
In den abgelegenen Tälern des bayerischen Voralpenlands im Jahr 1892, wo die Bauernhöfe weit voneinander entfernt lagen und Fremde mit Misstrauen betrachtet wurden, lebten die Zwillingsschwestern Anna und Margarete Bauer in einer Einsamkeit, die fast jenseits der Zeit zu liegen schien. Sie hüteten ein Geheimnis, dass die Erde, auf der sie standen, für immer beflecken sollte.
Als ihr verweister Vetter Thomas Krämer eines Frühlingstages erschien, nannte ihr betlägeriger Vater Jozef Bauer es eine Fügung des Himmels. Thomas, sagte er, sei die Vorsehung selbst gesandt, um das reine Blut ihrer Familie zu bewahren. Doch die Jahre, die folgten, sollten diesen frommenspruch in ein biblisches Grauen verwandeln.
Vi Jahre lang blieb Thomas in einem dunklen Kellerraum unter dem alten Bauernhaus eingeschlossen als Ehemann in einer heiligen Verbindung, die nur in den Augen des Herrn bestand, nicht aber vor den Gesetzen der Menschen. Das Baueranwesen lag weit außerhalb des nächsten Marktfleckens, etwa 15 Wegstunden von Rosenheim entfernt, tief in einem Tal, das kaum Sonnenlicht sah.
Das Haus war schlicht. Eine niedrige Blockhütte mit Rauchfang aus Stein, daneben eine Scheune, deren Dach sich schon gefährlich neigte. Unter dem Hügel lag der kühle Vorratskeller, der bald zu etwas Unaussprechlichem werden sollte. Josef Bauer war in der Gegend bekannt als ein Mann sonderbarer Frömkeit.
Wenn er selten genug ins Dorf hinabstieg, sprach er in biblischen Gleichnissen über die Verderbtheit der modernen Welt und die Pflicht, seine Familie rein und abgesondert zu halten. Die Leute in den Gasthäusern lernten bald, ihm nicht zu widersprechen. Sie gaben ihm, was er verlangte, Salz, Öl, Seife und sahen schweigen zu, wie er seinen Karren wieder den Berg hinauftrieb, zurück in die Wälder.
Seine Frau war schon vor Jahren gestorben an einer Krankheit, über die niemand mehr genau sprach. Seit ihrem Tod war Josef kaum noch im Dorf gesehen worden. Seine Zwillingstöchter Anna und Margarete erschienen noch seltener. Wenn sie kamen, dann immer gemeinsam, gleich gekleidet, mit weißen Hauben und groben Leinenkleidern.
Sie sprachen leise, kaum hörbar und ihre Augen blieben stets gesenkt. Eine Händlersfrau sagte später, die beiden hätten gewirkt wie zwei Rehe, die aus Versehen auf eine Lichtung geraten waren. Jedes ihrer Worte ein Flüstern, jede Bewegung spiegelgleich zur anderen. In der Nähe des Hofs war es still, zu still.
Keine Lieder, kein Gespräch, kein Kinderlachen, nur das dumpfe Schlagen der Axt, das Quietschen der Tür angeln, das ferne Moon der Kühe. Die Bauerfamilie hatte noch ein Mitglied, über das kaum jemand sprach. Sebastian Bauer, der älteste Sohn. Er hatte den Hof vor Jahren verlassen, um tiefer in den Wald zu ziehen, wo er sich eine kleine Hütte gebaut hatte.
Er lebte vom Jagen und Fallenstellen, tauschte Pelze gegen Mehl und Schießpulver, wenn er mußte. Die Kinder im Dorf flüsterten Geschichten über ihn, vom Waldmann, der keine Menschensprache mehr kenne. Manche sagten, er sei verrückt, andere, er habe in ein Tier verwandelt. In Wahrheit wollte Sebastian nur allein sein und in den endlosen Wäldern Oberbayerns war das durchaus möglich.
Im Frühjahr des Jahres8 kam Thomas Grämer aus Niederbayern, ein schmaler stiller Junge von 17 Jahren, der nach dem Tod seiner Eltern keine andere Familie mehr hatte. Die Bauers waren seine einzigen lebenden Verwandten und so nahm Josef ihn auf. Einige Monate lang sah man Thomas im Dorf, beim Laden, beim Tragen der Mehlsäcke, beim Spannen des Pferdes.
Er sprach wenig, doch er lächelte höflich und man hielt ihn für dankbar. Dann, als der Herbst kam und das Laub golden wurde, verschwand er. Als man Anna oder Margarete danach fragte, sagten sie nur, er sei nach München gegangen, um Arbeit zu finden. Niemand zweifelte daran. Junge Männer zogen damals oft in die Städte.
Doch in Wahrheit hatte Thomas das Bauerhaus nie verlassen. Josef Bauer lag seit jenem Herbst ans Bett gefesselt. Ein Schlag hatte seinen Körper gelähmt, doch sein Geist, fanatisch und wach, blieb ungebrochen. Eines Abends rief er seine Töchter zu sich. Die Stube war dunkel, das Öl in der Lampe fast verbraucht.
Anna und Margarete knieten an seinem Bett, die Hände gefaltet, während er mit brüchiger Stimme sprach: “Als spräche durch ihn selbst der Herr. Gott hat uns geprüft”, flüsterte er, “nder er hat uns belohnt. Der Junge unten im Tal, er ist die Antwort auf unser Gebet. Unser Blut ist rein, unsere Linie auserwählt und sie muss fortbestehen, unbefleckt von der Sünde der Welt. Die Schwestern nickten ohne zu zögern.
Sie kannten keine andere Wahrheit als die ihres Vaters. Seit der Kindheit hatte er ihnen gepredigt, dass die Welt da draußen böse sei, voller Versuchung, Lüge und Verderbnis. Wenn Josef Bauer Gottes Wille sagte, war kein Widerspruch möglich. Und so wurde das, was in einem frommen waren begann, zu einem Verbrechen jenseits jeder Vorstellung.
Thomas wurde in den Keller gebracht, den alten Vorratsraum unter der Erde, kühl und feucht, mit Mauern aus grobem Stein. Dort ketteten sie ihn an die Wand. Anna brachte ihm Brot und Wasser. Margarete las Bibel und in der Nacht hörte man manchmal ein gedämpftes Wimmern, das vom Boden des Hauses heraufstieg. Die Tage vergingen, die Jahreszeiten wechselten, das Tal lag oft im Nebel, der Wald schwieg und das einzige Zeichen von Leben war der Rauch, der aus dem Schornstein der Bauers aufstieg.
Kein Mensch kam dem Hof nahe. Niemand wollte es. Im Dorf vergaßen die Leute den Jungen bald. Nur eine Händlerin fragte eines Tages beiläufig nach ihm. Eine der Schwestern, niemand wußte mehr welche, antwortete: “Er ist fort nach Nürnberg vielleicht. Gott hat ihn gerufen.” Dann kehrte wieder Schweigen ein.
Vier Jahre vergingen. Im Frühling des Jahres 1896 saß Landhauptmann Friedrich Gallo, der Bezirksbeamte von Rosenheim, in seinem kleinen Amtszimmer als ein Brief aus Thüringen eintraf. Die Handschrift gehörte einer Frau namens Martha Krämer, einer Tante des vermißen Jungen. Sie schrieb: “Sie habe seit Jahren keine Nachricht von ihrem Neffen erhalten. Mehrmals habe sie Briefe geschickt, alle unbeantwortet.
Sie bat den Beamten nachzuforschen, ob Thomas noch lebe. Gallo war ein erfahrener Mann, ein ehemaliger Unteroffizier, der die Wirren des Krieges gesehen und danach in den Bergen Zuflucht gesucht hatte. Er hatte gelernt, daß Menschen Dinge tun, die man nicht begreifen kann und das Stille manchmal das Lauteste ist, was ein Ort zu sagen hat.
Er befragte Händler und fuhr Leute. Alle sagten dasselbe. Ja, sie erinnerten sich an den stillen jungen Vetter, der vor Jahren bei den Bauers gewohnt hatte, aber er sei fortgezogen. Wohin? Das wusste niemand. Gallo beschloß, selbst hinauszufahren. Der Weg zum Bauerhof war beschwerlich, ein schmaler Pfad durch dichte Wälder vorbei an Felsen und Sympfen.
Der Regen der letzten Wochen hatte den Boden aufgeweicht. Das Pferd rutschte mehr als einmal. Gegen Nachmittag erreichte er die Lichtung. Das Haus stand still und ordentlich da. Rauch stieg aus dem Kamin. Die Tür war geschlossen, doch das Dach war neu gedeckt und die Fenster glänzten sauber. Zwei Frauen traten hinaus, Anna und Margarete.
