Geheimnis der Zwillinge von St. Marien — Wissenschaft kann es nicht erklären

In den verstaubten Archiven des ehemaligen Augustiner Klosters St. Marie in Bayern, tief verborgen zwischen brüchigen Pergamenten und vergilbten Kirchenaufzeichnung existiert ein Dokument, das die Kirche über Jahrhunderte hinweg unter Verschluss hielt. Ein Schriftstück, das von einem Ereignis berichtet, das so unmöglich erscheint, daß selbst die strengsten Theologen der frühen Neuzeit davor zurückschreckten, es öffentlich zu erwähnen.

Es erzählt von einer jungen Novizin, die im Jahr 1623 Zwillinge zur Welt brachte, ohne jemals einem Mann nahe gekommen zu sein. Medizinische Untersuchungen bestätigten damals ihre unversehrte Jungfreulichkeit. Eine Tatsache, die selbst die erfahrensten Ärzte der Region in sprachloses Entsetzen versetzte. Doch das eigentlich erschreckende war nicht nur dieses unerklärliche Gebären, sondern das, was jene Kinder für die Gemeinschaft bedeuteten, die sie umgab.

Bevor wir uns in diese Geschichte vertiefen, die das Leben eines ganzen Dorfes für immer veränderte, lade ich dich ein, dich zurückzulehnen und tief einzuatmen, denn das, was in diesem Kloster geschah, ist nichts für schwache Nerven. Stell dir die kühlen Steinwände eines alten bayerischen Klostertrakts vor, den Duft von feuchtem Moos, den Klang ferner Kirchenglocken, die durch den Morgennebel hallen.

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Genau dort beginnt unser Weg. Es war das Jahr und das Dorf Hinterbrunn, unweit der dichten Wälder des bayerischen Waldes, befand sich in einer Phase des Wachstums. Die Täller waren erfüllt vom Duft harziger Fichten, das Klima feucht und schwer, besonders in den frühen Sommermonaten, wenn der Regen die Luft mit feiner Frische sättigte. Das Augustiner Kloster St.

Marin aus massiven Granitsteinen errichtet, wirkte wie eine Festung über dem kleinen Dorf. Die Mauern, teilweise über ein Meter dick, hatten schon Kriege, Winterstürme und solchen überstanden. 33 Nonn lebten dort in strenger Klausur. Frauen, die ihr Leben dem Gebet, der Arbeit und der Buße gewidmet hatten, gemäß der strengen Regel, die der Orden seit Generationen befolgt hatte.

Unter ihnen befand sich diejährige Schwester Helena Krüger, eine zierliche junge Frau mit dunkelbraunem Haar und hellen graugrünen Augen, die in starkem Kontrast zu ihrer fast durchscheinenden Haut standen. Sie war erst seit einem halben Jahr im Kloster, nachdem sie durch eine Pockenepidemie ihre gesamte Familie verloren hatte.

Die Stille der klösterlichen Mauern war für sie ein Zufluchtsort gewesen. Ein Ort, an dem sie versuchte, den Sinn ihres Lebens neu zu finden. Der Tagesablauf des Klosters war unveränderlich. Matutin um 4 Uhr früh, Laudes im ersten Licht, dann Prim, Terz, Sext, Non, später, fesperbar und komplet.

Zwischen den Gebetszeiten stellten die Nonnen Kräutersalben her, fertigten kunstvolle Stickereien, kopierten liturgische Texte oder arbeiteten im Klostergarten. Schwester Helena zeigte eine besondere Begabung für Heilkräuter und arbeitete eng mit Schwester Gerlinde, der erfahrenen Klosterheilerin, zusammen. Der Arzt, der das Kloster betreute, war Dr. Johann Albrecht, ein Mann mittleren Alters, der einst an der Universität Ingolstadt studiert hatte.

Er war für sein profundes Wissen in Kräuterkunde, Anatomie und den alten medizinischen Schriften bekannt. Da er jederzeit Zugang zum Kloster hatte, ein seltenes Privileg für einen Mann, verdankte er seiner Vertrauensstellung gegenüber der Kirche und seinem tadellosen Ruf. Die Priorin, Mutter Oberin Amalia von Hohenfels, leitete das Kloster seit 15 Jahren.

Sie war eine Frau von strenger Haltung, deren unerbittlicher Pflichtsinn gleichermaßen Respekt wie Furcht hervorrief. Nach außen hin schien ihr Kloster ein Ort vollkommener Ordnung zu sein. Doch in den ersten Monaten des Jahres hatten sich kleine Risse im harmonischen Gefüge abgezeichnet.

Einige Schwestern berichteten hinter vorgehaltener Hand von merkwürdigen Geräuschen in der Nacht. Gedämpfte Schritte, ein Summen wie von Glasgeschirr, ein Rascheln aus der Krankenstube, das sich nicht erklären ließ. Andere bemerkten die immer häufigeren Besuche des Doktors, der zuvor nur dann erschien, wenn es unbedingt notwendig war. Der Morgen des 15. Juni änderte alles.

Schwester Helena erschien nicht zum Morgengebet. Für eine junge Frau, die bisher jeden Tag mit fast übertriebener Pünktlichkeit erschienen war, war das höchst ungewöhnlich. Schwester Gerlinde wurde geschickt, um nach ihr zu sehen und fand die Novizin zusammengerollt auf ihrem schmalen Strohlager, den Leib umklammert, Schweißperlen auf der Stirn, die Augen weit vor Furcht. Mutter, es brennt.

Mein Bauch, er brennt, flüsterte Helena, während ihre Finger das Leinentuch so fest umklammerten, dass ihre Knöchel weiß hervorstachen. Schwester Gerlinde erkannte sofort, dass etwas Schlimmes geschah. Etwas, das allen Regeln widersprach, die sie kannte. Kaum hatte die Priorin davon erfahren, ließ sie eilens den Doktor rufen. Doch noch bevor er das Kloster erreichte, verschlimmerten sich Helenas Schmerzen.

Etwas bewegte sich in ihrem Leib, etwas, das heraus wollte. Als Schwester Gerlinde begriff, was sie sah, flüsterte sie entsetzt: “Mutter Oberin, ich glaube, sie bekommt ein Kind.” Diese Worte erschütterten das Kloster wie ein Donnerschlag.

Die Nachricht verbreitete sich im Kloster mit der Geschwindigkeit eines Lauffeuers. Eine Novizin in den Wehen, etwas, das nach allen Regeln des Glaubens und der Vernunft unmöglich sein musste. Die Schwestern standen fassungslos in den Gängen, flüsterten Gebete, murmelten Psalmen und suchten verzweifelt nach einer Erklärung, die weniger erschreckend war als die Wirklichkeit. Als Dr.

Johann Albrecht schließlich eintraf, war Helena kaum noch bei Bewusstsein. Ihr Atem ging stoßweise, ihre Hände zitterten und ihre Augen waren weit geöffnet, als versuchte sie einen unsichtbaren Schatten abzuwehren, der nur sie sehen konnte. “Unmöglich, unmöglich”, murmelte der Doktor, als er ihren Bauch untersuchte. vor vier Wochen. Ich habe sie selbst untersucht, keine Spur einer Schwangerschaft.

Und jetzt sein Blick litt zu Mutter Amalia, deren Gesicht unbeweglich blieb wie eine geschnitzte Holzfigur. Doch die Spannung in ihren Schultern verriet, wie sehr sie innerlich bebte. Doktor, sagte sie leise, aber scharf. Was auch immer hier geschieht, es verläßt diese Mauer nicht, bis wir die Wahrheit kennen.

Doch die Wahrheit ließ sich nicht aufhalten. Der Schmerz zerriss Helena beinahe und die Stunden dehnten sich zu einer Qual, die die gesamte Gemeinschaft wie ein unsichtbarer Nebel umhüllte. Als die Glocken im nahegelegenen Dorf hinter Brunnen zur komplett läuteten, geschah das Unfassbare.

Helena brachte Zwillinge zur Welt, doch sie waren keine gewöhnlichen Kinder. Der erste Knabe wurde mit einer sichelförmigen Muttermalzeichnung in der rechten Handfläche geboren. Der zweite mit derselben Form, jedoch in der linken. Die Schwestern standen erstarrt da. Manche bekreuzigten sich, andere wichen zurück, als hätten sie etwas gesehen, das nicht von dieser Welt stammte. Und dann begann das Merkwürdigste.

Wenn einer der beiden die Augen öffnete, schloss der andere sie. Wenn einer schrie, verstummte der andere vollkommen. Die Priorin befall sofort, das Geschehene geheim zu halten. Doch Geheimnisse haben im Dunkel des Waldes kurze Beine. Schon am nächsten Morgen flüsterte man im Dorf von einem unbefleckten Gebären von Zeichen Gottes oder Werk des Teufels.

Drei Tage später erschien der Bischof von Regensburg, Bischof Matthias von Aritz, ein hochgewachsener Mann mit scharfen Zügen und einem Blick, der jede Regung der Lüge freilegen konnte. Er trat in Helenas Zelle, betrachtete die Zwillinge, dann Helena selbst, die apaisch im Bett lag. Seine Stimme klang wie ein Urteil. Dies muss untersucht werden, gründlich und ohne Gnade für die Wahrheit.

Er befahl eine Untersuchung durch drei Ärzte. Einschließlich Dr. Albrecht selbst. Das Ergebnis erschütterte alle. Helena war eindeutig Jungfrau. Keine Verletzung, keine Spuren, kein einziges Zeichen, dass je ein Mann sie berührt hatte. Das widerspricht allem, was die Medizin kennt, sagte Dr. Estebanweber, der eigens aus München angereist war.

Ein natürlicher Geburtsvorgang hinterlässt Spuren, doch hier nichts. Vollkommene Unversehrtheit. Der Bischof machte das Kreuzzeichen langsam, schwer. Wenn dies ein Wunder ist, sprach er, dann ist es ein dunkles Wunder. Währenddessen zeigten die Zwillinge Verhaltensweisen, die niemand verstehen konnte.

Wenn man einen der Jungen fütterte, beruhigte sich der andere, als würde er ebenfalls satt. Wenn einer krank wurde, zeigte der andere dieselben Symptome zur gleichen Zeit, im gleichen Ausmaß. Manche Schwestern behaupteten, sie hätten gesehen, wie sie sich ansahen, als würden sie Worte ohne Sprache austauschen, Gedanken teilen, Geräusche erahnen, bevor sie geschahen.

Helena dagegen fiel in eine tiefe Schwermut. Sie wusste nicht, wie sie schwanger geworden war, konnte sich an Wochen und Monate kaum erinnern. Es ist alles wie ein Traum”, flüsterte sie der Priorin zu. “Ich weiß nur, dass etwas Bitteres in meinem Mund war oft und dass ich manchmal aufwachte und nicht wusste, wo ich war.

