Im abgelegenen bayerischen Landkreis Oberpfals lag das kleine Städtchen Stt Marinenfels. Ein Ort, der wirkte, als wäre die Zeit vor Jahrzehnten stehen geblieben. Es war das Jahr 1963 und während der Rest Deutschlands im Nachkriegsaufschwung nach vorne preschte, blieb St. Marinenfels unverändert.

Engge Kopfsteinpflastergassen, Fachwerkhäuser mit verwitterten Holzbalken, Fensterläden, die im Wind klapperten und ein Marktplatz, der jeden Morgen nach frischem Brot und feuchtem Waldboden roch. Unter den wichtigsten Geschäften des Ortes befand sich die Metzkerei Steinberger, ein Familienbetrieb in dritter Generation, der seit Jahrzehnten an der Hauptstraße stand.
Der Laden war ein massives Gebäude mit breiter Sandsteinfassade, schweren Holztüren und einem schmiedeeisernen Schild, auf dem ein stilisiertes Metzgerbeil prankte. Der Inhaber Ernst Steinberger, ein Mann von etwa 60 Jahren, war bekannt für seinen ernsten Blick, seine tiefen Stirnfalten und die gewaltigen schwieligen Hände eines Mannes, der sein Leben lang Tiere geschlachtet hatte.
Seine Frau Gertrud Steinberger, klein, zierlich und stets mit einem Rosenkranz in der Schürzentasche, führte die Bücher und regelte den Haushalt. Ihr Sohn Matthias Steinberger, 32 Jahre alt, arbeitete seit seiner Kindheit im Betrieb. Er war kräftig, geschickt und freundlich.
Doch es fehlte ihm die kalte Präzision seines Vaters, die die Kunden gleichermaßen faszinierte und einschüchterte. Die Steinbergers waren besonders berühmt für ihre hausgemachten Bratwürste, deren Rezept angeblich Ernstsgroßvater aus Bömen mitgebracht hatte. “Das Geheimnis liegt in der Mischung der Gewürze und der Geduld”, pflegte ernst seinen neugierigen Kunden zu sagen, verriet jedoch niemals ein einziges Detail der tatsächlichen Zutatenliste.
Die Metzgerei nahm das gesamte Erdgeschoss des zweistöckigen Fachwerkhauses ein. Vorne befand sich der blitzsaubere Marmordresen, hinter dem die Würste an Haken baumelten. Dahinter lag der Arbeitsraum und ganz hinten der Hinterhof, wo sich ein kleiner privater Schlachtplatz befand. Dort wurden die Tiere geschlachtet, die Bauern aus den umliegenden Dörfern lieferten.
An einem warmen Sommermorgen des Jahres 1963 kam eine junge Frau nach St. Marienfels. Elena Fuchs, 25 Jahre alt, frisch ernannte Lehrerin an der örtlichen Volksschule. Ursprünglich aus München suchte sie Ruhe und einen Neuanfang fernab des Großstadtrubels. Doch die Stille des Ortes war gleichermaßen beruhigend wie bedrückend.
An einem Samstagmorgen, als sie sich auf dem Markt mit Lebensmitteln eindeckte, betrat sie zum ersten Mal die Metzkerei Steinberger. Der Raum roch nach Gewürzen, frisch geschliffenem Metall und geräuchertem Fleisch. “Grüß Gott”, sagte sie lächelnd. “Man hat mir ihre Bratwürste sehr empfohlen.” Ernst, der gerade eine ältere Kundin bediente, hob kaum den Blick.
Doch Matthias, der im Hintergrund Messer säuberte, erstarrte für einen Moment, als hätte ihn ihr Anblick überrascht. Dann trat er rasch an den Tresen. “Die besten Würste der ganzen Oberpfals”, meinte er mit gewinnender Freundlichkeit. “Neu hier im Ort?” “Ich hätte sie sonst bestimmt bemerkt. Ich bin die neue Lehrerin, seit zwei Wochen hier.
” “Dann herzlich willkommen, Fräulein Fuchs. Sie sollten unbedingt unsere Waldkräuterbratwürste probieren.” Familienrezept. Elena kaufte ein halbes Kilo und verließ das Geschäft. Doch als sie die Tür hinter sich schloss, spürte sie den brennenden Blick zweier Männer in ihrem Rücken.
Nicht nur den neugierigen, fast bewundernden von Matthias, sondern auch den dunklen, unergründlichen von Ernst. Ein Blick, wie ihn ein Metzger auf ein Fleischstück wirft, bevor er entscheidet, wie er es zerlegt. Am Abend briet Elena die Würste in ihrer kleinen Lehrerdienstwohnung. Der Duft erfüllte die Zimmer, würzig, intensiv, beinahe berauschend.
Der Geschmack war noch ungewöhnlicher, kräftig, reich, fast hypnotisch. Kein Wunder, dass alle davon schwärmen, dachte sie, ohne zu ahnen, dass hinter diesem einzigartigen Aroma ein Geheimnis lauerte, das den ganzen Ort seit Jahrzehnten vergiftete. In den Monaten vor Elenas Ankunft hatten sich merkwürdige Vorfälle gehäuft, doch kaum jemand sprach darüber.
Ein alter Landstreicher war verschwunden. Ein alleinstehender Witver wurde nicht mehr gesehen. Eine Frau aus dem Randbezirk, die sonst immer auf dem Markt stand, war plötzlich weg. Niemand stellte Fragen, niemand wollte welche stellen. Für die Bewohner von St. Marinfels war Schweigen eine Tugend.
Elena, noch ahnungslos legte sich an diesem Abend schlafen, satt, zufrieden und unwissend, daß sie bereits den ersten Schritt in den dunkelsten Abgrund ihres Lebens getan hatte. Am folgenden Montag begannen für Elena die ersten regulären Unterrichtstage. Die Kinder von St. Marinfels waren höflich, ruhig und erstaunlich diszipliniert. Doch in ihren Blicken lag etwas, dass sie nicht recht deuten konnte.
eine Mischung aus Scheu und einer Art unausgesprochener Wachsamkeit, als mußten sie stets darauf achten, was sie sagten und vor wem. In der großen Pause setzte sich die Schulleiterin Frau Margarete Albrecht zu ihr. Eine resolute Frau um die sechzig mit strengem Dutt und faltenfrei gebügelter Bluse. Ich hoffe, sie haben sich gut eingelebt, Fräulein Fuchs. Ja, danke.
Die Leute sind freundlich, wenn auch ein wenig zurückhaltend. Frau Albrecht nickte mit einem wissenden zugleich bedrückten Lächeln. So ist es hier. Die Menschen halten zusammen, manchmal zu sehr. Elena wollte nachfragen, doch im selben Moment klingelte es und die Kinder stürmten zurück in die Klassen. Am frühen Abend ging sie nach Hause, als ihr Blick auf ein altes abgegriffenes Notizbuch fiel, das im Regal ihres Vorgängers stand.
Ihr Vorgänger Johannes Meindel, ein junger Lehrer aus Regensburg, war vor einem halben Jahr spurlos verschwunden. Angeblich war er in die Großstadt zurückgekehrt, doch seine persönlichen Dinge waren noch immer in der Dienstwohnung. was Elena stets merkwürdig vorgekommen war. Sie nahm das Heft zur Hand und öffnete es.
Zwischen harmlosen Beobachtungen über Schüler und Schulabläufe fand sie eine Eintragung datiert eine Woche vor seinem Verschwinden. Ich habe nachts merkwürdige Geräusche hinter der Metzkerei Steinberger gehört. Ernst behauptet, er schlachte nur am frühen Morgen, doch gestern waren es Schreie, keine Tierlaute. Vielleicht sollte ich mit dem Gemeindepolizisten reden. Elena fröstelte.
Die Erinnerung an den unergründlichen Blickernst Steinberger drängte sich ihr ungebeten auf. Sie versuchte die Gedanken abzuwehren. Vielleicht hatte Johannes übertrieben. Vielleicht hatte er sich geirrt. Doch ein nagendes Gefühl ließ sie nicht mehr los. In den folgenden Tagen wurde die Unruhe in ihr stärker. Wann immer sie über den Marktplatz ging, bemerkte sie, wie Matthias Steinberger sie aus der Ferne beobachtete.
Nicht bedrohlich, eher aufmerksam, aber auf eine Art, die sie nervös machte. Einmal stand er plötzlich neben ihr, als sie am Brunnen vorbeiging. “Wie schmeckten ihnen die Bratwürste?”, fragte er freundlich. “Sehr gut”, sagte sie vorsichtig. Solch ein Aroma habe ich noch nie erlebt. “Mein Vater ist sehr stolz auf das Rezept”, sagte Matthias und lächelte.
Doch an seinen Händen sah sie dunkle Flecken, kleine rötliche Verfärbungen, die sich trotz Seife in die Haut gesetzt hatten. “Blut.” “Ganz sicher Blut.” “Wir arbeiten viel”, erklärte er, als hätte er ihre Gedanken erraten. “Die Samstagsproduktion ist besonders anstrengend.

Natürlich, sagte Elena, doch ihr Herz schlug schneller. Am Wochenende ging sie wie gewohnt auf den Markt. Am Stand einer alten Kräuterfrau namens Roswita Leitner kaufte sie Kamillentee. Die Frau, eine kleine drahtige Gestalt mit Adlerblick, beugte sich zu ihr. “Sie sind die neue Lehrerin.” “Ja.” “Seien Sie vorsichtig.” Elena erstarrte.
Warum? Rosvita schaute sich mißstrauisch um. Zu viele Menschen sind hier verschwunden. Immer an Freitagen oder Samstagen. Immer dann, wenn die Steinbergers ihre große Produktion vorbereiten. Elena fühlte, wie ihr Magen sich zusammenzog. “Was meinen Sie damit?” “Ich sage nichts”, flüsterte die Alte. “Ich beobachte nur.
” Dann drehte sie sich abrupt weg. Als Elena den Marktplatz verließ, kreuzte Matthias erneut ihren Weg, als hätte er auf sie gewartet. Alles in Ordnung, Fräulein Fuchs. Natürlich, murmelte sie. Doch ein mulmiges Gefühl blieb. In jener Nacht, es war ein Freitag, saß sie am Schreibtisch und korrigierte Aufsätze, als sie draußen das Knarren von Rädern hörte. Sie trat ans Fenster.
Ein Pferdewagen, beladen mit einem langen, dunklen Bündel, hielt vor der Metzkerei. Ernst und Matthias luden es schweigend ab, ihre Bewegungen ruhig, geübt. “Warum um diese Uhrzeit?”, fragte sie sich. Ihr Herz raste. Das Bündel hing schwer durch. “Zu schwer für ein Tier.” Ohne weiter nachzudenken, nahm sie ihren Mantel, schlich die Treppe hinunter und schlüpfte in die dunkle Gasse.
Der nächtliche Wind roch nach kaltem Stein und feuchtem Holz. Hinter der Metzkerei brannte schwaches Licht. Elena suchte sich einen Platz unter einem Fenster, dessen Holzrahmen Risse hatte. Sie hörte Stimmen, dann das metallische Schaben eines Messers. Vorsichtig sah sie durch einen Spalt und erstarrte. Auf dem massiven Holztisch lag ein menschlicher Körper, nackt, bewegungslos, die Haut grau vom Tod.
Ernst stand gebeugt darüber, vollkommen konzentriert, während Matthias die Gliedmaßen festhielt. Kein Wort, nur das rhythmische Geräusch eines scharfen Messers, das Fleisch von Knochen trennte. In einer Ecke kniete Gertrud und murmelte ein Gebet, den Rosenkranz fest umklammert. Elena schlug die Hand vor den Mund. Ihr wurde übel. Die Bratwürste, dachte sie.
Mein Gott. In diesem Moment rutschte ihr Fuß gegen einen Blecheimer, der klirrend umkippte. Das Geräusch durchschnitt die Stille wie ein Peitschenhieb. Matthias, rief ernst, da draußen ist jemand. Elena rannte los, das Herz wie ein wilder Hammer. Hinter ihr hörte sie Schritte, die sich in den Kies bohrten.
“Es war eine Frau”, hörte sie Matthias rufen. “Ein Mantel.” Doch da hatte sie bereits die Haustür ihrer Dienstwohnung erreicht, schloss sie, verriegelte sie und schob einen Stuhl davor. Ihr Atem ging stoßweise. “Was sollte sie tun?” Der örtliche Polizist Hans Reisinger war ein enger Bekannter der Steinbergers.
Wohlhabende Familien hatten Einfluss. In einem kleinen Ort wie St. Marinfels, sogar noch mehr. Wenn er Teil des Schweigens war und alles deutete daraufhin, würde er sie nicht schützen. Also verbrachte sie die Nacht wach, ein Küchenmesser in der Hand und betete, dass niemand ihre Tür aufbrechen würde.
Dreimal hörte sie Schritte draußen, einmal das Flüstern zweier Männer. Erst im Morgengrauen wurde es still. Als das erste Sonnenlicht durch ihre Fenster fiel, wußte Elena, sie mußte fliehen und zwar sofort. Elena wartete, bis die Sonne vollständig aufgegangen war, doch ihr Herz schlug weiterhin unruhig, als würde es jeden Moment ausbrechen.
Der Gedanke an die vergangene Nacht ließ sie zittern. Immer wieder sah sie das Bild vor sich, den Totenkörper auf dem Tisch, das blutige Messer in Ernsthand, Matthias unbewegte Miene, Gertruds geflüsterte Gebete. Sie durfte keine Zeit verlieren. Der erste Bus nach Regensburg fuhr kurz nach 6 Uhr morgens durch den Ort. Wenn sie ihn erreichte, konnte sie dort Hilfe suchen.
