Der Oktober des Jahres 1966 legte sich wie ein grauer feuchter Schleier über Berlin, als etwas entdeckt wurde, das die Stadt für immer verändern sollte. Der Großmarkt am Kotbuser Tor, bekannt für seine Vielfalt an frischen Produkten und die lauten Stimmen seiner Händler, verbarg seit Monaten ein Geheimnis, das so abgrundtief verstörend war, dass selbst die ältesten Marktfrauen später schworen, sie hätten es lieber nie erfahren. An jenem Morgen betrat Elena Schneider, eine erfahrene Lebensmittelkontrolleurin des Berliner

Gesundheitsamtes, die hallenden Gänge des Marktes. Seit mehr als 25 Jahren führte sie Kontrollen durch und hatte in dieser Zeit so ziemlich alles gesehen. Verdorbenes Fleisch, verseuchte Kühlräume, Schädlingsbefall in Ausmaßen, die sogar die hart gesotten Inspektoren erschaudern ließen. Doch diesmal war etwas anders.
Es war ein Gefühl, das sich tief in ihren Bauch setzte. Ein dumpfes, schweres Ziehen, als würde der Markt selbst sie warnen. Die Neonröhren flackerten über den metallenen Oberflächen der Fleischteken. Der Geruch war intensiver als sonst. Eine Mischung aus Eisen, frischen Gewürzen und etwas schwer zu fassendem, einem Unterton, der ihr merkwürdig vertraut vorkam, ohne dass sie sagen konnte, warum.
Guten Morgen, Frau Schneider!”, rief Aurelius Baumann, einer der beliebtesten Fleischer des Marktes. Er war ein kräftiger Mann um die 50 mit einem markellos gebundenen weißen Schürzenband und Arm, die vom jahrelangen Zerlegen schwerer Tierkörper zeugten. Doch seine Augen, seine Augen lächelten nie wirklich mit. Elena nickte ihm knapp zu und zog ihr Notizbuch hervor.
Baumanns Stand war ungewöhnlich erfolgreich. Die Auslage war stets gefüllt, die Stücke waren perfekt zugeschnitten und seine Preise lagen deutlich unter denen anderer Berliner Fleischereien. Ein Umstand, der bei Elena schon seit Monaten ein ungutes Gefühl auslöste. Sie beugte sich über die polierte Edelstahltheke. Die Fleischstücke waren so sorgfältig zurecht geschnitten, dass es fast künstlich wirkte.
Doch etwas anderes fesselte ihren Blick. eine ungewöhnliche Textur, ein Muster in den Fasern, das nicht zu dem pa, was sie erwartete. “Herr Baumann, woher beziehen Sie ihre Ware?” Er lächelte, zu schnell, zu bemüht. “Ich arbeite mit kleinen Höfen aus Sachsen und Brandenburg zusammen. Die Leute kennen mich, sie liefern nur das Beste.
” Aber seine Hände zitterten leicht, als er eine Schulterpartie anhob. Und in diesem Moment entdeckte Elena etwas, das ihr den Atem stocken ließ. Eine schmale, hellere Linie, fast wie eine alte Narbe. Von welchem Tier stammt dieses Stück? Fragte sie mit einer Stimme, die sie selbst kaum wieder erkannte. Die Pause war zu lang. “Ach, wissen Sie?”, murmelte er schließlich.
“Manche Tiere haben ein schweres Leben hinter sich.” Elena machte sich eine Notiz, spürte aber, wie ihr Herz schneller schlug. Sie wandte sich anderen Ständen zu, der Familie Hermann, den Schmitz, den Krögers und überall fand sie dieselben Auffälligkeiten. Ungewöhnlich zarte Schnitte, zu günstige Preise, identische Fasermuster.
Am Ende des Tages hatte sie acht Fleischstände kontrolliert und alle zeigten dieselben Anomalien. Während sie den Markt verließ, beobachtete sie die Berliner Familien, die fröhlich ihre schweren Einkaufstaschen trugen, Kinder, die an den Händen ihrer Eltern zogen, die vertraute, gemütliche Sonntagsroutine der Stadt.
Und doch war alles verunreinigt, infiltriert von einer Wahrheit, die sie noch nicht auszusprechen wagte. An diesem Abend in ihrer kleinen Wohnung in Berlin Schöneberg saß Elena über ihren Bericht, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Etwas Dunkles, etwas tief inhumanes drang durch die Oberfläche ihrer professionellen Distanz. Sie wußte nicht, daß dies erst der erste Schritt war auf einem Weg, der sie in die finstersten Abgründe der Berliner Geschichte führen würde. Ein Weg, auf dem die Grenze zwischen Mensch und Tier verschwimmen und das Vertrauen einer
ganzen Stadt erschüttert werden sollte. Drei Tage waren vergangen, seit Elena Schneider den Großmarkt am Kotbusser Tor besucht hatte. Doch die Bilder der fremdartigen Fleischfasern ließen sie nicht schlafen. Jede Nacht sah sie in ihren Träumen Gesichter, deren Konturern sich langsam in rohes Fleisch verwandelten.