” Der Bischof setzte eine Untersuchung in Gang, geleitet vom gelehrten Theologen Pater Dominikus Falk, einem Mann, der bekannt dafür war, selbst den verborgensten Irrtum aufzudecken. Er verhörte jede Schwester einzeln und bald ergab sich ein Muster.

Jede von ihnen berichtete von etwas, dass sie zuvor ignoriert, verdrängt oder nicht wichtig genommen hatte. Schwester Helena war über Monate hinweg ungewöhnlich schläfrig gewesen. Sie hatte über Übelkeit geklagt und vor allem der Doktor war ungewöhnlich häufig im Kloster erschienen. Zu häufig, zu still, zu spät in der Nacht. Pater Dominikus begann zu misstrauen. Er untersuchte die Krankenstube und klopfte die Wände ab, bis ein hohler Klang ihn aufmerksam machte.

Hinter einer verborgenen Bretterwand fand er etwas, das niemand im Kloster jemals vergessen sollte. einen kleinen geheimen Raum, der wie ein provisorisches Labor eingerichtet war. Regale voller Glasfläschen, Metallinstrumente, wie sie kein gewöhnlicher Arzt verwendete, präzise Schneidewerkzeuge, die eher an chirurgische Instrumente der Zukunft erinnerten, als an Werkzeuge aus dem 17.

Jahrhundert und ein Tagebuch in Latein geschrieben mit sauberer, sachlicher Handschrift. Die ersten Zeilen ließen Dominikus erleichen. Experimentum de Vita Artifizialis. Experiment über künstliches Leben. Pater Dominikus stand reglos vor dem geöffneten Tagebuch, während die Kerzenflamme neben ihm unruhig flackerte, als würde selbst das Licht den Inhalt der Seiten fürchten. Die Handschrift war eindeutig die des Doktors.

Klar, diszipliniert, sorgfältig wie die Notizen eines Mannes, der sich seiner eigenen Brillanz sicher war. Doch das, was er niedergeschrieben hatte, war kein medizinisches Protokoll im üblichen Sinne. Es war das Werk eines Besessenen. Die Einträge beschrieben Versuche, Bewusstseinszustände zu manipulieren, Kräutermischung zu verfeinern, die Schlaf, Amnesie und völlige Willenlosigkeit herbeiführten.

Bestimmte Kombinationen aus Mutterkorn, Allraune und seltenen Waldkräutern wurden penibel vermerkt. Die meisten Schwestern wären bei einem Tropfen dieser Mischung tagelang bewusstlos gewesen. Und dann stieß Dominikus auf einen Abschnitt, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Subjektum Experimenti Septimum Hellker. Versuchsperson Nummer 7: Heer.

Eine kalte Welle jagte über seinen Rücken. Zeile für Zeile offenbarte das Tagebuch eine Wahrheit, die zu monströs war, um sie zu begreifen. Der Doktor hatte die Novizien systematisch mit Kräuterextrakten betäubt, ihre Erinnerung ausgeschaltet und während ihrer Bewusstlosigkeit Eingriffe vorgenommen. Der nächste Absatz war noch schlimmer.

Der Arzt behauptete einen Weg gefunden zu haben, die Lebenskeime, direkt und ohne Verletzung der Jungfernhäutchen, in die Gebärmutter einzuführen. Ein Verfahren, das nach seinen Worten die göttliche Schöpfungsordnung überliste. Es war eine frühe, primitive Form künstlicher Befruchtung, Jahrhunderte vor jeder bekannten medizinischen Entwicklung.

Mit zitternden Fingern fuhr Dominikus über die lateinischen Zeilen, die jedes moralische Prinzip vererhöhnten. Der Doktor hatte das Kloster nicht als Ort des Glaubens gesehen, sondern als lebendes Labor. Als die Wahrheit ans Licht kam, wurde die Priorin bleich wie der Steinboden unter ihr. “Das, das muss ein Irrtum sein”, sagte sie, aber ihre Stimme war kaum hörbar.

“Das kann nicht sein, nicht in meinem Kloster.” Doch die Beweise waren unbestreitbar. Der Doktor hatte seit zwei Jahren regelmäßig Frauen im Kloster manipuliert, betäubt, untersucht, einige mehrfach. Schwester Magdalena, die im vergangenen Jahr an einer mysteriösen Fieberkrankheit gestorben war, wurde nun in ganz anderem Licht gesehen.

Als Dominikus später im Wald hinter dem Kloster weitere Notizen und versteckte Gerätschaften fand, war klar, sie war nicht an Fieber gestorben. Sie war während eines Eingriffs des Doktors ums Leben gekommen. Am selben Abend versuchte Dominikus den Arzt festnehmen zu lassen, doch die Zelle des Doktors in Hinterbrunnen war leer.

Er war verschwunden, hals über Kopf, und er hatte gewusst, dass er fliehen musste. Das bedeutete, dass jemand ihn gewarnt hatte. Als die Priorin verhört wurde, brach sie unter dem Druck zusammen. Amalia von Hohenfels, die unerschütterliche Frau, die sich seit Jahrzehnten als Fels in der Brandung präsentiert hatte, sank auf die Knie und weinte wie ein gebrochenes Kind. Ich wollte nicht.

Er wußte Dinge, Geheimnisse, die das Kloster zerstört hätten, Geheimnisse über Familien, über mich, stammelte sie. Der Doktor hatte sie erpresst, über Jahre hinweg und als er seine Experimente intensivierte, hatte sie aus Angst geschwiegen. Doch das ganze Ausmaß war noch unklar, denn dann begann das nächste Entsetzen. Die Zwillinge entwickelten sich nicht wie gewöhnliche Säuglinge.

Sie waren jetzt etwas über drei Monate alt und etwas an ihnen schien. Falsch. Ärzte aus München, Regensburg und Passau wurden eingeladen und keiner konnte erklären, was er sah. Die Kinder schienen nahezu gleichzeitig zu reagieren, als seien ihre Nervensysteme gekoppelt. Ein Lächeln im Gesicht des einen erschien wie eine Reflexion im anderen.

Wenn man einem Kind eine Decke reichte, hob der andere den Arm, als wollte er dieselbe Berührung empfangen. Nachts schliefen sie vollkommen synchron ein, Minuten und sogar Sekunden getreu. Manche Schwestern behaupteten, sie hätten die Säuglinge beobachtet, wie sie sich ohne Worte verstanden, als führten sie unterbewusst Gespräche. Schwester Helena hingegen versank in einem Meer aus Angst.

Immer wieder wiederholte sie, sie könne die Kinder nicht anschauen. Sie verspürte eine Panik, die sie nicht erklären konnte. “Es ist, als sehe ich etwas, das mein Verstand nicht erkennt”, flüsterte sie. “Etwas in mir weiß, dass sie nicht nur Kinder sind. Ihr Körper war ausgezährt, ihre Augen eingefallen. Jede Nacht wachte sie schreiend auf. und konnte nicht sagen, wovon sie geträumt hatte.

Der Bischof befahl, daß die Zwillinge von Helena getrennt und von ausgewählten Schwestern betreut werden sollten. Doch das verschlimmerte nur alles. Als man das erste Kind aus der Kammer trug, begann der andere plötzlich zu schreien, so schrill, dass den Nonnen das Blut in den Adern gefror.

Und Helena selbst fiel in Ohnmacht genau in dem Moment, als die Tür hinter dem Kind geschlossen wurde. Die Ärzte konnten dafür keine Erklärung finden, noch beunruhigender. Als man sie später erneut zusammenlegte, beruhigten sich beide auf der Stelle. Doch das Unheil wuchs weiter, und alles stand erst am Anfang. Die Lage im Kloster St. Marine wurde von Tag zu Tag unerträglicher.

Während draußen der Sommer über den bayerischen Wald zog, die Fichtenharze schwer in der warmen Luft hing und die Bauern von Hinterbrunnen ihre Ernten vorbereiteten, verwandelte sich das Innere des Klosters in einen Ort der Angst, des Misstrauens und der flüsternden Gerüchte. Der Bischof verbrachte Stunden im Gebet vor dem Hocaltar, während Pater Dominikus die Räume und Archive durchforstete, wie ein Mann, der wußte, dass ihm die Zeit davon lief.

Zu viele Fragen blieben offen, zu viele Spuren führten ins Nichts. Und der Doktor, der Mann, der all dies ausgelöst hatte, war irgendwo da draußen. Doch das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste spielte sich direkt innerhalb der Klostermauern ab. Die Zwillinge entwickelten Fähigkeiten, die mit keiner bekannten medizinischen, geistigen oder spirituellen Erklärung in Einklang zu bringen waren.

Sie waren nun fast vier Monate alt, doch ihre Reaktionen hatten nichts Kindliches an sich. Wenn ein Besucher, sei es ein Priester, eine Nonne oder ein Arzt, den Raum betrat, fixierten ihn die beiden Säuglinge gleichzeitig mit einer Intensität, die einem erwachsenen Menschen das Blut gefrieren ließ. Ihre Augen bewegten sich wie Spiegelbilder und manchmal wanderten ihre Blicke synchron zu dunklen Ecken der Kammer, als sehen sie dort etwas, das für die anderen unsichtbar war.

Schwester Clara, die jüngste der pflegenden Nonn, behauptete eines Nachmittags zitternd, sie habe gesehen, wie einer der Jungen kurz die Hand hob, bevor man ihm überhaupt die Milchschale reichte, als hätte er die Handlung der Schwester vorausgeahnt. “Sie wissen Dinge”, flüsterte sie den Rosenkranz zwischen den Fingern. “Dinge, die Kinder nicht wissen können. Dinge, die wir nicht wissen.

” Pater Dominicus glaubte anfangs, sie sei überarbeitet. Doch dann fielen auch ihm Merkwürdigkeiten auf. Einmal betrat er die Kammer mit einem bestimmten Gedanken im Kopf. Er wollte testen, wie die Kinder auf Weihwasser reagierten. Noch bevor er die kleine Flasche aus seinem Gewand zog, begannen die Zwillinge gleichzeitig zu wimmern, als hätten sie gespürt, was er vorhatte. Er froh mitten im Schritt ein.

“Das ist nicht möglich”, murmelte er, doch seine Vernunft fand keine Antwort. Währenddessen littten die Schwestern unter immer häufiger werdenden Albträumen. Einige berichteten von Visionen eines Mannes mit bleichen Händen, der nachts durch die Gänge schlich, obwohl alle wussten, dass der Doktor nicht mehr im Kloster war. Trotzdem schworen mehrere Nonnen, sie hätten Schritte gehört.

Das leise Reiben von Leder, ein Geräusch wie das Öffnen einer Truhe. Die Angst wuchs und der Druck auf den Bischof stieg. Die Kirche der Region verlangt Antworten, doch keine kamen. In dieser Atmosphäre des Schreckens traf eine Nachricht ein, die alles veränderte.