Echte Hilfe von Behörden außerhalb der Reichweite des Steinbergers. Sie packte hastig eine kleine Tasche, steckte Johannes Meindels Notizbuch ein, nahm das Küchenmesser mit und verließ die Wohnung so leise wie möglich. Die Straßen waren Menschen leer, nur ein paar Krähen krächzten auf den Dachfürsten. Die Luft roch nach feuchtem Tau und Holzrauch.
Kaum war sie auf dem Weg zur Haltestelle, als sie plötzlich Schritte hörte. Sie wandte sich um. Niemand. Doch dann wieder Schritte. Leicht. vorsichtig. Sie beschleunigte ihr Tempo, hörte das Pochen in ihren Ohren. Als sie den Marktplatz erreichte, sah sie jemanden auf der anderen Seite, Matthias Steinberger. Er stand reglos da, die Hände in den Taschen seines dicken Arbeitsmantels, den Blick fest auf sie gerichtet.
“Fräulein Fuchs”, rief er mit einer überraschend sanften Stimme. “Wohin so früh?” Elena antwortete nicht. Sie ging weiter, zügig, ohne anhalten zu wollen. Doch Matthias blieb plötzlich nicht mehr allein. Ernst trat aus einer Seitengasse und blieb mitten auf der Straße stehen. Sein Gesicht war ausdruckslos, zu ausdruckslos.
“Es ist gefährlich, so früh herumzulaufen”, sagte er. Der Ton war ruhig, doch jeder Muskel seines Körpers schien angespannt. Elena wich zurück, drehte sich um und lief so schnell sie konnte. Sie bog in die kleine Gasse rechts vom Bäcker ab, presste sich hinter eine Regenrinne und hielt den Atem an. Schritte näherten sich erneut, aber sie gingen an der Kreuzung vorbei.
Als der Bus endlich in der Ferne auftauchte, rannte sie aus ihrem Versteck, schwenkte die Arme und schrie: “Halt, bitte!” Der alte Fahrer, ein grauhaariger Mann mit dicker Brille, hielt widerwillig an. “Was ist denn los, Fräulein?”, fragte er überrascht, als sie keuchend einstieg. “Bitte fahren Sie einfach los”, sagte sie atemlos. “Sofort.” Er zuckte die Schultern, schloss die Tür und lenkte den Bus weiter.
Elena sinkte in einen Sitz am hinteren Ende. Der Bus rumpelte durch das verschlafene Städtchen und sie wagte nicht, aus dem Fenster zu blicken. Doch sie tat es trotzdem und sah, wie der Metzgerwagen der Steinbergers in einer Querstraße stand. Ernst saß am Steuer. Matthias stand hinten auf dem Trittbrett, die Hand an der Ladeplane und sah den Bus hinterher.
Der Wagen blieb stehen, doch der Blick in Matthias Augen war ein Versprechen, ein stilles, tödliches Versprechen. Elena klammerte sich an den Sitz. Der Bus fuhr weiter. Kilometer um Kilometer. Der Wald nahm zu. Die Häuser verschwanden. Endlich erlaubte sie sich auszuatmen. Doch ihre Erleichterung hielt nicht lange. Etwa 10 km außerhalb von St.
Marienfels stoppte der Bus unerwartet an einem Kontrollpunkt. Zwei Beamte der bayerischen Landespolizei standen neben einem Motorrad und winkten den Bus zur Seite. Der Fahrer öffnete das Fenster. “Alles in Ordnung, Herr? Wir suchen nach einer jungen Frau”, sagte der ältere Polizist. “Sie wird vermisst. Beschreibung folgt.” Elena fühlte, wie ihr Blut gefror.
Der Polizist zog ein Blatt hervor. Weiblich, etwa, dunkles Haar, schlank, möglicherweise verwirrt oder in Gefahr. Der Fahrer sah in den Rückspiegel, direkt auf sie und in diesem Moment bemerkte Elena etwas Entsetzliches. Am Gürtel des Polizisten hing ein Päckchen, ein weißes Papierpaket mit rotem Bindfaden, ein Steinberger Bratwurstpaket, genau dieselbe Art, die sie selbst erst vor Tagen gekauft hatte.
Der Polizist folgte ihrem Blick, lächelte flüchtig und klopfte auf das Paket. Die besten Würste der Region. Die Steinbergers wissen, was sie tun. Es war, als würde die Welt für einen Moment wanken. Elena verstand. Der Einfluss der Metzgerfamilie reichte viel weiter, als sie gedacht hatte. Der Fahrer blickte erneut zu ihr.
Sein Gesicht war schwer zu lesen, doch dann sagte er: “Keine junge Frau hier hinten, nur Stammkunden, die zur Arbeit müssen.” Der Polizist nickte. “Alles klar, gute Fahrt.” Als der Bus weiterfuhr, brach Elena fast zusammen. Der Fahrer wartete, bis sie allein in der hinteren Reihe war und stellte dann eine Frage, die sie überraschte.
“Sind Sie in Schwierigkeiten, Fräulein?” Ja, hauchte sie, sehr großen. Er nickte langsam, als hätte er so etwas schon geahnt. “Ich kann Sie nicht weiterfahren, wo Sie hin möchten”, sagte er. “Der Bus wird später kontrolliert, das weiß ich jetzt schon.” Elena spürte Panik. “Bitte setzen Sie mich nicht wieder aus. Beruhigen Sie sich.
Ich setze Sie nicht aus, aber ich kenne jemanden, der Ihnen helfen kann.” Er fuhr den Bus an den Straßenrand einer breiten Kreuzung, wo ein großes Feld begann. “Dort wohnt ein Mann namens Pfarrer Josef Brandner”, erklärte er. Er ist Pfarrer einer kleinen Feldkapelle. Er hat schon vielen geholfen, die Ärger hatten oder schlimmeres. Elena nickte zögerlich, dann stieg sie aus.
Der Motor brummte, der Bus fuhr davon und sie blieb allein auf dem stillen Feldweg zurück. In der Ferne ragte eine alte Kapelle aus Stein auf, wie ein Relikt vergangener Jahrhunderte. Der Wind trug den Duft von nassem Holz und feuchter Erde zu ihr. Elena lief los. Jeder Schritt ließ das Gefühl stärker werden, dass jemand sie verfolgte.
Als sie die schwere Holztür der Kapelle erreichte und klopfen wollte, hörte sie eine Stimme hinter sich. Suchen Sie Zuflucht, Kind. Ein alter Priester stand im Schatten des Portals. Seine Augen waren klar und wachsam. Elena nickte. “Bitte, sie wollen mich töten. Kommen Sie herein”, sagte Pfarrer Brandner. “Die Steinbergers haben lange genug Unheil angerichtet.
” In diesem Moment wußte Elena, der Albtraum war noch lange nicht vorbei, doch sie war endlich nicht mehr allein. Farer Brandner führte Elena in das Innere der Kapelle, deren Wände nach kaltem Stein, Kerzenwachs und dem leichten Moderuch alter Gewölbe rochen. Das Innere war schlicht, aber gepflegt. Ein hölzerner Altar, eine Christusstatue aus dem 18. Jahrhundert.
zwei Reihen abgewetzter Bänke. Das flackernde Licht einer einzelnen Kerze warf lange Schatten an die Wände. Der Priester schloss die schwere Tür hinter ihn und legte den Riegel vor. “Hier drinnen findet sie niemand so schnell”, sagte er ruhig. “Aber erzählen Sie mir alles, was Sie gesehen haben.” Elena fühlte, wie ihre Knie weich wurden.

Sie setzte sich auf die nächstgelegene Bank und begann zu berichten. Vom Pferdewagen der nächtlichen Lieferung. den Stimmen, dem Fenster, dem Totenkörper auf dem Tisch der Metzkerei, ernst ruhigem, geübtem Schneiden, Matthias gleichgültigem Blick und Gertrutz geflüsterten Gebeten. Pfarer Brandner hörte schweigend zu, die Hände gefaltet, die Stirn gerunzelt. Erst als Elena zu Ende gesprochen hatte, begann er langsam zu nicken. “Ich habe Schlimmes geahnt”, murmelte er.
sehr schlimmes, aber ich hatte nie Beweise, nur Gerüchte, Andeutungen und Menschen, die öfter verschwanden, als es in einem Ort dieser Größe normal wäre. “Sie wussten es also?”, fragte Elena Heiser, “nicht sicher und ohne Gewissheit kann man hier wenig tun. Die Steinbergers spenden jedes Jahr großzügig für die Gemeinde, unterstützen den Kirchenchor, helfen armen Familien mit Fleisch oder dem, was sie dafür ausgeben. Viele sind ihnen dankbar.
Viele haben Angst vor ihrer Macht. “Ich muss zur Polizei nach Regensburg”, sagte Elena entschlossen. “Dort glauben Sie mir vielleicht.” Der Pfarrer schüttelte langsam den Kopf. “Kind, sie unterschätzen ihren Einfluss. Ernst ist nicht nur Metzger. Er ist ein Mann, der seit Jahrzehnten schweigende Schultern um sich versammelt hat.
Nicht alle wissentlich, manche nur aus Bequemlichkeit, manche aus Angst und manche, weil sie zu sehr an ihren Würsten hängen, um Fragen zu stellen. Elena schauderte. “Was soll ich dann tun?” “Ich kenne jemanden”, sagte er nach kurzem Zögern. “Einen Mann von außerhalb, der heute nach St. Marinfels kommen sollte. Ein Journalist.
Er heißt Thomas Jenner, arbeitet für ein Regionalblatt, aber er ist eigenständig, unbeeinflusst. Er kommt regelmäßig, um über die lokalen Feste zu berichten. Wenn jemand hilft, dann er. In diesem Moment klopfte es an der Tür. Elena erstarrte. Der Priester hob die Hand und wartete. Wieder ein Klopfen, diesmal dringlicher.
Josef rief eine männliche Stimme. Bist du da? Ich bin’s. Thomas. Elena atmete erleichtert auf, als der Pfarrer lächelte und den Riegel öffnete. In die Kapelle trat ein Mann Mitte 30, schlank, mit etwas zerzaustem Haar, einer Kamera um den Hals und einem hastig übergeworfenen Mantel. Sein Blick fiel sofort auf Elena. Guten Tag.
Der Fahrer vom Postbus sagte mir, ich solle hierherkommen. Sie benötigen Hilfe? Mehr als sie ahnen sagte der Pfarrer. Thomas, das ist Fräulein Elena Fuchs. Sie hat etwas gesehen, etwas, das niemand im Ort sehen sollte. Als Elena ihre Geschichte wiederholte, wurde Thomas Gesicht zusehens bleicher. Er fragte nach Details, bat sie schließlich, ihm das Notizbuch ihres verschwundenen Vorgängers zu zeigen.
Er blätterte lange darin, schweigend, aufmerksam. Dann schlooss er das Heft und sagte: “Wenn wir die Wahrheit an die Öffentlichkeit bringen wollen, brauchen wir Beweise. Echte, dokumentierte, unbestreitbare Beweise. Und wie Elena fühlte, wie ihre Stimme zitterte. Thomas sah sie ernst an.
Ich werde heute zur Metzkerei gehen, offiziell für Fotos. Ich soll ohnehin einen Artikel über die traditionellen Betriebe hier machen. Das gibt mir einen Grund, dorthinzugehen und mich umzusehen. Das ist gefährlich, sagte Elena sofort. Wenn Sie auch nur ahnen. Ich weiß, unterbrach Thomas sie, aber das ist mein Beruf und ich habe schon gefährlichere Sachen dokumentiert.
Ich habe eine kleine Kamera, die ich unauffällig bedienen kann. Wenn ich damit Bilder mache, haben wir etwas in der Hand. Ich bleibe hier”, sagte der Pfarrer. Elena ist bei mir sicher, bis du zurückkommst. Thomas nickte und wollte gehen, doch er hielt inne. Haben Sie etwas, dass ich gegen Sie verwenden kann? Irgendeinen Hinweis, der Sie glauben lässt, ich sei harmlos.
Der Pfarrer lächelte düster. Ernst liebt Anerkennung. Sag ihm, dass du den Artikel erweitern willst. Er wird stolz sein. Seine Familie steht gerne im Rampenlicht, solange niemand hinter die Kulissen schaut. Thomas verließ die Kapelle durch die Hintertür, die zu einem alten Pfad führte, der sich durch die Felder schlängelte. Sein Schatten verschwand langsam im hellen Vormittagslicht.
Elena blieb mit dem Priester allein. “Er ist mutig”, sagte sie leise. “Zumutig”, antwortete Pfarrer Brandner. Aber vielleicht ist Mut das einzige, das diesen Ort retten kann. Die Stunden vergingen quälend langsam. Elena hörte das Ticken einer alten Standuhr und das Heulen des Windes, der durch die Ritzen der Tür drang.
Sie betete, obwohl sie seit Jahren nicht mehr gebetet hatte. Der Pfarrer saß still auf einer Bank, den Rosenkranz in den Händen. Die Sonne sank bereits hinter die Bäume, als ein Geräusch sie aufschrecken ließ. Schnelle Schritte. Schwerer Atem. Die Tür wurde aufgerissen. Thomas stand im Eingang, sein Gesicht kreidebleich, die Haare zerzaust, die Kamera fest an sich gedrückt. “Ich habe es gesehen”, sagte er mit brüchiger Stimme.
