 Darunter ein Wort kaum sichtbar, aber zweifellos in Philomen Handschrift. Fortsetzung. Die Kammer wurde wieder verschlossen aus Sicherheitsgründen.

Doch die Arbeiter berichteten, sie hätten, bevor sie ging, ein leises Klopfen gehört. Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. In den Wochen danach mieden sie den Ort. Einer von ihnen kündigte und verließ das Land. In einem Brief schrieb er: “Ich weiß nicht, was dort unten ist, aber es hört zu. Seitdem ist die Lichtung wieder gesperrt.

Keine Karte zeigt mehr ihren Standort. Doch der Wind, der über den Schwarzwald zieht, trägt manchmal Worte, die niemand sprechen will. 1 2 3 4 5 Und wer sie hört, sagt besser nichts, denn wer zuhört, wird Teil der Linie. Im Frühjahr des Jahres veröffentlichte die regionale Zeitung Badische Chronik einen kurzen Artikel auf Seite 7, unscheinbar zwischen Meldungen über Forstäden und Tourismuszahlen.

Die Überschrift lautete: Ungewöhnliche akustische Anomalie bei Trieberg registriert. Ein Team von Geophysikern der Universität Freiburg hatte während einer Routineuntersuchung seltsame Messwerte aufgezeichnet. Rhythmische Schallimpulse tief unter der Erde gleichmäßig vier Töne, dann Pause dann wieder vier.

Die Forscher erklärten, es könne sich um seismische Mikroaktivität handeln, doch die Frequenz war zu präzise, zu wiederkehrend. Einer der Techniker, der anonym bleiben wollte, sagte später: “Es klang, als würde jemand im Dunkeln zählen.” Nach der Veröffentlichung wurde der Artikel innerhalb von Stunden aus der Online Ausgabe entfernt.

Die offizielle Begründung lautete: Datenfehler, aber die wenigen, die ihn gelesen hatten, erinnerten sich an das Schlusszitat eines der Wissenschaftler. Es scheint ein Muster zu geben. Vier Schläge, eine Pause. Wieder und wieder wie ein Atem. Kurz darauf tauchte ein Video auf einer anonymen Plattform auf. Es zeigte die Lichtung bei Nacht, gefilmt mit einer Drohne.

Der Nebel war dicht, die Bäume unbeweglich. Nach etwa einer Minute erschien im Bild eine schwache kreisförmige Glut, als würde der Boden selbst atmen. Dann ganz leise ein Flüstern. Nicht alle überstehen den Prozess. Das Video wurde hunderttausendfach geteilt, bevor es verschwand. Die IP-Adresse des Uploaders ließ sich nie zurückverfolgen.

In den Wochen danach berichteten Anwohner von merkwürdigen Träumen. Kinder im Dorf begannen, im Schlaf zu murmeln. Manche flüsterten Zahlen. Eine Mutter sagte, sie habe ihre Tochter nachts am Fenster gefunden, wie sie in die Dunkelheit starrte und zählte. 3 und dann leise lachte, als hätte sie jemanden erkannt.

Die Pfahrkirche von Trieberg hielt eine Messe für die unruhigen Seelen. Der Pfarrer sprach von Erlösung, von Vergebung, von der Notwendigkeit, das Vergangene ruhen zu lassen. Doch während des Gebets fiel plötzlich das Licht aus. Einige Anwesende schworen, sie hätten in der Dunkelheit ein Summen gehört. Sanft.

Monoton, wie das Lied eines Kindes, das sich selbst beruhigt. Nach dieser Nacht zog ein dichter Nebel über den Wald, der drei Tage lang nicht wich. Als er sich lichtete, war die Lichtung verschwunden, nicht nur vom Weg, sondern vom Gelände selbst. Der Boden war eben kein Baumstumpf, kein Stein, nichts, nur eine Kälte, die in der Luft blieb, als wäre der Wald erschöpft von dem, was er getragen hatte.

Heute, wenn man den Förstern glaubt, findet man an klaren Tagen noch Spuren, schwache Linien im Gras, fast wie Schriftzeichen, die sich wieder verwischen, sobald man sie erkennt. Einige sagen, sie hätten am Abend, kurz vor Sonnenuntergang eine Frau und einen Mann gesehen, blass, Hand in Hand, am Rand des Nebels. Und wenn sie verschwinden, hört man Kinder lachen. Leise, gleichmäßig, viermal.

Dann stille. Die Wissenschaft erklärt es als kollektive Erinnerung, eine Mischung aus Mythos und Angst. Doch die alten in Trieberg wissen es besser. Sie sagen, das Böse verschwindet nicht. Es lernt nur geduldig zu warten. Und so wartet der Schwarzwald weiter.

In den Nächten, wenn der Wind durch die Tannen fährt und der Boden unter Schnee und Zeit still atmet, kann man manchmal hören, wie jemand tief unten im Dunkeln zu zählen beginnt. 1 2 3 4 5 dann nichts mehr. Nur der Atem des Waldes.

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