Sie standen nebeneinander auf der Schwelle, blass und reglos wie geschnitzte Figuren. Ihre Kleider waren schlicht, ihre Gesichter unbewegt. Nur die Augen, grau, hell, undurchdringlich folgten dem Besucher. Guten Tag, sagte der Beamte und zog den Hut. Ich bin Friedrich Gallo, Landhauptmann. Ich komme wegen eures Vetters Thomas Krämer. Seine Tante bittet um Nachricht.
Die Schwestern wechselten einen Blick. Dann sprach die eine mit leiser Stimme: “Thomas ist fort, schon lange. Er wollte in die Stadt gehen, um Arbeit zu suchen.” “Wann genau?”, fragte Gallo. “Vor vier Jahren vielleicht. Wir haben seither nichts gehört. Und euer Vater? Er ist krank. Er schläft.” Der Beamte nickte, doch seine Augen blieben misßrauisch.
Er bat, das Haus betreten zu dürfen, doch die Schwestern traten einen Schritt vor. Nicht feindlich. Aber bestimmt. Vater darf keinen Besuch empfangen. Er blickte an ihnen vorbei, sah den dunklen Schatten des Hausinneren, einen Tisch, ein Kreuz an der Wand, sonst nichts, kein Laut, kein Husten, kein Leben. Gallo verabschiedete sich mit höflichen Worten und ritt davon.
Doch der Gedanke an die beiden Frauen ließ ihn nicht los. Etwas an ihrer Stille war unnatürlich, wie ein See, der zu glatt ist, um nicht tief zu sein. In den Wochen nach seinem Besuch dachte Friedrich Gallo immer wieder an die Bauerschwestern. Ihre Gesichter, so gleich und so leer, ließen ihn nicht los.
Er erinnerte sich an ihre Bewegungen, wie sie im gleichen Atemzug blinzelten, wie ihre Hände denselben Winkel hielten, als wären sie von einer unsichtbaren Kraft gelenkt. Es war, als hätte er vor einem Spiegel gestanden, der kein Spiegel war. Doch was ihn am meisten beunruhigte, war die Stille des Hauses.
Kein Ton, kein Schritt, kein Geräusch hatte er gehört, nicht einmal das leise Klopfen eines Kochlöffels oder das Scharen eines Huhns, nur der Wind in den Fichten. Gallo war ein Mann, der seine Intuition kannte. Sie hatte ihm im Krieg das Leben gerettet, mehr als einmal. Und jetzt sagte sie ihm, dass dort oben in den Bergen etwas nicht stimmte.
Er schrieb Martha Krämer in Thüringen einen höflichen Brief zurück. Darin stand: “Ihr Neffe habe den Hof vor Jahren verlassen, um in der Stadtarbeit zu suchen. Niemand habe seitdem Nachricht von ihm erhalten. Es klang glaubwürdig und doch wusste Gallo, dass er log. Er wollte die Frau schonen und sich selbst die Last ersparen, etwas auszusprechen, das er noch nicht beweisen konnte.
Der Sommer kam, brachte Hitze und Staub. Das Leben im Tal ging weiter. Der Landhauptmann schlichtete Streitigkeiten um Weidezäune, verfolgte ein paar Diebstähle und kümmerte sich um die allgegenwärtige Schwarzbrennerei in den Bergen. Doch immer wieder, wenn er abends am Schreibtisch saß, sah er das Gesicht einer der Zwillinge vor sich, blass, unbewegt und ihre Stimme, die sagte, er wollte in die Stadt gehen.
Eines Tages, im späten Juli, kam der alte Dorfarzt Dr. Heinrich Kreuzer in sein Büro. Er war ein Wortkagermann mit schneeweißem Bart, der seit 30 Jahren durch die Täler ritt, um Kranke zu behandeln und Kinder zur Welt zu bringen. Nach ihrer Unterhaltung über eine Epidemie im Nachbardorf blieb der Arzt noch sitzen, drehte seinen Hut in den Händen und sah Gallo mit müdem Blick an.
Sagen Sie, begann er zögernd. Fragen sie immer noch nach den Bauern da oben. Gallo richtete sich auf. Was ist mit Ihnen? Kreuzer senkte die Stimme. Vor zwei Jahren, also im Herbst 1894, bekam ich einen Boten von dort. Eine der Schwestern lag in den Wehen. Ich sollte sofort kommen.
Als ich ankam, band mir die andere Schwester ein Tuch über die Augen und führte mich den letzten Teil des Weges. Ich durfte den Hof nicht sehen. Ich fand das seltsam, aber die Not duldet keinen Stolz. Er erzählte, wie er in die Stube gebracht wurde, wo eine der Frauen auf einem Strohlager lag, bleich und schwitzend. Der Vater hieß es, liege krank in einem anderen Raum, aber er sah ihn nie.
Ich tat, was ich konnte. Das Kind kam lebend zur Welt, aber kaum hatte ich seinen Schrei gehört, wurde es mir weggenommen. Die andere Schwester wickelte es in Tücher und trug es hinaus. Danach: “Sille, kein Laut mehr. Ich dachte, es sei eingeschlafen. Er hatte geschwiegen, weil ihn das Arztgeheimnis dazu zwang.
Doch seit Gallos Besuch im vergangenen Jahr ließ ihn die Sache nicht los. “Sagen Sie mir?”, fragte er leise. “Haben Sie je das Kind gesehen? Oder den Vater?” Gallo verneinte: “Niemand hat sie je gesehen, nicht seit Jahren.” Der Arzt nickte langsam, dann stand er auf. Dann, Herr Landhauptmann, will ich Ihnen etwas sagen, dass mir keine Ruhe lästt. Es war kein gewöhnlicher Hausgeburt. Es war wie ein Ritual.
Kein Wort, kein Gebet, keine Freude, nur Furcht. Und diese Furcht lag schwer im Raum wie Rauch. Ich habe viele Geburten gesehen, aber nie eine so schweigende. Als der Arzt gegangen war, blieb Gallo lange am Fenster stehen. Draußen senkte sich die Dämmerung über das Tal und der Himmel färbte sich purpuren.
In der Ferne, jenseits der Wälder, wo der Bauerhof lag, zog Nebel auf, etwas in ihm wusste. Das, was dort geschah, war größer als ein verschwundener junger Mann oder ein totes Kind. Es war ein ganzes Leben, das langsam verfault war, tief im Herzen der Berge. Er schwor sich, noch einmal hinaufzugehen, aber diesmal würde er nicht allein sein.
Es war spätsommer, als Friedrich Gallo seinen Entschluss fasste. Die Sonne stand tief über den Bergen, das Korn war gemäht und der Wald begann sich langsam in gelb und braun zu färben. Er ritt früh am Morgen los, begleitet von seinem jungen Gehilfen Johann Reiter, einem kräftigen Burschen, der ihm schon oft zur Seite gestanden hatte.
“Wir schauen nur nach dem Rechten,” sagte Gallo knapp, doch Johann spürte, dass dies kein gewöhnlicher Besuch war. Die Luft war still, schwer und die Schatten der Bäume zogen sich wie Finger über den Weg. Sie brauchten fast einen ganzen Tag, um die abgelegene Lichtung zu erreichen. Der Hof lag da wie ein vergessenes Bild. Das Haus sauber, das Dach dicht, die Scheune verschlossen, Rauch aus dem Schornstein und doch kein Laut, kein Ruf, kein Hund, kein Hannahenschrei, nur das leise Knacken des Holzes im Wind. Als sie sich näherten, öffnete sich die Tür und die Zwillinge traten
heraus. Sie standen nebeneinander wie zuvor. Reglos, still gleich. Gello zog den Hut, doch sein Gruß verhalte in der Luft. “Wir müssen noch einmal sprechen”, sagte er, über euren Vetter Thomas. Die eine Schwester neigte den Kopf, die andere blickte ihn an. “Wir haben nichts Neues zu sagen, er ist fort.
” “Und euer Vater?” fragte Gallo. Er ruht in Gottes Händen. Gallo spürte, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Ihr meint, er ist tot. Ja, sagte die linke Schwester, während die Rechte die Hände faltete. Schon seit einem halben Jahr. Er fragte, ob sie den Tod gemeldet hätten. Sie schüttelten die Köpfe. Es war nicht nötig. Der Herr hat ihn genommen.
Der Landhauptmann sah sie an, dann das Haus. Kein Geräusch kam von innen. Er trat einen Schritt näher. Ich muß das Haus sehen. Es ist Gesetz. Die Frauen wechselten einen Blick. Dann trat Anna oder Margarete, er konnte es nicht sagen, beiseite und ließ ihn ein. Der Raum war kar, aber sauber. Ein Tisch, zwei Stühle, ein Kreuz.
In der Ecke ein Bett, ordentlich gemacht. Ein Geruch von kalter Asche lag in der Luft. Auf einem Regal standen Gläser mit eingemacht Obst, daneben eine Bibel, deren Seiten von unzähligen Fingern abgewetzt waren. Er ging weiter in den hinteren Raum. Dort stand ein zweites Bett, leer. Nur der Abdruck eines Körpers im Stroh verriet, dass hier jemand gelegen hatte.