“Ich habe alles gesehen und ich habe Fotos.” “Aber wir müssen sofort weg.” “Die Steinbergers w Sie haben bemerkt, dass jemand am Hinterfenster war.” Elena sprang auf. “Hat man dich erkannt? Ich glaube nicht, aber Ernst kam nach draußen. Er suchte. Er wußte, daß jemand da war. Der Pfarrer nickte, als hätte er das erwartet. Wir verlassen die Kapelle sofort.
Ich kenne jemanden, der uns nach Regensburg fahren kann. Jemand, der den Steinbergers nichts schuldet. Thomas trat einen Schritt näher und hob eine Hand, als wollte er etwas hervorheben. Bevor wir gehen, sie müssen wissen, in der Metzkereiigenen Hinterkammer hängen drei Körper Menschen, zwei frisch, einer älter und einer Einer war ein Polizist. Elena fühlte, wie ihr Blut gefror.
Der Pfarrer bekreuzigte sich langsam. Gott stehe uns bei. Thomas nickte heftig. Ich habe alles fotografiert, auch die Bücher, in denen Sie notieren, wen sie verarbeiten. Jahrzehntelang. Dutzende Namen. Elena schloss die Augen. Eine Welle aus Ekel, Angst und Fassungslosigkeit überrollte sie. “Wir müssen weg!”, wiederholte Thomas.
“Jetzt, ehe sie ihre Netze enger ziehen.” Pfarrer Brandner löschte die Kerzen, nahm einen alten dunklen Mantel von der Wand und öffnete die Hintertür. Folgt mir. Wenn wir leben wollen, müssen wir schneller sein als sie. Sie verließen die Kapelle durch den schmalen Hinterausgang, der kaum höher war als ein Stalltor.
Ein kalter Wind wehte über die Felder, trug den Geruch von feuchter Erde und Herbstlaub zu ihnen herüber. Die Wolken hingen schwer über der Oberpfalz, ein drückendes Grau, das jedem Schritt eine düstere Schwere verlie. Fahrer Brandner ging voraus. erstaunlich schnell für sein Alter, den Mantel eng um die Schultern gezogen.
“Wir dürfen nicht über die Landstraße”, flüsterte er. “Die Steinbergers haben Freunde und Angst ist in einem kleinen Ort ein schlechter Ratgeber. Wir bleiben zwischen den Feldern, bis wir die alte Scheune erreichen. Dort wartet vielleicht unsere einzige Chance.” “Wer soll uns dort helfen?”, fragte Elena leise, während sie versuchte Schritt zu halten. “Ein Mann namens Raul Brenninger,” antwortete der Pfarrer.
“Ein Landwirt, der ein Lastauto besitzt. Er liefert meistens Heu und Futter in die umliegenden Dörfer. Er hat einen klaren Kopf und er misstraut den Steinbergers schon lange.” Elena hoffte verzweifelt, dass der Mann tatsächlich auf ihrer Seite stand. Der Wind wurde stärker und das Rascheln der Maisfelder klang unheimlich laut, wie Flüstern, wie Bewegung.
Sie gingen weiter, den Blick stets zur Straße gerichtet, die in der Ferne verlief. Einmal blieb Thomas abrupt stehen. Da drüben murmelte er und deutete auf einen schmalen Weg zwischen zwei Feldern. Elena wandte sich vorsichtig um. Ein Wagen fuhr langsam vorbei. Kein Polizeiwagen, kein Lieferwagen, sondern der alte Metzgerwagen der Steinbergers. Die Bäigeplane war heruntergerollt.
Die Scheinwerfer flackerten über den Weg, als würde das Fahrzeug gezielt etwas oder jemanden suchen. Ernst saß am Steuer. Matthias stand erneut hinten auf dem Trittbrett, blickte konzentriert über die Felder. Seine Augen durchdrangen die Dämmerung wie die eines Jägers. Elena drückte sich instinktiv näher an die anderen.
Der Wagen rollte langsam weiter, bog schließlich wieder auf die Straße ein und verschwand hinter einer Baumreihe. Doch das Gefühl, gejagt zu werden, blieb. Weiter, sagte der Pfarrer. Wir haben wenig Zeit. Die Scheune lag am Rand eines kleinen Waldstücks. Sie war alt, windschief, das Holz verwittert, das Dach an mehreren Stellen eingedrückt.
Innen roch es nach feuchtem Stroh, altem Metall und Diesel. Raul war bereits dort, ein kräftiger Mann um die 50, mit wettergegärbtem Gesicht und einem grauen Bart. Als er sie eintreten hörte, hob er sofort den Kopf. Josef, fragte er mißstrauisch. Was ist los? Der Pfarrer schob Elena und Thomas sanft vorwärts. Diese beiden müssen aus dem Ort sofort.
Ihr Leben ist in Gefahr. Raul sah die dreckige Kleidung, die blassen Gesichter, die zitternden Hände. Sein Blick fiel auf die Kamera in Thomas Händen und auf die Angst in Elenas Augen. “Es sind die Steinbergers, oder?”, sagte er schließlich. “Natürlich sind Sie es. Sie haben menschliche Körper verarbeitet”, sagte Thomas direkt ohne Umschweife.
“Ich habe es fotografiert.” Raul stieß einen schmerzhaften Laut aus, eine Mischung aus Wut und Erschrecken. “Ich wusste, dass sie Dreck am Stecken haben, aber das das ist” Er brach ab, schüttelte den Kopf und rieb übers Gesicht. Dann zeigte er auf seinen Lastwagen, der in der Ecke stand. Ich bringe euch nach Regensburg oder weiter, wenn es sein muß. Aber wir sollten jetzt los.
Während Raul die Hecktür öffnete, hörten sie ein Geräusch draußen, ein Motor, dann einen zweiten, dann Stimmen. Thomas wich zurück. “Sie haben uns gefunden”, flüsterte er. Raul schaltete sofort das Licht aus. Die Scheune lag in schwerer Dunkelheit, nur schwach von Ritzen in den Holzplanken erhält. Schritte näherten sich. mehrere. Dann hörte man die dumpfe Tür eines Wagens zuschlagen.
Versteckt euch, zischte Raul, in den Heuballen. Schnell. Elena, Thomas und der Pfarrer kletterten hinter drei große Heustapel, während Raul sich in den Schatten der Scheunenseite drückte. Die Tür der Scheune wurde aufgerissen. Das Quietschen ging Elena durch Mark und Bein. Ernst Steinberger trat ein, eine Taschenlampe in der Hand, deren Strahl wie ein Jagdmesser durch die Dunkelheit schnitt.
Hinter ihm Matthias und hinter beiden etwas, das Elena Herz gefrieren ließ. Gemeindepolizist Hans Reisinger. Sein Blick war leer, schweigend, resigniert. Sie müssen hier irgendwo sein”, sagte ernst mit ruhiger Stimme. “Sie sind nicht zur Landstraße gegangen. Jemand hilft ihn.” “Die Luft riecht frisch”, sagte Matthias. “Sie waren hier vor wenigen Minuten.” Hans nickte.
“Wir durchsuchen alles.” Sein Ton klang pflichtbewusst, aber in seinen Augen lag Furcht. Elena wagte kaum zu atmen. Die Taschenlampe glitt über die Heuballen. Ein Funkenstaub tanzte im Licht. Matthias trat näher, noch näher. Sein Stiefel knirschte auf dem Boden direkt neben Elena.
Sie fühlte, wie das Heu an ihrem Hals kratzte, wie ihr Brustkorb bebte. Ein weiteres Geräusch ertönte draußen, ein Knall wie eine zuschlagende Autotür. Ernst drehte sich um. Vielleicht an der Rückseite, sagte Hans. Die Spuren sind frisch. Ernst nickte. Wir teilen uns auf. Die Schritte entfernten sich. Die Scheune lag wieder im Halbdunkel. Raul huschte zu ihnen. “Schnell”, flüsterte er. “Sie kommen zurück. Es sind noch mehr draußen.
” Sie stiegen in den Laderaum des Lastwagens. Raul verriegelte die Tür, stieg selbst ein und startete den Motor so leise wie möglich. Der Wagen rollte langsam aus der Scheune und als sie die erste Kurve erreichten, sahen sie sie. Vier Männer, zwei Steinbergers, zwei Polizisten in einer Linie und alle sahen dem Lastwagen nach. Raul trat aufs Gas.
Festhalten brüllte er und lenkte den LKW in einen holprigen Feldweg. Im Rückspiegel sah man Lichtkegel, die sich bewegten. Die Verfolgung hatte begonnen. Der Lastwagen holperte über den unbefestigten Feldweg, während die Scheinwerfer der Verfolger wie gleißende Messer durch die Dunkelheit schnitten. Elenas Herz schlug so heftig, dass sie glaubte, jeder im Wagen müsse es hören. Thomas hielt die Kamera fest an sich gedrückt, als hinge sein Leben daran.
Und vielleicht tat es das tatsächlich. Far Brandner betete leise, kaum hörbar, doch seine Stimme schien das Chaos für einen Augenblick zu ordnen. Raul beugte sich über das Lenkrad. “Wir müssen in den Wald”, sagte er mit angespannter Stimme. “Auf der offenen Straße haben wir keine Chance.
” Der Wald ragte wie eine schwarze Wand vor ihnen auf. Dichte Fichten, knorrige Buchen, der Boden uneben und aufgeweicht vom Regen der letzten Tage. Das schafft der Wagen doch nie, flüsterte Elena. Ich kenne diesen Wald seit meiner Kindheit, sagte Raul entschlossen. Wenn uns jemand dort folgen kann, dann nur der Teufel selbst oder ein Steinberger.
Der Lastwagen ruckte heftig, als die Reifen die ersten Wurzeln überrollten. Die Scheinwerfer der Verfolger entfernten sich kurz, dann tauchten sie wieder auf. “Sie kommen rein!”, rief Thomas. Raul fluchte. “Verdammte Idioten, sie riskieren, sich festzufahren.” Der Wald verschluckte das Licht fast vollständig. Die Szenerie wurde nur noch von dem flackernden Schein der LKW-Scheinwerfer erhält.
Der Boden war morastig. Das Fahrzeug kämpfte sich durch Schlamm, Laub und Gebüsch. “Wie weit müssen wir?”, fragte Elena mit zitternder Stimme. “Noch ein Stück, dann gibt es eine alte Försterhütte. Von dort führt ein Pfad zu einer Nebenstraße nach Regensburg. Wenn wir sie erreichen, sind wir vorerst sicher.
Da ertönte hinter ihnen ein lauter, kreischender Klang, das Geräusch eines Motors, der überlastet wurde. “Sie haben sich an einer Wurzel festgefahren”, rief Thomas hoffnungsvoll, doch diese Hoffnung verging schnell. Ein zweites Geräusch folgte, gedämpft, aber eindeutig Schritte im Unterholz, schnell entschlossen. “Sie steigen aus”, flüsterte Elena entsetzt. Raul atmete scharf ein.
“Sie sind zu Fuß schneller als wir mit diesem schweren Karren.” Er bremste abrupt. Der Wagen kam mit einem Ruck zum Stehen. “Was tun Sie?”, rief Elena. Wir laufen weiter. Die Hütte ist nur dreih Meter entfernt. Zu Fuß schaffen wir es. Der Wagen wäre unser Grab. Thomas öffnete sofort die Tür des Laderaums.
Kalte Nachtluft strömte hinein, feucht und nach Nadelholz riechend. Sie sprangen hinaus, einer nach dem anderen. Der Boden war weich und Elenas Schuhe sanken fast bis zum Knöchel in den Schlamm. Doch sie rannte weiter. Direkt nach Osten rief Raul, ich führe euch. Hinter ihnen hörte man Stimmen. Da lang. Sie sind ausgestiegen. Es war Matthias. Seine Stimme war nah, viel zu nah. Der Wald wurde dichter.
Äste peitschten Elenas Gesicht. Dornen kratzten über ihre Arme. Sie stolperte, fing sich ab, lief weiter. Der Pfarrer keuchte, doch er gab nicht nach. Thomas warf immer wieder Blicke zurück. Sein Atem ging stoßweise. “Sie holen auf”, rief er. “Nicht stehen bleiben”, presaul hervor.
“Dann ein Schrei, ein lautes, hartes, schmerzverzerrtes Aufschreien.” Elena fuhr herum. Der Pfarrer war gestolpert und gefallen. Sein Fuß hatte sich in einer Wurzel verfangen. Matthias Taschenlampe blitzte in der Ferne. “Wir müssen ihm helfen!”, rief Elena. Raul packte sie am Arm. Wenn wir jetzt anhalten, sterben wir alle.
Doch Elena riß sich los und rannte zurück zum Pfarrer. Kommen Sie, flüsterte sie verzweifelt und zog an seinem Arm. Der alte Mann biss die Zähne zusammen und versuchte aufzustehen. Hinter ihnen brach ein Ast laut. Matthias Stimme halte durch den Wald. Ich sehe euch. Ihr kommt hier nicht weit. Thomas und Raul eilten zurück, halfen dem Pfahrer auf die Beine. Gemeinsam liefen sie weiter, so schnell sie konnten.
Elenas Lunge brannte, jeder Atemzug schmerzte. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte die Försterhütte zwischen den Bäumen auf. Ein kleiner verlassener Bau aus dunklem Holz. Raul stieß die Tür auf. Rein! Sie stürzten in die Hütte. Es roch nach Staub. altem Holz und vergessen. Raul verriegelte die Tür mit einem schweren Riegel.