Eine junge Bauersfrau aus dem Dorf Schwarzbrunnen, zwei Tagesmärsche westlich des Klosters, war mit einem ungewöhnlichen Säugling auf den Armen zum Kloster gekommen. Ihre Kleidung war zerfetzt, ihre Augen rot vor Erschöpfung und Angst. “Bitte helft uns”, stammelte sie. Meine Schwester, sie sagt, sie sei Jungfrau und doch hat sie geboren. Pater Dominikus und der Bischof tauschten einen Blick, der schwerer war als jedes Gebot.

Der Säugling, den die Frau trug, war kaum eine Woche alt und auf der rechten Handfläche zeigte sich eine sichelförmige Muttermalzeichnung, identisch mit der des älteren der Zwillinge im Kloster. Der Bischof erleichte. Dominikus brauchte keinen Arzt, um zu verstehen, was das bedeutete. Der Doktor lebte, er arbeitete weiter und er wurde besser.

Der Schrei der Bauersfrau, als sie begriff, dass ihr Kind kein Einzelfall war, halte durch die Klostergänge wie ein Unheilszeichen. In diesem Moment traf der Bischof eine Entscheidung, die unausweichlich war. Der Doktor mußte gefunden werden um jeden Preis.

Er befahl eine Untersuchung in den umliegenden Dörfern, die Durchsuchung verlassener Höf, alter Mühlen, aufgegebener Waldhütten. Doch während die Männer nach dem Arzt suchten, reiste Dominikus mit einer kleinen Gruppe nach Schwarzbrunnen, um den Spuren der jungen Mutter nachzugehen. Dort hörte er Geschichten, die das Grauen des Klosters noch übertrafen. Ein fremder Arzt war vor Monaten im Dorf aufgetaucht, nannte sich Johannes Bäcker und bot kostenlose Behandlungen an.

Er behandelte Frauen mit Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Müdigkeit und keine konnte sich erinnern, was während der Behandlung genau geschah. Einige behaupteten, sie hätten danach tagelang geschlafen. Andere erzählten von merkwürdigen Träumen, in denen jemand über ihnen stand, mit glänzenden Metallinstrumenten.

Eine Aussage jedoch ließ Dominikus hart schlucken. Manchmal, sagte eine der Frauen, roch es in seinem Zimmer. nach etwas süßlichem und ich erinnere mich an ein ganz leises Summen, als würde Metall aneinander reiben. Diese Beschreibung passte zu den geheimen Werkzeugen, die Dominikus im Klosterlabor gefunden hatte. Alles fügte sich zu einem erschütternden Bild.

Der Doktor experimentierte weiter und er war auf der Suche nach etwas Größerem. etwas, das die Zwillinge im Kloster nur angedeutet hatten. Zwei Tage später stieß die Suchtruppe auf ein altes halbfallenes Gehöft im Wald. Ein Ort, den die Dorfbewohner die alte Hallermühle nannten. Seit fast 20 Jahren stand sie leer, nachdem die Familie an einer schweren Krankheit gestorben war. Jetzt brannte Licht darin.

Als Dominikus und die Männer vorsichtig eintraten, fanden sie etwas, das jede Vorstellungskraft sprengte. Und das nur der Anfang war. Als Dominikus die Schwelle der alten Hallermühle überschritt, schlug ihm ein Geruch entgegen, der ihm sofort die Kehle zuschnürte.

Es war eine Mischung aus kaltem Metall, beißenden Kräuterdämpfen und etwas Süßlichem, das ihm unangenehm vertraut vorkam. Ein flackerndes Öllämchen warf gespenstische Schatten an die bröckelnden Wände und obwohl der Raum verlassen wirkte, lag eine dichte schwer greifbare Spannung in der Luft. Dann sah er es. Auf den ersten Blick wirkte es wie eine einfache Werkbank.

Doch unter der Staubschicht lagen Instrumente aus Metall, deren Form und Zweck er nicht kannte. Glasröhrchen, dünn wie Spinnfäen, Nadeln, die so fein waren, daß sie kaum sichtbar waren und ein längliches Gerät mit einem Holzgriff und einer metallenen Spitze, die einem Haken ähnelte, zu präzise, zu kunstvoll, um etwas anderes zu sein als ein Werkzeug eines Wahnsinnigen.

“Er war hier”, flüsterte einer der Männer. “Er ist vielleicht noch in der Nähe.” Doch Dominikus schüttelte den Kopf. Nein, er ist fort und zwar nicht in Eile, denn in einer Ecke des Raumes entdeckte er etwas, das ihm die Knie schwach machte. Ein leerer Stuhl, an den Lederriemen geschnallt waren. Riemen in einer Größe, die nur einer erwachsenen Person passen konnte.

Die Oberfläche des Holzes war glatt gerieben, als hätte jemand dort in langen Sitzungen gearbeitet, geforscht, experimentiert. Unter dem Stuhl eine dunkle Verfärbung. Dominikus kniete nieder, berührte die Stelle und roch daran. Es war getrocknetes Blut, nicht alt, aber auch nicht frisch. Ein weiterer Fund ließ die Männer erzittern. In einer einfachen Holzkiste lag ein Stoffbündel.

Als Dominikus es öffnete, sah er kleine Gewänder, die Art, die Neugeborene tragen, winzige Hemdchen, sorgfältig gefaltet und eines davon war mit derselben sichelförmigen Markierung bestickt, die er bei den Zwillingen gesehen hatte. Das war kein Zufall, das war eine Signatur. Der Doktor hatte geplant. Er hatte vorbereitet und er hatte nicht vor aufzuhören.

Ein zweiter schmaler Raum hinter der Werkbank enthüllte das wahre Grauen. Auf einem Tisch lagen sorgfältig angeordnete Zeichnungen, Skizzen menschlicher Embryonen, Diagramme von Organen, handschriftliche Notizen in einer Mischung aus Latein und Deutsch. Manche Worte waren durchgestrichen, andere mehrfach hervorgehoben. Einsatz stag besonders hervor.

Die Verbindung ist der Schlüssel. Zwei Seelen, eine Empfindung. Daneben lag eine kleine Dose, in der sich getrocknete Kräuter befanden, die Dominikus bereits aus dem Kloster kannte. Das gleiche Gemisch, das Helena wochenlang gefügig gemacht hatte. Jeder Gegenstand im Raum schrie nach einer Wahrheit, die niemand aussprechen wollte.

Der Doktor hatte die Mühle als weiteres Labor genutzt und wahrscheinlich war er nun schon auf dem Weg zu einem neuen Ort. Dann fanden sie die Falltür. Einer der Männer bemerkte den feinen Staub, der an einem Bretterspalt aufgewirbelt war. Als sie die Luke öffneten, wehte ihnen kalte abgestandene Luft entgegen. Eine Leiter führte in die Tiefe. Mit Laternen bewaffnet stiegen Dominikus und zwei Männer hinab.

Der Keller war groß, aus grobem Stein gemauert. Die Luft war feucht und die Wände glänzten im Licht der Flammen. Sie hatten nur wenige Schritte getan, als die Männer gleichzeitig inne hielten. In einer Nische standen fünf große Glasbehälter, hermetisch verschlossen, darin Flüssigkeit und etwas, das aussah wie winzige Körper.

Unreifen Embryonen nicht unähnlich, aber länger, geformter wie Zwischenwesen in unnatürlichen Stadien. Einer der Männer wirkte, ein anderer bekreuzigte sich. Die Glasbehälter beinhalteten Wesen, die nicht hätten existieren dürfen. Er, er probiert aus, murmelte Dominikus tonlos, unfähig, seinen Gedanken zu Ende zu führen. Es gab jedoch etwas noch entsetzlicheres.

Auf dem Boden, zurückgelassen wie Abfall, lag ein Bündel aus Stoff, zerrissen, voller Flecken. Als Dominikus sich bückte und das Tuch öffnete, sah er den reglosen Körper einer jungen Frau, vielleicht 17 oder 18 Jahre alt. Ihre Haut war blass, viel zu blass und ihr Bauch wölbte sich unter dem Kleid. Sie war schwanger und tot. Doch das schlimmste Detail war ihr Gesicht.

Ihre Augen waren geöffnet, weit, starr, als hätten sie etwas gesehen, dass kein Mensch sehen sollte. Neben ihrem Kopf lag eine zerbrochene Glasvialle, die Reste der Kräutermischung des Doktors darin. Dominikus presste die Hand auf den Mund und wandte sich ab. Gott erbarme sich ihrer Seele.

Doch dann, als sie sich umdrehten, um zu gehen, hörten sie ein Geräusch, ein dumpfes leises Pochen, wie ein Herzschlag, schwach, aber rhythmisch, nicht von der Frau, sondern aus einer der dunklen Ecken des Kellers. Dominikus hob die Laterne und dort, halb verborgen unter einem Tuch, lag eine zweite Frau, lebend, ihre Augen halb geöffnet, ihr Atem flach, ihre Arme waren festgeschnallt, ihre Haut zeigte Spuren mehrfache Einstiche und ihr Bauch. Er bewegte sich.

Der Doktor hatte die Mühle nicht nur als Labor genutzt, er hatte dort weitergearbeitet, bis kurz bevor man ihn fand. Die Frau stöhnte. Ein einzelnes Wort entwich ihren Lippen. Er kommt zurück. Die entdeckte Frau lag reglos zwischen den feuchten Steinwänden des Kellers. Ihr Atem flackerte wie eine sterbende Kerzenflamme.

Dominikus kniete sofort neben ihr nieder, legte zwei Finger in ihren Hals und spürte einen kaum wahrnehmbaren Puls. Die Haut der Frau fühlte sich kalt an, doch ihr Bauch warm und deutlich gewölbt, zugewölbt. Er bewegte sich, als würde etwas im Inneren gegen die Muskeln drücken. Langsam, rhythmisch, aber unnatürlich stark. “Sie lebt noch”, sagte Dominikus.

So leise, als fürchtete er, die Stille könne zerbrechen. Holt frische Luft, holt Wasser und bringt sie sofort nach oben. Die Männer zögerten. Auch sie hatten gesehen, wie sich der Bauch der Frau bewegte, als würde etwas darin nicht nur wachsen, sondern arbeiten. Doch schließlich fassten sie sich ein Herz, lösten die Lederriemen und trugen die Bewusstlose vorsichtig die Leiter hinauf. Hinaus aus der Finsternis.

Oben in der Mühle legten sie die Frau auf einen Tisch und das flackernde Licht der Öllampe ließ ihre eingefallenen Wangen und die violetten Schatten unter ihren Augen noch gespenstischer erscheinen. Dominikus war sich sicher, sie war eine weitere der Opfer des Doktors, seiner Experimente, seiner unstillbaren Besessenheit.

Als sie endlich etwas Wasser über ihre Lippen brachte, öffneten sich ihre Augen einen Spalt, ein mattes Braun, das einst lebendig gewesen sein musste. “Hilf”, hauchte sie. “Bitte, du bist in Sicherheit”, sagte Dominikus und nahm ihre Hand. “Er ist nicht mehr hier.” Doch ihre Finger krampften sich um seine. Er kommt immer zurück, immer. Sie schloss wieder die Augen und ihre Stimme versiegte wie Wasser im Sand.