“Das war Vaters Bett”, sagte eine Stimme hinter ihm. “Er hat viel gebetet, Tag und Nacht.” “Wo habt ihr ihn begraben?”, fragte Gallow. hinter dem Haus am Birnbaum. Er trat hinaus, sah das kleine Kreuz aus Holz im Boden. Kein Name, kein Datum, nur ein schiefes Zeichen, das in die Rinde des Baums geritzt war. “Ihr hättet das melden müssen”, sagte er leise.
“Wir brauchen keinen Pfarrer, keinen Beamten”, antwortete eine der Schwestern. “Gott weiß, wo seine Kinder ruhen.” Gallo schwieg. Er sah die Berge, den Himmel. die Wolken. Alles war still, zu still. Dann fiel ihm etwas auf. Der Boden hinter der Scheune war aufgewühlt, als hätte jemand dort gegraben. Die Erde war frisch. “Was ist dort?”, fragte er.
“Wir haben nur Unkraut entfernt”, antworteten sie im Chor. “Ze es mir.” “Nein, es war ein einziges Wort, aber es war gesprochen mit einer Härte, die ihn erschütterte. Er trat einen Schritt vor und plötzlich hörte er es. Ein kaum wahrnehmbares Klirren, metallisch, tief unter seinen Füßen, wie das Rascheln einer Kette. Er sah die Schwestern an.
Ihre Gesichter veränderten sich nicht, nur ihre Augen glänzten, als hätte in ihnen ein Licht gebrannt, das von keinem Himmel kam. Galloich zurück. Er wuste, daß er heute nichts weiter erreichen würde. “Ich komme wieder”, sagte er. Das hoffen wir, antwortete eine ruhig. Dann wirst du verstehen. Sie schlossen die Tür. Auf dem Rückweg durch den Wald sprach keiner von beiden.
Erst am Abend, als die Dämmerung die Berge verschluckte, sagte Johann leise: “Herr Gallo, da oben war etwas im Boden. Ich hab’s gespürt.” Der Landhauptmann nickte nur. Ja, etwas lebt dort oder ist nie wirklich gestorben. Friedrich Gallo schlief in jener Nacht kaum. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben seines kleinen Amtszimmers und jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er die Gesichter der Bauerschwestern vor sich, bleich, unbewegt, als wären sie aus Wachs.
In seinem Traum hörte er Ketten klirren, sah eine Tür im Boden und aus der Dunkelheit drang ein schwacher Atem. Als er erwachte, war sein Hemd nass vor Schweiß und die Morgenglocke von Rosenheim schlug fünfmal. Zwei Tage später kam ein Bote vom Arzt. Dr. Kreuzer bat um ein Treffen. Als Gallo in die Praxis trat, fand er den alten Mann blass und erschüttert vor.
“Sie müssen hinaufgehen”, sagte er ohne Begrüßung. Ich habe heute früh etwas erfahren. Der Arzt erklärte, ein Trapper, der ab und zu in den Bergen jagte, sei in der vergangenen Woche auf Sebastian Bauer den älteren Bruder gestoßen. Tot in seiner Hütte, tief im Wald. Schlangenbiss hieß es, murmelte Kreuzer, eine Kreuzotter.
Doch der Mann, der ihn fand, schwört, dass der Körper schon verfallen war und dass jemand die Hütte nachträglich verschlossen hat. Gallo fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. “Wo genau?”, fragte er. “Hinter dem dritten Bergrücken, am Rand des Finstergrabens. Ich kann Ihnen den Weg beschreiben.” Noch am selben Nachmittag brach Gallo auf, begleitet von Johann Reiter.
Der Himmel war bleiern, die Luft schwer vom Duft nasser Tannen. Nach Stunden des Reitens fanden sie die Hütte. kaum mehr als eine zusammengefallene Bretterbude. Der Geruch des Todes lag in der Luft. Im Innern fanden sie Sebastian Bauer zusammengesunken auf einer Pritsche.
Sein Gesicht war kaum noch zu erkennen, die Haut verfärbt, das Bein angeschwollen. Neben ihm lag eine Bibel, aufgeschlagen beim Buch Hiop. Das sieht nach Schlangenbiisß aus”, sagte Johann mit belegter Stimme. “Ja”, murmelte Gallo. “Aber warum ist der Deckel des Brunns draußen offen?” Hinter der Hütte stand ein alter Brunnen aus Stein.
Sein Holzdeckel war zur Seite geschoben, als hätte ihn jemand kürzlich geöffnet. Der Landhauptmann trat näher und der Geruch, der ihm entgegenschlug, ließ ihn zurückweichen. Es war der süßlich schwere Geruch von Verwesung. älter als der Tod in der Hütte. “Holen Sie das Seil”, sagte er. “Da unten liegt etwas.
” Es dauerte bis zum Abend, ehe sie mit Hilfe von Dorfbewohnern eine Winde bauten. Das Seil knarrte, der Eimer schwang in der Dunkelheit des Brunnens. Dann hörte man einen dumpfen Schlag. Etwas Schweres war angehakt worden. Mit vereinten Kräften zogen sie das Bündel nach oben. Es war ein grobes Tuch gewickelt, fest verschnürt, durchdrängt vom Wasser.
Als das Licht der Laterne darauf fiel, sah Gallo, dass der Stoff an einigen Stellen eingerissen war, darunter blasse Haut, verkrümmt, entstellt. Sie öffneten die Verschnürung. Zwei Körper kamen zum Vorschein. Zwei Frauen verwäst, aber unverkennbar identisch. die Bauerschwestern. Ein leises Murmeln ging durch die Männer. Johann bekreuzigte sich. Wie lange? Fragte einer.
Der Arzt, der später hinzukam, schätzte: “Etwa Monate, vielleicht etwas mehr. Es war still, bis Gallo sprach.” “Dann war es nicht Sebastian, der sie hineingeworfen hat”, sagte er tonlos. “Er ist selbst seit Wochen tot. Jemand anderes hat sie hierher gebracht. oder sie selbst. Sie suchten weiter im Brunnen. Zwischen Steinen und fauligem Wasser fand Johann ein kleines fest versiegeltes Päckchen aus gewachstem Lein.
Er reichte es Gallo. Es war kaum größer als ein Buch. Der Landhauptmann schnitt die Versiegelung auf, während alle schwiegen. Darin lag ein Stapel Papiere, sauber geschrieben in einer feinen weiblichen Hand. Auf der ersten Seite stand: “Ich, Margarete Bauer, schreibe dies, damit die Wahrheit nicht mit uns stirbt.” Gallo setzte sich auf einen Stein. Das Papier zitterte in seinen Händen.
Der Wind zog über die Lichtung und irgendwo in der Ferne rief ein Kauz. Dann begann er zu lesen. Die ersten Zeilen erzählten von Glauben, vom Vater, von die bei dem Göttlichen Auftrag. Sie sprachen von einem Gott, der Reinheit fordert, von Blut, das unbefleckt bleiben müsse. Mit jedem Absatz wurde die Schrift klarer, kälter, verzweifelter.
Thomas kam zu uns als Zeichen, schrieb Margarete. Vater sagte, der Himmel habe ihn gesandt. Er sollte uns zu Frauen machen, damit das heilige Blut nicht vergehe. Johann trat näher, doch Gallo hob die Hand. Nicht jetzt, sagte er leise. Das hier ist keine Beichte, das ist ein Gericht. Margaretes Schrift war ruhig, beinahe makellos, keine verwischten Zeilen, keine Tränenflecken.
Es war die Hand einer Frau, die längst jede Regung in sich erstickt hatte. “Wir haben niemals gezweifelt”, schrieb sie. “Seit unserer Kindheit lehrte Vater, daß wir die letzten eines reinen Stammes sind. Die Welt draußen ist gefallen, unrein, verdorben. Nur wir tragen das Zeichen des Lichts. Wir dürfen uns nicht mit fremdem Blut vermischen, sonst verliert die Seele ihre Gestalt.
Dann beschrieb sie jenen Abend, an dem Josef Bauer halb gelähmt sie zu sich rufen ließ. Er sprach mit schwerer Zunge, aber seine Augen brannten. Er sagte: “Gott habe ihm gezeigt, wie wir das Werk fortsetzen sollen.” Thomas war das Werkzeug, nicht der Mensch. Er sollte die Linie reinigen, nicht beflecken. Margarete schrieb: “Sie und Anna hätten das als Wahrheit angenommen.
Sie wußten nichts anderes. Kein Pfarrer, kein Lehrer, kein Nachbar hatte ihnen je widersprochen, weil niemand ihnen je etwas anderes gesagt hatte. Wir kannten nur ihn, den Vater. Und was er sprach, war wie Donner in der Nacht. Thomas war jung, siebzehn Jahre alt, mager, höflich. Er hat uns angelächelt, als er kam.
