Güstrow, 2025. – Der Fall Fabian (†8) ist eines jener unheilvollen Kapitel deutscher Kriminalgeschichte, das seit über einem Jahrzehnt nicht abgeschlossen ist. Ein Kind verschwindet spurlos, eine Hauptverdächtige wird festgenommen, aber die Wahrheit bleibt im Schatten verborgen. Doch jetzt, Jahre später, beginnt die offizielle Chronologie zu bröckeln. Eine einzelne Zeugenaussage, die elf Jahre lang im Dunkeln verschwand, hat das Potenzial, die gesamte Ermittlungsakte neu zu schreiben.
Was in jener Nacht, in der Fabian verschwand, zwischen 00:30 Uhr und 00:45 Uhr geschah, könnte der Schlüssel sein. Eine Anwohnerin, die in unmittelbarer Nähe des mutmaßlichen Tatorts lebt, meldet sich mit einer Beobachtung, die so präzise und doch so lange ignoriert wurde, dass sie wie ein Schnitt durch das fragile Gefüge des gesamten Falles geht: Sie hörte einen Schrei.

Die Explosive Aussage: Schrei, Schritte und ein Schatten
Die Zeugin, deren Identität aus Schutzgründen nicht veröffentlicht wird, lebt seit über einem Jahrzehnt in dem ansonsten ruhigen Viertel Güstrows, in dem Fabian am frühen Abend des 10. Oktober spurlos verschwand. Sie ist keine leichtfertige Person, sondern eine, die die Geräuschkulisse ihrer Straße kennt wie ihre eigene Westentasche. Ihre neue Aussage ist brisant, weil sie der offiziellen Darstellung in mindestens drei Punkten widerspricht:
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Der Schrei um 00:37 Uhr: Die Zeugin berichtet, sie sei kurz nach Mitternacht, gegen 00:37 Uhr, von einem markerschütternden Schrei aufgeschreckt worden. Es war ein heller, abbrechender Schrei, der nur ein einziges Mal ertönte. Diese abrupte Stille danach machte sie unruhig.
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Die hastigen Schritte: Unmittelbar auf den Schrei folgten hastige, unregelmäßige Schritte auf Kies, die nach ihrer Einschätzung auf eine Fluchtbewegung hindeuteten.
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Der geduckte Schatten: Als sie zum Fenster eilte, sah sie einen Schatten, der sich zwischen zwei Hecken geduckt, schnell und auffällig unauffällig bewegte, als wolle er um jeden Preis unsichtbar bleiben.
Wenn diese Beobachtung stimmt, zerstört sie die Aussage der Hauptverdächtigen, die behauptete, in jener Nacht zu Hause geblieben zu sein. Sie widerspricht dem damaligen Ermittlungsprotokoll, das angeblich keine relevanten Geräusche aus der Nachbarschaft verzeichnete.
Noch erschütternder: Die Zeugin meldete ihre Beobachtung bereits wenige Tage nach Fabians Verschwinden bei der Polizei. Doch laut ihrer Aussage wurde sie nie erneut befragt, ihre Angaben wurden nicht in die zeitliche Rekonstruktion eingefügt und tauchten in den Ermittlungsunterlagen schlichtweg nicht auf.
Warum verschwand dieser Hinweis? War es ein Irrtum, ein Versehen? Oder wurde der mögliche Schrei eines Kindes in einer der sensibelsten Ermittlungen Deutschlands einfach ignoriert, weil er nicht zur bereits verfolgten Theorie passte?
Das unsichtbare Geflecht des Viertels
Um die Wucht dieser Aussage zu verstehen, muss man die soziale Dynamik des Viertels begreifen. Fabian war ein Kind, das jeder kannte, ein kleines vertrautes Stück Alltag. Sein Verschwinden traf die Gemeinschaft wie ein Schock, der das Viertel in einen Modus der scharfen Wahrnehmung versetzte.