Jetzt gab es keine Zeit mehr zu verlieren. Dominikus rief ein paar Männer herbei, die eine improvisierte Trage aus alten Wolldecken fertigten. Vorsichtig brachten sie die Frau aus dem verwesenen Gemäuer hinaus in die kühle Waldluft. Der Wind strich über die Äste, die Mühle knarrte und irgendetwas im Unterholz raschelte. Doch niemand wagte sich umzusehen. Sie mussten weg. sofort.

Der Marsch zurück nach Hinterbrunn dauerte mehrere Stunden. Die Frau überlebte, doch fiel immer wieder in Halluzination. Mal schien sie zu glauben, der Doktor stehe über ihr, mal keuchte sie, als würde ihr jemand die Luft abdrücken.

Bei einem dieser Anfälle presste sie plötzlich beide Hände auf ihren Bauch, schrie in einem tonlosen, erschütternden Laut und flüsterte: “Er hat mich geöffnet.” Dann verlor sie erneut das Bewusstsein. Erst am nächsten Morgen, nachdem sie unter die Pflege der Nonnen im Kloster St. Maren gestellt worden war, erholte sie sich ein Stück weit.

Die Schwestern hatten sie gewaschen, versorgt und mit allen Kräften versucht, sie zu beruhigen. Doch niemand wagte es, ihr die Wahrheit über die Zwillinge zu sagen, die im Kloster lebten. Und doch schien sie es zu wissen oder zu ahnen. Als sie erstmals von dem Geräusch einer Glocke aufwachte, drehte sie ihren Kopf abrupt zur Seite, als würde sie etwas hören, das außer ihr niemand wahrnahm. Zwei! Murmelte sie heiser.

Zwei hier und einer dort. Die Nonnen sahen sich ängstlich an. Woher wusste sie das? Sie hatte die Kinder nie gesehen, nie etwas über sie gehört, nie einen Hinweis erhalten. Und dennoch sprach sie, als würde sie sie fühlen, als wäre sie mit ihnen verbunden. Inzwischen hatte der Bischof die Männer angewiesen, die Mühle vollständig zu versiegeln und niemanden außer dem Klerus hineinzulassen.

Er selbst warf lange Blicke auf den Wald, als er am Tor des Klosters stand, als würde der Schatten des Doktors zwischen den Bäumen stehen. Doch da war noch mehr etwas, das niemand zu benennen wusste, denn seit der Rückkehr der Suchtruppe hatte sich ein seltsames Phänomen verbreitet. Die Zwillinge im Kloster, die ersten beiden Jungen, hatten sich verändert und zwar genau während der Nacht, in der die gefundene Frau aus der Mühle ins Kloster gebracht worden war.

Schwester Kara, die bei den Kindern wachte, hatte es zuerst bemerkt. Die Jungen lagen nicht mehr friedlich nebeneinander, sondern krümmten sich, als würden sie etwas spüren, das außerhalb ihrer Körper lag. Sie stießen Laute aus, die nicht wie normales Babygeschrei klang, sondern wie dumpfe, instabile Versuche, Geräusche zu formen, die zu strukturiert waren, um zufällig zu sein.

Als Pater Dominikus die Kammer der Zwillinge betrat, blickten sie ihn gleichzeitig an. nicht wie Säuglinge, sondern wie etwas, das verstand, etwas, das wußte. Ihr Blick war so starr, so fokussiert, dass Dominikus das Gefühl hatte, als würden sie durch ihn hindurchsehen, bis in die Erinnerung an die Mühle, den Keller, die Frau, die er gerettet hatte.

Und dann etwas Unfassbares. Die beiden Kinder drehten gleichzeitig die Köpfe zur Tür, lange bevor sie sich öffnete. Sekunden später kam ein Noviz herein, völlig ahnungslos, dass er beobachtet worden war. Die Zwillinge hatten ihn kommen gespürt oder gehört oder etwas anderes, etwas Unennbares, als wäre zwischen ihnen und der Welt ein unsichtbarer Draht gespannt.

Das war der Moment, in dem Dominikus verstand. Die Zwillinge waren nicht nur Opfer eines monströsen Experiments, sie waren Resultate davon. Und der Doktor hatte nie vorgehabt, bei ihnen aufzuhören. Er hatte etwas geschaffen, das selbst er kaum verstand. Und er war noch nicht fertig, denn draußen, irgendwo zwischen Fichten und Nebel wanderte ein Mann durch die Wälder, nicht getrieben von Flucht, sondern vom Drang, sein Werk zu vollenden. Die Wälder rund um Hinterbrunn lagen in jenen Tagen unter einem dichten, beinahe

erstickenden Schleier aus Nebel. Die Bauern munkelten, der Sommer sei krank, die Luft seltsam schwer wie vor einem Unwetter, das nicht kommen wollte. Doch diejenigen, die dem Kloster St. Mariennah standen, wussten, dass der wahre Sturm nicht im Himmel, sondern im Herzen des Waldes lauerte, dort, wo der Doktor noch immer umherging.

Was niemand ahnte, er war nicht orientierungslos geflohen. Er hatte einen Plan, einen Pfad, den er schon lange vor den Enthüllungen im Kloster vorbereitet hatte. Während der Bischof die Region durchsuchen ließ und die Männer des Dorfes Wachposten an den Zufahrtswegen errichteten, hatte Dr. Johann Albrecht bereits einen neuen Unterschlupf gefunden. Er kannte die Wälder wie ein Jäger.

Er kannte die Dörfer, die verlassenen Häuser, die alten Höfe, deren Besitzer in Kriegen oder solchen gestorben waren. Und vor allem kannte er etwas, das gefährlicher war als alles andere. Die Schwächen der Kirche, die Blindstellen ihrer Macht.

Während seine Verfolger die offensichtlichen Orte durchkämmten, hatte er sich in die Richtung begeben, die niemand vermutet hätte. Nicht tiefer in den Wald, sondern näher an die Welt der Menschen, näher an jene, die er als Material betrachtete. Während die Kirche im Dunkeln tappte, nahm das Unheil im Kloster selbst neue Formen an. Die gerettete Frau, die sie in der Hallermühle gefunden hatten, lag nun im Kranken Raum des Klosters.

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Sie war nicht bei vollem Bewusstsein, doch ihre Anfälle wurden häufiger. In manchen Nächten zitterte ihr Körper so heftig, dass mehrere Schwestern sie festhalten mussten. Und immer wieder presste sie beide Hände an ihren Bauch mit einem Ausdruck, der zwischen Schmerz und Panik schwankte. Als Pater Dominikus sie eines Morgens besuchen wollte, fand er Schwester Gerlinde, die Heilerin, bleich und erschüttert neben dem Bett.

“Was ist geschehen?”, fragte Dominikus. Schwester Gerlinde biss auf die Lippen, ehe sie antwortete. Sie sprach im Schlaf, aber es waren keine Worte, die ich verstand. Latein? Nein. Die Schwester schüttelte langsam den Kopf. Es klang wie zwei Stimmen gleichzeitig, als würde sie mit jemandem sprechen, der nicht hier ist.

Dominikus spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Vielleicht halluziniert sie. Doch das passte nicht zu dem Ausdruck reiner Klarheit, der im Gesicht der Frau gelegen hatte, als sie sprach. Es war kein Fieberwarn gewesen, es war Kommunikation. Aber mit wem und wie? Später am selben Tag gab es ein weiteres beunruhigendes Ereignis. Die Zwillinge hatten plötzlich aufgehört zu schreien.

nicht langsam, nicht beruhigt, sondern abrupt, als hätte jemand einen Schalter in ihren Körpern umgelegt. Die Nonnen, die sie betreuten, berichteten, sie hätten beide gleichzeitig die Augen geöffnet und starke geblickt, wie zwei Menschen, die denselben unsichtbaren Punkt betrachteten.

Und zur gleichen Zeit begann die Frau im Krankenzimmer leise zu weinen. Nicht aus Schmerz, sondern aus etwas, dass man fast als Sehnsucht hätte deuten können. rufen flüsterte sie kaum hörbar. Sie sind hier und dort verbunden. Diese Worte verbreiteten sich wie ein heimlicher Wind durch das Kloster. Noch bevor die Sonne unterging, wusste jede Schwester davon, der Bischof nicht.

Dominikus schwieg aus Angst, dass der Bischof die Frau töten lassen würde, um die Abscheulichkeit zu beenden. Und er fürchtete, dass die Zwillinge vielleicht denselben Befehl ereilen würde. Doch das war nicht alles. In derselben Nacht, während die Schwestern in ihren Zellen beteten, ging ein Schrei durch den Schlafsaal.

Schwester Klara, die damals bei den Zwillingen geblieben war, lief panisch den Gang entlang, bis sie Dominikus fand. Pater, die Kinder, sie haben, sie haben ihre Stimme brach. Was haben Sie getan? Sie haben gelacht. Dominikus starrte sie an. Das ist doch normal. Nein, flüsterte Kara Tränen in den Augen. Nicht wie ein Kind lacht.

Es war es war wie ein Erwachsener, wie ein Mann. Die Stimmen, ihre Stimmen, sie kamen aus einem Körper, der nicht dafür gemacht ist. Dominikus eilte zur Kinderkammer die Laterne fest in der Hand. Als er die Tür öffnete, lagen die Zwillinge ruhig in ihren Körbchen. Doch ihre Blicke, ihre Blicke suchten ihn, als hätten sie ihn erwartet.

Das Licht flackerte, die Luft wurde kalt und imselben Moment begann es in der Ferne zu leuten, die Glocke von Schwarzbrunnen. Tief, schwer, dumpf. Es war der Alarm der Dorfbewohner, ein Zeichen für Gefahr. Der Bischof eilte hinzu. Die Nonnen sammelten sich verschreckt im Gang. “Was ist passiert?”, rief Dominikus.

Ein junger Bauer außer Atem vom Lauf kam durch die Klostertür gestürzt. “Im Dorf. Er ist wieder da. Wer?” “Der Arzt.” Die Nonnen stießen Entsetzensschreie aus. Der Bauer fuhr fort. Er hat eine Frau mitgenommen. Er sagte, sie sei bereit. Niemand konnte ihn aufhalten. Der Bischof wurde fahler als Wachs. Die Zwillinge, noch immer in ihren Körbchen liegend, wandten plötzlich zugleich den Kopf in die Richtung, aus der Bauer gekommen war, als würden sie den Mann sehen, obwohl sie es nicht konnten, oder als würden sie den Doktor fühlen. Pater Dominikus wusste, der Doktor war

nicht geflohen. Er war unterwegs zu einem Ziel und niemand konnte sagen, wie nahe er seinem nächsten Experiment bereits gekommen war. Was aber niemand ahnte, der Doktor war nicht allein und die Zwillinge wussten es. Die Nachricht aus Schwarzbrunn verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die langen Gänge des Klosters.

