„Bitte, tu mir nicht weh, ich kann nicht laufen …“, flehte das kleine Mädchen – dann änderte der Bergmensch alles

Das Versprechen des Bergmanns

Kapitel I: Die Verlorene Stimme im Sturm

Der Sturm hatte die Berge verschluckt. Der Schnee brüllte wie eine lebendige Bestie, krallte sich in die Äste der Kiefer und heulte durch das enge Tal. Elias Ward, der Bergbewohner, stapfte mit gesenktem Kopf durch das Chaos, sein Atem gefror sofort in der klirrenden Kälte. Er war ein Mann der Einsamkeit und der Härte, doch selbst ihm war diese Nacht zuwider.

Plötzlich durchdrang ein Laut die tobende Wut des Schnees – ein Schrei. Eine kleine Mädchenstimme, schwach, aber scharf genug, um den Sturm zu durchbohren. „Bitte, tun Sie mir nichts an…“

Elias erstarrte. Er war kein Mann, der sich Geister einbildete, aber diese Stimme, sie war real, zitternd und voller Grauen. Die Laterne in seiner Hand zitterte, als er sich dem Geräusch zuwandte, sein Atem dampfte in der eisigen Finsternis. Er folgte der Stimme einen Grat hinauf, jeder Schritt knirschte im weißen Abgrund. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, da kam die Stimme erneut, jetzt noch schwächer: „Ich kann nicht laufen.“

Elias hob die Laterne, und das Licht fiel auf eine Gestalt, halb im Schnee begraben. Ein Mädchen, kaum älter als acht, ihre Kleidung zerfetzt, das Haar von Reif verkrustet. Sie versuchte zu kriechen, brach aber zusammen.

Er eilte zu ihrer Seite. „Ruhig, Kind“, murmelte er. Doch sie zuckte zurück, furchtbar verängstigt. „Tun Sie mir nicht weh“, flüsterte sie. „Sie sagen, Männer in diesen Bergen, sie tun kleinen Mädchen weh.“

Elias fror. Wut und Trauer prallten in seinem Inneren aufeinander. „Nicht dieser Mann“, sagte er leise. Er zog seinen schweren Pelzmantel aus und wickelte ihn um ihren zitternden Körper. Ihre Haut war eiskalt. „Du bist jetzt sicher.“

Doch als er sie hochhob, spürte er, dass etwas nicht stimmte. Ihr rechtes Bein war verdreht und geschwollen, vielleicht gebrochen. Sie wimmerte vor Schmerz und klammerte sich wie ein verschreckter Vogel an seinen Arm.

„Wo ist dein Zuhause?“, fragte er. Sie schüttelte den Kopf, Tränen froren auf ihren Wimpern. „Mama… sie hat mich hier gelassen. Sie sagte, sie kommt zurück, aber sie kam nicht.“ Elias’ Brust zog sich zusammen. Er hatte schon Grausamkeit gesehen – Bergleute, die kranke Frauen verließen, Fallensteller, die Hunde in der Kälte sterben ließen – aber niemals ein Kind.

Er hob sie sanft hoch und machte sich auf den Weg zu seiner Hütte. Der Wind riss an ihnen, der Pfad verschwand unter ihren Füßen. „Halt durch, Kleine“, sagte er. Sie flüsterte schwach: „Versprichst du mir, dass du mir nicht wehtun wirst?“ Elias blickte hinunter, seine Augen hart vor stiller Entschlossenheit. „Ich verspreche es, Mädchen. Ich werde niemals zulassen, dass dir Leid geschieht.“

Kapitel II: Zuflucht und Das Geheimnis

In der Hütte wurde der Schrei des Sturms zu einem aufgedämpften Stöhnen. Elias legte sie vorsichtig in die Nähe des Feuers, ihr blasses Gesicht im flackernden Schein. Dampf stieg von ihrer gefrorenen Kleidung auf, während er sie in eine Wolldecke hüllte. Sie beobachtete ihn, misstrauisch und stumm.