“Das hält sie nicht lange auf”, keuchte er, aber vielleicht lange genug. Thomas stellte sich ans Fenster, drückte seine Kamera gegen die Brust. “Wenn Sie uns hier erwischen?” Er sprach nicht weiter. Der Pfarrer sank auf einen Hocker und hielt sein schmerzendes Bein. Elena kniete sich neben ihn. Es tut mir leid, dass ich sie zurückgelassen habe”, sagte er leise. “Ich hätte stärker sein müssen.
” “Sie sind stark”, antwortete sie, “Sonst wären wir längst tot.” Geräusche näherten sich, Schritte, viele, dann Stimmen. “Sie müssen hier sein.” “Reiß die Tür auf! Keiner entkommt uns mehr.” Elena sah inen die Gesichter der anderen. Angst, Entschlossenheit, Müdigkeit. Raul hob eine alte Axt vom Boden der Hütte. “Wenn Sie reinkommen, kämpfen wir”, sagte er. Bis zuletzt.
Die erste Faust schlug gegen die Tür, dann die zweite, das Holz echtste. Elena umklammerte das Messer, das sie aus ihrer Wohnung mitgenommen hatte. “Gott stehe uns bei”, flüsterte Pfarrer Brandner. Der Riegel knirschte, die Tür bog sich und dann Stille, tiefe, bedrückende Stille. Warum hören Sie auf? Hauchte Thomas.

Weil Sie etwas gehört haben, sagte Raul mit düsterem Blick. Oder weil jemand anderes gekommen ist. Schritte näherten sich erneut, langsam, schwer, bestimmt. Und dann fiel einziger Satz durch die Nacht, gesprochen mit einer Stimme, die Elena sofort erkannte. Ernst Steinberger, mach die Tür auf oder wir brennen die Hütte nieder.
Für einen Augenblick schien die Luft selbst zu gefrieren. Ernst Steinbergers Stimme drang durch die Holzwände wie kaltes Eisen. Ruhig, entschlossen, ohne jede Spur von Hast, die Stimme eines Mannes, der wusste, dass ihm niemand entkam. Raul hob die Axt etwas höher. Thomas pres die Kamera an seine Brust, als könnte sie ihn schützen.
Elena spürte, wie ihr Herz gegen die Rippen schlug. Hart. unregelmäßig, schmerzhaft. Der Pfarrer schlooss die Augen und murmelte ein Gebet. Draußen knirschte Laub. Schritte, mehrere. Ein leises kontrolliertes Rascheln wie von Jägern, die sich auf ihre Beute zubewegen. Dann wieder Ernst Stimme. 30 Sekunden, dann werdet ihr Rauch riechen.
Eine andere Stimme folgte: Matthias, oder wir werfen gleich eine Fackel hinein. Spart uns Zeit. Elena atmete scharf ein. Sie musste etwas tun, etwas, das nicht nur aus Angst bestand. “Wir müssen hier raus”, flüsterte sie. “Wir ersticken, wenn sie Feuer legen.” Raul nickte, sah sich in der Hütte um und deutete auf die Rückwand. Der alte Förster hatte dort früher eine Wartungsluke.
“Wenn sie noch offen ist, kommen wir ins Unterholz.” Ohne Zeit zu verlieren, schob er ein Regal beiseite. Die Holzbalken ächtsten. Dahinter kam eine kleine Klappe zum Vorschein. Kaum groß genug für einen Erwachsenen, aber gerade so, dass man hindurchkriechen konnte. Elena hörte, wie draußen etwas über Holz strich, wie ein Docht, der entzündet wurde.
Ernst Stimme, leise mit einem Hauch von Mühe, Fackel. Raul riss die Luke auf. Kalte Nachtluft strömte in die Hütte. Elena, zuerst, befahl er. Sie zögerte nicht. Sie kroch hinein. Das Holz kratzte ihre Arme. Ihre Kleidung blieb an Splittern hängen. Es war eng, stickig. Doch auf der anderen Seite sah sie schwaches Mondlicht auf feuchtem Waldboden. Thomas, du als nächstes.
Thomas drückte die Kamera an sich, schob sie voran, kroch hinter Elena her. Sein Atem ging schnell, panisch. Der Pfarrer folgte langsam, keuchend. Sein verletztes Bein zitterte. Raul war zuletzt. Gerade als er die Luke halb schließen wollte, hörten sie die Tür der Hütte ächtzen. Ein heftiger Schlag. Ein zweiter. Ein dritter. Sie brechen sie ein, flüsterte Elena. Schneller.
Raul schob den Pfarrer vorwärts. Die Luke fiel zu, aber das Holz war alt und sie wusste, es würde nicht lange verborgen bleiben. Die vier krochen durch eine schmale dunkle Rinne unter der Hütte, bis sie endlich ins Freie gelangten. Kalte Nacht umfing sie zusammen mit dem schweren Geruch feuchter Blätter. Elena rappelte sich auf und half dem Pfarrer.
Thomas schnappte nach Luft. Raul drückte den Finger an die Lippen. Leise, wenn Sie die Luke entdecken, suchen Sie den Wald ab. Hinter ihnen ertönte ein Krachen, die Tür der Hütte, die nachgab. Ein paar Sekunden Stille, die sich wie ein Faden Spannung spannte.
Dann hörten sie Stimmen, aufgeregt, dann plötzlich ein Fauchen, ein Knattern. “Sie haben Feuer gelegt”, flüsterte Thomas entsetzt. Ein flackernder Lichtschein erhälte die Baumstämme. Die Hütte stand in Flammen. Elena schluckte schwer. Wenn sie zu spät geflohen wären. Weg von hier, raunte Raul. Wir müssen tiefer in den Wald zum Bachlauf. Dort verwischen sich unsere Spuren. Sie liefen.
Der Pfarrer hinkte, aber er hielt durch, gestützt von Elena und Thomas. Der Wald wurde dichter, dunkler, fast undurchdringlich. Über ihnen rauschten die Baumwipfel, unter ihren Füßen knackten Äste. Immer wieder hörten sie hinter sich gedämpfte Rufe, das Knacken von Laub, mal nah, mal fern, wie das Atmenes Ungeheuers. Endlich erreichten sie den Bachlauf.
Das Wasser glitzerte blass im Mondlicht, kalt und schnell. Hier entlang,” sagte Raul, “m Wasser erkennen sie keine Fußspuren.” Sie warteten hinein. Das Wasser durchdrang sofort ihre Schuhe. Die eiskalte Strömung brannte an ihren Knöcheln. Doch die Stille war trügerisch. Plötzlich ein Schrei, keine 20 m entfernt. “Hier irgendwo hier”, brüllte eine Stimme. Matthias.
Seine Worte halten wie Peitschenhiebe durch den Wald. Raul fluchte leise. Verdammt, sie sind näher, als ich dachte. Elena drehte sich um. Zwischen den Bäumen sah sie bewegliche Schatten, Lichtkegel von Taschenlampen. Männer, mehrere. “Schneller!” rief sie. Der Pfarrer stolperte. Raul fing ihn auf. Thomas rutschte beinahe aus, klammerte sich an einen Ast, griff nach Elena und gemeinsam schafften sie es weiter Bach abwärts. Der Bach wurde breiter, das Wasser tiefer. Elenas Füße wurden taub.
Der Wald schien kein Ende zu nehmen. Doch dann Geräusch, ein Motor. Fern, aber eindeutig. Kein Steinbergerwagen, kein Polizeiwagen. Ein kleinerer Motor, rasselnd, ungleichmäßig. Raul hob den Kopf. Da ist eine alte Waldstraße vielleicht. Er sprach nicht weiter, denn eine Gestalt trat aus dem Gebüsch voraus.
Eine Lampe in der Hand, warmes Licht, keine Taschenlampe, eine Petroleumlampe, eine Stimme, überrascht, aber sanft. Um Himmels Willen, was tut ihr draußen? Es war eine Frau, mittelalt, festgekleidet, besorgt. Raul atmete heftig aus. Frau Leitner, die Kräuterfrau vom Markt, Roswita Leitner. Sie sah die vier Flüchtenden an, ihre nassen Kleider, die schlammigen Hände, die Panik in den Augen und sie verstand sofort.
“Sie jagen euch”, sagte sie tonl. “Nicht wahr?” Der Pfarrer nickte. Rosvita hob die Lampe. Kommt, ich kenne einen Ort, den Sie nicht so leicht finden. Wohin? Fragte Elena atemlos. Rosvita sah sie mit einem Blick an, der alt und wissend war. zum alten Klosterkeller, dort wo die Steinberger sich nicht hinwagen.
Rosvita ging voraus, ihre Petroleumlampe schwankte leicht und warf warme ovale Lichtinseln auf den Waldboden. Der Kontrast zwischen diesem sanften goldenen Schimmer und der kalten mondblassen Nacht dahinter war unheimlich, fast so, als hinge ihr Leben am dünnen Lichtfaden der kleinen Flamme. Beeilt euch”, drängte sie mit gedämpfter Stimme. “Sie kennen den Wald, aber nicht so gut wie ich.
Wenn wir beim Klosterkeller sind, haben wir einen Moment zum Atem holen.” Raul stützte den Pfarrer. Thomas trck die Kamera eng am Körper und Elena lief dicht hinter Rosvita her. Das Rascheln der Verfolger hörte man nicht mehr so deutlich, aber das bedeutete nichts. Die Steinbergers waren geduldig. Sie jagten nicht wie Amateure, sondern wie Männer, die seit Jahren gewohnt waren, ihre Opfer lautlos zu fangen.
“Was ist dieser Klosterkeller?”, fragte Elena flüsternd. Rosvita sah nicht zurück, aber ihre Stimme war fester als zuvor. Ein Überbleibsel aus der Zeit, als es hier noch ein Benediktiner Kloster gab. “Vor Jahrhunderten. Das Kloster steht nicht mehr, nur der unterirdische Lagerkeller. feucht, aber stabil. Er hat geheime Zugänge, die nur wenige kennen.
“Und die Steinbergers kennen ihn nicht?”, fragte Thomas zweifelnd. “Oh, sie kennen ihn”, antwortete Rosvita. “Aber sie gehen nicht hinein.” “Warum?” Rosvita blieb kurz stehen, wandte langsam den Kopf und sah die drei mit Augen an, die plötzlich viel älter wirkten, weil ihre Familie dort ihren ersten Mord beging.
Niemand sprach mehr ein Wort. Die Baumreihen lichteten sich. Vor ihnen erhob sich ein moosbedeckter Hügel, von dem dicke Wurzeln wie Finger herabhingen. Ein niedriger bogenförmiger Eingang aus verwittertem Stein war darin eingelassen. Zwei alte schiefe Türen hingen daran, als hätten sie seit Jahrhunderten jeden Moment abbrechen können.
Rosvita stellte die Lampe ab und schob die Türen mit erstaunlicher Kraft auf. Dahinter Dunkelheit, reine, tiefe, verschluckende Dunkelheit. Rein befall sie knapp. Sie gehorchten. Drinnen roch es nach kaltem Stein, Moder, feuchtem Moos und der abgestandenen Erinnerung vieler Jahre. Die Wände waren mit Algen überzogen, der Boden war uneben.
Rosvita schloss die Türen hinter ihnen und zog einen schweren Holzbalken vor. Das hält sie vielleicht nicht ewig, sagte Raul, aber es wird ihnen Zeit kosten. Rosvita hob ihre Lampe und ging einen schmalen Gang entlang, der in die Finsternis führte. Setzt euch dort hinten, macht keinen Laut. Sie führte sie in einen größeren Raum mit gewölbter Decke, einst vermutlich ein Lagerraum für Bier oder Wein.
Fässer standen hier keine mehr, nur Stein, Kälte und Stille. Ein Tropfen Wasser fiel irgendwo in der Ferne. Plock, plock! Elena setzte sich gegen die Wand und zog die Knie an die Brust. Ihr Körper zitterte. Die Anspannung hatte ihre Muskeln beinahe gelähmt. Thomas warf einen Blick auf die Kamera. Ich muss das Material sichern.
Wenn Sie mich erwischen, wenn Ihnen das in die Hände fällt. Wir lassen uns nicht erwischen, sagte Raul. Der Priester, erschöpft, aber gefaßt legte die Hand auf Thomas Schulter. Es ist Gottes Wille, daß die Wahrheit ans Licht kommt. So oder so. Doch Rosvita schüttelte langsam den Kopf: Gottes Wille oder der Wille jener, die lange genug geschwiegen haben. “Warum hilfst du uns?”, fragte Elena plötzlich.
Die Frage war ihr entglitten, bevor sie darüber nachdenken konnte. Rossvita sah sie lange an, dann hob sie die Lampe etwas höher. Weil ich weiß, was die Steinbergers tun. Weil ich weiß, was sie getan haben und weil ich nicht noch einmal zusehen werde. Noch einmal, wiederholte Thomas.
Rosvita setzte sich ihnen gegenüber, die Lampe zwischen sich und die anderen stellend. Ihr Gesicht war von unten beleuchtet. Die Schatten vertieften ihre Züge, ließen sie streng und zugleich uralt aussehen. Vor 20 Jahren begann sie mit brüchiger Stimme, verschwand meine Schwester. Sie war 17, ein fröhliches Mädchen, mutig, klug und neugierig, viel zu neugierig.