Ich erinnere mich, dass er den Pferden den Hals tschelte. Er roch nach Heu und Regen. Aber dann kam der Tag, an dem der Vater ihn in den Keller führen ließ. Vater sagte, dies sei die Stunde der Prüfung. Thomas widersprach, aber Vater hob die Bibel und wir wagten nicht zu zweifeln.
Ich brachte Wasser, Anna Brot und dann wurde die Tür geschlossen. Die nächsten Seiten waren eine Chronik des Grauens. Wir hörten ihn weinen, beten, dann fluchen. Wir brachten ihm essen, aber er sprach nicht mehr mit uns. Vater sagte, wir müssten ihn reinigen, wie man Metall vom Rost befreit. Wir taten, was befohlen war, im Glauben, es sei heilig.
Margaretes Worte waren präzise, sachlich, umso furchtbarer in ihrer Kälte. “Ich wurde schwanger”, schrieb sie. Es war der Beweis, dass Gott uns gesegnet hatte. Vater sagte, das Kind würde das neue Licht tragen. Ich betete jede Nacht. Anna sang Lieder, die Mutter uns gelehrt hatte. Wir glaubten, der Himmel höre uns.
Dann kam der Tag der Geburt. Sie erwähnte den Arzt. einen alten Mann mit Augen, die alles sahen und doch nichts wissen durften. Das Kind wurde geboren in einer Nacht, in der Sturm die Fenster rüttelte. “Ich hörte es schreien”, schrieb sie, “Und in diesem Schrei war etwas, das kein Kind je hervorbringen sollte.
Es war kein Ton des Lebens, sondern des Leidens.” Margarete beschrieb, dass das Neugeborene entstellt war. Sein Kopf war zu groß, seine Glieder zu kurz. Es war nicht von dieser Welt. Die Schwestern sahen dies als Zeichen des Bösen. Wir glaubten, der Teufel habe durch Sebastians Nähe unsere Reinheit befleckt.
Er war immer in den Wäldern, sprach mit Tieren, brachte Knochen nach Hause. Vater sagte, er sei ein Werkzeug Satans. Also taten sie, was sie für notwendig hielten. Wir nahmen das Kind in der dritten Nacht und trugen es in den Wald. Wir gingen bis zu der Stelle, wo die Fichten so dicht stehen, daß kein Mondlicht den Boden erreicht. Wir knieten nieder und beteten.
Dann tat Anna, was getan werden musste. Wir begruben das Kind unter Moos und Stein. Die Schrift wurde an dieser Stelle unruhig. Einzelne Buchstaben zitterten. Ich hörte noch einmal den Wind, als würde er den Schrei wiederholen. Dann war es still. Thomas, der Gefangene im Keller, hatte das wohl gehört. Er sprach nicht mehr, nahm keine Nahrung mehr an.
Nach Tagen fand ich ihn still, die Augen offen. Wir begrubben ihn im Wald. Anna sagte: “Gott habe ihn erlöst.” Danach starb Josef Bauer wie eine Kerze, die ausgebrannt ist. Die Schwestern meldeten nichts, beteten nur weiter, bis die Stimmen im Wind sich zu Mehren begannen.
Wir sahen Sebastians Schatten zwischen den Bäumen. Wir fanden Knochen an der Tür, Kreise im Schnee. Wir wussten, dass das Böse zurückgekehrt war. Sie schrieben, sie hätten beschlossen, es zu beenden. Wir nahmen Papier und Feder und schrieben dies: “Wenn jemand uns findet, soll er wissen, dass wir nur den Willen des Herrn vollbracht haben.” Die letzten Zeilen waren halb verwischt.
Wir steigen hinab in den Brunnen. Wasser reinigt, Wasser vergibt. Vielleicht wartet Vater dort, vielleicht der Engel selbst. Der Himmel wird richten, nicht die Menschen. Dann nichts mehr. Der Satz endete mitten im Wort. Friedrich Gallo legte die Seiten langsam beiseite. Kein Geräusch war zu hören, außer dem leisen Tropfen des Wassers, das vom Seil fiel. Niemand sprach.
Der Landhauptmann stand auf, sah in die Dunkelheit des Waldes und sagte nur: “Das war kein Werk des Glaubens, das war ein Werk des Wahnsinns.” Der Wind drehte und irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. Der Abend senkte sich über das Tal. als wolle er die Wahrheit wieder begraben, die sie ans Licht gezogen hatten.
Am nächsten Morgen stand Friedrich Gallo am Rand der Lichtung und sah in das fahrau, das über den Wald kroch. Der Nebel hing tief zwischen den Stämmen und der Brunnen, in dem man die Schwestern gefunden hatte, war nun abgedeckt, versiegelt mit Brettern und Stein. Kein Laut war zu hören, nicht einmal das Zwitschern der Vögel, nur das dumpfe Tropfen von Wasser, das irgendwo in der Tiefe verste. Johann Reiter trat zu ihm.
Er war bleich, die Hände schmutzig vom Graben und heben der Nacht. Was tun wir jetzt, Herr Landhauptmann? Gallo antwortete nicht sofort. Er hielt das letzte Blatt des Briefes in der Hand, betrachtete die zitternden Buchstaben, den abgebrochenen Satz. Wir tun, was das Gesetz verlangt. Wir begraben sie anständig und wir schreiben, was geschehen ist. Aber nicht alles. Johann sah ihn an, erstaunt.
Nicht alles, nicht alles gehört ans Licht”, sagte Gallo leise. “Manche Dinge zerstören mehr, als sie erklären.” Sie ließen die Körper der Schwestern in einfache Särge legen, ohne Pfarrer, ohne Glocke. Nur der Arzt sprach ein Gebet, ehe man die Erde über sie schüttete. Der Wind trug das Armen davon und mit ihm schien ein Teil der Stille zu weichen.
In den folgenden Tagen sammelte Gallo Beweise, soweit sie überhaupt noch zu finden waren. Der Keller des Hauses leer, nur rostige Ketten an der Wand, ein zerbrochener Krug, ein Fleck auf dem Boden, der selbst nach Jahren noch roch wie Eisen.
Hinter dem Haus fand er den kleinen Birnbaum mit dem Kreuz, unter dem der Vater lag. Daneben eine zweite unmarkierte Stelle. Er ließ graben, doch der Boden war leer. Kein Körper, kein Sag. Vielleicht war dort eins Thomas begraben gewesen oder jemand hatte ihn fortgeschafft. Die Dorfbewohner kamen in Scharen, als sich die Nachricht verbreitete. Manche wollten helfen, andere nur sehen.
Alte Frauen bekreuzigten sich, junge Männer erzählten Geschichten von Flüchen und Gespenstern. Einer behauptete, nachts im Wald eine Kinderstimme gehört zu haben. Ein anderer schwor: “Die Zwillinge stünden bei Vollmond am Brunnenrand und flüsterten Gebete. Gallo schickte sie alle fort.
Das hier ist keine Sage”, sagte er. “Das ist ein Grab.” Er schrieb den Bericht an die Behörde in München. Drei Tage saß er daran. Er beschrieb die Toten, die Umstände, die Zeugenaussagen. Doch als er zur Beilage der Beichte kam, hielt er inne. Die Worte der Frauen, so verrückt und schrecklich sie waren, zeigten etwas, das tiefer ging als Verbrechen.
Es war eine Art Krankheit, geboren aus Einsamkeit, aus fanatischem Glauben, aus jener Finsternis, die entsteht, wenn Menschen zu lange nur ihre eigene Stimme hören. Er fasste den Entschluss. Die vollständige Beichte würde er nicht weitergeben, nur das Nötigste. Der Rest sollte mit den Schwestern ruhen.
Er schrieb: “Die Zwillinge Anna und Margarete Bauer nahmen sich das Leben in einem Zustand religiösen Warns. Ihr Bruder Sebastian Bauer wurde tot aufgefunden, vermutlich durch einen Schlangenbiss. Der vermisste Thomas Krämer gilt als verstorben. Alle weiteren Umstände bleiben unbestimmt. Darunter setzte er sein Siegel und Datum. Den 17. September des Jahres, 1896. Am Abend saß er allein in seinem Büro.
Draußen regnete es. Auf dem Tisch lag der Stapel Papiere, das Geständnis sorgfältig in Leinwand eingeschlagen. Er hatte es behalten, nicht aus Neugier, sondern weil er wusste, dass es noch gebraucht werden könnte, für die Wahrheit oder für die Warnung. Er legte die Hand auf das Paket. “Rut”, sagte er leise. “Rut in Frieden.
Möge keiner je wieder tun, was ihr für heilig hieltet.” Dann löschte er die Lampe. Der Raum wurde dunkel. Nur das Rauschen des Regens blieb wie das Flüstern von Stimmen, die der Himmel längst vergessen hatte. Doch als er das Fenster schloß, schwor er, im Wind einen Laut gehört zu haben.