„Wie heißt du?“, fragte er sanft. „Clara.“ – „Ein hübscher Name“, sagte er und goss heißes Wasser in einen Blechbecher. „Du bist hier sicher, Clara. Niemand wird dir wehtun.“ Doch sie antwortete nicht. Ihr Blick haftete auf dem Gewehr, das an seiner Wand hing. Ihre Stimme durchbrach die Stille. „Warum hast du eine Waffe?“

Elias blickte hinüber. „Gegen Bären, Wölfe, manchmal gegen schlimme Männer.“ Sie zitterte. „Mama sagte, Männer mit Waffen verletzen Menschen.“ Elias seufzte. „Dann hat deine Mama die falsche Art kennengelernt.“ Er kniete sich neben sie. „Du bist keiner dieser Menschen, oder?“, flüsterte sie. Er schüttelte den Kopf. „Nein, Süße. Ich lebe allein. Kämpfe nur, wenn ich muss.“

Sie blinzelte, Tränen rollten über ihre schmutzigen Wangen. „Ich will nicht sterben.“ Elias streckte die Hand aus und berührte ihre. „Du stirbst nicht. Nicht, solange ich hier bin.“ Er gab ihr einen Schluck warmen Tee und untersuchte dann ihr Bein. Die Erfrierungen hatten die Haut lila gefärbt. Er wusste, sie würde es verlieren, wenn er nicht schnell handelte. „Das wird wehtun“, warnte er.

Sie nickte und biss sich auf die Lippe. Als er Salbe einrieb und es mit Stoff umwickelte, schrie sie nicht. Sie starrte nur ins Feuer und flüsterte etwas vor sich hin. „Was sagst du?“, fragte er. „Mama sagte, Engel leben im Feuerschein. Sie nehmen den Schmerz weg.“

Elias hielt inne. Etwas an ihrem Ton jagte ihm einen Schauer über den Rücken, nicht aus Angst, sondern aus tiefer Trauer. „Deine Mama klang, als hätte sie dich geliebt“, sagte er. Clara nickte kaum merklich. „Hat sie. Bis er kam.“

Elias runzelte die Stirn. „Wer?“ Sie zögerte. „Der Mann mit dem blauen Hut. Er sagte, ich sei es nicht wert, gefüttert zu werden.“ Elias erstarrte, die Wut kochte leise in ihm. „Hat er dir wehgetan?“ Sie nickte, zitternd. „Er sagte, Mama müsse sich zwischen mir und ihm entscheiden. Sie wählte ihn.“ Elias wandte sich ab, damit sie die Wut in seinen Augen nicht sah. Er kannte Männer wie diesen, Feiglinge, die sich an den Schwachen vergriffen. „Hör mir zu, Clara“, sagte er schließlich. „Du hast das nicht verdient. Nichts davon.“

Sie sah ihn an, ihre Augen leer, aber neugierig. „Warum sind Sie nett zu mir?“ Er lächelte traurig. „Weil mich auch einmal jemand gerettet hat.“

Kapitel III: Die Spur des Feindes

Stunden vergingen. Draußen wurde der Sturm leiser, die Welt versank in Weiß. Elias döste in seinem Stuhl, doch jedes Mal, wenn Clara sich rührte, erwachte er. Einmal flüsterte sie: „Sie schlafen wie früher Papa.“ Er lächelte durch den Schmerz, den diese Worte brachten. „Das ist so.“ Sie nickte schläfrig. „Er war freundlich. Bevor der Fluss ihn holte.“ Elias starrte ins Feuer. „Manchmal nimmt der Fluss mehr, als wir zurückgeben können.“

Am Morgengrauen atmete Clara ruhiger. Elias kochte Haferbrei, obwohl sie kaum aß. Ihr Bein pochte, aber sie klagte nicht. „Du brauchst einen Arzt“, sagte er. „Es gibt einen in der Stadt.“ Sie sah verängstigt aus. „Nein, bitte. Sie werden mich finden.“ „Wer?“, fragte er scharf. „Der Mann mit dem blauen Hut“, flüsterte sie. „Er sagte, wenn ich jemals jemandem davon erzähle, würde er mich wünschen lassen, ich wäre erfroren.“

Elias’ Fäuste um den Löffel verkrampften sich. „Niemand wird dich wieder anfassen“, murmelte er. „Das verspreche ich dir.“ Sie starrte ihn an, unsicher, aber hoffnungsvoll. „Meinen Sie das ernst?“ Er nickte. „Bei meinem Herzen.“ Zum ersten Mal lächelte sie. Ein kleines, zerbrechliches Lächeln.