Sie bemerkte, dass Menschen verschwanden. Sie beobachtete die Steinbergers und eines Nachts sah sie zu viel. Elena hielt den Atem an. Raul senkte den Blick. Der Pfarrer schloss die Augen. Rosvitas Stimme zitterte nur ein einziges Mal, dann wurde sie hart wie Granit. Man fand nie etwas von ihr. Keine Kleidung, kein Körper, kein Grab.
Die Polizei sagte, sie sei weggelaufen. Die Steinbergers boten der Familie Fleisch und Geld an, um uns durch die schwere Zeit zu bringen. Meine Eltern nahmen es an, ich nicht. Ein tiefer Schatten huschte über ihr Gesicht. Meine Schwester war kein Einzelfall, aber sie ist der Grund, warum ich ihnen seit zwei Jahrzehnten nachstelle. Sie haben Angst vor mir. Sie glauben, ich sei verrückt. Das hilft.
Plötzlich hörten sie ein Geräusch, ein leises, dumpfes Bum gegen die Kellertür, dann ein zweites, dann Schritte über ihn. Viele Schritte. Sie haben uns gefunden. Hauchte Elena. Rosvita hob die Lampe höher. Ihre Hand zitterte nicht. Der Keller hat einen zweiten Ausgang, einen, den Sie nicht kennen. Raul machte große Augen.
Warum hast du ihn nicht gleich benutzt? Weil er gefährlich ist, einsturz gefährdet und weil die Steinbergers ihn vielleicht doch kennen. Aber jetzt haben wir keine Wahl. Wieder halte ein Schlag durch den Keller. Stimmen, Ernst? Matthias, vielleicht andere. Dann ein Geräusch, das Elena sofort erkannte. Metall, das über Stein schabt, ein Brecheisen. Rosvita erhob sich. Folgt mir.
Und betet, dass die Decke heute hält. Die Lampe schwankte. Der Gang vor ihn wurde noch dunkler. Das Ungewisse wartete, aber es war die einzige Chance auf Leben, die ihnen blieb. Rosvita ging mit festen schnellen Schritten voraus, die Petroleumlampe fest in der Hand, während die anderen ihr folgten.
Der Gang wurde enger, die Wände feuchter und der Boden fiel leicht ab, als wollten sie in den Bauch der Erde hinabsteigen. Über ihnen halten Schritte, langsam, schwer, lauernd. Ernst Steinberger bewegte sich wie ein Mann, der keine Eile hat, weil er weiß, dass seine Beute nirgends hin kann. Ein metallisches Krachen ertönte. Die Kellertür wurde erneut gerammt. “Beeilt euch”, flüsterte Rosvita.
“Dieser Durchgang ist alt. Wenn Sie den Haupteingang aufbrechen, bleibt uns vielleicht eine Minute. Gibt es wirklich einen Ausgang?”, keuchte Thomas. “Oder laufen wir geradewegs in eine Falle?” Rosvita hielt kurz inne und sah ihn über die Schulter an.
“Wenn ich euch in eine Falle führen wollte, hätte ich es längst getan.” Der Gang verengte sich weiter. Elena mußte den Kopf einziehen, als die Decke so niedrig wurde, daß sie beinahe ihren Scheitel berührte. Wasser tropfte von oben, glitt ihr kalt den Nacken hinab. Der Pfarrer keuchte leise vor Schmerz.
Sein verletzter Fuß setzte bei jedem Schritt hörbare Laute, die Elena vor Angst zusammenschnüren ließen und über allem die Schritte der Verfolger. Jetzt deutlicher näher. Das Knarzen von Holz, ein Ruck, der Klang einer Tür, die nachgibt, dann Ernst Stimme, ganz ruhig. Sie sind unten. Schick zwei Männer ins Dorf. Die anderen folgen mir. Die Worte krochen wie Eis über Elenas Haut.
Raul presste die Fingernägel in seine Handflächen. “Verdammt”, murmelte er, er hat Unterstützung. Nicht nur Matthias und die Polizisten, andere auch. Rosvita blieb abrupt stehen. Vor ihr ragte eine Steinwand auf, die auf den ersten Blick wie das Ende des Ganges aussah.
Doch sie beugte sich vor, stellte die Lampe ab und tastete mit beiden Händen über die Wand, als suche sie nach einer kaum sichtbaren Fuge. Hier irgendwo, seit Jahrzehnten wurde das nicht mehr geöffnet. Schneller, drängte Raul, sie sind gleich da. Rosvita drückte einen wackeligen Stein. Nichts.
Dann versuchte sie es etwas höher und plötzlich gab ein Abschnitt der Wand nach, als würde er auf einem schiefen Bolzen hängen. Ein Spalt tat sich auf, kaum breiter als eine faustbreite Öffnung. Kühle Luft strömte hinein, modrig und alt. “Los!” flüsterte sie, “Einer nach dem anderen. Es wird eng, aber es geht.” Raul zwenkte sich als erster hindurch.
Elena sah, wie seine Schultern kaum passten, wie er sich seitwärts drehen musste, um durchzukommen. Thomas folgte, dann der Pfarrer, der mit Hilfe Elenas gerado durch die Lücke gelangte. Als Elena selbst durchschlüpfen wollte, hörte sie hinter sich das dumpfe Echo von Stimmen im Hauptraum des Kellers. Dann ein Lichtschein, eine Taschenlampe, die flackernd in den Gang fiel. Matthias Stimme ganz nah. Ich höre sie. Sie sind hier unten.
Elena schob sich durch den Spalt. Ihre Kleidung riss an einer scharfen Steinspitze. Rosvita folgte zuletzt und zog den beweglichen Abschnitt der Wand mit beiden Händen zu den anderen zurück. Kaum war die Öffnung verschlossen, da sah man durch die hauchdünnen Fugen Lichtstrahlen und Schatten.
Schatten von Männern, die den Gang betraten. Rosvita legte den Finger an die Lippen. Dann führte sie die Gruppe weiter durch den neuen noch schmaleren Tunnel. Dieser Abschnitt war anders als der erste. Engger, älter, die Wände roh, als hätte man ihn mit bloßen Händen aus dem Berg gegraben.
Der Boden fiel stärker ab, die Luft war feucht und schmeckte nach Erde. Der Pfarrer begann zu wanken. Raul fing ihn auf. Alles gut, Josef, nur noch ein kleines Stück. Sie liefen Schritte im Rücken, gedämpft, aber nah. Matthias Stimme tiefer, angespannt. Sie müssen durch irgendeinen Hohlraum. Sucht nach einer Öffnung. Ernst konterte: “Ihr findet nichts, aber sie haben keine zwei Ausgänge. Der zweite ist verschüttet. Wir haben ihn vor Jahren selbst.
Ein Abbruch, ein ersticktes Wort. Dann Stille, eine monstruöse, drückende Stille. Thomas sah Ros Vita an. Was meinte er damit? Die Kräuterfrau wich seinen Blick aus. Wir müssen weiter. Der Tunnel öffnete sich plötzlich in einen kleinen Raum, kaum größer als eine Abstellkammer. Vor ihnen eine massive Steinplatte, die wie ein schiefes Steintor gegen die Wand lehnte. Rosvita hob die Lampe.
Hier, der Ausgang nach oben. Raul hob eine Augenbraue. Sieht nach einem Grabstein aus. Ist es auch, sagte Roswita ruhig. Ein Alter, der nie beschriftet wurde. Aber dahinter führt eine steile Treppe hinauf, zu einem Schacht, der in einem Brombergebüsch endet. Wenn wir dort hinauskommen, sind wir fast am Waldrand.
Und wenn der Schacht eingestürzt ist? fragte Elena mit trockener Stimme. “Dann sterben wir hier drin, antwortete Rosvita schlicht. Hilf mir, Raul!” Gemeinsam stemmten sie sich gegen die Steinplatte. Sie bewegte sich kein Millimeter. Raul knirschte mit den Zähnen und warf sein ganzes Gewicht dagegen. Ein leises, dumpfes Rucken. Dann noch eines. Die Platte löste sich langsam, doch gleichzeitig hörte man im Tunnel hinter ihnen Schritte.
Eilige Schritte. Ernst? Ohne jede hast, aber unaufhaltsam. Und Matthias schneller, die Atmung lauter, aufgeregter. Dann eine dritte Stimme, eine, die Elena schaudern ließ. Hans Reisinger, der Polizist. “Wir haben sie”, sagte er tonlos. “Sie können nicht weit sein.” Raul stieß die Platte ein letztes Mal. Sie kippte mit einem lauten schleifenden Geräusch zur Seite.
Dahinter gähnte eine enge, steile Treppe. Grosvita hob die Lampe. Los, ich bleibe hinten. Wenn einer von uns aufgehalten wird, dann ich. Nein, flüsterte Elena sofort. Du hast uns hierher gebracht. Und ich bringe uns wieder hinaus, erwiderte Rosvita fest. Jetzt geh. Raul zog Elena hinauf auf die erste Stufe. Thomas half dem Pfahrer.
Rosvita hob die Lampe, bließ sie aus und in der Dunkelheit hörte man nur ihren letzten Satz. Beeilt euch, sie sind gleich hier. Schritte näherten sich schnell, viel zu schnell. Elena stieg die Treppe hinauf, doch hinter ihr hörte sie, wie Rosvita eine alte Eisenstange aufhob und sich der Dunkelheit entgegenstellte.
Dann das Dröhnen eines Schlages, ein Schrei, eine Stimme, die Elena nie vergessen würde. Rosvita, die rief: “Lauf!” und dann stille. Elena stolperte die letzten Stufen hinauf. Das Herz, einziger brennender Knoten. Hinter ihr halten dumpfe Schläge durch den Tunnel, der schreckliche Klang von Metall auf Fleisch, gefolgt von einem wütenden Schrei, den sie sofort erkannte.
Matthias, dann ein zweiter Laut, erstickt, kurz, endgültig und danach nur noch Stille. Eine Stille, die schwerer war als jeder Lärm. Rosvita hauchte Elena, doch Raul packte sie an der Schulter und zog sie weiter. Nicht stehen bleiben, wenn sie gestorben ist. Dann nur, um uns Zeit zu verschaffen.
Wir dürfen ihren Tod nicht verschwenden. Die Treppe wurde enger. Der Schacht schien die Luft zu ersticken. Elena musste sich mit Händen und Füßen nach oben drücken. Die Wände waren feucht und glitschig und ihre Finger verloren mehrmals den Halt. Hinter ihr keuchte der Pfarrer, jeder Atemzug, ein mühsamer Kampf.
Thomas stützte ihn von unten, während Raul voranging und immer wieder nach oben tastete. Der Geruch von kalter Erde wurde stärker, je näher sie dem Ende des Schachtes kam. Schließlich spürte Elena frische Luft, feucht, aber rein, frei. Raul drückte sich durch das Brombeergebüsch und die dornigen Ranken rissen ihm die Haut an den Armen auf. Dann schob er Elena nach draußen.
Der Wald empfing sie mit einer Mischung aus Farben und Schatten. Dunkle Baumstämme, der mildeere Flex des Mondes, der Geruch von Moos und kalten Wurzeln. Sie krochen nacheinander heraus und rollten sich in das Gestrüpp, das den Schacht umgab. Der Pfarrer wurde von Thomas und Raul hinausgehoben, keuchend, erschöpft.
Elena half ihm sich an einen Baumstamm zu lehnen. “Sind wir weit genug weg?”, flüsterte Thomas. Raul schüttelte den Kopf und wischte sich Schweiß und Erde aus dem Gesicht. “Nein, sie sind im Tunnel. Sie finden den Schacht, wenn sie nachdenken. Und Ernst denkt immer.” Als wollte der Wald selbst ihre Angst bestätigen, ertönte aus der Tiefe des Schachtes ein dumpfes Geräusch, Schritte, Stimmen.
Matthias rief wütend: “Finden jetzt!” Ernst antwortete ruhig, aber sein Ton war wie aus Stein gehauen. “Sie sind hier irgendwo. Sie können nicht weit sein. Sucht nach Blutspuren, nach Rissen im Gebüsch, nach allem.” Raul fluchte leise. Wir müssen uns bewegen, aber nicht auf einem offenen Pfad.
Ich kenne einen alten Waldarbeiterweg, der nicht mehr benutzt wird. Wenn wir den erreichen, sind wir vielleicht vielleicht außerhalb ihrer Jagdlinie. Elena half dem Fahrer auf und die Gruppe bewegte sich wieder vorwärts tief in die Dunkelheit hinein, die von den knorrigen Ästen über ihn zu einer Kathedrale aus Schatten geformt wurde. Der Boden war uneben, voller Wurzeln und Laub.
Der Himmel sah zwischen den Ästen aus wie ein zerbrochenes Spiegelstück, das nur Bruchstücke des Mondlichts hindurchließ. “Wie weit?”, fragte Elena. Raul deutete nach vorn. noch zehn Minuten, vielleicht weniger, wenn er brach ab. Ein Geräusch hatte ihn gestoppt. Ein Ast, der unter einem schweren Fuß brach, nicht hinter ihn, vor ihn.
Elena erstarrte das Herz wie ein gefrorener Stein. Nicht, flüsterte sie, nicht auch noch. Doch eine Gestalt trat aus dem Schatten der Bäume fast lautlos. Eine dunkle Silhouette, groß. breit mit einem Gesicht, das im Mondlicht auftauchte, wie ein Gespenst. Hans Reisinger, der Polizist. Sein Blick war leer, erschöpft, aber sein Körper spannte sich sofort, als er Raul erkannte.