Ein leises Wein, fern, kaum mehr als ein Hauch, vielleicht nur der Sturm, vielleicht Erinnerung, vielleicht auch etwas, das nie wirklich vergangen war. Der Herbst senkte sich über das Tal und mit ihm kam ein Schweigen, das anders war als zuvor. Schwer, schneidend, voller Nachhall. Die Menschen im Dorf sprachen leiser, wenn der Name Bauer fiel.
Manche behaupteten, sie hätten nachts Lichter auf der alten Lichtung gesehen, schwaches Flackern, als brenne dort noch eine Lampe hinter verschlossenen Fenstern. Andere sagten, das Vieh weigere sich, an jener Stelle zu grasen, wo eins der Brunnen gestanden hatte. Die Erde dort sei nicht ruhig, hieß es. Friedrich Gallo hörte all das, sagte aber nichts.
Er war ein Mann, der verstand, daß Geschichten stärker sind als Gesetze. Je mehr man sie bekämpft, desto tiefer graben sie sich in den Boden. Er hatte seinen Bericht abgeschlossen, das offizielle Schreiben nach München geschickt. Doch die Beichte der Schwestern bewahrte er in einer kleinen Metallkiste, versteckt im Boden unter seinem Schreibtisch.
Niemand wußte davon, nicht einmal Johann. Wochen vergingen. Der Wind drehte, die Blätter fielen und der Winter kam früh. Schnee legte sich über die Wege, deckte alles zu, die Felder, die Gräber, die Spuren. Das Land war still, und in dieser Stille suchte Gallo Frieden. Doch Frieden kam nicht.
Nachts wachte er oft auf, schweißgebadet, weil er glaubte, Schritte auf der Treppe zu hören. Einmal fand er den Deckel der Metallkiste offen, obwohl er schwor, sie verschlossen zu haben. In ihr lag die Beichte, trocken, unversehrt, aber auf der obersten Seite war ein Wort mit Tinte nachgezogen worden. Dunkler, frischer, Gericht. Er starrte darauf, das Herz hämmernd.
War es eine Einbildung oder hatte jemand die Papiere angerührt? Am nächsten Tag befragte er Johann, doch der junge Mann schwor, nie in das Büro gegangen zu sein. Niemand im Amt wusste von der Kiste. Gallo schloss sie wieder, diesmal mit einem neuen Schloss, und schwieg, aber der Gedanke ließ ihn nicht los. Was, wenn die Geschichte der Bauers noch nicht zu Ende war? Im Dezember, kurz vor Weihnachten, kam ein Holzfäller aus den Bergen herunter.
Er war bleich, zitternd und sagte, er habe am alten Bauerhof etwas gesehen. “Da ist wieder Rauch”, stammelte er und Licht. “Ich schwöre bei meiner Seele, dort wohnt jemand.” Gallo nahm seinen Mantel und den Revolver. Zusammen mit Johann machte er sich auf den Weg, trotz des Schnees, trotz der Dunkelheit. Die Pferde schnauften, der Frost brannte in den Lungen.
Der Weg hinauf war beschwerlich und der Himmel über ihnen voller Sterne, so klar, dass man glaubte, die Kälte, selbst höre zu. Als sie die Lichtung erreichten, blieb Gallo stehen. Es stimmte. Aus dem Schornstein des niedergebrannten Hauses stieg Rauch auf. Dünn als lodere unten noch ein Glutrest. Doch das Haus war längst zerstört.
Nur verkohlte Balken raus aus dem Schnee. Johann flüsterte: “Da ist jemand.” Ein schwaches Licht bewegte sich zwischen den Trümmern. Sie traten näher. Gallo rief: “Hier spricht das Amt, zeigen Sie sich!” Keine Antwort, nur Wind, der über den Schnee strich. Dann sah er sie, eine Gestalt, schmal in einen grauen Mantel gehüllt, das Gesicht im Schatten.
Sie stand neben dem Brunnen, die Hände gefaltet und schien zu beten. Gallo hob die Laterne. “Wer sind Sie?”, rief er. Langsam hob die Gestalt den Kopf. Ein Gesicht kam zum Vorschein, jung, aber ausgemergelt, mit blassen Lippen. Die Augen blickten leer, als sähen sie durch ihn hindurch.
Thomas, flüsterte Johann, doch ehe einer von ihnen sich rühren konnte, wandte sich die Gestalt ab und glitt in den Wald lautlos, als hätte der Schnee sie verschluckt. Sie suchten die ganze Nacht, keine Spur, keine Fußabdrücke, kein Rauch mehr, kein Licht, nur der Brunnen halb offen und der Wind, der durch ihn hindurch heulte wie eine Stimme. Als der Morgen graute, stand Gallo am Rand des Schachts.
Der Schnee schmolz leicht an seinen Rändern, als käme von unten Wärme. “Schließ ihn wieder”, sagte er heiser. Johann nickte und legte die Bretter zurück. “Glauben Sie, es war er?” “Ich glaube”, antwortete Gallo nach einer Weile. “Manche Seelen finden den Weg nicht und manche Orte lassen sie nicht gehen.” Sie ritten schweigend zurück.
Der Himmel färbte sich blaß rosa, die Sonne ging über den gefrorenen Bäumen auf. Doch in Gallos Herz wuchs das Gefühl, dass nichts wirklich abgeschlossen war. Der Schnee würde schmelzen, der Frühling kommen und mit ihm würden wieder Stimmen flüstern in den Tälern, wo der Wind durch die Birken zieht. Als der Winter wich und der Frühling über die Berge kam, war Friedrich Gallo verändert.
Sein Haar war grauer geworden, seine Stimme rau, und sein Blick verlor oft den Halt an Dingen, die andere nicht sahen. Die Geschichte der Bauerschwestern, so glaubte er, war zu Ende. Doch die Schatten derer, die unterging, blieben wie Rauch im Gedächtnis.
Eines Morgens, als der Schnee schmolz und das Wasser in den Bächen rauschte, brachte der Briefträger eine Sendung ohne Absender. Der Umschlag war alt, das Papier vergilbt, die Schrift fein und vertraut. Gallo öffnete ihn und erstarrte. Darin lag eine einzelne Seite aus genau demselben Papier wie die Beichte, die er in der Metallkiste verwahrt hatte. Die Tinte war frisch. Wir sind nicht rein geworden, Herr Gallo.
Kein Wasser wäscht, was im Blut liegt. Er starrte auf die Worte, bis sie zu verschwimmen begann. Die Hand war eindeutig weiblich, dieselbe, die das ursprüngliche Geständnis geschrieben hatte. Doch wie konnte das sein? Er lief zu der Kiste. Das Schloss war unversehrt. Doch als er sie öffnete, fehlte das oberste Blatt. Genau jenes, das nun in seiner Hand lag.
Wer wußte davon?”, murmelte er. “Niemand. Nicht einmal Johann, nicht der Arzt. Niemand.” Er verschloss die Kiste wieder, diesmal in einer Schublade mit doppeltem Boden. Doch die Unruhe ließ ihn nicht mehr los. Nachts hörte er das leise Tropfen, immer dieses Tropfen, als viele Wasser auf Stein, obwohl kein Regen fiel.
Eines Abends kam Dr. Kreuzer zu Besuch. Der alte Arzt sah müde aus, älter als sonst. “Ich habe Ihnen etwas zu zeigen”, sagte er und legte eine kleine Blechdose auf den Tisch. Darin lag ein Knochen, klein, zart, kaum länger als eine Handspanne. Gefunden von einem Holzsammler im Finstergraben. Ein Kind, schätze ich, ein sehr junges, vielleicht ein neugeborenes.
Gallo schwieg. Wo genau? Nah jener Stelle, wo die Zwillinge das Kind begraben haben könnten. Ich habe den Fund nicht gemeldet, nicht ohne sie. Der Landhauptmann sah den Knochen an, bleich wie Porzellan. Etwas daran ließ ihn frösteln, als sei er nicht einfach tot, sondern noch Zeuge.
“Wir begraben ihn”, sagte er schließlich. “Kein Wort davon an die Behörden. Sie glauben also, es war ihr Kind. Ich glaube, es war unser aller Schuld”, erwiderte Gallow. Sie begren Knochen am Rande des Waldes, bei der alten Kapelle. Kein Kreuz, kein Name, nur Erde, die wieder geschlossen wurde.
Doch in jener Nacht kehrte der Wind zurück, der von den Bergen kam und durch die Schornsteine pfiff. Mit ihm kam ein Geräusch, das wie ein fernes Singen klang oder wie das Echo eines Gebets. Gallo stand auf, zog den Mantel über und ging hinaus. Der Mond hing tief und der Weg glitzerte vor Tau. Er ging bis zur Kapelle, wo der Boden frisch war. Dort, auf dem Grab, lag das fehlende Blatt.