Später am Abend, als das Feuer dämmerte, sprach Clara wieder. „Sie sagten, jemand hat Sie einmal gerettet.“ Elias nickte. „Wer? Eine Frau?“, fragte er leise. „Sie zog mich aus dem Schnee, als ich jünger war als du. Ich habe es nie vergessen.“ Clara lächelte schwach. „Vielleicht war sie ein Engel.“ Er sah in die Flammen. „Vielleicht war sie das.“

Draußen hatte der Wind aufgehört. Eine schwere Stille legte sich über den Berg. Aber Elias’ Gefühl sagte ihm, die Geschichte sei nicht vorbei. Irgendwo im Tal war der Mann mit dem blauen Hut noch unterwegs, und etwas in Claras verängstigten Augen sagte ihm, er würde zurückkommen.

Kapitel IV: Der Donner des Gewehrs

Am nächsten Morgen glitzerte der Schnee wie Glasscherben über den Bergen. Elias trat hinaus, um Brennholz zu spalten, aber seine Gedanken waren nicht bei der Arbeit. Er spielte Claras Worte immer wieder ab: Der Mann mit dem blauen Hut, der ein Kind in der Kälte zurücklässt und es in die Stille zwingt.

Als er sich umdrehte, bemerkte er kleine Abdrücke an der Zaunlinie. Nicht Claras. Frische, schwere Abdrücke. Jemand war dagewesen, während sie schliefen. Elias’ Kiefer verhärtete sich. Er lud sein Gewehr und folgte den Spuren den Hang hinunter. Sie wanden sich durch die Bäume und verschwanden in einer Schlucht. Dann fand er etwas im Schnee: ein zerrissenes Stück Stoff, dunkelblau, halb in der Schneewehe gefroren. Ihm sank der Magen. Es war nicht nur eine Geschichte. Der Mann mit dem blauen Hut war real. Und er war nah.

Zurück in der Hütte war Clara wach und starrte zur Tür. „Er ist hier, nicht wahr?“, flüsterte sie. Elias kniete sich neben sie. „Lass mich das regeln.“ Aber Tränen stiegen ihr in die Augen. „Er sagte, er würde Mama wehtun, wenn ich rede.“ Elias zögerte. „Deine Mama lebt noch.“ Clara nickte schwach. „Er zwang sie dazu. Zwang sie, mich im Schnee zu lassen. Er sagte, ich bringe Unglück.“ Elias spürte eine Wut, die er seit Jahren nicht mehr gefühlt hatte. „Hör zu, Clara“, sagte er sanft. „Kein Kind bringt Unglück. Du wurdest zurückgelassen, weil das Herz dieses Mannes faul ist.“ Sie schniefte und klammerte sich an seinen Mantelärmel. „Werden Sie mich beschützen?“ Elias begegnete ihrem Blick. „Mit meinem Leben.“

In dieser Nacht kehrte der Sturm zurück. Leiser, aber gemeiner. Elias schlief nicht. Die Laterne brannte schwach, sein Gewehr lag über seinen Knien. Gegen Mitternacht klickte der Türriegel. Dann Bäng, flog die Tür auf, Schnee wirbelte wie Geister herein.

Ein großer Mann stand da, ein tropfender blauer Hut vor dem Schein des Feuers. „Guten Abend, Fremder“, zog er. „Hast du etwas, das mir gehört?“

Elias erhob sich langsam. „Nichts hier gehört dir.“

Der Mann grinste. „Das Mädchen gehört mir. Habe sie ihrer Mama ehrlich abgekauft. Hat mich ein Pferd und zwei Silberdollar gekostet.“ Clara wimmerte hinter dem Bett hervor. Elias’ Blut wurde zu Feuer. „Du hast sie gekauft?“ „Sicher“, sagte der Mann und trat näher. „Sie hört nicht gut, aber sie arbeitet. Wenn sie wegläuft, nehme ich meine Bezahlung auf andere Weise.“

Elias dachte nicht, er bewegte sich. Das Gewehr knallte einmal, hallte wie Donner durch die Berge.

