„Wir verlieren unsere Kinder“: Wie Frankreichs politische Elite den Drogenkrieg der Mafia 30 Jahre lang leugnete – und die Konsumenten die Munition finanzieren

„Wir verlieren unsere Kinder“: Wie Frankreichs politische Elite den Drogenkrieg der Mafia 30 Jahre lang leugnete – und die Konsumenten die Munition finanzieren
Der Ruf des Generalstabschefs der französischen Streitkräfte an die Bürgermeister, die Bevölkerung auf einen künftigen Krieg vorzubereiten, löste eine Schockwelle aus. Doch für Linda Kebbab, Polizistin und Nationalsekretärin der Polizeigewerkschaft Unité Police, ist diese Debatte eine gefährliche Ablenkung von der eigentlichen existenziellen Krise. Die harte Realität, so Kebbab, sei: „Wir sind bereits ein bisschen im Krieg“.
Dieser Krieg tobt nicht an den Grenzen zu Russland, sondern mitten in Frankreich – in den Städten und Vierteln. Er wird geführt vom organisierten Verbrechen und dem Narkotrafic, der sich zu einer existenzbedrohenden Macht im Land entwickelt hat. Die Polizistin, die das politische Denken von Jahrzehnten durchbricht, konstatiert eine bittere Wahrheit: Frankreich verliert bereits seine Söhne und Töchter im Drogenkrieg. Der Fall des jungen Médhi Kessassi, der den Traum hatte, Polizist zu werden, aber von den Drogenkartellen in Marseille ermordet wurde, während sein Bruder selbst gegen den Drogenhandel kämpft, ist für Kebbab ein beunruhigendes Symbol für das, was im Land „ins Wanken gerät“.
Die Illusion des „Sozialen Friedens“
Die dramatische Situation sei nicht einfach über Frankreich hereingebrochen, sondern das Resultat einer „freiwilligen Beiseiteschiebung“ dieses Problems durch die politische Klasse über 30 Jahre hinweg. Diese Ignoranz gipfelte in einer gefährlichen politischen Kategorisierung: Wer von Unsicherheit sprach, wurde von Teilen der Politik in die „faschistische, extremistische, alarmistische“ Ecke gedrängt, was eine ehrliche Debatte lange Zeit verhinderte.
Linda Kebbab enthüllt in dem Interview einen schockierenden Mythos, der lange Zeit die Arbeit auf der Straße prägte: Die Polizei wurde dazu angehalten zu glauben, dass die Drogenkriminalität zur „sozialen Befriedung“ beitrage. Die Logik war zynisch: Ein „stiller Deal-Punkt“ sei besser als offene Strassenkriminalität. Polizeibeamte auf der Straße bestätigten die inoffizielle Regel, dass die Drogenhändler die Jugendlichen davon abhielten, Diebstähle und Übergriffe auf offener Straße zu begehen – sie übernahmen damit faktisch die Ordnungsmacht dort, wo der Staat versagte. Sie ließen lieber einen ruhigen Drogen-Hotspot zu, als offene Jugendkriminalität zu riskieren, die die Kriminalitätsstatistiken nach oben getrieben hätte.
Dies war der Moment, in dem die Mafia erstarken konnte.
Die Mafia als Ersatzstaat
Die Kriminellen in Frankreich kopieren heute die Strategien, die Roberto Saviano in seinem Werk Gomorra für die italienische Mafia beschrieb: Sie übernehmen die soziale Rolle des Staates. Um sich die öffentliche Meinung und die Bewohner der Viertel gefügig zu machen, bezahlen sie Mieten, reparieren Aufzüge, leihen Familien Geld.
Dieser „Ersatzstaat“ verschafft den Kartellen Akzeptanz und eine perfekte Tarnung. Gleichzeitig rekrutieren sie bereits Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren als „Wächter“ mit für ihre Verhältnisse beträchtlichen Summen. Für Kebbab ist die Parallele zum Terrorismus „nicht übertrieben“, da die organisierte Kriminalität eine Struktur geschaffen hat, die den staatlichen Zugriff systematisch untergräbt und korrumpiert. Durch die Übernahme sozialer Funktionen gewinnen die Drogenhändler die Bewohner der Viertel für sich, was es der Polizei noch schwerer macht, dort effektiv zu ermitteln und die Netzwerke zu zerschlagen.
Das Dilemma der Korruption und das Versagen der Verwaltung

Korruption in der Justiz, in den Rathäusern und auch in der Polizei selbst existiert, doch Linda Kebbab relativiert die medial aufgebauschte Zahl. Bei einer Gesamtheit von über 260.000 Polizisten und Gendarmen im Land sind die etwa 30 Fälle pro Jahr zwar eine Verdopplung, aber statistisch marginal und kein Massenphänomen.
Das Problem sei vielmehr ein „schwacher Staat“, dessen innere Schwäche den Nährboden für Gier und die „Lust am Gewinn“ bildet, die einzelne Beamte korrumpierbar macht. Anstatt diese Gefahr konsequent zu bekämpfen, kritisiert Kebbab die administrative Kultur innerhalb der Polizei. Sie beobachtet, dass die Verwaltung eher bereit ist, eine Polizistin zu sanktionieren, die aus persönlichem Interesse (z. B. Überprüfung eines neuen Freundes) Polizeiakten einsehen, als jene, die tatsächlich in Korruptionsfälle verwickelt sind. Der Grund ist einfach: Die Verwaltung zieht es vor, „den Staub unter den Teppich zu kehren“, um Skandale zu vermeiden, anstatt sich mit den unbequemen Wahrheiten der inneren Schwäche auseinanderzusetzen.