Das Wasser hat uns nicht gereinigt. Die Tinte war verwischt, als sei sie im Regen geschrieben worden. Er hob das Blatt auf, doch unter seinen Fingern fühlte es sich warm an, als hätte es jemand erst vor wenigen Augenblicken hingelegt. Er sah sich um. Niemand, nur der Wind, der den Wald bewegte und die Glocke der Kapelle, die leise in der Nacht klang.
Am nächsten Tag ließ er den Brunnen auf der Lichtung endgültig versiegeln. Er ließ schwere Steine bringen, ließ ihn verfüllen und den Boden darüber planieren. “Kein Mensch sollte je wieder dort graben.” “Es ist genug”, sagte er, als der letzte Stein fiel. “Mögen Sie ruhen.” Doch kaum war der Brunnen verschüttet, zog ein Sturm auf.
Der Himmel verdunkelte sich und der Wind heulte, als protestiere etwas gegen seine Tat. Die Männer, die geholfen hatten, flohen. Gallo blieb allein. Regen fiel in Strömen und als er sich umdrehte, sah er auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung zwei Gestalten stehen. Reglos, grau, still. Zwei Frauen. Er starrte, blinzelte und sie waren fort. Nur das Geräusch von Wasser blieb.
Als er in jener Nacht in sein Amt zurückkehrte, war die Metallkiste offen und darin nichts, kein Blatt, kein Wort, nur Wasser, das langsam aus ihr tropfte. Er setzte sich, legte die Hände auf den Tisch und flüsterte. Dann nehmt es zurück, alles. Aber der Wind schwieg und im Dunkeln, so schien es ihm, tropfte weiter das Wasser langsam, stetig, unaufhaltsam.
In den Wochen, die folgten, Mietfriedrich Gallo jedes Gespräch über die Bauers. Die Akten waren geschlossen, die Berichte abgegeben, doch etwas Unfassbares war geblieben. Eine unsichtbare Spur, die ihn verfolgte wie der Geruch von Regen in einem alten Haus. Er begann zu trinken. Erst Wein, dann Schnaps. Die Nächte wurden lang und von Stimmen durchzogen.
Manchmal glaubte er, im Ticken der Uhr das Klirren einer Kette zu hören. Der Frühling schritt fort. Die Wälder erwachten. Auf der Lichtung wuchsen Blumen über der verschütteten Erde und für die Menschen im Tal war die Geschichte der Bauers nur noch eine düstere Erzählung am Feuer. Doch Gallo spürte, dass etwas nicht beendet war. Jedes Mal, wenn der Regen fiel, roch die Luft nach Metall wie Blut.
Eines Nachts klopfte es an seine Tür. Als er öffnete, stand Johann Reiter davor, bleich, atemlos. Herr Landhauptmann, stieß er hervor, sie müssen kommen. Es brennt dort oben am alten Hof. Gallo nahm seine Lampe, seinen Mantel und den Revolver. Sie ritten hinaus durch den Sturm über aufgeweichte Wege.
Schon von weitem sahen sie den Feuerschein über den Bäumen. Doch als sie ankam, stand kein Haus mehr, nur verkohlte Balken. Und dort, wo der Brunnen gewesen war, stieg Rauch aus der Erde, als brenne das Wasser selbst. “Das war kein Zufall”, murmelte Johann. Das Feuer kam von unten. Gallo nickte. Vielleicht wollte die Erde selbst, daß das alles endet. Sie durchsuchten die Ruinen.
Zwischen verkohlten Steinen fanden sie die Reste eines alten Kreuzes, das Kreuz, das einst auf dem Grab des Vaters gestanden hatte. Es war schwarz, doch das Holz war unversehrt. Als Gallo es berührte, fühlte es sich warm an. “Wir nehmen es mit”, sagte er. In jener Nacht stellten sie das Kreuz in der Kapelle auf, über der Stelle, wo sie den Kinderknochen begraben hatten.
Kein Pfarrer kam, kein Gebet wurde gesprochen. Nur Gallow legte die Hand darauf und sprach: “Wer immer ihr wart, was immer ihr geglaubt habt, ruht. Es gibt keine Reinheit mehr, nur Erinnerung.” Doch als er die Hand zurückzog, war Blut daran. Er wischte es ab, dachte, er habe sich geschnitten.
Doch da war keine Wunde, nur das Blut, das aus dem Holz selbst zu rinnen schien, Tropfen für Tropfen, bis es den Steinboden erreichte. Johann wich zurück. Das ist kein Kreuz mehr, Herr Gallo. Das ist ein Zeichen. Der Landhauptmann antwortete nicht. Er nahm das Kreuz, trug es hinaus und warf es in den Fluß, der unterhalb der Kapelle floss. Das Wasser nahm es mit, drehte es zweimal im Strudel und verschluckte es.
Doch in der Nacht hörte man den Fluss singen, einen Ton, der klang wie ein Wiegenlied. Am nächsten Morgen war das Kreuz wieder da, an seinem alten Platz in der Kapelle, trocken, unversehrt. Gallo sah es an und etwas in ihm brach. Er ging in sein Büro, öffnete die Kiste, die leer gewesen war und fand darin ein neues Blatt.
Es war mit derselben feinen Schrift beschrieben. “Du hast uns nicht begraben, Friedrich. Du hast uns nur geweckt.” Seine Hände zitterten. Er legte das Blatt in den Kamin, zündete es an und sah zu, wie es brannte. Doch bevor die Flamme es verzehrte, erschien in der Glut ein Wort: Wasser. In der Nacht darauf zog Nebel vom Fluss herauf, dichter als je zuvor.
Er kroch durch die Straßen, legte sich über Dächer, sickerte durch Ritzen und aus dem Nebel kam das leise Tropfen erst fern, dann näher, bis es direkt vor seiner Tür klang. Gallo öffnete das Fenster. Draußen war alles weiß. Keine Menschen, keine Tiere, nur das Tropfen. Gleichmäßig, langsam wie eine Uhr ohne Ende. Er trat hinaus.
Der Boden unter seinen Füßen war nass, obwohl kein Regen fiel. Und da sah er sie, zwei Gestalten im Nebel, Hand in Hand, das Haar wie Fäden aus Asche. Sie standen am Brunnenrand, wo keiner mehr war. Ihr sollt ruhen, flüsterte Gallo. Ich habe getan, was ich konnte. Da lächelte die eine. Ein Lächeln ohne Freude, ein leerer Bogen aus Erinnerung.
“Du hast uns gefunden”, sagte sie. “Jetzt bleibst du.” Der Nebel schloss sich. Am nächsten Morgen fand man Gallos Büro leer. Auf dem Tisch lag nur eine einzelne Seite, die letzte. Im Anfang war das Wasser und am Ende wird es wieder Wasser sein. Der Landhauptmann Friedrich Gallo galt von jenem Tag an als verschollen.
Niemand hatte ihn fortgehen sehen. Kein Pferd fehlte aus dem Stall. Keine Spuren führten fort vom Amtshaus. Es war als hätte er sich in Luft aufgelöst. Die Leute sagten er sei im Nebel verschwunden. Imselben Nebel, der noch tagelang über dem Tal hing und die Sonne verschluckte.
Manche meinten, sie hätten in jener Nacht eine Männerstimme gehört, die Gebete murmelte, irgendwo zwischen dem Fluß und der alten Kapelle. Andere schworen, im Wind das Schlagen einer Uhr gehört zu haben, die längst still stand. Nach einer Woche übernahm der Bezirk Rosenheim einen neuen Verwalter. Hauptsekretär Georg Winzel, ein nüchter Mann aus Augsburg, kam mit Wagen und Akten und stellte Fragen.
Man erzählte ihm die Geschichte von den Bauerschwestern, dem toten Bruder, dem verbrannten Hof und dem verschwundenen Landhauptmann. Winzel schrieb alles auf, jeden Namen, jedes Datum. Er glaubte nichts, aber er notierte alles. Eines Abends, als er das alte Büro durchsah, fand er unter dem Dielenbrett eine kleine Metallkiste, verrostet, halb vom Staub verschluckt. Er öffnete sie.
Darin lag ein Stapel feuchter, verklebter Papiere. Nur das oberste Blatt war lesbar. Darauf stand: “Wenn du dies liest, hast du den Kreis geöffnet. Der Brunnen ist nur der Anfang.” Winzel runzelte die Stirn. Er legte die Blätter beiseite, nahm sich vor sie zu trocknen und machte eine Notiz für den nächsten Tag. Doch als er am Morgen zurückkam, war die Kiste leer.
Der Tisch war trocken, kein Blatt, kein Tropfen Wasser, nur ein dunkler Fleck im Holz, rund wie eine Münze. In der folgenden Woche begannen merkwürdige Dinge. Das Grundwasser des Tals stieg, die Brunnen liefen über, Keller standen unter Wasser, selbst dort, wo der Boden seit Jahren trocken gewesen war. Die Bauern sagten: “Es sei ein schlechtes Omen.” Die Alten erinnerten sich an ein altes Wort.