Die Verdächtige hingegen war eine unklare Figur, zurückgezogen und für viele eine Projektionsfläche für Misstrauen. Die Zeugin ist tief in dieser Straße verwurzelt, eine Frau, die jede Veränderung bemerkt und jede neue Stimme sofort erkennt. Ihre Glaubwürdigkeit ist durch ihre Kenntnis der lokalen Verhältnisse untermauert.
Die Straße der Zeugin liegt exakt auf der Achse zwischen dem Haus der Verdächtigen und dem Waldrand – einer Zone, die von den Ermittlern ursprünglich als irrelevant eingestuft wurde. Doch wenn die Aussage der Frau stimmt, war genau dieser Bereich Schauplatz eines kurzen, aber entscheidenden Moments in jener Nacht.
Die Zeugin beobachtete auch das Verhalten der Verdächtigen in den Tagen danach: Sie kam häufiger aus dem Haus, ging schneller, wirkte verunsichert. Doch es sind die neuen, unabhängigen Fragmente, die Petermanns Hypothese nähren.
Der Wendepunkt: Licht, Metall und die Zwei-Personen-Theorie
Als die Zeugin ihre Aussage erneut öffentlich machte, setzten weitere, lange vergessene Beobachtungen ein:
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Der Metallklang und das Licht im Wald: Die Zeugin erinnerte sich später an eine Notiz auf einem alten Zettel: „Licht im Wald 00:45 Uhr“. Ein älterer Anwohner sprach ebenfalls von einem „kurzen metallischen Klang“ und zwei Lichtern im Wald – eines am Boden, eines höher.
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Das Auto ohne Scheinwerfer: Eine Frau aus einem Nachbardorf berichtete anonym, um 01:00 Uhr ein Fahrzeug gesehen zu haben, das mit ausgeschalteten Lichtern die Landstraße entlangfuhr, nur wenige Kilometer vom Wald entfernt.
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Die Koordinierte Flucht: Ein Schatten alleine erklärt keinen metallischen Klang oder ein Auto ohne Licht. Doch zusammengelegt deuten diese Hinweise auf eine koordinierte Aktion hin. Sie passen zu einer Abfolge: Schrei – Übergabe/Flucht zum Waldrand – Lichtsignal – Abfahrt mit dem Fahrzeug.
Der renommierte Profiler Axel Petermann beurteilte diese Muster als untypisch für ein klassisches Einzeltäterszenario. Er stellte die alles verändernde Frage an die Zeugin: „Sind Sie sicher, dass der Schatten und die Schritte dieselbe Person verursacht haben?“
Die Zeugin zögerte und erkannte: Der Schatten und die Schritte kamen aus einer leicht anderen Richtung. Sie könnten zwei verschiedene Personen gewesen sein.
Das Unausweichliche Fazit: Wer war noch dort?
Dieser Gedanke erschüttert den Fall bis ins Mark. Wenn in jener Nacht zwei Personen im Viertel agierten, ändert dies alles: die Motive, die Abläufe, sogar die Rolle der Hauptverdächtigen.
Die ursprüngliche Akte ging von einer Einzeltäterin aus. Die neuen Hinweise legen die Vermutung nahe, dass in der Nacht von Fabians Verschwinden mehrere Menschen unterwegs gewesen sein mussten.
Die Frage, die nun unausweichlich im Raum steht, ist nicht länger: Wer hat Fabian entführt? Sondern: Wer war noch dort, wer traf sich im Schatten und welche Rolle spielte die Hauptverdächtige in diesem größeren, geplanten Geschehen?
Die Aussage der Zeugin hat das Schweigen des Viertels gebrochen und eine Welle von Erinnerungen ausgelöst, die nicht mehr aufzuhalten ist. Sie war nicht länger nur die Frau, die zufällig etwas hörte, sondern die Schlüsselfigur, die das Recht auf Wahrheit für Fabian einfordert. Das Licht im Wald, der metallische Klang, das Auto ohne Licht und der Schatten, der vielleicht nur eine Ablenkung war – all diese Elemente bilden zwar keinen fertigen Beweis, aber sie zeichnen ein Muster.
Ein Muster, das uns zwingt, erneut hinzusehen und zu fragen: Welches Geheimnis liegt noch immer im Wald von Güstrow begraben? Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.