Die falsche Strategie: Der Trugschluss der „Zahlenspiele“ und der Armee
Inmitten des eskalierenden Drogenkriegs kritisiert Linda Kebbab die „Reden, Ankündigungen und Show-Effekte“ der Politik scharf. Der Kern des polizeilichen Versagens liegt laut ihr in der Strategie:
-
Politik der Zahlenspiele: Die Konzentration auf eine starke polizeiliche Präsenz auf offener Straße führt zu vielen kleinen Festnahmen (z. B. wegen 10 Gramm Drogen). Diese „Politik der Zahl“ lässt die Gerichte erstarren und bindet die Kräfte, während sie große Netzwerke unberührt lässt. In den Excel-Tabellen der Statistik zählt die Festnahme wegen 10 Gramm dasselbe wie die Zerschlagung eines Netzes von 10 Tonnen – ein absurder Paradigmenfehler.
-
Mangel an Ermittlern: Es fehlen schätzungsweise 2.500 Ermittler, die für die Demontage der Netzwerke notwendig wären. Dies sei der eigentliche Schwachpunkt der französischen Polizei.
-
Show-Operationen: Operationen wie die sogenannten „Opérations Placettes“ in Marseille sind reine „Schaustellerei“. Sie verdrängen die Drogenhändler nur um 200 Meter und sind kein „Arbeit im Hintergrund“, die das Fundament der Kriminalität bekämpfen würde.
Die Polizistin wendet sich mit Vehemenz gegen die Forderung von 72 % der Franzosen, den Ausnahmezustand zu verhängen und die Armee in die Viertel zu schicken. Dies sei eine „schlechte Idee“, weil:
-
Die Streitkräfte sind nicht für die Wiederherstellung der inneren Ordnung ausgebildet und müssten Situationen lösen, für die sie nicht trainiert sind.
-
Es wäre eine „Beleidigung“ der Polizeikollegen, die in kriegsähnlichen Situationen ihre Pflicht tun.
-
Die Mafia erhielte die ideale Fotogelegenheit, um die Bevölkerung zu beeinflussen: „Panzer gegen die Bewohner der Viertel“.
Kebbab plädiert stattdessen für 3.000 Polizisten und 3.000 Sozialpädagogen, die die Viertel und ihre Bewohner genau kennen, anstatt 3.000 Soldaten, die außerhalb der Wohnblöcke patrouillieren.
Die unbequeme Wahrheit: Die Schuld der Konsumenten
Die Polizistin teilt Emmanuel Macrons Kritik, dass die „kleinen Bourgeois“, die Drogen in den Vierteln kaufen, die Drogenhändler finanzieren. Es ist eine unumstößliche Regel des Handels: Keine Nachfrage, kein Angebot.
Linda Kebbab geht jedoch noch weiter und richtet eine unmissverständliche Botschaft an alle Konsumenten: „Ich akzeptiere die Leute nicht, die sagen, man darf den Konsumenten nicht Schuldgefühle machen. Doch, doch, man muss dem Konsumenten Schuldgefühle machen“.
Jede gekaufte Hasch-Barrette ist eine „Münze in die Spardose, die die Munition finanziert“, die unschuldige Menschen tötet oder zu Opfern von Bandenkriegen macht. Kebbab betont die fundamentale Verknüpfung von Drogenhandel, organisierter Kriminalität und sogar Terrorismus.
Das Versäumnis des Staates zeigt sich auch hier: Es fehlt an Präventions- und Aufklärungskampagnen in den sozialen Medien, die junge Menschen im Alter von 10 Jahren erreichen, um ihnen klarzumachen, dass Rauchen „den Körper, die Familie, die Zelle, das Viertel, die Gesellschaft zerstört“. Ohne diese präventive Arbeit an der Wurzel des Übels, so Kebbab, sei der Kampf gegen den Drogenkrieg zum Scheitern verurteilt. Die Erwachsenen, der Staat und der Konsument, sind gleichermaßen verantwortlich.
Die Migrationsfrage: Management statt Stigmatisierung
Angesprochen auf die Kontroverse um den Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität, lehnt Linda Kebbab eine direkte Stigmatisierung ab. Sie führt das Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate an, wo 80 % der Bevölkerung Ausländer sind und es dennoch keine Kriminalität gibt.
Das Problem sei nicht die Migration an sich, sondern das „Unvermögen unseres Landes, die Migrationsströme zu kontrollieren“. Frankreich wähle nicht aus, wer ins Land kommt, und schiebe Kriminelle kaum ab.
Die Logik der Abschiebung ist laut ihr pervers: „Wir schieben die einfachen Fälle ab“ (z. B. Studenten, deren Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist), während Kriminelle und Straftäter, die ihre Pässe zerreißen oder deren Herkunftsländer nicht kooperieren, im Land bleiben und „öffentliche Unruhe stiften“. Die Lösung liegt daher nicht in der Stigmatisierung, sondern in einem klaren politischen Willen: eine kontrollierte Einwanderung und eine strafrechtliche Antwort in der Höhe, die jene bestraft, die die Gesetze des Landes nicht respektieren. Frankreich muss endlich seinen „inneren Krieg“ ernst nehmen und von der Rhetorik zur konsequenten, strukturellen Tat übergehen.