Die Schwestern drängten sich an den Wänden, ihre Gesichter bleich, ihre Hände um die Rosengrenze gekrampft. Die Priorin murmelte Gebete. Der Bischof gab Anweisungen, die niemand mehr klar verstand. Und über allem lag ein Gefühl von herannahendem Unheil, das schwer wie Blei auf den Schultern aller lastete. Der Doktor war wieder aufgetaucht und hatte eine weitere Frau mitgenommen. Nicht entführt im klassischen Sinne, wie sich bald herausstellte, sondern überzeugt, ihm zu folgen.

Eine Zeugin im Dorf berichtete, die Frau habe wie in Trance gewirkt, ihre Augen leer, ihr Gesicht ausdruckslos, als würde sie im Schlaf gehen. dieselbe Lehre, die Helena beschrieben hatte, dieselbe Finsternis, die die Frau aus der Mühle noch immer verfolgte.

Doch der Bischof wusste nun, dass er nicht länger warten durfte. “Wir gehen nach Schwarzbrunnen”, erklärte er mit fester Stimme, obwohl sein Blick verriet, dass ihm jeder Schritt schwer fiel. “Gott wird uns führen und wir müssen ein Ende setzen.” Unter seiner Leitung brachen zehn Männer auf, darunter Pater Dominikus. Doch bevor sie das Kloster verließen, geschah etwas, das alle innerhalten ließ.

Die Zwillinge begannen gleichzeitig zu weinen. Kein gewöhnliches Wein, nicht schrill, nicht panisch, sondern tief, kählig, vibrierend wie das Heulen eines erwachsenen Mannes. Ein Laut, der nicht zu Kindern passte. Ein Laut, der eine Warnung in sich trug. Pater, flüsterte Schwester Klara. Sie wissen, was passiert.

Dominikus antwortete nicht, doch er spürte es auch. Es war nicht bloß ein Schrei, es war ein Echo, als wollten die Kinder sagen: “Ihr seid zu spät.” Der Marsch nach Schwarzbrunnen dauerte mehrere Stunden und je näher sie dem Dorf kam, desto unruhiger wurde die Luft. Ein süßlicher Geruch hing darin, eine Mischung aus feuchtem Heu, Kräutern und etwas, das an die Mühle erinnerte.

Als sie das Dorf erreichten, fanden sie die Bewohner versammelt vor dem Wirzhaus. Einige Männer trugen Fackeln, andere Mistgabeln oder Ächte. Die Stimmung war aufgeladen, eine Mischung aus Wut, Angst und verzweifeltem Mut. Ein alter Bauer trat hervor. Er war bei uns, knurrte er. Er hat die junge Lehne mitgenommen. Sie war kaum ansprechbar, wie verzaubert.

Wir haben versucht ihn aufzuhalten, aber er verstummte. Aber was? Fragte der Bischof streng. Der Bauer sah zu Boden. Er hat uns angesehen, nur angesehen. Und wir konnten uns nicht bewegen. Keiner von uns. Es war, als wären unsere Glieder aus Stein. Ein Murmeln ging durch die Menge. Einige Männer bekreuzigten sich, andere sahen schweigend in den Boden.

“In welche Richtung ist er gegangen?”, fragte Dominikus schließlich zum alten Gutshof, dem von den Ehrlichs. Der Hof steht seit Jahren leer. Der Bischof schloß die Augen. Er kannte den Ort, abgelegen, groß, voller Räume, in denen man experimentieren konnte, ohne jemals gehört zu werden. “Wir gehen sofort”, sagte er. Doch als die Gruppe den Hof erreichte, war es bereits zu spät für jede Hoffnung.

Schon von weitem sah man, das Licht im Hauptgebäude brannte, ein unruhiger Schatten auf einer Wand, der sich bewegte wie eine Gestalt. Die Männer näherten sich vorsichtig, hielten die Waffen fest, flüsterten Gebete. Der Hof selbst war verwahrlost, das Gras Knie hoch, die Holzfenster morsch, die Türen schief im Rahmen. Doch vor der großen Scheune lagen frische Spuren, Fußabdrücke, kleine seltsame Schleifspuren im Boden und Blut. Ein dünner dunkler Streifen, der sich in die Scheune hineinzog.

Er ist dort drin flüsterte einer der Männer. Dominikus nickte. Er hob die Laterne und öffnete langsam die Scheunentür. Innen war es Totenstill, doch in der Luft hing etwas, eine Spannung, die so stark war, dass jeder Atemzug Mühe bereitete. Ein Tisch stand in der Mitte, darauf verstreut medizinische Instrumente.

Doch alles war unordentlich, chaotisch, hastig verlassen. Neben dem Tisch lag ein Stück Stoff, ein Kleid, das Kleid der jungen Lehne. Dominikus ging einige Schritte weiter und plötzlich hörten sie ein Geräusch, ein kläglicher Laut, kaum hörbar. Er kam aus der hinteren Ecke. Die Männer eilten dorthin und fanden die Frau Lehne auf dem Boden.

Ihre Hände bebten, ihr Blick war leer und doch voller namenloser Angst. Sie wirkte verstört, aber körperlich unversehrt. Dann hob sie langsam den Kopf und sah Dominikus an. Er hat es geschafft”, flüsterte sie. “Er hat es vollendet.” “Was hat er vollendet?”, fragte der Bischof. Lene öffnete den Mund, doch bevor sie antworten konnte, vernahm man draußen Schritte.

Schnelle, hastige Schritte. Jemand rannte weg vom Hof. Die Männer stürzten hinaus, doch der Nebel hatte bereits alles verschluckt. Ein Schatten verschwand zwischen den Bäumen, so lautlos wie ein Geist. Dr. Johann Albrecht! Rief der Bischof, doch seine Stimme zerschnitt nur die Nacht. Keine Antwort, nur Stille.

Und dann aus der Scheune heraus ein Schrei. Lene schrie nicht aus Schmerz, nicht aus Angst, sondern aus etwas, das viel beunruhigender war. erkennen. Er hat nicht nur mich benutzt, hauchte sie. Er hat ein neues Wesen erschaffen. Sie zeigte mit zitternden Fingern auf die hinterste Ecke der Scheune. Dominikus hob die Laterne und erstarrte.

Dort lag etwas Kleines, ein Bündel, ein neugeborenes. Doch es war kein gewöhnliches Kind. Sein Körper war zu lang, seine Glieder zu grazil und seine Augen weit offen blickten direkt in das Licht. Und es lächelte nicht wie ein Baby, sondern wissend, berechnend, menschlich und unmenschlich zugleich. Das Wesen, das in der hinteren Ecke der Scheune lag, atmete ruhig, beinahe meditativ.

Es war kaum einen Tag alt, doch sein Blick schien uralt. Die Männer erstarrten, unfähig. den Blick von den weit geöffneten Augen abzuwenden. Augen, die nicht tastend suchtten wie die eines Neugeborenen, sondern fokussiert, wach, fast spöttisch wirkten. Bischof Matthias trat einen Schritt vor, hob die Hand mit einem Kreuz.

Im Namen des Allmächtigen. Das Kind lächelte. Es war kein Irrtum, kein Reflex. Es war ein bewußtes, klares, beinahe hohnspottendes Lächeln, das im flackernden Laternenlicht unnatürlich wirkte. Und imselben Augenblick begann Lene, die Frau, die wenige Meter entfernt lag, heftig zu zittern.

Ihr Körper buck sich durch, als würde eine unsichtbare Kraft sie zu Boden drücken. Er es, sie rang nach Luft. Es spricht in mir. Dominikus und zwei Männer sprangen zu ihr, versuchten sie festzuhalten, doch ihre Muskeln verkrampften sich so stark, dass ihre Finger in ihre eigene Haut schnitten.

Dann schrie sie auf, einziger gellender Laut, der den Staub von den Balken löste. Und gleichzeitig öffnete das Kind den Mund. Doch aus seinem Mund kam kein Schrei, nicht einmal einlaut. Stattdessen begann der Boden unter ihnen leicht zu vibrieren. Ein kaum wahrnehmbares Zittern, das jedoch spürbar durch die Knie, die Brust und die Schädel der Männer kroch.

“Raus hier!” rief der Bischof und seine Stimme überschlug sich vor Panik. “Raus! Sofort. Doch bevor sie fliehen konnten, fiel Lene plötzlich völlig still zusammen. Ihr Kopf schlug zu Boden, die Augen starrten ins Leere. Ist sie tot?”, flüsterte einer. Dominikus kniete sich hin, legte zwei Finger in ihren Hals und erstarrte. Sie lebte, aber etwas in ihr war.

Ein Verlust, den man nicht benennen konnte, hing in der Luft. Es war, als hätte etwas ihre Seele berührt und ein Stück mitgenommen. Währenddessen trat der Bischof zum Kind. Wir müssen es mitnehmen. Wir müssen es untersuchen. Es darf nicht hier bleiben. Doch als er nach dem Bündel greifen wollte, begann der Körper des Kindes zu zittern.

Seine kleinen Hände ballten sich zu fäusten und für einen kurzen Moment sah es aus, als würde sich ein Schatten über seine Haut ziehen, ein pulsierender Schleier aus etwas Unsichtbarem. Dominikus faßte den Arm des Bischofs. Berühren Sie es nicht. Wir können es nicht hier lassen. Wir dürfen es vielleicht gar nicht anfassen. Die Männer standen schweigend, während das Licht der Laterne flackerte.

Das Baby starrte sie weiter an und dann ganz langsam, ohne jede Hektik, schloss es die Augen, als wäre es mit ihnen fertig. “Wir nehmen es trotzdem”, entschied der Bischof hart. “Mit Tüchern. Niemand faßt es an. Zwei Männer wickelten das Kind vorsichtig in dicke Leintücher. Kein Laut, kein Widerstand. Es ließ es geschehen und das machte es nur unheimlicher. Als sie die Scheune verließen, begann der Wind zu heulen.

Nicht laut, aber beunruhigend tief wie ein Flüstern. Lehne wurde ebenfalls hinausgetragen. Ihr Atem nun ruhiger, aber ihr Blick leer wie der einer Schlafwandlerin. Der Weg zurück zum Dorf war bedrückend still. Niemand sprach, niemand wagte es. Am Waldrand blieb Dominikus stehen. Irgendetwas bewegte sich dort zwischen den Bäumen. Ein Schatten. Kein Tier.

Zu groß, zu menschlich, zu aufrecht. “Haben Sie das gesehen?”, fragte er. Doch die Männer schüttelten die Köpfe, zu verängstigt, zu erschöpft, zu blind vor Angst. Doch Dominikus wußte, was er gesehen hatte. Jemand war dort, jemand, der sie beobachtete, jemand, der wartete. Das Kind wurde ins Kloster gebracht und in einem separaten Raum untergebracht, weit entfernt von den Zwillingen.