Das Wasser holt sich, was ihm gehört. Dr. Kreuzer, der Arzt, wurde krank. Fieber, das ihn tagelang im Bett hielt. In seinem WN murmelte er immer wieder denselben Satz. Sie stehen am Brunnen. Sie warten. Am dritten Tag starb er. Man fand neben ihm ein nasses Stück Papier.
auf dem in zitternder Schrift stand: “Ich habe das Kind gesehen.” Hauptsekretär Winzel versuchte Ordnung in das Chaos zu bringen. Er schickte Telegramme nach München, bat um Inspektoren, um Geologen, um Priester. Doch keiner wollte kommen. Die Nachricht vom verfluchten Tal hatte sich bereits verbreitet. Reisende mieden die Gegend, selbst Postkutscher fuhren lieber Umwege.
Eines Nachts, im späten Mai, weckte ihn ein Geräusch, das Knarren der Tür. Als er die Lampe anzündete, stand eine Frau im Raum. Ihr Kleid war grau, ihr Haar lang und feucht. Ihr Gesicht sah aus wie aus Wachs. Sie sprach nicht, sie deutete nur auf den Boden. Winsel folgte ihrem Finger. Unter dem Schreibtisch quoll Wasser hervor.
Still, klar, aber stetig. Es roch nicht nach Erde, nicht nach Moder, sondern nach Metall, nach Eisen. Was? Was wollt ihr? flüsterte er. Die Frau lächelte nicht. Schreib”, sagte sie, “schreib, damit Sie es wissen.” Dann war sie fort. Nur der Boden blieb nass und auf dem Tisch stand die Lampe flackernd, als hätte jemand ihren Docht berührt. Am nächsten Morgen begann Winzel zu schreiben.
Bericht um Bericht, Seite um Seite, ohne zu wissen, warum. Er schrieb von Wasser, das aus dem Stein drang, von Stimmen im Wind, von Glocken, die leuteten, obwohl keine Hand sie bewegte. Nachts hörte er Kinder lachen in den Fluren des Amtshauses, leise, entfernt, doch immer näher. Die Dorfbewohner sahen ihn bald nicht mehr im Gasthaus. Er aß kaum, sprach kaum.
Nur manchmal, wenn jemand ihn fragte, wie es ihm gehe, sagte er: “Das Wasser steigt. Im Juli fanden sie ihn in seinem Büro, den Kopf auf den Schreibtisch gesunken, die Lampe erloschen. Auf dem Boden stand ein dünner Wasserfilm, spiegelglatt und auf dem Schreibtisch lag ein Zettel. Ich habe sie gehört. Sie singen.
Niemand blieb länger in jenem Amt. Man verlegte den Sitz nach Bad Apeling. Das Gebäude wurde verschlossen. Der Schlüssel verschwand. Doch in Nächten, wenn der Regen über die Berge zieht, sagen die Leute, hört man aus dem alten Haus Tropfen fallen. Gleichmäßig, ruhig, endlos. Und manchmal, wenn der Wind richtig steht, erklingt ein Flüstern aus der Ferne.
Zwei Stimmen, die beten im Chor, wie Zwillinge. Der Sommer jenes Jahres wurde seltsam. Kein Regen fiel mehr, doch das Land blieb feucht. Nebel kroch selbst an hellen Tagen durch die Täler, und die Luft roch nach Moor und Eisen. Die Menschen im Umland begannen, über das trinkende Tal zu reden, das nie austrocknete. Manche Bauern zogen fort, ließen ihre Felder liegen.
Nur wenige blieben, sture Männer und alte Frauen, die sagten, das Wasser sei lebendig geworden und verlange Opfer. In der Kirche von Rosenheim wagte Pfarrer Matthias Riedel, ein junger gläubiger Mann, den Versuch, das Unheil zu bannen. Er ließ Messen lesen, schickte Prozessionen in die Berge, stellte Kreuzer an den Wegen auf, doch das Wasser wich nicht.
Eines Nachts, so erzählte der Mesner später, habe er den Pfarrer vor dem Altar knien sehen, allein mitten in der Dunkelheit. Und hinter ihm stand etwas, zwei Gestalten, grau, schimmernd, mit langen Schatten. Am nächsten Morgen fand man Riedel auf den Stufen der Kirche, das Gesicht gen Himmel gewandt, die Lippen blau.
In seiner Hand hielt er einen nassen Zettel, auf dem stand: “Sie wollen keine Erlösung.” Das Tal begann, von der Landkarte zu verschwinden. Die Wege verlandeten, die Brücken stürzten ein. Reisende mieden die Gegend, Kartenzeichner ließen die Namen aus. Nur der Fluss blieb. Ein stiller breiter Strom, der in klaren Tagen silbern glänzte und an dunklen wie schwarzes Glas.
In Bad Eipling aber blieb die Geschichte lebendig. Ein alter Gehilfe des verschwundenen Landhauptmanns, niemand anderes als Johann Reiter führte ein Notizbuch, indem er all das festhielt, was geschah. Er schrieb von Brunnen, die sich von selbst füllten, von Stimmen im Regen und von Kindern, die nachts am Fenster weinten, ohne zu wissen, warum.
“Ich habe sie gesehen”, notierte er im Herbst. Zwei Frauen nebeneinander, barfuß im Wasser. Sie beteten. Ich hörte jedes Wort. Sie sagten: “Das Blut sei nicht rein, es müsse gewaschen werden immer wieder.” Er brachte das Buch zur Polizei, aber niemand nahm ihn ernst. Man hielt ihn für verwirrt, zu alt, zu tief in die Geschichten verstrickt.
Doch zwei Wochen später war er tot, ertrunken, in kaum einer Handbreit Wasser auf dem Pflaster vor seinem Haus. Nach seinem Tod kam ein Inspektor aus München, Karl von Deisenhofer, ein Mann des Verstands, der an Gespenster nicht glaubte. Er sammelte Akten, vernahm Zeugen und als er die Berichte las, sagte er: “Das ist Aberglaube. Das Tal hat Sickerwasser, mehr nicht.
” Er ritt hinauf zur alten Lichtung, um sich selbst zu überzeugen. Drei Tage später fand man sein Pferd am Waldrand. Vom Reiter keine Spur, nur eine Pfütze, tief, klar, rund wie ein Auge, dort, wo der Brunnen gewesen war. Das Amt in München ließ das Tal schließlich sperren. Niemand durfte es mehr betreten. Auf Karten wurde es als unbewohnbares Gebiet markiert.
Doch die Leute, die an den Rändern lebten, wussten es besser. Sie hörten die Stimmen, besonders in den Nächten, wenn der Wind aus dem Osten kam. Das Wasser ruft, sagten die Alten. Es sucht seine Kinder. In den Jahren danach wuchs auf der Stelle, wo der Bauerhof gestanden hatte, eine seltsame Weide. Ihr Stamm war schwarz wie Kohle.
Ihre Äste hingen schwer, als trügen sie Last. Und unter ihr war der Boden immer feucht, selbst im heißesten Sommer. Kinder, die zu nah kamen, hörten flüstern. Manche sagten, sie hätten ihren Namen gehört, andere, daß sie im Wasser Gesichter sahen. Ein Mann mit leeren Augen, zwei Frauen, die beteten und ein Kind, das schlief. Die Weide stand da wie ein Grabmal, das niemand gesetzt hatte.
Und wer zu lange unter ihren Zweigen verweilte, der hörte, wie der Wind Worte formte, die keiner ganz verstand. Aber jeder fühlte. Im Anfang war das Wasser. So erzählte man es im Tal, leise hinter verschlossenen Türen, während draußen der Regen fiel. Und jedes Mal, wenn er fiel, tropfte es im Rhythmus eines Gebets.
Niemand wagte mehr, den Brunnen zu öffnen. Niemand suchte nach dem, was darunter lag. Aber in manchen Nächten, wenn der Mond tief stand und der Fluß silbern glänzte, sah man auf der Oberfläche Kreise, die sich von selbst bildeten, als atmete die Erde. Und wer genau hinhörte, schwor eine Stimme zu hören. Kaum hörbar, aber da wir sind noch hier.
Jahre vergingen, Jahrzehnte sogar, und die Geschichte des Bauerhofs wurde zu einer Legende, dann zu einem Fluch und schließlich zu einem Schweigen. Nur die alten erinnerten sich noch an Namen: Anna, Margarete, Thomas, Josef. Für die Jungen war es nur eine Erzählung am Kamin, ein Spuk, mit dem man Kinder erschreckte, wenn sie zu weit in den Wald liefen.
