Der Tod des achtjährigen Fabian aus Güstrow, Mecklenburg-Vorpommern, hält die Öffentlichkeit seit Wochen in Atem. Es ist ein Kriminalfall, der von Anfang an eine hohe emotionale Welle schlug und dessen Dynamik sich in den letzten Wochen dramatisch verändert hat. Was nach der Festnahme einer Tatverdächtigen zunächst wie ein bevorstehender Abschluss wirkte, hat sich in eine komplexe Phase entwickelt, deren scheinbare Widersprüche nun durch die Expertise des renommierten Kriminalisten Axel Petermann entschlüsselt werden. Seine Analyse legt offen: Der von vielen als Zeichen der Unsicherheit interpretierte Zeugenaufruf nach einem auffälligen orangefarbenen Pickup ist in Wahrheit ein strategisch brillanter Schritt zur Verdichtung der Beweise, der notwendig ist, weil der Schlüssel zum Fall – ein Geständnis – fehlt.
Die jüngsten Entwicklungen im Fall Fabian bilden ein Musterbeispiel für die Herausforderungen moderner Indizienprozesse. Am 6. November wurde Medina H., die ehemalige Freundin von Fabians Vater, als dringend Tatverdächtige festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht. Dieser Schritt signalisierte nach außen hin einen entscheidenden Durchbruch. Er erweckte den Eindruck, dass die Ermittlungen kurz vor der Ziellinie stünden. Juristisch gesehen erfordert die Anordnung der Untersuchungshaft wegen “dringendem Tatverdacht” die höchste Schwelle an gesicherten Beweisen, die die deutsche Strafprozessordnung kennt. Experten wie Petermann sind sich einig: Ohne eine belastbare Spurenlage – bestehend aus DNA, Fasern, digitalen Daten oder anderen Laborergebnissen – hätte kein Richter einen derart schwerwiegenden Eingriff in die Freiheit einer Verdächtigen angeordnet. Die materielle Beweisbasis, die “Sachbeweise”, mussten zu diesem Zeitpunkt bereits ein klar strukturiertes und in sich schlüssiges Fundament bilden, das eine hohe Wahrscheinlichkeit der Täterschaft nahelegt.

Der irritierende Zeugenaufruf: Ein Wendepunkt der Wahrnehmung
Doch nur wenige Wochen nach der Festnahme, am 20. November, folgte der überraschende Wendepunkt, der für breite Irritation sorgte: Die Polizei startete einen groß angelegten Zeugenaufruf, der gezielt um Hinweise zu einem orangefarbenen Pickup bat, der am Tattag im Umfeld des mutmaßlichen Geschehens gesehen worden sein könnte. Für die Öffentlichkeit wirkte diese Maßnahme auf den ersten Blick wie ein Zeichen der Schwäche oder gar ein Eingeständnis, dass den Ermittlern entscheidende Informationen fehlten. Die allgemeine Wahrnehmung stand damit im Widerspruch zu der Gewissheit, die die Untersuchungshaft zuvor suggeriert hatte.
Petermanns tiefgehende Analyse stellt diese Sichtweise jedoch vollständig auf den Kopf. Er erklärt, dass der Zeugenaufruf kein Ersatz für fehlende Spuren ist, sondern ein strategisches Mittel und ein festverankertes Prinzip professioneller Ermittlungsarbeit. Die Ermittlungen befinden sich demnach in einer Phase, in der die bestehenden Sachbeweise zwingend um Personalbeweise – also menschliche Wahrnehmungen und Zeugenaussagen – ergänzt werden müssen, um ein “gerichtsfestes” und “lückenloses Gesamtbild” zu erstellen.
Die Logik der Beweisverdichtung: Wenn das Geständnis fehlt
Der Kern dieser taktischen Notwendigkeit liegt im Schweigen der Beschuldigten. Wie Petermann betont, fehlt den Ermittlern damit das “Puzzleteil”, das oft den gesamten Fall zusammenfügt und die Chronologie der Ereignisse direkt bestätigen würde. Ein Geständnis wäre der direkteste Weg zur Wahrheitsfindung; bleibt es aus, entsteht ein Vakuum, das nur durch eine mühsame Rekonstruktion über externe Beweise geschlossen werden kann.
Genau hier setzt die Strategie der Beweisverdichtung an. Die Ermittler sind gezwungen, jeden Fall so zu behandeln, als würde die beschuldigte Person bis zuletzt schweigen. Das bedeutet: Sie müssen die materielle Spur mit der menschlichen Wahrnehmung verbinden, um dem Fall einen zeitlichen und räumlichen Rahmen zu verleihen. Die bereits vorhandenen Spuren – die DNA, die Fasern, die digitalen Daten – verankern den Fall, doch erst die Aussagen von Zeugen, die beispielsweise das orangefarbene Fahrzeug gesehen haben, können das Bewegungsprofil der Tatverdächtigen am 10. Oktober präzise nachzeichnen.