Dennoch, kaum war es über die Schwelle des Gebäudes getragen worden, begann im Krankenzimmer die Frau aus der Mühle zu schreien. Es ist da. Es ist da. Die Nonnen rannten herbei, doch sie schlug um sich, trat gegen das Bettgestell, brüllte mit einer Kraft, die ihr ausgemergelter Körper kaum haben konnte. “Ich fühle es. Ich fühle sie alle.

” “Alle?”, fragte Schwester Gerlinde erschrocken. “Wie viele?” “Vier.” Die Frau keuchte. “Vier jetzt. Vier Leben, vier Gedanken. Sie sprechen miteinander. Der Bischof wurde blass. Bringt Dominikus her. Als der Pater eintraf, deutete die Frau auf ihren Bauch und genau in diesem Moment bewegte sich ihr Leib wieder, diesmal stärker, fast schmerzhaft sichtbar.

Er er hat mich benutzt wie die anderen hauchte sie. Ich werde auch gebären. Die Nonnen schrien vor Entsetzen. Doch im selben Augenblick an einem anderen Ende des Klosters begannen die Zwillinge unruhig zu werden. Sie wandten sich, suchten einander und einer von ihnen öffnete plötzlich die Augen. Weit, erschrocken, als hätte er etwas gesehen, was niemand sonst sah.

Der andere begann zu zittern und dann gleichzeitig brachen sie in panisches Schreien aus. Nicht wie vorher, nicht kontrolliert, sondern wie zwei Kinder, die einen Schmerz fühlten, der nicht aus ihrem Körper kam. Eine Verbindung, eine Resonanz. Vier Kinder, vier ungeborene, halbgeborene, geborene Wesen und sie alle standen miteinander in Verbindung.

Als Pater Dominikus diese Erkenntnis begriff, spürte er etwas, das er seit Jahrzehnten nicht mehr gespürt hatte. Echte, allumfassende Angst. Der Doktor hatte nicht nur experimentiert, er hatte versucht eine Linie zu erschaffen, eine Art, eine neue Form des Menschen und das Schlimmste von allem. Er war noch nicht fertig. Seit der Rückkehr aus der Scheune hatte sich im Kloster St.

Maria inan eine Atmosphäre breit gemacht, die schwerer wog als jedes Schweigen. Die Nonnen bewegten sich leise, fast schleichend, als wollten sie die Mauern nicht wecken, die selbst zu lauschen schienen. Überall herrschte eine Spannung wie vor einem nahenden Gewitter. Nur dass dieses Gewitter nicht vom Himmel kam, sondern aus den Kammern und Schatten des Klosters selbst.

Die Zwillinge wurden in einem abgeschlossenen Raum gehalten und streng bewacht. Doch die Nonnen, die bei ihnen wachten, berichteten immer häufiger von Verhaltensweisen, die selbst den stärksten Glauben erschütterten. Manchmal lagen die beiden Knaben völlig still da, die Augen weit geöffnet und blickten zur Wand, exakt denselben Punkt, minutenlang, ohne zu blinzeln.

Einmal drehte sich einer der Jungen plötzlich auf die Seite und begann zu lachen. Kein Kinderlachen. Ein erwachsener kähliger Laut, der zu keinem Säuglingskörper passte. Die Nonnen waren hinausgerannt, zitternd, unfähig zu beten. Doch das war erst der Anfang. Denn seit das neue Kind jenes unnatürliche Geschöpf aus der Scheune ins Kloster gebracht worden war, begannen die Zwillinge auf eine Weise zu reagieren, die keiner erklären konnte.

Sie synchronisierten sich noch stärker. Ihre Atmung verlief im gleichen Rhythmus. Ihre Bewegungen, wenn einer den Arm hob, tat es der andere ebenfalls. Und manchmal, wenn das Licht der Kerzen flackerte, schien es, als würden beide gleichzeitig in dieselbe Richtung lauschen, in Richtung des Raumes, in dem das fremde Kind lag.

Und auch dieses Kind lag still da, nie weinend, nie schreiend, nie nach Wärme suchend. Es war wach, immer wach. Seine Augen folgten jeder Bewegung der Nonnen, als wären sie Studienobjekte. Als es zum ersten Mal ein leises Summen von sich gab, einem Ton, der nicht zuzuordnen war, fiel eine der Schwestern in Ohnmacht. Während all dies geschah, lag die Frau aus der Mühle in Krämpfen.

Ihr Bauch wölbte sich unnatürlich, als würde etwas darin wachsen, dass nicht ihre natürliche Biologie respektierte. Der Bischof stand lange vor ihrem Bett, das Kreuz in der Hand, doch man sah, wie seine Entschlossenheit langsam bröckelte. “Pater Dominikus”, sagte er eines Nachmittags, “wir haben es hier nicht mehr mit Medizin zu tun, nicht mit Sünde, nicht einmal mit Ketzerei.

Das ist etwas anderes.” Wollen Sie sagen, es sei übernatürlich? Nein, antwortete der Bischof tonlos. Ich fürchte, es ist vollkommen natürlich, nur nicht menschlich. Die Männer des Dorfes fingen in der Zwischenzeit an, bewaffnete Patrouillen durch den Wald zu schicken. Nacht für Nacht berichteten sie von Geräuschen, die nicht zuzuordnen waren.

Ein Knacken, das kein Ast verursachte. Schritte, die zu leicht für einen Menschen, aber zu schwer für ein Tier waren. Manchmal glaubten sie einen Schatten zwischen den Bäumen zu sehen. Zu schnell. um jemandem zu gehören, den sie kannten. Und jedes Mal, wenn jemand im Wald etwas bemerkte, reagierten die Zwillinge im Kloster.

Ihre Körper verkrampften sich, als würden sie etwas spüren, das Kilometerweit entfernt geschah. Sie schrien, wenn draußen jemand vor Angst schrie. Sie wurden still, wenn die Männer abrupt verstummten. Die Verbindung war keine Einbildung, sie war real und niemand wusste, wie groß sie werden würde. Dann, zwei Tage nach der Rückkehr aus Schwarzbrunnen, geschah etwas, das alles veränderte.

In der Stunde vor der Fesper begannen die Glocken des Klosters plötzlich und ohne menschliche Berührung zu leuten. Die Nonnen rannten entsetzt zum Turm. Dort stand niemand. Doch die Seile bewegten sich fast so, als würde jemand ziehen, der nicht sichtbar war. Die Zwillinge begannen gleichzeitig zu schreien, nicht aus Schmerz, sondern aus Warnung.

Im nächsten Moment stürmte eine Nonne zum Bischof. Die Frau aus der Mühle, sie sie ist nicht mehr im Bett. Man fand die Frau im Kreuzgang, Barfuß, im Nachthemd, den Blick leer, die Bewegungen steif. Sie stand genau an der Stelle, an der sich die Stimmen im Kloster am stärksten halten. Als Dominikus sie erreichte, begann sie zu sprechen, doch nicht mit ihrer eigenen Stimme.

Es klang wie ein Echo, wie zwei Stimmen übereinander gelegt. Er kommt. Dominikus blieb stehen. Wer kommt? Die Frau hob den Kopf. Ihre Pupillen waren geweitet, fast schwarz. Der Vater, ein Raunen, ein kalter Wind fegte durch den Kreuzgang. Er ist in euch allen sagte sie, in den Kindern, in mir, in euch. Sie hob eine Hand und legte sie auf ihren Bauch. Sein Werk geht weiter.

Und dann ohne Vorwarnung sackte sie zusammen. Die Nonnen eilten herbei, doch Dominikus hielt sie zurück. Er kniete sich nieder, legte die Hand auf ihren Hals. “Sie lebt”, sagte er. “Aber etwas hat ihren Geist verlassen.” Die Glocke verstummte, die Stille drückte und in diesem Moment im Kinderraum öffneten alle drei Kinder, die Zwillinge und das Scheunenkind, gleichzeitig die Augen.

Kein Schrei, kein Laut. Sie blickten alle drei in dieselbe Richtung nach Westen, zum Wald, zum Dunkel, zum Doktor. Der Bischof flüsterte: “Er ist nicht auf der Flucht. Er führt etwas an.” Dominikus antwortete nicht, denn er sah die Wahrheit in den Augen der Kinder. Der Doktor war nie weggelaufen. Er war nur vorausgegangen.

Der Abend senkte sich über Hinterbrunnen wie ein schwarzer Schleier, schwer und unheilvoll. Ein seltsames Dröhnen schien in der Ferne zu liegen. Kaum hörbar, aber spürbar in den Knochen. Manche Nonnen glaubten zunächst, es sei der Wind, der durch den Wald strich. Doch es war kein natürlicher Laut. Es war rhythmisch, pulsierend, fast wie ein Herzschlag, zu groß für einen Menschen, zu tief für ein Tier.

Und jedes Mal, wenn dieses Dröhnen vibrierte, reagierten die Kinder im Kloster. Die Zwillinge zogen sich zusammen wie in Krämpfen, während das neue Kind jenes aus der Scheune still blieb. Aber seine Augen weit öffnete, als würde es das Geräusch erkennen, nicht als Gefahr, sondern als Ruf. Im Refektorium standen Bischof Matthias und Pater Dominikus über einer ausgerollten Karte der Region.

Die Kerzen brannten unruhig, als würde die Luft selbst dagegen protestieren. “Er bewegt sich nicht ziellos”, sagte Dominikus. Er hat Zwischenstationen gewählt, die sich im Halbkreis um das Kloster befinden. “Ein Kreis, die Stirn des Bischofs runzelte sich tief. Ein Ritual?” “Nein.” Dominikus schüttelte den Kopf.

ein Muster, ein Netz, alles was er getan hat, die Experimente, die Schwangerschaften, die Geburten. Es wirkt geplant, als würde er etwas vorbereiten, etwas Größeres. Die Tür schlug auf und Schwester Gerinde stürzte herein. Ihr Gesicht war aschfahl. Die Frau aus der Mühle, keuchte sie. Ihr Zustand hat sich geändert. Schlechter, fragte der Bischof.

Gelinde schüttelte den Kopf. Nein, er anders. Sie führten die beiden Kleriker in den Krankensaal. Die Frau lag nicht mehr verdreht und schweißgebadet da, sondern vollkommen ruhig, zu ruhig. Ihre Hände waren gefaltet wie im Gebet und ihr Blick starrte an die Decke, trocken und glasig.

“Sie spricht nicht mehr”, sagte Gerinde leise. “Sie atmet, aber als hätte sie keine Seele mehr. Dominikus trat näher. Was hat sie getan, bevor sie so wurde? Sie hörte etwas, antwortete Gerlinde. Sie sagte: “Jemand rufe sie aus der Ferne.” Und dann dann war sie leer. Leer traf es zu gut. Die Frau wirkte wie eine Hülle, deren Inneres jemand herausgeschnitten hatte. Doch im selben Moment geschah etwas im Kinderraum.

