Ein „Steuergeschenk“ mit bitterem Beigeschmack: Die geplante „Aktivrente“ entzweit die Nation
Die schwarz-rote Koalition hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Die sogenannte „Aktivrente“ soll es Rentnerinnen und Rentnern ermöglichen, bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei hinzuzuverdienen. Mit diesem Vorschlag soll das Arbeiten im Rentenalter attraktiver gemacht werden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Rentenkassen zu stabilisieren. Doch was auf den ersten Blick wie ein attraktives Angebot für ältere Menschen klingt, stößt bei den großen Sozialverbänden auf scharfe Ablehnung. Sie sehen in der geplanten Reform eine massive Ungerechtigkeit, die das Vertrauen in das Rentensystem untergräbt und eine Flut von Klagen auslösen könnte.

VdK und Caritas warnen vor “Flickenteppich” und Ungleichbehandlung
Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele, und die Chefin des Deutschen Caritasverbands, Eva Maria Welskop-Deffaa, sind sich in ihrer Kritik einig. Sie bezweifeln, dass die “Aktivrente” die erhofften positiven Effekte erzielen wird. Bentele argumentiert, dass die Mehrheit der älteren Menschen, die bereits im Ruhestand arbeiten, von der Neuregelung nicht profitieren werden, da sie oft in steuerfreien Minijobs oder als Selbstständige tätig sind. Sie befürchtet stattdessen „Mitnahmeeffekte“ für gesunde Rentnerinnen und Rentner in wenig belastenden Berufen, die ohnehin über die Regelaltersgrenze hinaus arbeiten wollen. “Als Einzelmaßnahme wird sie statt zusätzlichen Arbeitsplätzen vor allem Mitnahmeeffekte und massive Steuerausfälle produzieren und dem Fachkräftemangel in nur geringem Maße entgegenwirken”, resümiert Bentele.
Ihre Bedenken gehen jedoch noch weiter. Bentele befürchtet, dass die Bundesregierung aus Gründen der “verwaltungstechnischen Vereinfachung” darauf verzichten könnte, die Alterseinkommen der Begünstigten zu überprüfen. Dies könnte dazu führen, dass auch Pensionäre oder ehemalige Selbstständige, die keine gesetzliche Rente beziehen, von dem steuerfreien Verdienst profitieren. Diese ungleiche Behandlung würde ihrer Meinung nach den “allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatz” verletzen und “Tür und Tor für Klagen” öffnen. Die Regierung würde damit einen “weiteren Flickenteppich” schaffen, der das Rentensystem noch unübersichtlicher und ungerechter macht.

Ein Generationenkonflikt in der Rentenfrage
Die Caritas-Chefin Eva Maria Welskop-Deffaa sieht in der “Aktivrente” vor allem eine Ungerechtigkeit gegenüber jüngeren Generationen. Sie kritisiert, dass ältere Menschen neben ihrer vollen Rente steuerfrei hinzuverdienen können, während junge Eltern, die nach einer Familienpause ihre Erwerbstätigkeit wieder aufnehmen, mit voller Steuerprogression konfrontiert werden. “Es ist nicht hilfreich, den Älteren zulasten der Jungen teure Steuergeschenke zu machen”, mahnt sie. Diese Haltung verschärft einen potenziellen Generationenkonflikt, der bereits in der Rentendebatte präsent ist. Die Caritas-Präsidentin sieht das Rentenniveau, also das Absicherungsniveau der Rente im Verhältnis zu den Löhnen, als eine “überschätzte Kennzahl” an. Sie argumentiert, dass es wenig darüber aussagt, wie viel Rentnerinnen und Rentner tatsächlich im Geldbeutel haben.
Stattdessen plädiert Welskop-Deffaa für eine intensivere Nutzung der “Spielräume solidarischer Umverteilung in der gesetzlichen Rente”. Sie fordert, in der Rentenformel zwischen Menschen mit kleinen und hohen Einkommen zu unterscheiden, um sicherzustellen, dass diejenigen, die jahrzehntelang aus geringen Einkommen Beiträge gezahlt haben, am Ende eine existenzsichernde Rente erhalten. Damit würde man das Vertrauen in das System stärken, anstatt es durch unfaire Maßnahmen zu zerstören.
Altersarmut bei Selbstständigen: Ein übersehenes Problem
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt, den Welskop-Deffaa anspricht, ist die fehlende Einbeziehung von Selbstständigen in die gesetzliche Rentenversicherung. Dies sei eine überfällige Maßnahme zur Stabilisierung der Rentenkassen, da gerade Selbstständige häufig von Altersarmut bedroht seien. Sie nutzten oft jeden Euro, um ihre Geschäftsidee voranzutreiben, und merkten zu spät, dass sie dabei große Lücken in ihrer Altersabsicherung hinterließen. Die Caritas-Chefin betont die hybride Natur der modernen Arbeitswelt, in der Menschen häufig zwischen Anstellung und Selbstständigkeit wechseln. Wenn in diesen Phasen nur für Teile des Einkommens Beiträge in die Rentenkasse fließen, kann dies zu einer prekären finanziellen Lage im Alter führen.
Der Vorschlag zur “Aktivrente” hat somit eine breite Debatte über die Gerechtigkeit im Rentensystem, die Solidarität zwischen den Generationen und die Absicherung von Selbstständigen angestoßen. Während die Bundesregierung die geplante Reform als einen Schritt zur Attraktivitätssteigerung des Rentenbezugs betrachtet, sehen die Sozialverbände darin eine verpasste Chance, grundlegende Ungleichheiten im System zu beheben. Es bleibt abzuwarten, ob die Regierung die scharfe Kritik aufgreifen und ihre Pläne überdenken wird, oder ob sie an ihrem Vorschlag festhält und damit einen tiefen Riss zwischen den Generationen und innerhalb der Gesellschaft riskiert.