“Ich wusste, dass ihr den alten Schacht nehmt”, sagte er heiser. Raul griff nach einem Ast, doch der Polizist hob die Hand. “Nein, nicht kämpfen, es ist vorbei.” “Was willst du?”, zischte Raul. uns ausliefern. Reisinger schüttelte langsam den Kopf. Ich will. Er brach ab. Seine Stimme zitterte.
Ich will, dass das ein Ende hat. Elena starrte ihn an. Was? Was meinen Sie? Hans senkte den Blick. Für einen Moment wirkte er nicht wie ein Verfolger, sondern wie ein gebrochener Mann. Ich konnte nie beweisen, was die Steinbergers tun. Ich wußte es. Jeder wußte es. Aber niemand, niemand überlebt lange genug, um es auszusprechen.
Thomas trat einen Schritt vor. Sie hätten uns festgenommen oder erschossen vor Stunden. Weil ich beobachtet habe, sagte Hans tonlos. Ich habe gesehen, wie ihr rennt, wie ihr kämpft, wie ihr diesem Wahnsinn entkommt. Und da da habe ich begriffen, dass ihr vielleicht das seid, was wir gebraucht haben.
Fremde, die nicht wissen, wen man hier nicht anfasst, die keine Angst haben, weil sie nicht verstehen, wovor man Angst haben muss. Ein bitteres Lächeln zuckte über sein Gesicht. Ich war feige, aber vielleicht kann ich meine Schuld mindern. Raul trat mißstrauisch näher. Wie? Hans hob die Hand und deutete auf einen anderen Pfad, der kaum als solcher erkennbar war. Dieser Weg führt zu einer alten Holzbrücke.
Dahinter ist eine Forstraße. Sie führt direkt nach Regensburg. Wenn ihr schnell seid, schafft ihr es. Ich halte sie auf, solange ich kann. Das ist Selbstmord, flüsterte Elena. Hans nickte leicht. Vielleicht, aber nicht so schlimm wie weiterleben und nichts tun. Dann hörten sie Stimmen. Ernst, Matthias, nicht weit entfernt.
Hans dreht sich um. Geht. Thomas griff Elena am Arm und zog sie mit sich. Raul stützte den Pfarrer und sie rannten den schmalen, kaum sichtbaren Fahrt entlang. Hinter ihnen hörten sie, wie Hans Reisinger den Verfolgern entgegenlief. Ein Wortwechsel, wütend, laut. Dann ein Schrei, ein zweiter. Stille. Elena lief weiter.
Ihr Atem brannte, ihre Beine waren schwer, als würden sie aus Blei bestehen. Doch sie rannten weiter durch den Wald, bis sie schließlich die alte Holzbrücke erreichten. Ein schwacher Lichtschimmer lag über der Forstraße dahinter. Leben, Freiheit, ein letzter Funke Hoffnung. Raul drehte sich um. Wir müssen ein Knacken, ein Ast, Schritte viel zu nah.
Ernst Steinberger trat aus der Dunkelheit, den Mond im Rücken, die Augen kalt wie Messer. Matthias war neben ihm, der Blick auf Elena gerichtet und ernst sagte nur zwei Worte: “End! Jetzt!” Ernst Steinberger stand auf der anderen Seite der alten Holzbrücke, als wäre er schon immer dort gewesen.
Unbeweglich, sicher wie ein Schatten, der den Wald selbst beherrschte. Mondlicht glitt über sein Gesicht, ließ die tiefen Falten wirken, wie eingeschnittene Linien eines uralten Totems. Matthias trat einen halben Schritt vor, sein Blick auf Elena geheftet. Kein Zorn, kein Triumph, nur ein kaltes, besessenes Funkeln.
Raul hob instinktiv die Axt, die er noch immer in der Hand hielt. Thomas packte die Kamera fester, als glaubte er, sie könne ihn schützen. Elena fühlte, wie ihre Beine nachgaben, doch sie stand. Der Pfarrer atmete schwer, hielt sich an einem Ast fest. Ernst hob die Hand und alles wurde still. Ihr habt uns viel Mühe bereitet”, sagte er ruhig, fast bedauernd.
“Drei gute Männer sind tot, die Hütte ist verbrannt, der Wald wimmelt von Spuren. Und jetzt?” Sein Blick glitt über jeden von ihnen. “Jetzt ist es genug.” Matthias zog etwas aus seiner Manteltasche. Kein Messer, sondern ein abgewetztes Fleischerbeil. Das Mondlicht reflektierte stumpf an der geschwärzten Klinge. “Vater”, fragte er.
Wen zuerst? Ernst antwortete nicht sofort. Sein Blick ruhte auf Elena, warm wie ein Grab. Die Lehrerin, immer die, die zu viel sehen. Raul stellte sich vor sie, die Axt erhoben. Über meine Leiche. Sehr gern, sagte Matthias kühl. Und dann geschah alles gleichzeitig. Matthias machte einen Schritt vor. Raul brüllte auf und stürzte sich auf ihn.
Ernst bewegte sich mit überraschender Geschwindigkeit, fast lautlos ein Schatten, der den Weg versperrte. Elena riß Thomas am Arm. Lauf! Doch wohin? Hinter ihnen lag der Wald. Sie kannten den Pfad, aber Matthias war schneller als jeder von ihnen. Ein Schrei zerriss die Luft. Raul und Matthias kollidierten wie zwei stürzende Bäume.
Das Beil glitt aus Matthias Hand, schlug klirrend auf die Brücke. Raul rammte ihn gegen ein Geländer, das unter der Wucht ächtzte. Ernst hob ein langes Jagdmesser. Die Klinge glimmte im Mond. “Zur Seite”, sagte er ruhig. “Es muss nicht schmerzhaft enden.” Thomas drängte den Fahrer zurück. Elena wich nach links aus, doch die Brücke war schmal. Das Geländer alt, Ernst trat näher.
Jeder seiner Schritte war beherrscht, gleichmäßig, unaufhaltsam. Der Klang des Kampfes zwischen Raul und Matthias halte durch die Nacht. Keuchen, Holzsplitter, ein dumpfer Schlag, dann ein Krachen, ein Splittern, ein entsetzter Aufschrei. Das Geländer brach. Beide Männer stürzten vom Brückenrand. Elena hörte das dumpfe Aufschlagen zweier Körper auf den Steinen unter ihnen.
Dann Stille, eine Stille, die wie ein Grabdeckel war. Raul, flüsterte Elena. Ihr Herz brach. Ernst sah nicht einmal nach unten. So endet es mit denen, die sich einmischen. Dann ging er weiter auf Elena zu. Thomas schob sich vor sie, die Kamera wie ein Schild. “Kommen Sie nicht näher”, warnte er. Ernst blieb stehen, nur einen Moment. Dann hob er das Messer.
Ein leiser Windstoß strich durch den Wald. Der Pfarrad trat vor, zitternd, schwer atmend. Ernst, bei allem, was heilig ist, du musst das nicht tun. Ernst wandte den Kopf langsam, als habe er eine Fliege gehört. Josef, du bist alt. Du weißt, wie unsere Welt funktioniert.
Ich weiß, dass du ein Mörder bist, sagte der Pfarrer mit brüchiger Stimme und dass du dich dafür vor Gott verantworten wirst. Ernst ging auf ihn zu. Gott, murmelte er, fast amüsiert. Gott hat hier nie etwas getan. Wir haben uns selbst geholfen. Wir haben überlebt, weil wir taten, was nötig war. Er hob das Messer.
Elena schrie: “Nein!” Doch bevor ernst den Pfarrer erreichte, geschah etwas Unerwartetes. Eine Stimme aus der Dunkelheit. Ernst, tief, rau, verletzlich, ernst erstarrte Matthias Stimme. Doch Matthias lag unten im Gebüsch. Dieser Ton kam nicht aus der Tiefe, er kam von rechts aus einer Senke am Waldrand und die Stimme klang falsch. Ernst drehte sich.
Matthias trat aus dem Schatten. Sein Gesicht verschmiert mit Blut, seine Kleidung zerrissen, aber seine Haltung aufrecht, seine Schritte fest. Elena sah, das war kein Matthias. Der Körper, die Bewegung, das Gesicht war spiegelgleich, aber die Augen, die Augen waren matt, leer, tot. Was? Flüsterte Thomas. Der echte Matthias lag unten an der Brücke.
Der Mann, der jetzt auftauchte, war nicht lebendig. Elena spürte, wie Kälte ihren Rücken hinaufkroch. Der Pfarrer stieß ein heiseres Flüstern aus. Mein Gott, ein Doppelgänger. Ernst riss die Augen weit auf. Zum ersten Mal sah Elena Angst in seinem Blick. Nicht du, nicht du. Der falsche Matthias trat näher.
Seine Haut wirkte blasser als beim echten, die Bewegung mechanischer. Und dann sprach erneut mit derselben Stimme, aber leer. Ernst, du hast gelogen. Ernst wich zurück. Ich habe getan, was nötig war, was unsere Familie brauchte. Du hast uns geopfert, sagte die Stimme. Uns. Deine eigenen. Thomas griff Elenas Hand. Das ist nicht
möglich. Das ist nicht. Doch ernst stolperte, fiel fast. Sein Messer glitt aus der Hand. Ich wollte überleben. Wir alle. Der falsche Matthias streckte die Hand aus, ein langsames, unerbittliches Greifen. Und plötzlich verstand Elena, das war kein Mensch, kein Geist, kein Dämon.
Es war ein Mann, den ernst getötet hatte, ein Bruder, ein Sohn, ein Verwandter, jemand, den er verarbeitet hatte und dessen Seele, dessen Echo, dessen Präsenz nicht verschwunden war. Ernst schrie auf, ein schriller, panischer Ton. Er drehte sich um und rannte in den Wald. Einfach rannte. Der falsche Matthias folgte ihm lautlos, Schritt für Schritt, wie ein Schatten, der endlich nach Hause kehrte.
Die Dunkelheit verschluckte sie beide und dann Stille. Elena wusste nicht, ob Ernst entkam oder ob der Schatten ihn irgendwann einholte. Sie würde es nie erfahren. Aber in diesem Moment gab es nur eines, überleben. Der Pfarrer sank auf die Knie, atmete schwer. Thomas starrte in die Dunkelheit. unfähig zu sprechen.
Dann sagte Elena mit fester Stimme, die sie selbst kaum wieder erkannte: “Wir gehen jetzt raus aus diesem Wald, raus aus St. Marinenfels, sofort!” Und niemand widersprach. Sie verließen die Brücke, ohne noch einmal zurückzuschauen. Niemand sprach, niemand wagte auch nur laut zu atmen.
Die Nacht schien dichter geworden zu sein, schwerer als laste der Wald selbst auf ihren Schultern. Elena ging voraus, den Pfarrer stützend. Thomas folgte dicht hinter ihn. Sein Blick flackerte unruhig in alle Richtungen, als erwarte er jeden Moment einen weiteren Schatten, eine weitere Unmöglichkeit.
Die Forstraße lag vor ihn wie ein blasser schmaler Streifen aus verdichtetem Sand, der sich durch das Dunkel schlängelte. Eine Schneise, die direkt in die Freiheit führen sollte oder in eine weitere Falle. “Wir müssen weiter”, sagte Elena leise. Ihre Stimme war rau und brüchig. “Ernst ist nicht der einzige, der noch lebt.” Raul war verschwunden, Rosvita tot.
Hans vermutlich ebenfalls, aber es gab noch zwei, vielleicht drei weitere Männer, die im Wald herumstreiften. Und diese Männer waren nicht wie ernst. Sie waren nicht gebrochen, nicht erschüttert. Sie waren Jäger, wie immer. Thomas schloss zu Elena auf. Wir schaffen das, wenn wir die Straße nur bis zum alten Forsthaus folgen. Dann ein lautes Knacken unterbrach ihn. Ein schwerer Ast, der unter einem Fuß brach.
Elena fuhr herum, das Herz hämmerte. Nichts, nur Dunkelheit. Dann ein zweites Knacken, dieses näher. Schneller, fauchte sie und zog den Fahrer weiter. Der Weg wurde breiter, doch der Wald schien enger zu werden, als würde er sich um sie schließen. Plötzlich blieb der Pfarrer stehen. Ich ich kann nicht mehr. Doch, sagte Elena fast streng.
Sie können noch ein kleines Stück. Der alte Mann hob den Blick zu ihr und in seinen Augen glomm ein Funken aus Schmerz und Stolz. Er nickte und ging weiter. Noch 50 Schritte, noch 40, noch 30 und dann ein Licht. Thomas sah es als erster. Ein gleißender, warmer Schein, der durch die Bäume brach.
Ein Auto mit eingeschalteten Scheinwerfern direkt auf der Straße. Elena hielt inne, die Brust eng, der Atem stockend. Wer? Thomas trat näher, blinzelte. Vielleicht jemand vom Forstdienst oder jemand, der uns such. Der Satz erstarb in Elenas Kehle. Eine Tür des Wagens öffnete sich, ein Arm hob sich, eine Gestalt stieg aus und Elena erkannte ihn sofort.
Matthias, der echte, der blutige, verletzte, aber lebende Matthias Steinberger. Er hinkte leicht, sein Gesicht war angeschwollen, seine Lippe aufgeplatzt. Der Sturz von der Brücke hatte ihn nicht umgebracht, nicht annähernd. Das Licht der Scheinwerfer verlie ihm eine gespenstische Silhouette. In der rechten Hand hielt er das Beil, in der linken eine Pistole.