Die Zwillinge setzten sich auf. nicht ruckartig, nicht chaotisch, sondern gleichzeitig, langsam, synchron. Ihre kleinen Körper, die körperlich dazu eigentlich nicht in der Lage sein sollten, hoben sich in einer koordinierten Bewegung. Schwester Klara schrie erschrocken auf und eilte hinaus, so schnell sie konnte.

Als Dominikus den Raum betrat, blickten die Zwillinge ihn an. Ihre Augen waren weit geöffnet, ihre Pupillen zu schmalen Schlitzen verengt. Das fremde Kind lag ebenfalls wach, aber es bewegte sich nicht. Es beobachtete nur. Die Zwillinge jedoch begannen, ihre Münder zu öffnen. Kein Laut kam heraus. Stattdessen vibrierte die Luft. Die Kerzen erloschen gleichzeitig. “Gott stehe uns bei”, flüsterte Dominikus.

Mit einem Mal hörte das vibrierende Dröhnen von draußen auf. Die Stille war so abrupt, daß den Nonnen die Ohren schmerzten, und in dieser Stille lächelte das fremde Kind. Es war ein Lächeln des Erkennens, als hätte es eine Antwort erhalten. “Er ist in der Nähe”, sagte Dominikus. “Er ist nicht mehr weit.” Kurz darauf stürmte ein Bauer ins Kloster, schweißgebadet, atemlos.

Pater Bischof, wir haben ihn gesehen, bei der alten Kapelle tief im Wald. Er er hat mit jemandem gesprochen. Mit wem? Der Bauer schüttelte mit weit aufgerissenen Augen den Kopf. Er war allein, aber es waren Stimmen, viele Stimmen. Es war, als würden mehrere Menschen reden aus seinem Mund.

Ein eisiges Schweigen legte sich über den Raum. Er ruft sie, sagte Dominikus leise. Alle, die er geschaffen hat, alle, die er berührt hat. Er will sie sammeln. Der Bischof holte tief Luft. Wir müssen aufbrechen. Jetzt. Doch kaum hatte er es gesagt, begann die Glocke des Klosters erneut zu leuten. Diesmal nicht unkontrolliert, sondern in regelmäßigen Abständen.

1 2 3 Einuf, ein Zeichen. Die Zwillinge schrien. Die Frau aus der Mühle öffnete plötzlich den Mund und eine Stimme drang aus ihr hervor, die nicht ihre war. Dunkel, männlich, fremd. Komm zu mir.” Sie richtete sich im Bett auf, als wäre sie eine Marionette und sagte: “Erwartet!” Alle drei Kinder, die Zwillinge und das fremde Wesen, richteten gleichzeitig ihre Köpfe zur Tür und dann zur westlichen Wand, zur Richtung der Kapelle, zum Doktor. Der Bischof hob sein Kreuz. “Wir gehen sofort.

” Doch Dominikus flüsterte. Er zieht nicht nur uns dorthin, er zieht sie. Die Kinder. Er braucht sie für etwas. Für was? Fragte der Bischof. Dominikus blickte auf die Zwillinge, deren Augen sich wieder verengt hatten, um zu vollenden, was er begonnen hat. Die alte Waldkapelle lag tief verborgen im Herzen des bayerischen Waldes, zwischen uralten Tannen, deren Stämme so eng standen, dass selbst das Mondlicht kaum den Boden erreichte.

Sie war ein Ort, der lange gemieden wurde, nicht aus Aberglauben, sondern aus einer instinktiven, wortlosen Furcht, die von Generation zu Generation weitergegeben worden war. Schon seit Jahrzehnten erzählten die Dorfbewohner, daß dort wo etwas Unvollendetes wohne. Niemand wußte was. Nun wussten sie es, denn dort wartete der Doktor.

Bischof Matthias, Pater Dominikus und ein Dutzend Männer mit Laternen und Waffen ausgerüstet machten sich auf den Weg zur Kapelle. Der Nebel kroch zwischen den Stämmen wie ein lebendiges Wesen. Die Geräusche des Waldes verstummten, je näher sie ihrem Ziel kam. Es gab keinen Vogelruf, kein Rascheln eines Tieres, nur ein leises Summen, das aus der Tiefe zu kommen schien.

“Hört ihr das?”, fragte einer der Männer. Dominikus nickte. “Es ist dasselbe Summen, dass ich in der Mühle gehört habe.” Je weiter sie ging, desto stärker wurde es. Nicht laut. aber so durchdringend, daß es unter die Haut kroch. Die Männer zogen ihre Umhänge enger um sich. Ein Gefühl, wie unsichtbare Finger legte sich auf ihre Rücken.

Dann sahen sie die Kapelle, ein schiefer Bau aus grauen Steinen, das Dach halb eingestürzt, die Fenster zerbrochen und doch brannte Licht darin, ein flackerndes, pulsierendes Licht, das nicht von einer Kerze stammen konnte. Der Bischof hob die Hand langsam, vorsichtig. Doch als sie näher kamen, hörten sie eine Stimme. Nicht eine Stimme, mehrere.

Doch sie kamen aus einer einzigen Kehle. Ihr seid spät. Die Männer erstarrten. Der Doktor stand im Türrahmen der Kapelle, aber er war nicht mehr der Mann, den sie früher kannten. Sein Gesicht war fahl, fast durchsichtig. Seine Augen glänzten fiebrig und seine Haare waren völlig ergraut. Sein Körper war abgemagert, doch aufrecht.

getragen von einer Kraft, die nicht aus Muskeln bestand. Seine Hände zitterten nicht, sie schwebten beinahe. Sein Lächeln war kalt und brechend wie Eis. “Ich habe euch erwartet, Johann Albrecht”, rief der Bischof, “mottes gib dich in unsere Hände.” Der Doktor lachte. Es war ein Lachen, das wie ein Echo aus vielen Kehlen klang.

Gott, welcher? der zusieht und schweigt oder jener, dessen Werk ich vollende. Dominikus trat vor. Was hast du getan? Der Doktor hob den Kopf. Etwas, wozu euch der Mut fehlt. Etwas, wozu die Menschheit bestimmt ist. Er deutete mit einer knochigen Hand in die Kapelle. Kommt, seht.

Die Männer zögerten, doch sie wußten, daß sie keine Wahl hatten. In der Kapelle war der Geruch überwältigend. Kräuter, Metall, Blut und etwas, das an ozonartige Hitze erinnerte. Auf dem Altar lagen Notizen, Zeichnungen, Gläser und in der Mitte ein Kreis aus Kreide gezogen, aber überzogen mit einer Substanz, die im Licht schimmerte. Doch das Entsetzlichste stand an der Rückwand.

Zwischen zwei alten Säulen lagen drei Betten und in jedem lag eine Frau. Drei Frauen, alle schwanger, alle bewusstlos, alle in einem Zustand, der zwischen Leben und Tod schwebte. Dominikus trat näher und weigerte sich zu glauben, was er sah. Diese Frauen, sie stammen aus drei verschiedenen Dörfern. Ja, antwortete der Doktor. Alle bereit? Alle gereinigt.

Alle verbunden? Verbunden womit? Der Doktor lächelte. Mit mir. Bevor jemand reagieren konnte, hörten sie ein Geräusch. Ein durchdringender schriller Schrei von einem Kind. Nein, von drei Kindern im Kloster. Dominikus fuhr herum. Wie konnte er sie hören? Sie waren Stunden entfernt, doch der Doktor sprach weiter, leise und mit einer Zärtlichkeit, die das Blut gefrieren ließ. Sie rufen nach mir.

Sie wissen, wer ich bin. Ich bin nicht nur ihr Schöpfer. Er hob beide Hände. Ich bin ihr Ursprung. Du bist ein Mörder, rief einer der Männer. Der Doktor lächelte nur. Nein, ich bin ein Architekt. Er trat in den Kreis und das Licht im Inneren der Kapelle wurde intensiver, flackerte auf, wurde weiß und hart wie brennende Glut.

“Heute Nacht”, verkündete er, “werde ich meinen Kindern den Weg bereiten. Durch diese Frauen wird ein neues Erbe geboren werden. Ein Erbe, das mich überlebt.” Die Männer wollten vorstürmen, doch sie konnten nicht. Ihre Beine versagten, ihre Körper gehorchten ihnen nicht. Der Doktor lachte. Ah, ihr fühlt es. Die Verbindung, sie reicht weit, weiter als ihr glaubt.

Dann sagte Dominikus das Entsetzlichste, das er je ausgesprochen hatte. Du bist mit ihnen verbunden, so wie Sie miteinander. Natürlich. Der Doktor breitete die Arme aus. Ich bin der erste, die Quelle. Und jetzt kommt der Moment, auf den ich hingearbeitet habe. Er schloß die Augen und in weiter Ferne im Kloster St. Marian öffneten die Zwillinge und das fremde Kind gleichzeitig die ihren.

Sie begannen zu schreien, dann lachten sie, dann verstummten sie. Die Kerzen im Kloster erloschen, die Glocke begann zu leuten und die Frau aus der Mühle, die längst in starrer Reglosigkeit gelegen hatte, setzte sich plötzlich auf und sagte mit einer Stimme, die nicht ihre war: “Es beginnt.

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” Der Augenblick, indem die Frau aus der Mühle sich im Kloster aufrichtete und jene fremde, vielstimmige Stimme ausstieß, ließ die Mauern erbeben. Die Schwestern flohen schreiend durch die Gänge, stolperten über ihre eigenen Gewänder, während die Glocke weiterhin im gleichmäßigen Takt schlug. Nicht in Panik, nicht chaotisch, sondern wie ein gezielter Ruf. Ein Ruf, der nicht von Menschenhand gezogen wurde.

In der Kinderkammer hatten die Zwillinge und das dritte Kind aufgehört zu weinen. Sie lagen völlig still, als hätten sie auf ein bestimmtes Zeichen gewartet. Ihre Augen waren geöffnet, die Pupillen fast schwarz, glänzend wie polierter Stein. Und dann, ohne ein Geräusch begann sie gleichzeitig zu lächeln.

Ein Lächeln, das nicht in ihre Gesichter passte. Ein Lächeln, das den Schwestern, die hineinstürzten, das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie Sie sehen uns an, als wären sie wach. Wirklich wach, flüsterte Schwester Kara. unfähig den Blick abzuwenden. Doch es war kein Wachsein, es war ein Erkennen.

Im Wald spürte Pater Dominikus zurselben Zeit einen stechenden Schmerz im Kopf, als wolle sich etwas in sein Bewusstsein drängen. Der Doktor stand nur wenige Schritte von ihm entfernt im Kreis der Kapelle, die Hände erhoben, als würde er eine unsichtbare Kraft herabziehen.

Licht um ihn flackerte, wurde golden und durchscheinend, als würde die Luft selbst brennen. “Es beginnt”, wiederholte der Doktor mit jener unheimlichen Mehrstimmigkeit. Der Bischof rang nach Atem. “Was tust du? Was ist diese Verbindung?” Der Doktor lächelte sanft, als würde er einem unverständigen Schüler etwas erklären. Ich habe das Gesetz der Natur nicht gebrochen. Ich habe es nur erkannt.