Die Tatsache, dass der Pickup bereits Wochen vor dem öffentlichen Aufruf sichergestellt wurde, unterstreicht diese strategische Vorgehensweise. Die Ermittler haben somit möglicherweise bereits materielle Spuren, benötigen aber die Zeugenaussagen, um zu klären: Wo befand sich das Fahrzeug wann? Wer saß am Steuer? Hat es angehalten?. Nur wenn diese Beobachtungen in direktem Bezug zum Tatort oder der Tatzeit stehen – eine Sichtung in unmittelbarer Nähe des Fundortes wiegt etwa ungleich schwerer als vor einem Supermarkt – gewinnen sie an ermittlungstaktischem Wert. Die Ermittler bauen damit eine konsistente Kette von Indizien auf, die selbst ohne ein einziges Wort der Beschuldigten vor Gericht Bestand haben muss.
Die Wichtigkeit der Zurückhaltung: Schutz vor “Zeugenverunreinigung”
Eng verknüpft mit der strategischen Beweisverdichtung ist die extreme Zurückhaltung der Staatsanwaltschaft, die von der Öffentlichkeit oft als Mangel an Transparenz empfunden wird. Petermann erklärt diese “Abschottung” jedoch als ein bewusst gewähltes taktisches Mittel, das zur Sicherung der Zeugenaussagen zwingend notwendig ist.
Würden die Ermittler Details zu gefundenen Gegenständen oder genauen Abläufen veröffentlichen, bestünde die Gefahr der sogenannten “Verunreinigung des Zeugenwissens”. Die menschliche Erinnerung ist formbar. Informationen, die in den Medien zirkulieren, können unbewusst in die Erinnerung potenzieller Zeugen einfließen und so die Basis vermeintlicher Beobachtungen werden. Um dies zu verhindern, halten die Ermittler bestimmte Details zurück. Diese “Täterwissen” genannten Informationen – die nur der Täter und die Ermittler kennen – dienen später als Prüfstein, um zu unterscheiden, ob eine Aussage auf eigener, unverfälschter Wahrnehmung beruht oder durch Medienberichte beeinflusst wurde. Diese Strategie, die für Außenstehende wie ein Widerspruch wirkt, ist ein essenzieller Bestandteil moderner Ermittlungsarbeit, der die Authentizität und Belastbarkeit der Personalbeweise sicherstellt. Die extreme Zurückhaltung ist demnach nicht mangelnde Transparenz, sondern ein notwendiger Schutzmechanismus.
Die hohe Hürde der Anklage: Ein Indizienkonstrukt muss “wasserdicht” sein
Die Komplexität des Falles zeigt sich insbesondere in der Notwendigkeit, ein “wasserdichtes” Indizienkonstrukt zu errichten. Petermann zieht Parallelen zu aufsehenerregenden, aber ungelösten Fällen wie Rebecca Reusch oder Maddie McCann. Auch in diesen Fällen existieren starke Indizien und Verdächtige im Blickfeld. Doch das Fehlen des einen, zweifelsfrei verbindenden Beweises hat eine Anklage bislang verhindert.
Diese Vergleiche sollen die Beweislage im Fall Fabian nicht relativieren, sondern verdeutlichen, wie hoch die Anforderungen des deutschen Rechtsstaats an eine Anklage sind, die ohne Geständnis auskommen muss. Der Ermittlungsleiter hat nur einen Versuch, den Fall vor Gericht zu präsentieren. Ein unzureichend untermauerter Verdacht würde nicht nur die Anklage scheitern lassen, sondern den gesamten Fall dauerhaft schwächen.
Der Fall Fabian befindet sich daher nicht in einem Stillstand, sondern in einer Phase der akribischen Zusammensetzung. Die Bevölkerung wird durch den Zeugenaufruf zu einem elementaren Bestandteil des Ermittlungssystems. Ihre Wahrnehmungen liefern die fehlenden Informationen, die das Schweigen der Beschuldigten überbrücken müssen. Der Fortschritt in diesem Stadium wird nicht durch spektakuläre Durchbrüche sichtbar, sondern durch die präzise Überprüfung und Verknüpfung vieler kleiner Bausteine – die Objektivität der Sachbeweise im Dialog mit der Subjektivität der Zeugenaussagen. Der vermeintliche Widerspruch zwischen Festnahme und Zeugenaufruf ist daher kein Zeichen eines brüchigen Fundaments, sondern Ausdruck eines strukturierten und methodischen Vorgehens.
Fazit: Die Stille als Stärke der Strategie
Die vermeintliche Schock-Wende im Fall Fabian – die Festnahme gefolgt von einem Zeugenaufruf – ist bei genauerer Betrachtung keine Wende im Sinne eines Rückschritts, sondern Ausdruck einer kontrollierten, taktisch präzisen Ermittlungsstrategie. Axel Petermanns Analyse macht deutlich, dass die Ermittler hochprofessionell agieren und jede Möglichkeit nutzen, um die zweite Säule der Beweisführung, die Personalbeweise, so stabil wie möglich zu machen.
Der Fall Fabian steht damit exemplarisch für die Herausforderung, die zwischen dem dringenden Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Aufklärung und der Pflicht zur präzisen Absicherung jedes juristischen Schrittes liegt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die nun zusammengeführte Kombination aus gesicherten Sachbeweisen und den erhofften Zeugenaussagen ausreicht, um das Indizienkonstrukt so lückenlos zu gestalten, dass es auch ohne ein Geständnis zur Verurteilung führen kann. Bis dahin bleibt das Schweigen der Behörden nicht etwa ein Mangel an Transparenz, sondern die notwendige taktische Stille auf dem Weg zur Wahrheitsfindung.