Elena spürte, wie die Welt erneut ins Taumeln geriet. “Ich gebe euch eine Chance”, sagte Matthias. Seine Stimme war heiser, aber klar. “Gebt mir die Kamera, sonst tötet ihr den Fahrer mit eigenen Händen.” Thomas erstarrte die Kamera. Das einzige Beweismaterial, das sie hatten. Elena stellte sich vor Thomas. Du bekommst gar nichts.
Matthias sah sie lange an. Du bist stur, murmelte er. Wie Johannes Meindel. Elenas Herz blieb stehen. Was hast du mit ihm gemacht? Matthias lächelte. Es war kein Lächeln eines Menschen. Eher das Hochziehen eines Mundwinkels wie ein Reflex bei einem Raubtier. Nichts, was ich nicht schon bereut hätte. Kurz, sehr kurz.
Thomas hob die Kamera schützend höher. “Wenn du uns töten wolltest, hättest du es längst getan.” “Oh ja”, sagte Matthias leise. “aber jetzt habe ich einen Grund, es langsam zu tun.” Elena spannte sich, bereit zu rennen, zu kämpfen, zu sterben. Alles war besser als aufgegeben zu werden. Der Pfarrer flüsterte. Matthias, bitte.
Matthias richtete die Pistole auf ihn. “Halt den Mund. Und genau in diesem Moment geschah etwas, das niemand von ihnen erwartet hatte. Ein zweites Geräusch, etwas, das sich durch die Stille schnitt wie ein Messer durchsehen. Das leise, scharfe Klicken eines Gewehrs, das entsichert wird von hinten.
Elena fuhr herum und sah am Rand der Forstraße eine weitere Gestalt. Dunkle Silhouette, großer Körper, feste Haltung, die Waffe erhoben. Runter mit der Waffe Bursche. Die Stimme war tief, alt, trocken wie altes Holz. Ein Mann trat ins Licht. Ein Jäger, ein echter Jäger, nicht wie die Steinbergers. Eine grüne Lodenjacke, ein breiter Hut, grauer Bart, in den Armen ein Jagdgewehr.
“Ich habe das Feuer im Wald gesehen”, sagte der Mann. Dann habe ich euch gehört und dann habe ich den Wagen gefunden und das Blut. Viel Blut. Matthias zuckte kaum merklich. Das geht dich nichts an. Der Jäger verzog kurz das Gesicht. Wenn Fremde im Wald sterben sollen, geht es mich sehr wohl etwas an. Matthias hob die Pistole. Alter Mann, ich der Jäger lächelte schmal.
Nicht alter Mann. Ich bin Konrad Ruprecht, Revierförster dieser Gegend seit über 40 Jahren und du bist nur ein Metzgersohn mit zu viel Blut an den Händen. Eine Sekunde lang standen der Jäger und Matthias einander gegenüber. Zwei Welten, zwei Männer, zwei Waffen, dann ein Schuss, laut, hart, überwältigend. Elena schrie auf und duckte sich reflexartig. Thomas warf sich über den Pfarrer.
Matthias wurde zurückgerissen. Sein Körper schleuderte gegen die Stoßstange seines Wagens. Die Pistole fiel ihm aus der Hand. Er blieb liegen, regungslos. Elena wusste nicht, ob er tot war. Konrad kam näher, das Gewehr noch erhoben. “Schnell”, sagte er. “Alle in den Wagen. Sofort. Aber Matthias”, stammelte Elena.
Wir kümmern uns später um ihn”, sagte Konrad hart. “Er lebt oder nicht, ist jetzt egal. Ihr müsst aus diesem Wald, ich fahre euch.” Thomas half dem Fahrer in den Wagen. Elena stieg ein, zitternd, unfähig zu glauben, dass plötzlich jemand auf ihrer Seite war.
Konrad setzte sich ans Steuer, drehte den Schlüssel, der Motor brummte kraftvoll auf. Festhalten, wenn die anderen Steinbergers noch leben, kommen sie bald nach. Der Wagen setzte sich in Bewegung, holperte über die Forstraße, wurde schneller, wurde zum rettenden Pfeil durch die Nacht. Hinter ihn blieb der Wald zurück und alles, was darin lebte oder nicht lebte. Elena presste die Stirn ans Fenster.
“Wir, wir haben es geschafft.” “Noch nicht”, sagte Konrad. “Aber wir sind verdammt nah dran. Der Weg nach Regensburg lag vor ihn, doch die Schatten von St. Marinfels waren noch nicht verschwunden. Der Wagen raste durch die nächtliche Forstraße. Die Scheinwerfer schnitten helle Schneisen in die dunklen Stämme der Fichten. Elena saß auf dem Rücksitz.
Der Pfarrer lehnte schwer an ihrer Schulter, erschöpft, aber am Leben. Thomas hielt die Kamera im Schoß, als wäre sie ein heiliges Relikt. Konrad Ruprecht steuerte mit der Ruhe eines Mannes, der den Wald besser kannte als seine eigene Stube. Doch seine Augen zuckten immer wieder in den Rückspiegel. “Noch ein paar Minuten”, murmelte er.
“Dann kommen wir an die Landstraße. Dort können sie uns nicht mehr erwischen.” “Wird Matthias uns verfolgen?”, fragte Thomas Heiser. Konrad schnaubte. Wenn er den Schuss überlebt hat, hat er andere Sorgen. Und wenn nicht, dann hat er seine Strafe früher bekommen als gedacht. Elena spürte, wie der Pfarrer zitterte. “Ernst”, flüsterte er.
“Ernst läuft frei herum.” “Und was mit dem?” “Mit dem anderen war.” “Der andere”, sagte Konrad ernst, ohne den Blick von der Straße zu wenden, “war keine Kreatur, die ihr ein zweites Mal sehen werdet. Manche Dinge im Wald bleiben. Einmalers Erscheinungen. Elena schauderte. Sie wollte antworten, aber sie wußte, daß keine von ihnen beruhigend sein würde. Plötzlich ein Licht.
Fern, aber deutlich, Scheinwerfer. Ein Auto näherte sich ihnen von vorn. Konrad bremste nicht. Bleibt ruhig. Das ist vielleicht ein normaler Wagen, vielleicht jemand vom Forstdienst oder ein Bauer aus dem Nachbardorf. Doch als das Auto näher kam, erkannte Elena die Form, einen dunklen Transporter. Alt, bekannt, zu bekannt.
Der Metzgerwagen hauchte sie. Konrad zog scharf am Lenkrad. Verdammt. Der Transporter beschleunigte. Die beiden Fahrzeuge rasten direkt aufeinander zu. “Haltet euch fest”, brüllte Konrad. In letzter Sekunde riß er den Wagen in einen Hohlweg neben der Straße. Der Wald rauschte an ihnen vorbei. Zweige schlugen gegen die Türen. Der Wagen schrammte knapp an einem Baum vorbei.
Hinter ihnen jagte der Transporter vorbei, quietschte, stoppte und begann rückwärts zu setzen. “Sie haben uns gesehen”, keuchte Thomas. “Wer fährt? Ernst oder einer der anderen? Ist egal.” Konrad drückte das Gaspedal durch. Der Wagen schoss durch den Hohlweg. Der Boden war uneben, voller Wurzeln. Der Pfarrer stöhnte leise vor Schmerz. Nicht mehr lange, nicht mehr lange.
Doch der Hohlweg endete abrupt. Vor ihnen erhob sich eine steile Böschung, fast 2 m hoch, mit moosbedeckten Steinen. “Verdammt!”, fluchte Conrad, “Wir müssen raus zu Fuß.” Hinter ihnen kam der Transporter näher. Elena hörte Motorengrüll, das Knacken von Ä. “Sie fahren in den Hohlweg”, rief Thomas.
“Sie stecken gleich fest, aber wir auch.” Konrad sprang aus dem Wagen, lut sein Gewehr nach und deutete auf die Böschung. “Hoch mit euch! Ich halte Sie auf.” “Sie sind verrückt!”, rief Elena. “Sie sind allein. Ich bin Förster. Verdammt, ich kenne diese Gegend seit vier Jahrzehnten und ich kann schießen.
Los jetzt! Thomas half dem Pahrer aus dem Wagen, während Elena den Moosboden packte und sich nach oben zog. Ihre Hände rutschten ab, aber sie schaffte es einen Vorsprung zu greifen. Thomas schob den Pfarrer hinauf. Elena griff nach seinem Arm, zog ihn, bis er über die Kante rutschte. Der Pfarrer keuchte, doch er lebte. Thomas sprang hinterher. Konrad stand unten, das Gewehr im Anschlag.
Der Metzgerwagen raste in den Hohlweg. Zu schnell, zu schwer. Die Reifen drehten durch, Schlamm spritzte. Die Unterseite krachte gegen Steine. Das Fahrzeug blieb stecken. Die Fahrertür öffnete sich. Eine massive Gestalt sprang heraus. Es war ernst. Sein Gesicht war verzerrt, Blut verschmiert, die Augen glüht vor kalter Raserei.
Er hatte kein Messer mehr, kein Werkzeug. Er brauchte es nicht. Er war eine Waffe. Konrad zielte. Ernst rannte ein Sch. Der Knall halte zwischen den Bäumen wieder. Ernst zuckte, taumelte, blieb stehen. Wenn er getroffen war, zeigte er es nicht. “Konrad!” schrie Elena von oben. “Kommen Sie bitte.” Ernst bewegte sich weiter, Schritt für Schritt, als wäre der Schuss nur ein Insekt gewesen, das ihn gestört hatte. Konrad atmete schwer. Geht, ich komme nach.
Nein, brüllte Elena, doch ernst sprang. Con Konrad feuerte erneut. Der Schuss traf ihn diesmal eindeutig in die Schulter. Blut spritzte, ernst fiel und riss Konrad mit sich. Beide stürzten in den Schlamm. Ein wilder Kampf begann. Hände wie Schraubstöcke, Atem wie Raserei. Erde flog. Konrads Gewehr wurde weggestoßen.
Elena wollte hinunter springen, doch Thomas packte sie. “Nein, dann sterben wir alle. Er hilft uns”, schrie sie. “Er stirbt für uns. Und wenn du runtergehst, war alles umsonst.” Elena fühlte, wie ihre Welt in sich zusammenbrach. Unten im Hohlweg lag Konrad am Boden. Ernst kniete über ihm, die Hände an seinem Hals, langsam, unausweichlich.
Elena schrie. Der Pfarrer betete. Thomas zog sie weg. Wir können nichts tun, keuchte er. Wir müssen nach Regensburg. Wir müssen die Fotos sichern. Ernst drückte weiter zu. Konrads Hände zuckten, dann wurden sie still. Ernst richtete sich auf, langsam wie etwas, das nicht sterben konnte, das nur Töter wird, wenn man versucht, es aufzuhalten.
Sein Kopf drehte sich hoch, direkt zu ihnen. Elena sah ihn an und in seinem Blick lag etwas, dass sie nie vergessen würde. Nicht Hass, nicht Wut, sondern Hunger. Reiner, stiller Hunger. Thomas riss sie vom Böschungsrand weg. laufen. Der Pfarrer wurde hochgerissen und sie rannten, rannten durch den Wald, der plötzlich nur noch aus Schatten und Panik bestand.
Hinter ihnen ertönte ein Geräusch, ein schwerer Schritt, dann ein zweiter, dann ein dritter. Ernst war wieder unterwegs. Er kam und sie hatten kaum noch Kraft. Doch vor ihnen ein Licht, fern, schwach, ein Wegweiser, ein Schild. Und dahinter der Asphalt der Landstraße, eine Chance, eine letzte. Und der Wald atmete hinter ihnen. Der Asphalt glänzte im bleichen Mondlicht wie eine nasse Schlangenhaut.
Elena stolperte aus dem Wald heraus, zog den Fahrer mit sich, während Thomas hinter ihnen her hechtete. Ihre Beine fühlten sich an wie zwei glühende Stäbe. Jeder Atemzug brannte in der Brust, doch sie wagten es nicht anzuhalten, nicht einmal, um sich umzusehen. Hinter ihnen knackte es. Ein Ast brach. Ein schwerer Schritt folgte.
Ernst Steinberger kam näher, nicht schnell, nicht hetzend, sondern so wie ein Mann, der weiß, daß sein Sieg unausweichlich ist. Weiter! Keuchte Thomas. Weiter! Weiter. Elena sah das Schild vor sich. Regensburg, 8 km, 8 km zu Fuß. Nach einer Nacht voller Schrecken. Unmöglich, aber die Straße war offen.
Keine Wagen, keine Menschen, nur die Hoffnung, dass irgendwann jemand vorbeikommen würde. Irgendjemand. Wir müssen ein Auto anhalten, jabste Elena, oder ein Motor. Ein fernes, dumpfes Brummen, das durch die Nacht vibrierte. Elena wirbelte herum. Scheinwerfer tauchten die Straße hinter ihnen in ein gleißendes Licht.
Ein Fahrzeug näherte sich schnell, ein Geländewagen, höher, breiter, stärker als alles, was die Steinbergers bisher benutzt hatten. “Winkt!”, rief Thomas. Elena hob beide Arme, fuchtelte verzweifelt. “Halt, bitte, halten Sie an!” Das Auto kam näher, langsamer, breiterte sich zu einem tiefen Dieselmotorgrummeln aus. Der Wagen stoppte wenige Meter vor ihn.