Doch die Alten wussten, dass Geschichten wie diese nicht sterben. Sie warten. Um das Jahr 1930 wurde das Tal wieder betreten von Arbeitern, die eine Bahnlinie durch die Berge treiben sollten. Ingenieure kamen, Vermesser, Bauleute. Sie lachten über die Dorfbewohner, die sie warnten, dort nicht zu graben. “Alte Weiberfurcht”, sagten sie, “der Boden ist fest.
” Sie fälten die schwarze Weide, die über dem alten Hof gewachsen war. Das Holz sprang beim Schlagen auf wie nasses Fleisch und das Wasser, das herausquoll, war rot. Man roch Eisen und etwas anderes, süßes, verderbtes. Die Arbeiter sagten später, sie hätten unter dem Stamm eine steinerndne Platte gefunden.
Rund, glatt, mit eingravierten Worten, halb verwittert. Gott sieht, was im Dunkeln lebt. Am nächsten Tag brach der Regen über sie herein, der ganze Himmel wie ein einziger Guss, drei Tage lang. Am vierten Tag stand das Tal unter Wasser, die Werkzeuge rosteten, die Pferde scheuten und einer der Arbeiter wurde vermisst.
Sie suchten ihn, fanden nur seine Stiefel, gefüllt mit klarem Wasser. Der Bahn wurde eingestellt, die Ingenieure zogen ab. Nur einer blieb. Wilhelm Gruber, der Vorarbeiter. Er war ein stiller Mann, der den alten Geschichten misstraute, aber er glaubte an Ordnung. Er blieb zurück, um die Maschinen zu bewachen.
In seinem Tagebuch, das man später fand, stand: “In der Nacht höre ich sie singen. Zwei Stimmen klar aus der Tiefe. Ich dachte, es sei der Wind, aber es sind Worte. Lateinisch, glaube ich. Aquapurifikat, das Wasser reinigt. Drei Wochen später war auch er verschwunden. Das Tagebuch lag offen in seiner Hütte durch Näst. Die letzten Seiten leer, bis auf eine. Ich habe den Brunnen wiedergefunden. Er atmet.
Nach Grubers Verschwinden wurde das Tal endgültig aufgegeben. Die Behörden zogen die Grenzen enger, erklärten das Gebiet zum Sperrwald. Auf den Karten erschien nur noch ein weißer Fleck. Doch Wanderer, die sich verirrten, berichteten von Nebel, der dort dichter war als überall sonst, von Stimmen im Wind und Wasser, das wie aus dem Boden tropfte.
Auch an trockenen Tagen. Ein Mönch aus Tegernsee, der im Jahr 194 dort eine Wallfahrt unternahm, schrieb in sein Gebetsbuch: “Hier ist ein Ort, den Gott nicht sieht. Hier spricht nur das Wasser.” Nach dem Krieg kamen Menschen, die überall nach Erklärungen suchten, Geologen, Anthropologen, sogar Schriftsteller.
Sie sprachen von Gasblasen, unterirdischen Quellen, von Schiefer, der Geräusche formt, wenn er bricht. Doch keiner blieb über Nacht. Sie sagten: “Die Luft dort, mache krank. In einem Archiv in München liegt noch heute ein Umschlag, vergilbt, unbeschriftet. Darin eine Seite, beschrieben in altertinte in einer Frauenhand. Niemand weiß, woher sie standt. Darauf steht: “Wir wollten rein sein. Nun sind wir Wasser. Und das Wasser verzeiht nichts.
” Der Umschlag wurde in den 50er Jahren gefunden, im Keller des Bezirksamtes Bad Apeling, genau dort, wo einst Friedrich Gallos Büro gestanden hatte. Der Boden war feucht, obwohl die Leitungen intakt waren. Das Papier war kalt, als wäre es gerade erst geschrieben worden. Die Beamten legten es zu den Akten.
Seitdem fällt im Tal mehr Regen als irgendwo sonst in Oberbayern. Die Leute nennen ihn den stillen Regen. Er riecht nach Eisen und wenn er fällt, tropft es manchmal rhythmisch, so gleichmäßig, dass man schwören könnte, es seien Schritte. Zwei Schritte, zwei Stimmen, zwei Gebete. Im neuen Jahrhundert schien die Welt das Tal vergessen zu haben.
Straßen wurden gebaut, Dörfer wuchsen und mit der Zeit sprach niemand mehr von den Bauers, nicht von Gallow, nicht vom Wasser, das Sang. Doch vergessen ist nur eine dünne Decke über dem, was bleibt, und manchmal hebt sich diese Decke, wenn der Wind aus Osten kommt und der Regen nach Metall schmeckt.
Im Jahr 2009 fuhr ein Archäologenteam der Universität München in die Region, um die Überreste eines alten bayerischen Hofes zu kartieren. Sie wussten nichts von der Geschichte. Für sie war es nur eine Vermessung alter Siedlungsreste. Einer der Studenten, Lukas Reinhard, schrieb in einer E-Mail an seine Freundin: “Der Boden hier ist eigenartig. Wenn man ihn berührt, ist er kühl, auch bei Sonne.
Und nachts hört man Wasser, obwohl keines in der Nähe ist.” Am dritten Tag begannen sie zu graben. Unter einer Schicht aus feuchtem Lehm stießen sie auf Holz, verkohlt, aber noch fest. Ein Balken, dann ein zweiter. Schließlich die Umrisse eines Kellers. Die Aufzeichnungen sprachen von einem Bauernhof, abgebrannt gegen Ende des 19.
Jahrhunderts. Sie legten eine Treppe frei, die in den Boden führte. Der Geruch, der ihnen entgegenschlug, war feucht und alt, aber nicht modrig, eher metallisch. Lukas stieg als erster hinab. Der Keller war eng, die Wände aus Stein, und dort mitten im Raum stand ein alter Eisenring im Boden, wie der Rand eines Brunnens.
“Da unten ist Wasser”, rief er. Seine Komelitonin folgte ihm mit der Taschenlampe. Vielleicht ein Sickerloch. Doch das Wasser unten bewegte sich ruhig, aber lebendig, als atmete es. Lukas beugte sich vor und im Spiegel der Fläche sah er etwas. Zwei Gesichter, blass, nebeneinander, mit geschlossenen Augen.
Er schrie, fiel zurück und die Lampe zerschellte. Als sie ihn fanden, war er bewusstlos, das Gesicht bleich, die Hände nass. Er sagte später: “Er habe Stimmen gehört.” Zwei Frauen, die im Chor sprachen: “Du hast uns gefunden.” Schreib. Das Team brach die Arbeit ab. Die Universität erklärte das Gelände zum Sperrgebiet. Doch Lukas konnte nicht loslassen.
Wochen später kehrte er allein zurück. Er nahm Kamera, Notizbuch, Schaufel. Niemand sah ihn wieder. Monate danach, beim Räumen des Depots der Fakultät fand man auf einem Tisch einen Zettel. Kein Absender, keine Spuren, nur feuchte Ränder wie von Tropfen. Darauf stand: “Ich habe sie gesehen. Sie sind nicht tot. Sie sind das Wasser. Seitdem meiden die Einheimischen jeden Ort.
Sie sagen, selbst moderne Geräte versagen dort. Batterien entladen sich. Kameras zeigen Nebel. Selbst bei Sonne. In stillen Nächten hört man Tropfen auf Stein und wenn man sich über den Boden beugt, glaubt man, leise Gebete zu hören. Zwei Stimmen flüsternd, gleich, unendlich. Ein alter Forstbeamter, der dort einmal Wache hielt, erzählte Jahre später: “Ich stand auf der Lichtung und da war kein Wind, aber die Bäume bewegten sich.
Ich hörte Wasser, obwohl keins da war. Und dann roch ich es wie Eisen, wie Blut. Da wußte ich, ich bin nicht allein. Heute wächst über der alten Stelle ein dichter Wald aus Birken und Fahen. Die Erde darunter ist schwarz, immer feucht, selbst im Hochsommer. Wer dort steht, sagt, er fühle, wie der Boden atmet.
In der Gemeinde Rosenheim liegt in einer Glasvitrine ein Dokument. Friedrich Gallos letzte Seite. Sie wurde vor Jahren aus einem Archiv geborgen von einem Historiker, der kurz darauf an einer Lungenentzündung starb. Auf der Seite steht in klarer gleichmäßiger Schrift: “Es endet nicht. Das Wasser erinnert. Das Wasser vergisst nichts, wenn es in jener Gegend regnet.
” sagen die Menschen noch heute. Das sei kein gewöhnlicher Regen. Er falle anders, leiser, als würde er zuhören. Und wer dort in einer stillen Nacht durch die Wälder geht, hört vielleicht das Tropfen eins, zwei und dann zwei Stimmen flüsternd, sogleich, dass man nicht sagen kann, woher sie kommen. Wir sind rein und du wirst es auch sein.
an wird es still. Nur das Wasser bleibt und das Wasser wartet.