Das Urteil des Sohnes: Warum Niklas Frank die Hinrichtung seines Nazi-Vaters als „wunderbares kleines Rachegefühl“ empfand

Das Urteil des Sohnes: Warum Niklas Frank die Hinrichtung seines Nazi-Vaters als „wunderbares kleines Rachegefühl“ empfand


Der unbequeme Richter: Die Nürnberger Prozesse zwischen Gerechtigkeit, großer Erzählung und der Rache des Sohnes

 

Vor 80 Jahren begann in den Ruinen des kriegszerstörten Deutschlands eine juristische Revolution, die die Weltgeschichte für immer verändern sollte: die Nürnberger Prozesse. Diese beispiellose Veranstaltung sollte nicht nur Recht sprechen über die Hauptkriegsverbrecher des nationalsozialistischen Regimes, sondern eine “Geschichtslektion der Welt” erteilen. Doch inmitten der großen juristischen und politischen Fragen steht ein erschütterndes persönliches Schicksal, das die ganze emotionale Last dieser Zeit in sich trägt: das von Niklas Frank, dem Sohn des hingerichteten Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank.

Seine schonungslose Abrechnung mit dem Vater, die er in einem tiefgehenden Gespräch offenbart, offenbart die zentrale Spannung dieser Ära: zwischen dem kollektiven Verbrechen und der individuellen Schuld, zwischen juristischer Notwendigkeit und der menschlichen, bitteren Sehnsucht nach Vergeltung. Niklas Franks emotionales Urteil über seinen Vater ist dabei nicht nur persönlich, sondern ein Spiegelbild der gesamtdeutschen Verweigerung, die Wahrheit anzunehmen.


Die Lüge vor der Fensterscheibe: Ein Leben im Schatten der Schuld

Niklas Frank, der zum Zeitpunkt des Prozesses sechs Jahre alt war, schildert seine letzte Begegnung mit dem Vater im Gefängnis als eine tiefe Enttäuschung, die sich bis heute hält. Hans Frank, Jurist und hochgebildet, der in der Weimarer Republik studierte und altkatholisch aufwuchs, habe “vom Herz, Seele und Verstand genau wissen müssen, das ist ein Verbrecherregime”. Die Unbegreiflichkeit seines Sohnes ist eine lebenslange quälende Frage: „Warum hast du mitgemacht?“.

Der tiefe Verrat des Vaters manifestierte sich in dieser letzten Stunde. Obwohl die Familie – durch den Anwalt Dr. Seidel – bereits im Sommer 1946 wusste, dass die Beweislage ein Todesurteil unvermeidlich machte, spielte Hans Frank den Unschuldigen. Niklas Frank erlebte ihn in der Zelle als einen „großen Lügenbold“. Der Vater redete von lustigen Weihnachtsgeschichten und Platten, die sie am „Schoberhof“ hören würden. Für den sechsjährigen Niklas, der die Realität des nahenden Galgens kannte, war dies die erste und fundamentalste Enttäuschung: „Warum lügst du? Du weißt doch, dass du gehängt wirst“.

Noch schlimmer als die Tat selbst war die bis zum Schluss durchgehaltene Uneinsichtigkeit. Hans Frank, der einem Freund gegenüber seine Hinrichtung vorausahnte, schrieb in seinen letzten Briefen: „Ich war niemals ein Verbrecher“. Er diffamierte den Prozess als eine Angelegenheit, die „mit Justiz nichts zu tun hat“, und forderte, die „Wahrheit über mich“ solle herauskommen. Niklas Frank hat die Wahrheitssuche aufgenommen, allerdings „anders als er sich das vorgestellt hat“.


Das „kleine Rachegefühl“ und die Rettung vor der Vergiftung

Die emotionalste und schockierendste Aussage von Niklas Frank betrifft den Moment der Hinrichtung. Er bekennt offen, dass er in diesem Augenblick ein „wunderbares kleines Rachegefühl“ verspürte, ein Gefühl, das er seinem Vater „rundherum gönne“, obwohl er grundsätzlich gegen die Todesstrafe ist.

Die Erklärung dafür ist von beklemmender Klarheit: Hans Frank, der viel gescheiter und gebildeter war und „unheimlich gut reden“ konnte, hätte seinen Sohn mit seinem Intellekt „schwer vergiftet“. Die Hinrichtung war demnach eine Befreiung – nicht nur für die Opfer des Regimes, sondern für den Sohn selbst. Sie befreite ihn von der Notwendigkeit, länger gegen die intellektuelle Verführung und Verklärung des Vaters ankämpfen zu müssen. Die Konsequenz dieser persönlichen Abrechnung ist auch literarisch: Frank ist überzeugt, dass er „kein einziges Buch geschrieben“ hätte, wenn sein Vater echte Reue gezeigt hätte. Da er sie verweigerte, sah Niklas Frank es als seine Pflicht, die Wahrheit über ihn und damit über die Tätergeneration festzuhalten.


Nürnberg: Eine „große Erzählung“ gegen das Chaos

Die Nürnberger Prozesse waren, wie der Experte Ronnen Steinke ausführt, in erster Linie darauf ausgerichtet, eine „große Erzählung“ zu schaffen. Deutschland lag in Schutt und Asche, physisch und moralisch. Die alliierte Idee war, „eine ganz klare Botschaft“ zu senden: eine historisch-didaktische Lektion an die Welt, um zu klären, dass die Taten der Nazis nicht einfach nur ein verlorener Krieg waren, sondern ein „moralisches Verbrechen“.