Die Tür ging auf. Eine Frau stieg aus, groß, schlank, in ziviler Kleidung, aber mit der Haltung einer Person, die an Befehle gewohnt war. “Was zum Teufel passiert hier?”, fragte sie und musterte ihre Gesichter. Elena stammelte: “Bitte helfen Sie uns. Jemand verfolgt uns. Er will uns töten.” Die Frau hob die Hand. Beruhigen Sie sich.
Ich heiße Hauptkommissarin Verena Stahl, Kriminalpolizei Niederbayern. Ich habe einen Funkspruch über ein Feuer im Wald bekommen und dann Ihr Blick glitt über die drei völlig erschöpften Menschen. Steigen Sie ein sofort. Elena und Thomas halfen dem Fahrer auf den Rücksitz des Wagens. Verena wollte gerade einsteigen, als Elena hinter ihr einen Laut hörte, einen schweren Schritt und noch einen. Sie erstarrte. Frau Stahl.
Verena drehte den Kopf und sah ihn. Ernst Steinberger stand am Waldrand. Sein Hemd war zerrissen, seine Schulter blutete, sein Gesicht war aschfahl und trotzdem war er aufrecht, unaufhaltsam, ein Mann, der längst hätte tot sein müssen und trotzdem aus purer Entschlossenheit weiterging. Verena griff nach ihrer Hüfte, nach einer Pistole. Stehen bleiben. Polizei.
Ernst blieb nicht stehen. Er kam näher, langsam. Seine Augen fixierten nicht die Polizistin, sondern Elena, als hätte alles andere keine Bedeutung. Verena spannte den Hahn der Waffe. Ich warne sie. Noch einen Schritt. Ernst blieb abrupt stehen. Ein langes, schweres Schweigen hing in der Luft. Dann hob er die Hände langsam.
Er gehört uns”, murmelte er mit heiserer Stimme und zeigte Waage auf den Pfarrer. “Er kennt zu viel.” “Hände über den Kopf”, schrie Verena. Ernst tat es. Ein Lächeln glitt über seine Lippen. Ein kaltes dunkles Lächeln. Verena näher. “Waffe fallen lassen”, sagte sie scharf.
Ernst hatte keine Waffe, keine sichtbare jedenfalls. Doch er hatte seine Hände, seine Kraft und seine Entschlossenheit. Letzte Warnung! Schrie Verenack und murmelte einen Satz, der Elena das Blut gefrieren ließ. Gott wird uns vergeben, Frau Kommissarin, sie nicht.” Und er sprang. Verenackte ab. Drei Schüsse halten durch die Nacht. schnell, präzise.
Ernst wurde zurückgerissen, sein Körper knickte ein, fiel zuerst auf die Knie, dann nach vorne in den Staub der Straße. Ein dumpfes, endgültiges Geräusch. Elena schrie auf, rannte unwillkürlich vor, bis Thomas sie zurückhielt. Warte. Verena vorsichtig zu ernst reglosem Körper, die Pistole noch immer auf ihn gerichtet. Bleiben Sie, wo Sie sind. befahl sie, ohne die Augen vom Leichnam zu lösen. Ernst lag still.
Der Brustkorb hob sich nicht. Sein Blut lief in einem dünnen Rinsaal über den Asphalt. Verena hockte sich hin, fühlte nach seinem Puls: “Nichts.” Sie richtete sich auf. “Er ist tot.” Elena sank auf die Knie. Sie wustete nicht, ob sie weinen wollte oder schreien. Vielleicht beides.
Ist es vorbei? fragte der Pfarrer mit schwacher Stimme aus dem Wagen. Verena wandte sich ihnen zu. “Nein”, sagte sie hart. “Nicht einmal ansatzweise. Ich habe Funkstille seit Stunden. Der Postbeamte, der das Feuer meldete, ist verschwunden. Zwei lokale Streifen fehlen und ein ganzer Ort scheint verrückt geworden zu sein.” Sie musterte Elena und Thomas streng.
“Ich will alles wissen. Und zwar jetzt.” In wenigen atemlosen Sätzen berichteten sie alles. Vom ersten Verdacht, von Johannes Meindels Notizen, von den nächtlichen Vorgängen in der Metzkerei, von den Fluchten, dem Blut, den Toten, den Fotos und schließlich von Ernst und Matthias.
Verena hörte zu, wortlos, bewegte sich kaum, nur ihre Augen wurden dunkler, tiefer. Wenn das stimmt, sagte sie schließlich leise. Dann sprechen wir von einem Fall, der größer ist als jeder Serienmord der letzten 20 Jahre. Sie sah Thomas an. Die Kamera. Thomas zögerte nur eine Sekunde. Dann reichte er sie ihr. Es ist alles drauf. Verenackte. Gut, sehr gut. Dann sah sie Elena an.
Sie fahren jetzt mit mir nach Regensburg unter Polizeischutz. Ab sofort, bis ich Verstärkung rufe, rühren wir den Ort nicht an. Elena nickte schwach. Endlich, endlich. Hilfe, Sicherheit, Zivilisation. Doch kaum saßen sie im Wagen, geschah etwas, das niemand von ihnen erwartete. Aus dem tiefen Schwarz des Waldes ertönte ein Laut.
Kein Schrei, kein Knacken, kein menschliches Geräusch, sondern ein tiefes, unnatürliches, kehliges Stöhnen, als würde etwas Schweres durch den Wald gezogen, als würde etwas lebloses gehen oder kriechen. Verena drehte sich langsam um. Was war das? Elena wußte es, auch wenn sie sich selbst nicht glaubte. Das war nicht ernst. Der Motor brüllte auf.
Verena trat das Gaspedal durch und der Wagen raste in die Nacht weit weg von St. Marienfels. Doch nicht weit genug, noch nicht. Der Geländewagen raste durch die Nacht und die Scheinwerfer rissen die Landstraße in grellweiße Fragmente. Elena klammerte sich an den Griff über der Tür, unfähig, den Blick von den Rückspiegeln abzuwenden. Sie erwartete jeden Moment, eine Gestalt auf der Straße zu sehen.
Ein Schatten, etwas Unmögliches, etwas, das nicht hätte leben dürfen. Doch die Straße blieb leer. Nur der Wald rauschte vorbei. Dunkel, unruhig. Wach! Hauptkommissarin Verena Stahl sprach ins Funkgerät. Hier ist Stahl. Ich fordere sofort Verstärkung an. Wir haben einen Tatverdacht auf Serienmord. Level 5. Möglicherweise Komplizennetzwerk.
Drei Zivilpersonen bei mir, eine schwer verletzt. Verdächtiger Ernst Steinberger neutralisiert. Weitere Täter vermutlich bewaffnet und flüchtig. Nur Rauschen kam aus dem Funkgerät. Dann ein abgehacktes Knacken. Verbindung instabil. Wiederholen Sie. Verena knirschte mit den Zähnen. Verdammt, der Wald blockt die Frequenz. Oder jemand anderes flüsterte Thomas.
Irgendwas. Der Pfarrer stöhnte leise. Ich fühle mich benommen. Elena hielt seine Hand. Nur noch ein paar Minuten. Dann sind wir in Sicherheit. Dann sind wir endlich ein Schattenglitt über die Straße. Kein großer, kein menschlicher, eher ein schämenhafter Ruck im Lichtkegel, ein Umriss, kurz, dann verschwunden.
Der Wagen zuckte leicht zur Seite, als Verenaiv auswich. “Was war das?”, rief Thomas. “Ein Reh?” “Ein Hund?” “Nichts, worüber wir jetzt reden sollten,” sagte Verena knapp. Doch Elena sah ihr Profil, die Spannung in den Kieferknochen, die Verhärtung ihrer Schultern. Sie hatte es auch gesehen und sie glaubte nicht an ein Tier.
Die Lichter von Regensburg tauchten endlich am Horizont auf. Zuerst schwach, dann stärker, warmes Gold über der kalten Nacht. Elena fühlte, wie ihr Herz erstmals seit gefühlten Ewigkeiten ruhiger schlug. Gleich” flüsterte sie, “gleich sind wir raus aus diesem Albtraum. Doch plötzlich ein Zucken des Motors, dann ein Krachen. Der Wagen schlingerte.
“Was zum”, rief Verena und riss das Lenkrad herum. Ein dumpfer Schlag. Der Geländewagen sprang, rutschte über den Asphalt und kam schließlich auf dem Seitenstreifen zum Stehen. Rauch stieg aus der Motorhaube auf. “Reifen durchschossen?”, fragte Thomas panisch. Verena sprang aus dem Wagen. Bleibt hier.
Elena öffnete dennoch die Tür ein Stück, um Luft zu bekommen. Der Pfarrer röchelte. Thomas atmete schnell und hart. Die Kälte kroch ihnen von unten in die Beine. Verena kniete vor der Motorhaube, leuchtete mit ihrer Taschenlampe. “Nicht durchschossen”, murmelte sie. Irgendetwas ist dagegen geflogen. Ein schwerer Treffer, ein Stein, ein Ast. Von vorne fragte Elena auf der Straße.
Sie sah über die Leitplanke in die Bäume. Dunkelheit, kein Wind, kein Geräusch, nichts. Und genau dieses nichts war schlimmer als alles zuvor. Kommissarin Stahl, flüsterte Elena. Bitte kommen Sie zurück ins Auto. Verena richtete sich auf. Wir rufen sofort Verstärkung. Vielleicht erreicht diesmal ein Funkspruch die Zentrale.
Sie griff nach dem Funkgerät. Hier ist Stahl. Wir sind auf der Bundesstraße 485 in Höhe Kilm 52. Unser Fahrzeug ist manövrierunfähig. Wir benötigen Krech. Ein langer, tiefer Ton, wie ein Kratzen, als würde etwas Großes über Metall schleifen. Elena fuhr herum. Was war das? Thomas hielt die Kamera wie ein Schutzschild. Der Pfarrer öffnete schwach die Augen. Nicht, nicht wieder.
Verena ihre Pistole, ging langsam um den Wagen herum. Im Auto bleiben sagte sie. Schließen Sie die Türen. Elena wollte gehorchen. Wirklich? Doch etwas hielt sie zurück. Ein Gefühl, eine Ahnung, eine Präsenz. Dann ein Laut, nicht laut, nicht menschlich, ein tiefes Knacken, ein Ruckeln, ein Scharren über dem Dach des Wagens. Langsam, zu langsam.
Er ist tot, rief Thomas, als wolle er es sich selbst einreden. Ernst ist tot. Elena spürte, wie ihr Herz raste. Das Geräusch bewegte sich vom Dach zur Motorhaube. Ein Schatten huschte über die Frontscheibe und da sah sie es. etwas, eine Gestalt, nicht klar, nicht vollständig, bewegte sich wie etwas, das nicht wusste, wie man einen Körper führt, wie etwas, das nur erinnerte, wie man lebt.
Verena feuerte sofort. Ein Schuss, dann ein zweiter. Glas splitterte, ein Aufschrei, nicht von der Kreatur, sondern von Thomas, der sich schützend über den Fahrer warf. Elena duckte sich. Das Ding glitt vom Wagen, verschwand im Dunkel. “Was war das?”, schrie Thomas. “Ein Mensch war das nicht?” Verena stand mit ausgestreckter Waffe da, atmete flach. “Egal was es war, es ist weg. Wir gehen zu Fuß weiter.
Regensburg ist nur noch einige Minuten entfernt. Wir bleiben zusammen. Dich zusammen. Sie half dem Pfarrer aus dem Wagen. Thomas stützte ihn rechts, Elena links. Verena ging voran, die Pistole erhoben. Schritt für Schritt entfernten sie sich vom ausgefallenen Fahrzeug. Hinter ihnen lag der Wald, vor ihnen die Stadt.
Leben, Menschen, Ordnung. Sie hatten es fast geschafft. Doch dann ein letztes Geräusch. Tief, heiser, kein Laut eines Menschen, kein Laut eines Tieres, sondern etwas dazwischen. Ein gebrochener Rest von Stimme, ein Echo, ein verzerrtes Elena. Elena blieb stehen. Verena packte sie, flüsterte scharf, nicht hinschauen.
Aber Elena sah in die Dunkelheit, auf die Straße und dort, wo der Wald begann, stand etwas. Nicht Ernst, nicht Matthias, nicht irgendeiner der Männer, sondern eine Gestalt, die aussah wie ein Schatten aus einem anderen Leben. Groß, verzerrt, unvollständig. Die Konturen waberten, als bestünden sie aus Nebel und Fleisch zugleich.
Die Augen, zwei glühende Punkte, kein Zorn, kein Hunger, nur Fixierung auf sie. Elena fühlte einen Klos im Hals, der sie wirkte. “Was bist du?”, hauchte sie. Die Gestalt bewegte sich einen Schritt vor. Nicht schnell, nicht drohend, einfach existierend. Verena Elena zurück. Genug. Wir gehen jetzt. Und sie ging stolpernd, zitternd.
Die Lichter von Regensburg wurden heller, klarer, fester. Menschenstimmen tauchten auf, Autos, Geräusche der Zivilisation. Und langsam, sehr langsam blieb der Schatten zurück. beobachtete schweigend und verschwand schließlich im Dunkel des Waldes. Erst als sie die ersten Häuser erreichten, brach Elena zusammen. Verena fing sie auf. “Es ist vorbei”, sagte die Kommissarin. “Sie sind sicher.
” Doch Elena wusste es tief in ihrem Herzen. In dem Wald von Sttarienfels ruhte etwas, das nicht sterben konnte. Etwas, das von den Taten der Steinbergers geboren worden war. Etwas, das noch nicht fertig war. Und sie wußte, manche Geschichten enden nicht. Sie warten nur. M.