Der blau behütete Mann taumelte zurück, fasste sich an die Schulter, die Augen weit aufgerissen. „Du wirst dafür gehängt!“, spuckte er. Elias’ Stimme war tief, kalt wie der Schnee draußen. „Vielleicht. Aber zumindest wirst du sie nicht wieder anfassen.“ Der Mann stolperte hinaus in den Sturm und verschwand in der Dunkelheit. Stille folgte. Eine schwere, endgültige Stille.

Clara kroch hervor, zitternd. „Ist er weg?“ Elias nickte. „Er wird dir nicht mehr wehtun.“ Sie brach in Tränen aus und sank in seine Arme. Er hielt sie fest und flüsterte: „Du bist jetzt sicher, Kleine. Sicher.“

Kapitel V: Der Frühling und das Versprechen

Tage vergingen. Claras Bein begann zu heilen, aber sie schlief immer noch nicht allein. Manchmal wachte sie schreiend auf und rief nach ihrer Mutter. Elias versuchte, sie zu trösten, aber etwas in ihm schmerzte auch. Eine Wunde aus seiner eigenen Kindheit, lange vergraben.

Eines Abends, als er das Feuer schürte, fragte sie leise: „Warum haben Sie mir geholfen, Mister?“ Er starrte in die Flammen. „Weil mich, als ich in deinem Alter war, auch jemand im Schnee gefunden hat. Hätte sie es nicht getan, wäre ich verschwunden.“ Clara lächelte schwach. „Vielleicht hat Gott Sie für mich zurückgeschickt.“

Er sah sie an, unsicher, was er sagen sollte. Sie fuhr fort: „Mama sagte früher, gute Männer seien wie Sterne, weit entfernt, aber immer noch leuchtend.“ Elias kicherte leise. „Nun, vielleicht hat dieser alte Stern noch ein bisschen Glanz übrig.“

Der Frühling schmolz den Schnee von den Bergen. Wildblumen brachen durch das Tauwetter, und Clara konnte endlich wieder laufen, gestützt auf einen Stock, den Elias aus Eiche geschnitzt hatte.

Eines Morgens erschien eine Gestalt am Rand der Lichtung. Eine Frau, zerlumpt und dünn, die ihren Schal umklammerte. Clara keuchte. „Mama.“

Die Frau rannte vorwärts und fiel auf die Knie. „Baby, oh mein süßes Mädchen, ich dachte, du wärst tot.“ Elias trat zurück und beobachtete die Wiedervereinigung schweigend. Die Frau blickte zu ihm auf, Tränen strömten. „Sie haben sie gerettet“, flüsterte sie. „Er sagte mir, sie sei gestorben. Ich wollte zurückkommen, aber er…“

Elias hob sanft eine Hand. „Sie schulden mir keine Worte, Ma’am. Passen Sie einfach auf sie auf.“ Sie nickte, zitternd. „Das werde ich. Ich schwöre es.“

Als sie sich zum Gehen fertig machten, wandte sich Clara Elias zu, ihre Augen glänzten. „Kann ich eines Tages zurückkommen?“ Er lächelte. „Das solltest du besser. Jemand muss mir doch beibringen, wie man Haferbrei macht, oder?“

Sie lachte zum ersten Mal. Ein reiner Klang wie die Brise des Berges. Dann umarmte sie ihn fest und flüsterte: „Danke, dass Sie mich glauben ließen, dass es noch gute Männer gibt.“

Elias sah ihnen nach, wie sie den Pfad hinunter verschwanden, bis sie in den Bäumen entschwanden. Der Wind seufzte leise durch die Kiefern und trug das leise Echo von Claras Lachen mit sich. Er wandte sich seiner Hütte zu, das Herdfeuer flackerte im Fenster, und flüsterte in die leere Luft: „Ich schätze, Engel leben doch im Feuerschein.“

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