800 Frauenfotos, ein Toter und viele Fragen: Der Franken-„Tatort“ zwischen Schock und Ernüchterung
Ein Fund, der an einen Albtraum erinnert: Zwei Meter tief in einer Flussaue bei Nürnberg wird der seit zwei Jahren vermisste Fahrradhändler Andreas Schönfeld ausgegraben. Ein Mann, 37 Jahre alt, beliebt bei den Nachbarn, unauffällig im Alltag. Und doch liegt auf seiner Speicherkarte ein Abgrund – über 800 Fotos von 14 verschiedenen Frauen. Ein bizarreres Comeback hätte sich die ARD für ihre Krimireihe „Tatort“ kaum ausdenken können.
Opfer oder Täter?
Die zentrale Frage elektrisiert nicht nur die Ermittler, sondern auch Millionen Zuschauer: War Schönfeld wirklich nur ein Opfer? Oder ein Täter, der selbst dunkle Geheimnisse verbarg? Wurden die Frauen gestalkt, fotografiert, verfolgt? Oder war er ein Sammler, ein Getriebener mit Doppelleben? Schon der Episodentitel „Ich sehe dich“ deutet auf eine gefährliche Obsession hin.
Ein Königsgrab für den Fahrradhändler
Die Umstände des Leichenfunds sind spektakulär. Zwei Meter tief vergraben, fast ehrwürdig wie ein Pharao – wer verscharrt einen Mann so sorgfältig, als wäre er für die Ewigkeit bestimmt? Ein Täter, der Zeichen setzen wollte? Oder eine Beziehungstat, getragen von Wut und gleichzeitig bizarr anmutender Fürsorge? Die Serie spielt geschickt mit dieser makabren Symbolik.
Felix Voss allein im Dunkel
Zum ersten Mal muss Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) allein ermitteln. Seine langjährige Partnerin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) ist nicht mehr dabei. Der Zuschauer sieht einen verletzlichen Mann, buchstäblich angeschlagen: Ein Sturz in der Dusche zwingt ihn, mit einer maladen Schulter durch den Fall zu stolpern. Er ist verwundbar, einsam, und genau das macht seine Ermittlungen beklemmend.
800 Bilder – Indiz oder Ablenkung?
Die Speicherkarte wird zum roten Faden. 800 Bilder, 14 Frauen – darunter eine blinde Frau, gespielt von Mavie Hörbiger, deren toxische Beziehung den Fall weiter verkompliziert. Ist sie Opfer oder Mitwisserin? Ist das ganze Archiv ein Beweis für krankhafte Obsession – oder steckt eine viel größere Geschichte dahinter? Je länger Voss gräbt, desto mehr verliert sich der Zuschauer zwischen Verdacht, Misstrauen und vagen Spuren.
Zwischen Spannung und Enttäuschung
Nach der langen Sommerpause hatte man Großes erwartet. Doch der „Tatort“ liefert weniger Spektakel als erhofft. Die Geschichte ist solide, aber vorhersehbar. Der Verdacht eines Stalkers, das Umfeld einer überfürsorglichen Mutter, eine blinde Geliebte – alles schon einmal gesehen. Der Thrill bleibt auf der Strecke, und die Kamera fokussiert sich fast obsessiv auf das Gesicht des einsamen Ermittlers. Monoman, fast theatralisch, verliert der Film Tempo.
Ein einsamer Held, der strauchelt
Fabian Hinrichs trägt das Stück allein, doch manchmal zu schwer. Seine Bühnenpräsenz wirkt in der Fernsehfassung überzogen. Statt knisternder Spannung bleibt ein „Schmerzenmann“, der mehr stolpert als ermittelt. Unterstützung erhält er immerhin von Kollegin Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) und dem skurrilen Archivar Fred (Sigi Zimmerschied), der ihm als Chauffeur dient. Diese Nebenfiguren sorgen für schräge Momente inmitten des Dramas.
Mehr Symbolik als Story
Die große Stärke des Falls liegt nicht in der Handlung, sondern in der Symbolik. Ein Mann, der Frauen wie Trophäen speicherte – und selbst wie eine Trophäe vergraben wurde. Ein Ermittler, verletzt und allein, der an seine Grenzen stößt. Ein Geheimnis, das nicht aufgelöst, sondern eher verwischt wird. „Tatort“ stellt Fragen, gibt aber kaum Antworten.
Zuschauer zwischen Faszination und Frust
So bleibt am Ende ein zwiespältiges Gefühl. Die 800 Frauenfotos sind ein Schockmoment, doch sie tragen die Geschichte nicht bis zum Schluss. Viele Zuschauer fühlen sich gefesselt, nur um dann enttäuscht zurückgelassen zu werden. Erwartet wurde ein Sommerpausen-Knaller, geliefert wurde ein solides, aber nicht überragendes Krimidrama.
Fazit: Ein Stalker-Schatten, der Fragen offenlässt
Der Franken-„Tatort“ kehrt zurück mit einem spektakulären Fund, einem verletzten Helden und einem Verdacht, der das Publikum polarisiert. Doch das große Feuerwerk bleibt aus. Zurück bleiben Fragen: War Andreas Schönfeld wirklich ein Stalker? Oder ein unschuldiger Mann, Opfer seiner eigenen Obsessionen und der Gewalt anderer?
Sicher ist nur: Mit 800 Frauenfotos auf der Speicherkarte und einer Leiche, zwei Meter tief in der Erde, wird dieser Fall so schnell niemand vergessen.