Zwischen Mutter und Kind, zwischen Geschwistern, zwischen den ersten Zellen eines Embryos existiert ein Austausch, ein Flüstern, ein Echo. Ich habe dieses Echo verstärkt. Ich habe es vervollständigt. Er öffnete die Augen, sie leuchteten. Sie alle sind ein Bewusstsein, verteilt auf mehrere Körper. Die Männer hinter dem Bischof wankten. Einer fiel auf die Knie, unfähig zu atmen.

Dominikus spürte, wie seine Gedanken verschwammen, als würde etwas versuchen, seinen Willen zu durchdringen. Die Kapelle vibrierte mit dem Sum, das nun nicht mehr von irgendwo kam, sondern von überall, von den Steinen, von der Erde, von der Luft, vom Doktor selbst. Du hast Menschen zerstört, keuchte Dominikus. Du hast Frauen benutzt, Kinder.

Ich habe sie befreit, antwortete der Doktor. Von der Einschränkung des einzelnen Geistes, von der Einsamkeit des Ichs. Sie denken nun miteinander, fühlen miteinander und ich bin ihr Zentrum. Er schloss die Augen und streckte die Arme aus, als würde er jemanden umarmen. Und jetzt kommen sie. In diesem Moment erhob die Frau im Kloster ihre Hände und stand auf, obwohl ihre Muskeln niemals hätten so stark sein dürfen. Die Nonnen wichen entsetzt zurück.

“Er ruft mich”, sagte sie und ihre Stimme klang nun wie ein Chor. Die Kinder in der Kammer richteten ihren Blick zur Tür. Alle drei gleichzeitig. Dann begann ihr Fleisch zu zittern. “Holt den Bischof. Holt Dominikus!”, schrie Schwester Gerlinde, doch ihre Stimme ging in einem dumpfen Dröhnen unter.

Die Zwillinge setzten sich auf, das dritte Kind tat es ihnen nach, und dann standen sie auf. Nicht wie Kinder, nicht wie Wesen, die erst wenige Monate oder Tage alt waren, sondern wie etwas, das die Bewegungen eines Kindes nur imitierte. Ihre Füße setzten sich gleichzeitig auf den Boden. Drei Schritte gleichzeitig. Und mit jedem Schritt wurde das Summen lauter.

In der Kapelle begann die Kreidelinie zu leuchten. Die drei bewusstlosen Frauen auf den Betten zuckten gleichzeitig. Ihre Bäuche bewegten sich, als würde etwas von innen gegen die Haut schlagen. Die Luft wurde so schwer, dass die Männer kaum atmen konnten. “Du willst sie herbringen?”, schrie Dominikus. “Du willst, dass sie kommen hierher.

” Der Doktor nickte. Ich brauche sie alle. Eins zu eins zu eins zu eins. Vier Impulse. Vier Körper ein Geist. Dominikus schnappte nach Luft. Du willst sie verschmelzen? Der Doktor lachte und die Kapelle vibrierte. Nein, Pater. Ich will sie vervollständigen. Sie sind Teile eines ganzen. Fragmente, Rohmaterial.

Ich bin der Ursprung, aber sie werden die Zukunft. In der Ferne vom Kloster aus ertönte ein Schrei. Nicht menschlich, nicht tierisch. Etwas dazwischen. Ein Schrei, den die Männer bis in den Wald hörten. Das dritte Kind in der Kammer hatte begonnen, seinen Hals unnatürlich weit nach hinten zu recken, als würde es die Richtung der Kapelle spüren.

Die Zwillinge taten es ihm gleich, dann rannen sie los. Nicht wie Kinder laufen, wie ein einziger Gedanke, der drei Körper steuerte. Als die Klostertür krachend aufsprang und die Kinder in die Nacht hinausliefen, fiel Schwester Klara auf die Knie und schrie, so laut sie konnte. Sie kommen, sie kommen zu ihm. Und tief im Wald öffnete der Doktor die Arme.

Ja, meine Kinder, kommt. Die Kapelle wurde heller, als würde ein zweiter Mond in ihr brennen. Die Schwangeren auf den Betten hoben gleichzeitig ihre Köpfe. Ihre Augen waren geöffnet und vollkommen schwarz. Der Boden begann zu pulsieren und der Doktor sagte: “Die Geburt des Neuen beginnt.” Der Wald verschlang die Nacht, als hätte er selbst Atem geholt.

Die drei Kinder rannten durch das Unterholz, ohne zu stolpern, ohne zu zögern, geführt von einer Kraft, die kein menschliches Gehirn hätte verstehen können. Ihre kleinen Körper bewegten sich synchron, die Schritte im gleichen Rhythmus, die Atemzüge identisch, die Bewegung so präzise wie die eines einzigen Wesens, verteilt auf drei Hüllen.

Das Summen in der Luft wurde stärker. Es kroch in die Muskeln, in die Knochen, in die Gedanken. Die Nonnen, die ihnen nachgesetzt hatten, kamen keine hundert Meter weit. Sie brachen weinen zusammen, die Knie zitternd, während unsichtbare Wellen sie zurückdrängten. In der Kapelle stand der Doktor im Zentrum des Kreises und hob den Kopf, als die ersten Schritte seiner Kinder den Waldboden berührten.

Er öffnete die Arme, als würde er die Welt umarmen wollen. Das Licht im Inneren des Kreises pulsierte, golden, heiß, lebendig, als ob etwas darin schlüpfen würde. Die drei schwangeren Frauen auf den Betten bewegten sich ruckartig, ihre Körper hoben sich gleichzeitig, ihre Rücken wölbten sich, ihre Münder öffneten sich, doch kein Laut entwich ihren Kehlen, als hätte jemand die Stimme aller Drei gemeinsam genommen. Der Bischof versuchte sich vorwärts zu bewegen, aber seine Beine gaben nach, als stünde er in einem Sumpf

aus unsichtbarer Macht. Du mußt aufhören”, rief er Heiser. “Du zerstörst, was der Herr ich erschaffe,” antwortete der Doktor. Seine Stimme klang nun nicht mehr wie eine einzelne, sondern wie ein Chor. “Und siehst gerade die erste Stunde einer neuen Ordnung. Das Licht im Kreis wurde so hell, dass die Männer sich abwenden mussten.

Die Luft im Raum zitterte und dann hörte man sie. Die Schritte. Drei Paare nackter Füße, die den weichen Boden der Kapelle berührten. Die drei Kinder traten gleichzeitig in den Eingang. Sie blinzelten nicht. Sie atmeten kaum. Ihre Augen waren wie schwarze Glaskugeln, glänzend, tief, endlos. Der Doktor lächelte. Kommt näher.

Die Kinder kamen näher, Schritt für Schritt. Sie stoppten exakt an der Kreidelinie. Der Doktor streckte langsam seine Hände zu ihnen aus. Und in diesem Moment geschah etwas Unerwartetes, etwas, das selbst er nicht vorausgesehen hatte. Die schwangere Frau aus der Mühle, die im Kloster zurückgelassen worden war, leer, erschöpft, kaum lebendig, stieß plötzlich einen Laut aus, der durch Mauern und Wälder schnitt wie ein Messer, ein Schrei, der aus keiner menschlichen Kehle stammen konnte und gleichzeitig zuckte der Doktor zusammen, als hätte ihn etwas getroffen.

Die Kinder hielten an. Ein Riss ging durch das Licht. Dominikus sah, wie die Augen des Doktors für einen winzigen Augenblick flackerten. Ein winziger Moment, aber genug. Jetzt schrie Dominikus. Die Männer warfen sich nach vorne. Der Bischof hob das Kreuz und die Luft riss förmlich auseinander.

Der Doktor schrie auf, ein vielstimmiges, verzerrtes Kreischen und die Kreidelinie begann zu brennen. Die drei Kinder wankten zum ersten Mal unsicher, zum ersten Mal nicht perfekt synchron. Das fremde Kind fiel auf die Knie. Einer der Zwillinge schrie, der andere hielt sich den Kopf. Die Verbindung war instabil. “Sie sind nicht bereit”, brüllte der Doktor. “Noch nicht.

Ihr zerstört, doch er brachte den Satz nicht zu Ende.” Der Bischof trat in das brennende Licht, sein Gesicht verzogen vor Schmerz, aber entschlossen. Er presste das Kreuz dem Doktor an die Brust. In demselben Augenblick zersplitterte das Licht wie Glas. Ein gewaltiger Schlag durchschnitt die Kapelle, schleuderte alle in verschiedene Richtungen.

Die drei Betten kippten um, die Frauen stürzten zu Boden, die Kinder schrienen und der Doktor fiel. Sein Körper krümmte sich, als würde etwas aus ihm hinausgerissen. Sein Mund öffnete sich zu einem stillen Schrei und seine Augen verloren jedes Licht. Dann war alles vorbei. Die Stille war so plötzlich, dass sie schmerzte.

Der Geruch verbrannter Kräuter hing in der Luft. Rauch stieg von der Kreidelinie auf. Der Doktor lag reglos da. Seine Brust eingefallen, sein Gesicht grau, tot. Die Verbindung war gebrochen. Die drei Kinder lagen auf dem Boden. Klein, verletzlich, weinend, wie gewöhnliche Säuglinge.

Keine Synchronität, keine fremden Stimmen, keine Kälte, nur Kinder. Die drei schwangeren Frauen bewegten sich. Ihre Augen waren wieder normal, ihre Atemzüge erschöpft, aber menschlich. Sie lebten. Dominikus sank auf die Knie. Der Bischof küsste das Kreuz und weinte und draußen begann es zu regnen. Ein Regen, der den Wald von seiner Finsternis wusch. Der Wald atmete wieder. Das Summen war verstummt.

Als man die Kinder später ins Kloster zurückbrachte, war nichts Unheimliches mehr an ihn. Keine Verbindung, keine Synchronität, nur Schwäche, Müdigkeit, ein leises Wimmern, wie Neugeborene eben. Und als endlich die Sonne aufging, war das erste, was die Nonnen hörten, nicht ein Schrei, nicht eine fremde Stimme, sondern das sanfte Quietschen des Windes in den alten Fensterrahmen, wie ein langes Ausatmen.

Die Geschichte des Doktors endete dort, in den Ruinen einer Kapelle. Seine Notizen wurden verbrannt, seine Geräte zerstört und die Kirche schwor niemals zuzulassen, daß jemand je wieder versuchte, die Grenzen der Schöpfung so zu missbrauchen. Doch manche Schwestern behaupteten später, dass sie in manchen Nächten, wenn der Wind genau richtig durch die Wände strich, ein leises Summen hörten.

Ein Echo aus längst vergangener Dunkelheit. Niemand glaubte ihnen, aber sie hörten es trotzdem.

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