Diese juristische Inszenierung war virtuos durchdacht. Sie rissen eine Mauer im Gerichtssaal nieder, um Hunderte von Journalisten Platz zu bieten. Die Auswahl der 22 bis 24 Angeklagten, bewusst als „Casting“ bezeichnet, war nicht willkürlich, sondern strategisch: Man wollte Politik, Militär, Verwaltung und die Schwerindustrie (wie Krupp, dessen Sohn spontan den gealterten Vater ersetzen sollte) als Unterstützer des Regimes repräsentiert sehen. Dr. Annette Klausen betont die Bedeutung des Medieneinsatzes, insbesondere der Beweisfilme über die Konzentrationslager, die eine bestimmte Atmosphäre erzeugen sollten.

Das Bahnbrechende dieses Tribunals lag in der erstmaligen Festschreibung der individuellen Verantwortlichkeit im Völkerrecht. Die Richter in Nürnberg setzten einen über dem irdischen Recht stehenden Maßstab an. Sie stellten klar: „Es gibt Situationen im Leben, da musst du Gesetze brechen“. Die Nazis waren nicht schuldig, weil sie Gesetze brachen, sondern weil sie sich an verbrecherische Gesetze hielten. Der Massenmord an Kindern oder die Folter können durch kein menschliches Gesetz, keinen Befehl eines Diktators oder Befehlshabers legitimiert werden. Diese moralische Grenze, die das Völkerrecht über die zehn Gebote oder das Naturrecht setzt, ist eine Botschaft der Hoffnung, die bis heute Offizieren von Regimen wie dem von Assad in Syrien entgegengeschleudert wird: Du musst nein sagen.


Die unbequeme Wahrheit der „Siegerjustiz“ und die Verdrängung

Trotz der revolutionären Leistung Nürnbergs gab es von Anfang an Kritik. Das Argument der „Siegerjustiz“ ist laut Experten nicht völlig banal. Das Gericht war nicht neutral: Es bestand ausschließlich aus Richtern der Alliierten (USA, UdSSR, Großbritannien, Frankreich), die gerade erst von diesem Nazistaat überzogen wurden und deren Emotionen und politische Interessen eine Rolle spielten. Wichtige Kritikpunkte bleiben:

  • Der Holocaust ausgeklammert: Das größte zivilisatorische Verbrechen der Nazis, der Holocaust, war nicht vollumfänglich Gegenstand des Verfahrens, da die Zuständigkeit auf Verbrechen seit 1939 (Beginn des Aggressionskriegs) beschränkt war. Die Verfolgung der Juden und politischen Gegner in den 30er Jahren (an der Hans Frank maßgeblich beteiligt war) lag außerhalb der Jurisdiktion.

  • Doppelmoral: Alliierte Kriegsverbrechen, wie der rücksichtslose Bombenkrieg gegen deutsche Städte (Hamburg, Dresden) und der unbegrenzte U-Boot-Krieg, wurden von Nürnberg bewusst nicht behandelt. Auch der Hitler-Stalin-Pakt – von der Verteidigung thematisiert – wurde unter sowjetischem Druck ignoriert.


Die deutsche Verweigerung und die späte Annahme der Botschaft

Die überwältigende Reaktion der Deutschen auf die Prozesse war jedoch weder juristisch noch moralisch, sondern von Verweigerung geprägt. Die Mehrheit tat die Urteile als „Siegerjustiz“ ab.

In der Nachkriegszeit herrschte ein Klima des Beschweigens, Verdrängens und Vergessens, die sogenannte „Schlussstrichmentalität“. Statt Reue dominierte die „Arbeitswut“, eine Ablenkungsstrategie, um das Grauen hinter sich zu lassen. Die Deutschen sahen sich selbst nicht als Täter, sondern als Opfer eines zerstörten Landes.

Die deutsche juristische Elite verstärkte diesen Abwehrmechanismus. Bis in die 80er und 90er Jahre hinein verweigerte sich die westdeutsche Rechtswissenschaft der Akzeptanz der Nürnberger Urteile, die selbst vom Bundesgerichtshof nur als „sogenannte Kriegsverbrechen“ bezeichnet wurden. Niklas Frank spitzt diese Verdrängung in einer letzten Mahnung zu, die die deutsche Gesellschaft bis heute schmerzt: Er kritisiert die ständige Verwendung des Begriffs „die Nazis“ in den Medien und der Öffentlichkeit. Für ihn ist es eine „Verschwimmelung“, eine bequeme Art der Distanzierung. Er insistiert: Es waren die Deutschen – die Soldaten, die SS, die Verwaltung –, die die Länder überfielen und die Verbrechen begingen.

Erst in den 90er Jahren, als die Nürnberger Prinzipien der individuellen Schuld gegen die DDR-Täter (Mauerschützen) angewandt werden sollten, drehte sich die Perspektive. Endlich akzeptierte die Bundesrepublik die einfache, aber harte Botschaft: Die Macht der Gewaltherrscher hat eine Grenze, und jeder Mensch trägt die Verantwortung für seine Taten – unabhängig von Gesetz und Befehl. Diese späte Annahme beweist, dass die Revolution von Nürnberg letztlich doch gesiegt hat. Doch der Schmerz des „kleinen Rachegefühls“ des Sohnes bleibt ein unauslöschliches Mahnmal dafür, wie hoch der Preis für die Wahrheit und die späte Gerechtigkeit war.

Related Posts

Our Privacy policy

https://worldnews24hr.com - © 2025 News